Vereinsleben Corona lässt Chöre verstummen - Verband erwartet Chorsterben 

Aufgrund der Corona-Krise mussten sämtliche Chöre in Thüringen ihre Probenarbeit einstellen. Weil sie auch keine Konzerte geben dürfen, fallen wichtige Einnahmen weg. Der Thüringer Chorverband befürchtet, dass viele Chöre die Zwangspause nicht überleben.

ChorisTeens Kinder- und Jugendchor Erfurt
Der ChorisTeens Kinder- und Jugendchor aus Erfurt. Bildrechte: ChorisTeens Kinder- und Jugendchor Erfurt

Für die Thüringer Chorlandschaft ist es kein gutes Jahr. Vielen Chören fehlten schon immer neue, jüngere Mitglieder. Und nun kam die Corona-Krise. Sämtliche Chöre mussten ihre Probenarbeit einstellen. Kein gemeinsames Singen mehr, und überhaupt, kein regelmäßiges Treffen mehr. Der von vielen Sängerinnen und Sänger geschätzte soziale Kontakt mit anderen Chormitgliedern brach weg.  

Josephin Heurtel, Geschäftsführerin des Thüringer Chorverbandes bringt es auf den Punkt: Es wird ein Chorsterben geben. Chöre mit Nachwuchsproblemen oder solche mit vorwiegend älteren Mitgliedern würden wahrscheinlich die gegenwärtige Zwangspause nicht überstehen. Zum Jahresende werde es "eine hohe Austrittszahl" aus dem Verband geben, prophezeite sie. 

Das A und O: gemeinsames Üben

Rund 300 Chöre sind im Thüringer Chorverband organisiert. 8.000 Sängerinnen und Sänger proben normalerweise regelmäßig in Kinder-, Studenten, Männer-, Frauen- oder gemischten Chören. Wichtig für die sängerische Qualität ist das gemeinsame Üben. Nach dem Einstudieren der Werke, müssen die Chorstimmen zusammen harmonieren, Einsätze und Ausdruck müssen geübt werden. Dafür ist wiederkehrendes Training wichtig. Mit dem Lockdown wurde die nötige Probenarbeit jedoch unterbrochen.  

Chorprojekt Thuringia Cantat bei einem Auftritt
Das länderübergreifende Chorprojekt "Thuringia Cantat" bei einem Werkstattkonzert im Achteckhaus Sondershausen. Bildrechte: Chorverband Thüringen e.V.

Seit Anfang Juni können sich die Ensembles wieder treffen. Allerdings nur, wenn sie die Hygiene-Auflagen erfüllen, ansonsten drohen Bußgelder. Das stellt viele Chöre vor eine Herausforderung, es fehlen beispielsweise geeignete Räume. So bleibt die Lage angespannt. 

In ihrer Not hatten viele Chöre ihre Probenarbeit auf das Internet umgestellt. Doch Singen in der Videokonferenz ist nicht einfach. Die Sänger hören vor allem sich selber zu, die anderen Stimmen erleben sie virtuell, im besten Fall ohne Zeitverzug oder Störung. 

Online-Proben ersetzen kein Singen

Chorarbeit lebe von der Begegnung, vom gemeinsamen Singen, sagt Fabian Pasewald. Er ist Leiter des Studierendenchores der Uni Jena Collegium Vocale. Ohne die Proben sei die Chorarbeit "quasi tot". Um gegenzusteuern habe sein Chor bereits Ostern mit Online-Proben begonnen. Das virtuelle Singen habe anfangs Spaß gemacht, die Ergebnisse ließen sich durchaus hören. Doch es fehlte eben die wirkliche Begegnung und so nutzten sich die digitalen Angebote schnell ab, beschreibt Pasewald die Situation. "Mit digitalen Maßnahmen wird die Chorarbeit künstlich beatmet".

Er hoffe nun, dass die örtlichen Behörden, die sich für ihre Strenge in der Krise bundesweit einen Namen machten, generell grünes Licht für die Chorarbeit geben. Allerdings habe er die Erfahrung gemacht, dass die Mitarbeiter des Jenaer Gesundheitsamtes unterschiedliche Maßstäbe hinsichtlich des Infektionsschutzes ansetzten.

