Psychische Folgen der Krise Corona-Pandemie setzt Kinderseelen zu: Was Experten raten

Die Angst um Oma, Opa und sich selbst, abgesperrte Spielplätze und Freunde, mit denen man nicht mehr spielen kann: Die Corona-Pandemie trifft auch die Jüngsten und Heranwachsenden in der Gesellschaft. Wie Eltern Signale ihrer Kinder aufnehmen können, was hilft, wenn die Angst zu groß wird - zwei Experten geben Auskunft.

Wegen Coronavirus gesperrter Spielplatz in Erfurt.
Wegen Coronavirus gesperrter Spielplatz in Erfurt. Bildrechte: MDR/Jan Schönfelder

Lea ist acht Jahre. Sie sieht fast täglich die rot-weißen Bänder, die ihren Lieblingsspielplatz absperren. Ihre Mama hat ihr erzählt, dass sie hier nicht mehr klettern und schaukeln darf. Wirklich verstehen kann sie nicht, warum das auf einmal verboten ist. Die Mutter hat ihr ein Bild gezeigt, auf dem das Coronavirus zu sehen ist. Das Virus macht krank. Man muss husten und bekommt Fieber, wenn man sich damit ansteckt. Davon hat Lea gehört. Nun ist die Achtjährige traurig, dass sie deshalb ihre Freundin nicht mehr sehen kann und auch nicht ihre Großeltern. Oma ist doch erst 62 Jahre und gesund. Sie hat Angst um sie.   

Psychiater und Therapeuten bieten Videosprechstunden an 

Auch Kinder haben in Zeiten der Corona-Pandemie oft große Sorgen, auch wenn sie es nicht immer zeigen. Der Eisenacher Kinder- und Jugendpsychotherapeut Steffen Bambach sagt, besonders schwierig sei es für jene Kinder und Jugendlichen, die schon vor Ausbruch von Covid-19 seelische Probleme hatten. Wegen der Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus bietet Bambach Therapiegespräche jetzt als Videosprechstunden an. Das ist für die meisten Eltern Neuland, gesetzlich aber schon seit vorigem Jahr erlaubt. Bambach spricht ruhig, ehrlich und einfühlsam am Telefon. Seine Worte wählt er mit Bedacht.

Kindern Ängste und Sorgen nicht ausreden 

Ein Junge mit seinen streitenden Eltern
Für Kinder ist Abstand halten schwer. Bildrechte: imago/photothek

Die Nöte der einzelnen Kinder und Jugendlichen sind sehr unterschiedlich, sagt der Therapeut. Manche reagieren mit Ängsten, Schlafstörungen oder Albträumen. "Andere hingegen sind eher auffällig unauffällig. Sie ziehen sich trotz der Isolation zuhause und der Enge noch mehr zurück, lenken sich ab mit Youtube oder Videospielen." Wenn Kinder von sich aus über Sorgen reden, sei es wichtig, sie ihnen nicht auszureden. Steffen Bambach rät dazu, Ängste zu teilen, etwa zu sagen: "Ja, ich habe auch Angst, dass Oma oder Opa sich anstecken könnten." Und dann vorschlagen: "Sollen wir mal mit Omi skypen und uns danach was schönes kochen?" Und noch mehr als Worte helfen gegen die Angst oft gemeinsame Aktivitäten oder körperliche Nähe, sagt der Therapeut.

Kuscheln, Umarmungen, Streicheleinheiten - jede Form von Körperkontakt beruhige über die Ausschüttung von Bindungshormonen. Das Fatale sei, dass körperliche Nähe gerade jetzt in der Corona-Krise gefährlich ist. Wenn Kinder in diesen Wochen nur schwer einschlafen oder schlecht durchschlafen können, dann sollten Eltern das eigene Bett anbieten. Auch wenn das bei vielen Eltern verpönt ist, wie Bambach lächelnd meint.  

Schulprobleme treten in den Hintergrund  

Richtig schwierig wird es, sagt Steffen Bambach, wenn ein Familienmitglied wirklich erkrankt ist, man im eigenen Haushalt Abstand von einander halten soll oder wenn Besuch von schwer erkrankten Angehörigen nicht möglich ist. Dann empfiehlt er Eltern oder anderen Bezugspersonen, sich besonders für ihr Kind professionelle Hilfe zu holen, notfalls über Videogespräche. Kinder und Jugendliche reagieren sehr unterschiedlich auf dieses Angebot, so der Kinder- und Jugendtherapeut. Für kleine Kinder sei es oft kein guter Ersatz. Für sie sind das Spiel mit verschiedenen Materialien, Rollenspiele oder Malen wichtig mit direktem Kontakt zum Therapeuten. Videogespräche mit den Eltern hält der Therapeut für sehr wichtig. Mit ihnen sei der Kontakt per Video sehr gut möglich und die Situation der Kinder könne verbessert werden.

