Nachtleben Stillstand mit offenem Ende: Thüringer DJs und Clubs im Corona-Shutdown

Großveranstaltungen mit mehr als 1.000 Besuchern bleiben bis Ende Oktober verboten. Der Event-Branche droht eine gewaltige Pleitewelle. Am Montag macht die Branche mit rot angeleuchteten Locations bei der „Night of Light“ auf ihre Situation aufmerksam. #firstinlastout - Als erstes geschlossen, als letztes wieder geöffnet? Wie gehen Thüringer DJs und Clubbetreiber mit dem Shutdown um?

Ein Mann steht in einer Halle vor einer Bar
Andreas Bretschneider in seinem neuen Club "Central" in Erfurt. Drei Monate nach Eröffnung war erst einmal Schluss.  Bildrechte: MDR/Olaf Nenninger

Auf Gabor Schablitzkis DJ-Koffern hat sich bereits eine feine Staubschicht abgesetzt. Vor Corona transportierte er damit sein Equipment. Seit 20 Jahren tourt der 45-Jährige unter dem Künstler-Pseudonym Robag Wruhme durch die Clubs dieser Welt: Mit schöner Regelmäßigkeit legte er in London, Paris, St. Petersburg, Tokio, Santiago de Chile und Bogota auf. Doch damit ist seit Mitte März Schluss.

Seinen letzten Auftritt hatte Robag Wruhme in der Berliner Extrem-Location Berghain. Dann wurde die Party- und Clubszene deutschlandweit heruntergefahren. Über Nacht gingen überall die Lichter aus. Und so ist das bis heute geblieben. Seit drei Monaten haben DJs, Live-Musiker und alle anderen in der milliardenschweren Eventindustrie de facto Berufsverbot.

Ungewohnte Stille im Leben eines DJs

Seit Monaten sitzt Robag Wruhme allein in seiner großzügigen und sehr stillen Weimarer Altbauwohnung. Er ist zwar hauptberuflich DJ, privat ist Gabor Schablitzki aber vor allem Ehemann und Vater zweier Kinder. Und hier entspinnt sich das eigentliche Drama des Musikers. Seine Frau ist Ecuadorianerin. Für den Gig im Berghain unterbrach er einen familiären Aufenthalt in Ecuador. Als die Clubs runtergefahren wurden, zog man international die Grenzen hoch. Seit Monaten sieht Gabor Schablitzki Frau und Kinder nur noch in Videotelefonaten.

Ein Mann sitzt an einem Schreibtisch vor einem Keyboard
Gabor Schablitzki ist als Robag Wruhme international gefragter DJ. Er lebt in Weimar.  Bildrechte: MDR/Olaf Nenninger

So wie es aussieht, wird sich dieser Zustand auch in den kommenden Monaten nicht verändern. Zu prekär ist die Corona-Lage in Ecuador. Die Familie darf nicht raus, Schablitzki nicht rein. „Wenn die Leute in Deutschland wieder mal über ihre Situation schimpfen, sollten sie mal in andere Länder schauen, um zu erkennen, wie gut es ihnen hier noch geht“, sagt er leicht resigniert.

Livestreams ersetzen kein Club-Erlebnis

Überall auf der Welt nutzen DJs und Producer die Auftrittsverbote, um neue Sets vorzubereiten. „Ich könnte mir vorstellen, dass es ab Herbst eine Veröffentlichungsflut geben wird. Bei mir ist es hingegen so: Um kreativ zu sein, brauche ich ein intaktes Umfeld. Das ist bei mir im Moment privat nicht gegeben, weil meine Familie im Moment immer noch in Ecuador ist und wir nicht wissen, wie lange das noch so weiter geht. Wie soll man da kreativ sein?“

Zurzeit arbeitet Robag Wruhme an Remixen älterer Tracks. Auch für Internet-Streams hat er ein paar Mal aufgelegt. Aber ein adäquater Ersatz des Club-Erlebnisses ist das aus seiner Sicht nicht. Nicht einmal annähernd.

Für Gabor Schablitzki sind die Corona-Zwangsferien nach wie vor eine Zeit des Innehaltens. „Man denkt über das nach, was man in den letzten 20 Jahren gemacht hat. Ich bin ständig um den Globus geflogen. Für ein Wochenende nach Tokio, nicht nur über Zeitzonen, sondern auch über Datumsgrenzen hinweg. Du bist am Mittwoch gestartet und am Freitag gelandet. Den Donnerstag gab es gar nicht mehr. Da fragst du dich, soll das später wieder so weiter gehen? Und wie wird es überhaupt weitergehen?“

Sorge um Gagen nach dem Shutdown

Fragen, die sich auch der Geraer Mathias Kaden stellt. Der Residence-DJ des Muna in Bad Klosterlausnitz macht sich sowohl Sorgen um die Zukunft seines Berufsstands als auch die Club-Kultur im Allgemeinen. „Wenn die Clubs irgendwann wieder aufmachen sollten, dann sind die Gagen dahin“, prophezeit Kaden. „Das Publikum ist dermaßen ausgehungert, dass große Namen gar nicht mehr engagiert werden müssen. Das läuft von ganz allein.“

Auch mit den Corona-gerechten Party-Provisorien wie Autokonzerten kann Mathias Kaden gar nichts anfangen. Wenn das Publikum zehn Minuten dauerhupt, könne man es auch lassen. „Ich habe eine Anfrage aus Hannover für eine Veranstaltung mit 300 Besuchern und Sitzplatzpflicht bekommen“, erzählt der quirlige 39-Jährige kopfschüttelnd.