ChorisTeens Kinder- und Jugendchor Erfurt
Ein Bild aus Vor-Corona-Zeiten: der ChorisTeens Kinder- und Jugendchor Erfurt vereint. Bildrechte: ChorisTeens Kinder- und Jugendchor Erfurt

In den meisten Chören wurde viel über Internetproben diskutiert. Letztlich aber, sagt Josephin Heurtel vom Chorverband, sei nur "ein Bruchteil der Mitglieder" den digitalen Weg gegangen. Vor allem jene Chöre mit jüngeren Sängern oder "einige technisch neugierigere Chöre". Viele ältere Menschen hätten jedoch kaum entsprechende Technik oder überhaupt Lust, sich in diesem Zusammenhang damit zu beschäftigen. Hinzu komme das Problem, dass vielerorts die Qualität des Internetanschlusses nicht ausreiche. 

Konzerte fallen aus - Gelder brechen weg

Als besonders schmerzhaft erlebten viele Chöre den Ausfall aller Konzerte. Vor allem für das überregionale Chorfest Leipzig Ende April hatten sich die Ensembles vorbereitet. Für Leipzig hatten sich 450 Chöre mit rund 15.000 Sängerinnen und Sänger angemeldet. Die Chorverbände von Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt hatten sich unter anderem mit einem gemeinsamen Projekt auf einen großen Auftritt eingestellt, der nun ins Wasser fiel.

Fabian Pasewald aus Jena sagt für seinen Chor, der Einnahmeverlust durch den Ausfall von Konzerten sei schwierig zu verkraften. Honorare für das künstlerische Personal könnten nicht gezahlt werden. Normalerweise würde sein Chor rund zehn Konzerte im Jahr aufführen. Der Chor hat einen guten Namen, vor drei Jahren gewann das 80-köpfige Ensemble den Landeschorwettbewerb und wurde auch beim bundesweiten Deutschen Chorwettbewerb hoch prämiert.  

Chorprojekt Thuringia Cantat bei einem Auftritt
"Thuringia Cantat" nimmt an velen Sängerwettbewerben teil. So wie hier noch im Februar 2020 in Sondershausen. Bildrechte: Chorverband Thüringen e.V.

Ein Ausfall von Konzerten bedeutet nicht nur eine fehlende Einnahme. Einige Chöre hatten bereits Reisen oder Auftrittsorte gebucht oder hatten Kosten für Werbung. Insgesamt jedoch, so sagt Josephin Heurtel vom Verband, würden nur wenige Chöre in finanzielle Nöte geraten.

Viele Chöre in Thüringen profitierten von der Solidarität unter den Mitgliedern, die auch in der probenfreien Zeit ihre Chorbeiträge zahlen, und so etwa das Honorar der Chorleiter absichern. Außerdem würden freischaffende Chorleiter Hilfen von Land und Bund erhalten. 

Auch wenn sich die Lage momentan deutlich aufhellt, bleibt für die Thüringer Chöre die Unsicherheit, wann sie wieder zur Normalität zurückkehren können. Bis dahin ist Kreativität gefragt, sei es nun per Videokonferenz, Singen mit Mundschutz oder im öffentlich im Park.

Chorprobe mit Abstand
Das "Collegium Vocale" aus Jena probt nun mit gebührendem Abstand in freier Natur. Bildrechte: Collegium Vocale - Studierendenchor der Friedrich-Schiller-Universität Jena

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 12. Juni 2020 | 18:00 Uhr

1 Kommentar

Mnemosyne vor 14 Wochen

Herr Erices, warum verzerren Sie die Wahrheit schon in ihrer Überschrift? Nicht "Corona" ist Schuld am Sterben der Chöre. Ich lese diese laxe Bezeichnung nun schon seit Wochen. Würden Sie bitte zukünftig genauer und ehrlicher formulieren? Es sind die MAßNAHMEN, die die Behörden ergreifen oder die Beschränkungen, die sie auferlegen, die zum Sterben der Chöre führt!

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