Tabuthema Jedes sechste Kind betroffen: Aktionswoche für Familien mit Suchtkrankheit

Ihr Schicksal wird oft vergessen. Doch gerade sie haben es zurzeit besonders schwer: Kinder, deren Eltern an einer Suchtkrankheit leiden. Rund drei Millionen Heranwachsende sind davon laut Experten bundesweit betroffen. Es wird davon ausgegangen, dass die Zahlen noch steigen - auch in Thüringen. Nach Angaben der Thüringer Fachstelle für Suchtprävention wächst jedes sechste Kind in Deutschland mit suchtkranken Eltern auf.

Ein  Junge schaut aus dem Treppenhausfenster
Viele Kinder vermissen ihren Alltag mit Kindergarten- und Schulbetrieb. (Symbolfoto). Bildrechte: IMAGO

Keiner, der mit ihnen aufsteht. Kein Frühstück, keine Pausenbrote für die Schule, kein Mittagessen: Kinder von suchtkranken Eltern kennen meist keinen geregelten Alltag. Dafür aber Angst, Gewalt und Unsicherheit. Die Leiterin der Thüringer Fachstelle für Suchtprävention, Annett Fabian, geht davon aus, dass in Deutschland jedes sechste Kind so aufwächst. Ob Alkohol, Medikamente, Glückspiel oder andere Drogen: Über die Sucht und ihre Folgen zu sprechen, ist in den Familien oft ein Tabu. Die Kinder leiden deshalb oft im Verborgenen.

Die Corona-Pandemie habe den Alltag von Kindern süchtiger Eltern noch verschlechtert. "Weil Kindergärten und Schulen geschlossen sind", sagt sie. Und gerade die hatten den betroffenen Kindern Halt und Strukturen gegeben. "Jetzt sind die Kinder noch mehr isoliert", sagt Annett Fabian. Sie seien zu Hause mit den Eltern, die noch zusätzliche Sorgen belasten. Für die Kinder seien das oft enorme Herausforderungen. Außerdem geht sie davon aus, dass die Zahl der Familien, die von Sucht betroffen sind, durch die Pandemie steigen wird.

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MDR THÜRINGEN JOURNAL Mo 15.02.2021 19:00Uhr 02:03 min

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Die Dunkelziffer ist hoch - Kinder verhalten sich loyal

"Umso wichtiger ist es gerade jetzt, auf die Situation der Kinder aufmerksam zu machen", sagte Annett Fabian. Die Suchtberatungsstellen in Thüringen machen das jedes Jahr. Immer im Februar beteiligen sie sich an der bundesweiten Aktionswoche "Vergessenen Kindern eine Stimme geben".

Dazu ruft Nacoa Deutschland auf, ein Verein, der die Interessen von Kindern aus Suchtfamilien vertritt. Laut dem Verein sind die betroffenen Minderjährigen in Deutschland keine Randgruppe. Rund drei Millionen seien insgesamt betroffen. Das sei rund jedes sechste Kind. Die Dunkelziffer sei hoch. Das Thema ist ein Tabu - die Kinder verhalten sich ihren Eltern gegenüber loyal. Etwa ein Drittel leidet wegen der belastenden Familiensituation laut Nacoa später selbst an einer Suchtstörung.

Crystal Meth
Crystal Meth: Ein langfristiger und starker Konsum der Droge kann Persönlichkeitsveränderungen, Psychosen, Ängste und Wahrnehmungsstörungen zur Folge haben. Darunter leiden auch die Kinder von Suchtkranken. Bildrechte: imago images / Christian Ohde

Mehr Prävention, mehr Hilfen, mehr Gelder nötig

Deshalb fordert die Thüringer Fachstelle für Suchtberatung mehr Prävention und mehr Aufmerksamkeit für das Thema, wie Annett Fabian sagt. "Beratungsangebote und Hilfen für Betroffene gibt es leider noch nicht flächendeckend", sagt sie.

Wir brauchen mehr Hilfsangebote und eine langfristigere und kontinuierlichere Finanzierung.

Annett Fabian, Leiterin der Thüringer Fachstelle für Suchtprävention

Viele Beratungsangebote können während des Lockdowns nicht stattfinden. Sozialpädagogen und Therapeuten suchen deshalb nach anderen Wegen, um die Kinder zu erreichen. Die Suchtberatungsstelle in Pößneck im Saale-Orla-Kreis geht mit den Kindern zum Beispiel einzeln auf Spaziergang durch die Stadt. Gemeinsam mit dem Jugendhaus hat sie außerdem eine App entwickelt. Sie führt die Kinder spielerisch - wie bei einer Schnitzeljagd - zu Hilfsangeboten und Freizeitmöglichkeiten.

Die Thüringer Fachstelle für Suchtprävention startet mit der Aktionswoche eine Plakat- und Social-Media-Kampagne. Viele Suchtberatungsstellen haben kostenfreie Telefonhotlines eingerichtet. Darüber können sich Kinder, süchtige Eltern und Angehörige beraten lassen. Auch Erzieher und Lehrer werden beraten, wie sie betroffenen Kindern helfen können.

Anmerkung der Redaktion Die Thüringer Fachstelle für Suchtprävention hat diese Angabe jetzt korrigiert. Nach Schätzungen der Interessenvertretung für Kinder aus Suchtfamilien (Nacoa) lebt bundesweit jedes sechste Kind in einer Suchtfamilie.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 14. Februar 2021 | 12:00 Uhr

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