Auch Jugendliche könnten davon profitieren, sagt Steffen Bambach. Er beobachtet, dass manche Probleme, die zur Therapie geführt haben, wie Schulprobleme, Mobbing oder die Scheidung der Eltern, aufgrund des derzeitigen Kontaktverbotes oft nicht mehr das Hauptthema sind. Stattdessen ginge es in den Therapiesitzungen "viel auch um die Bewältigung der häuslichen Situation während der Kontaktsperre und die daraus resultierenden Probleme und Ängste." Fragen, wann es wie gelingt, sich trotzdem wohl zu fühlen und Spaß zu haben, stehen oft im Vordergrund. Eltern oder Großeltern überfordere es oft, auf Ängste der Kinder und Jugendlichen selbst zu erkranken einzugehen. Mit der Furcht, dass zudem ein geliebter Mensch sterben könnte, blieben sie ohne Hilfe von außen zumeist allein. 

Alltag strukturieren  

Ansonsten rät Bambach Eltern, aktiv mit ihren Kindern den Tag zu strukturieren. Dabei geht es darum, wann die Kinder die schulischen Hausaufgaben machen und wann sie welche Hilfe dafür bekommen, aber auch um die Planung der Freizeit. Wichtig findet Steffen Bambach, dass die Aktivitäten wirklich gut tun - seelisch wie körperlich. Seine Vorschläge: gemeinsames Kochen und an die frische Luft und Sport und Spiel im Wald, um Stresshormone abzubauen. Für wichtig hält der Therapeut aber auch festzulegen, wann die Erwachsenen mal Zeit ohne Kinder haben.

 Woran merken Eltern, ob ihr Kind leidet?  

Anzeichen für seelische Probleme von Kindern sind Unruhe, Nervosität und Konzentrationsprobleme, sagt Dr. Fritz Handerer. Er ist Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Kinder- und Jugendpsychotherapie und -psychosomatik am Ökumenischen Hainich Klinikum in Mühlhausen. Auch Reizbarkeit, Aggressivität und nicht mehr altersentsprechendes Verhalten könnten Signale sein. Die Kinder reagierten mit Übelkeit, Bauch- und Kopfschmerzen, sagt der Experte. Und er hat einen Tipp, wie Eltern die Verbreitung von Viren als Krankheitserreger kindgerecht erklären können: durch Klebeglitter oder Kreidestaub an den Händen zeigen, wie schnell dieser sich verbreitet und dass er nur durch intensives Händewaschen zu entfernen ist. Keine Bagatellisierungen, aber auch keine Katastrophen-Szenarien ausmalen, rät Dr. Fritz Handerer den Eltern und Großeltern. 

Mögliche Folgen von Covid-19 ehrlich benennen  

Bei Vorschulkindern sollte der Zugang zu Radio, Fernsehen und dem Internet verhindert werden. Eltern sollten mit den Kindern reden und Bücher nutzen. Mit Grundschulkindern empfiehlt der Kinderpsychiater Medien gemeinsam zu nutzen, um Missverständnisse zu erkennen und zu klären. Bei bei älteren Kindern und Jugendlichen rät er "Offenheit für Fragen zu signalisieren"  und sie nach ihrem Empfinden, ihren Gedanken und Tageserlebnissen zu befragen. Bleibt die Antwort auf die wohl schwierigste Frage: Was antworten, wenn Kinder fragen, ob Oma oder Opa krank werden und dann sterben? Der Experte Fritz Handerer sagt: die bestehende Gefahr von Erkrankungen erläutern und dabei auch Tod und Sterben nicht aussparen. Dabei könnten Eltern über eigene Erkrankungen berichten, die sie überstanden haben. Eine gute Strategie ist demnach zu erklären, was alles getan wird, um eine Ansteckung zu verhindern. Wenn jemand dann doch erkrankt ist, dann werde er so gut behandelt, dass er nicht sterben muss.

Mehr Informationen zum Coronavirus in Thüringen

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Vormittag | 03. April 2020 | 11:12 Uhr

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