Corona-Krise Drohende Pleitewelle bei Thüringer Fahrschulen

Der Shutdown hat auch Thüringens Fahrschulen kalt erwischt, seit Mitte März geht nichts mehr. Keine Theorie-Ausbildung, keine Fahrstunden, keine Einnahmen. Thüringens Fahrlehrerverband schlägt Alarm - es droht eine beispiellose Pleitewelle - jede zweite Fahrschule steht vor dem Aus.

Fahrschüler fährt auf einem Motorrad einem Fahrschul-Auto hinterher.
Bei den Fahrschulen im Freistaat herscht derzeit Stillstand (Archivbild). Bildrechte: IMAGO

Die Fahrschulautos-, Busse und -Lkw stehen sich die Reifen platt, in den Unterrichtsräumen herrscht gähnende Leere - und das bereits seit rund sechs Wochen. Harry Bittner, Vorsitzender des Thüringer Fahrlehrerverbandes, versteht die Welt nicht mehr. Bittner sagte MDR THÜRINGEN, es sei völlig unverständlich, warum zum Beispiel Friseure wieder öffnen dürfen, Fahrschulen aber nicht. Friseure würden ihre Kunden oftmals nicht kennen, in den Fahrschulen sei das anders: Dort kenne man die Kontaktdaten der Fahrschüler, so dass im Falle einer Corona-Erkrankung die Infektionskette lückenlos zurückverfolgt werden könne.   

Fahrschulen für Wiedereröffnung gerüstet  

Auf einem roten Schild steht in weißer Schrift der Schriftzug "FAHRSCHULE".
Viele Fahrschulen sind in ihrer Existenz bedroht. Bildrechte: IMAGO

Die Fahrschulen haben sich nach eigenen Angaben mit umfangreichen Schutzmaßnahmen und Hygiene-Konzepten auf die Wiedereröffnung vorbereitet, so dass die Fahrausbildung in Kürze wieder starten könne. Alle Hygiene-Vorschriften der Thüringer Corona-Verordnung könnten umgesetzt und eingehalten werden. Darum fordert der Verband eine Wiedereröffnung der Fahrschulen zum 4. Mai. Dies sei dringend geboten, um eine drohende Pleitewelle noch zu verhindern. Außerdem sei für die Ausübung vieler systemrelevanter Berufe der Führerschein eine zwingende Voraussetzung.    

Jede zweite Fahrschule steht vor dem Aus

Laut Verband sind 50 Prozent der insgesamt knapp 430 Thüringer Fahrschulen in ihrer Existenz bedroht und haben Soforthilfe des Landes beantragt. Weitere 30 Prozent würden in finanzielle Schwierigkeiten geraten, sollte der Shutdown noch länger andauern. Alle Angestellten der Fahrschulen seien in Kurzarbeit. 90 Prozent sind laut Verband Kleinstbetriebe mit einem Fahrlehrer und ein bis zwei Mitarbeitern. Insgesamt gebe es in Thüringen rund 1.530 Fahrlehrer. Vor der Corona-Krise wurden nach Verbandsangaben in einem durchschnittlichen Jahr in Thüringen rund 100.000 Autoführerscheine, 10.000 LKW-, 1.000 Bus- und 11.000 Motorradführerscheine gemacht. Den finanziellen Schaden schätzt der Verband bisher auf rund 40 Millionen Euro.    

Gesundheitsministerium: Baldige Wiedereröffnung unwahrscheinlich   

Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums sagte MDR THÜRINGEN, nach derzeitigem Stand der Dinge könne den Fahrschulen keine baldige Wiedereröffnung in Aussicht gestellt werden. Die Ministerpräsidenten und die Bundesregierung hätten Sorge, dass durch die Debatte über die Öffnung aller Bereiche der Eindruck entsteht, als ob die Gefahr von Covid-19 gebannt sei. Laut Ministerium hat der Bereich Arbeitsschutz mit verschiedenen Wirtschaftsbereichen "einen Branchendialog über spezifische Hygienekonzepte" begonnen. Diese Gespräche seien zuerst mit dem Einzelhandel und dem Friseurhandwerk geführt worden. Zudem habe es erste Gespräche zu den Hotels und Gaststätten sowie zu Kosmetikstudios gegeben. Weitere Bereiche würden folgen. Grundsätzlich müsse zunächst allerdings abgewartet werden, wie sich die bisherigen Lockerungen auf die Entwicklung der Infektionszahlen auswirkten. 

Thüringer Aufbaubank als "Retter in der Not"   

Um die finanziellen Folgen der Corona-Krise abzufedern, können auch die Thüringer Fahrschulen vom Soforthilfeprogramm des Landes profitieren. Über 200 Fahrschulen haben das Programm bisher genutzt. Je länger der Shutdown jedoch dauert, destso mehr Fahrschulen werden finanzielle Hilfe brauchen. Insgesamt sind bei der Thüringer Aufbaubank (TAB) bisher etwa 47.200 Anträge auf Unterstützung eingegangen (einschließlich der über die Industrie- und Handelskammern sowie die Handwerkskammer eingereichten - Stand 26.04. 2020). Wie die TAB MDR THÜRINGEN mitteilte, sind über 40.000 davon bereits bearbeitet. 12.000 Anträge seien doppelt gestellt worden oder unvollständig. Für 28.000 Anträge wurden laut TAB 170 Millionen Euro bewilligt.    

Soforthilfe-Anträge noch bis Ende Mai möglich   

Die meisten Anträge kamen von kleinen Unternehmen mit bis zu fünf Beschäftigten oder Einzelunternehmern, die 9.000 Euro Einmalzahlung erhalten können. 15.000 Euro sind es bei bis zu zehn Beschäftigten, 20.000 bei bis zu 25 Mitarbeitern. 30.000 Euro können Unternehmen mit 26 bis 50 Beschäftigten erhalten. Der Fahrlehrerverband hat nach eigenen Angaben bisher gute Erfahrungen mit dem Soforthilfe-Programm gemacht. Die Bearbeitung der Anträge gehe zügig, die Auszahlung schnell, hieß es.  

Wolfgang Tiefensee 12 min
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Di 24.03.2020 16:43Uhr 12:15 min

https://www.mdr.de/thueringen/video-wolfang-tiefensee-corona-rmk-100.html

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Video

Allerdings decke die Soforthilfe nur maximal die laufenden Kosten der Fahrschulen ab und nicht die Lebenshaltungskosten der Fahrschulbesitzer. Auch Investitionen z.B. in ein neues Fahrschulauto, liegen während des Shutdowns auf Eis. Die Anträge können bei den Industrie- und Handelskammern (IHK), der Handwerkskammer und direkt bei der Aufbaubank eingereicht werden. Bei der Aufbaubank allerdings nur auf dem Postweg. Anträge sind seit dem 23.03. und noch bis zum 31.05.2020 möglich.

Weitere Informationen zum Coronavirus in Thüringen:

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 28. April 2020 | 05:00 Uhr

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