Ein Mann sitzt vor einem Computer
Mathias Kaden hat sein Studio in Gera. Vor Corona legte er regelmäßig in Südamerika und Japan auf. Bildrechte: MDR/Olaf Nenninger

Kaden arbeitet schon vormittags an neuen Tracks

Auch für ihn hat sich die Welt um 180 Grad gedreht. Früher legte er in großen Clubs und bei Festivals in Deutschland auf. Dazu kamen internationale Locations: Kaden spielte House und Techno in Spanien, in den USA, Japan und viel in Südamerika. Besonders Argentinien und Uruguay haben es ihm angetan.

Jetzt bleibt er in Gera und hat einen neuen Arbeitsrhythmus entwickelt, steht früher auf und arbeitet schon am Vormittag an neuen Tracks. Damit er sich nicht verliert, sagt er. Und dann sind da noch ausreichend Projekte, um die Tage nicht lang werden zu lassen. Wie die eigene Musikagentur Paracou. Oder Mathimidori, ein Projekt, das er vor zwölf Jahren in Tokio gegründet hat und in dem er japanischen Dub produziert. Und mehr Zeit für die Familie hat Kaden jetzt auch.

Bei allen Veränderungen, die die Corona-Krise aus wohlwollender Perspektive mit sich bringen mag, wirkt sie sich auch auf Kadens musikalische Kreativität aus. Das gibt er freimütig zu. „Die Kreativität kommt auch aus dem Erleben der Partys. Die Inspirationen fehlen, das direkte Feedback vom Publikum.“ Derzeit verändert sich sein musikalischer Stil. Bisher war seine Musik nach eigener Einschätzung eher unmelodiöser Techno. Jetzt kehren die Harmonien zurück. Für Kaden macht das die Musik zeitloser. Vielleicht sucht er damit unbewusst auch nach Stabilität in einer für die Branche unsicheren Zeit?

Club Central in Erfurt: Shutdown kurz nach der Eröffnung

Eine Zeit, die auch der Club Central in Erfurts Osten mit voller Wucht zu spüren bekommen hat. In einer Halle des ehemaligen Ausbildungswerks der Bahn gelegen, hatte die Location kurz vor Weihnachten letzten Jahres das erste Mal seine Tore geöffnet. Nicht einmal drei Monate währte das Glück von Club-Betreiber Andreas Bretschneider. Am 7. März feierten seine Gäste ein letztes Mal auf einer 80er-Jahre-Party. Dann war Schicht im Schacht.

Menschen tanzen in einem Club
Auf die Eröffnung des Club Central hatten viele gewartet. Seit März ist Stille in der Halle. Bildrechte: MDR/Marcus Scheidel

Bretschneider ist kein Unbekannter in Erfurt. Zuvor betrieb er das „Centrum“, mit seiner Familie führt er in der Stadt auch eine Pension und die Kneipe „double b“. Jetzt steht er ziemlich abgeklärt in Arbeitsklamotten in dem riesigen leeren und sehr aufgeräumten Club. Man sieht sofort, dass das liebevolle Interieur noch neu ist. Viele Gäste konnten die Räume bisher nicht gesehen haben. Andreas Bretschneider wirkt dagegen wie ein Veteran, dem eine Corona-Krise nur ein müdes Lächeln abringen kann.

Miete und Betriebskosten bei fehlenden Einnahmen

Zwei Jahre hat es gedauert, das „Central“ mit viel Eigenleistung und familiärem Eigenkapital hochzuziehen. Jetzt ist hier bis mindestens Ende Oktober Ruhe. „So ein Club muss sich erst einmal etablieren. Da ist Corona eher kontraproduktiv“, sagt Bretschneider sarkastisch. Brenzlig sei die finanzielle Situation noch nicht. Kredite habe er nicht gebraucht. Dennoch verhandelt er derzeit mit dem Eigentümer der Halle, einer Immobilieninvestmentfirma, damit er wenigstens nur die Betriebskosten für die Dauer der Zwangsschließung zahlen muss. „Ich bin zuversichtlich, dass wir uns einigen können. Der Vermieter hat ja auch nichts davon, wenn wir in die Knie gehen. Dann verliert das Objekt an Wert.“

Strandbar als kleiner Club-Ersatz

Aber dem Vollblut-Veranstalter Andreas Bretschneider macht es schon zu schaffen, dass kein Leben mehr im Club herrscht. Im März wollte er auf dem großzügigen Außengelände ein Autokino aufmachen. Aber die Bürokratie und Vorreiter Messe Erfurt machten einen Strich durch die Rechnung. Jetzt hat er, einen Steinwurf weit entfernt, auf einer Grünfläche eine Art Strandbar eingerichtet. Am Wochenende will er sie eröffnen, sofern das Wetter mitspielt. Man muss ja präsent bleiben, sagt Bretscheider.

Die Anti-Corona-Maßnahmen hält Bretschneider grundsätzlich für gerechtfertigt. Er hält das Virus für eine Gefahr, so wie die DJs Robag Wruhme und Mathias Kaden übrigens auch.

Dennoch wünscht sich Bretschneider klarere Ansagen von der Politik. Vor allem müssten langfristige, verlässliche und bundesweit einheitliche Zeitpläne her. Mit Öffnungsschnellschüssen können Veranstalter nichts anfangen. „So ein Programm organisiert sich nicht innerhalb weniger Tage. Die Eventbranche, Agenturen, Musiker und DJs denken nicht nur regional. Wenn man Pech hat, sind Bands und DJs dann nicht mehr zu haben, wenn es wieder losgehen sollte. Das Publikum will aber sofort feiern.“

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 19. Juni 2020 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

lobo56 vor 13 Wochen

Da fliegen DJ zum Auflegen für ein, zwei Tage um die Welt...
Was für eine CO2 Bilanz...
aber das interessiert diese Menschen wohl eher nicht,


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