Bilanz nach drei Wochen Zu Hause lernen in der Corona-Krise: Spagat zwischen Familienalltag und Arbeit

Nach drei Wochen Lernen zu Hause ziehen Schüler und Eltern eine gemischte Bilanz. Aufgaben werden seitens der Schulen unterschiedlich verteilt, Lehrer seien mal mehr, mal weniger gut zu erreichen. Und für die Eltern ist Homeschooling eine echte Herausforderung.

Kontrolle der gemachten Lernaufgaben von Mama
Das Coronavirus verändert das Lernen auch in Thüringen. Eine Herausforderung für Schüler und Eltern. Bildrechte: imago images/Lichtgut

Gemeinsam frühstücken, den Tag besprechen, danach ab ins Bad und dann an den Schreibtisch. Dort erledigt das Schulkind, ohne großes Gemurre natürlich, seine täglichen Hausaufgaben, der kleine Bruder sitzt unterdessen auf dem Teppich und spielt, vorrangig leise, mit seinen Autos. So ungefähr könnte der Alltag in Thüringer Familien seit drei Wochen aussehen. Doch, weit gefehlt! Denn die Idylle trügt. Seitdem Schulen und Kindergärten wegen der Corona-Pandemie im Freistaat geschlossen sind, haben Eltern neben der Aufgabe als Beaufsichtiger, Tröster, Essenszubereiter, Haushälter, In-den-Arm-Nehmer, Arbeitgeber oder -nehmer noch eine weitere dazubekommen: Lehrer. Und die Kombination birgt Zündstoff. Oftmals ist es nicht leicht, das alles unter einen Hut zu bekommen, geschweige denn, den Nachwuchs ausreichend zum Lernen zu motivieren.

"Mama, zu Hause lernen ist sch…! Ich will in die Schule!"

Das weiß auch Katrin Konrad, Vorsitzende des Verbands kinderreicher Familien in Thüringen. Sie startete eine nicht repräsentative Umfrage unter den Eltern. Die habe ergeben, dass viele Schüler seitens der Lehrer gut mit Aufgaben versorgt wurden, der Alltag zu Hause aber als große Herausforderung gesehen werde. Einen Sack Flöhe zu hüten, statt die Kinder zum konzentrierten Arbeiten anzuhalten, sei leichter, berichtetet eine Familie mit drei Schulkindern aus Weimar.

Der Ausnahmezustand zu Hause sei sehr anstrengend, heißt es auch aus einer Erfurter Familie mit drei Kindern im Alter von zwei, sechs und zehn Jahren. Der Spagat zwischen Hausfrau, Köchin, Lehrerin und Mama scheint nicht selten unmöglich. Dennoch - und so geht es vielen Familien im Freistaat - gewinnt das Homeschooling mehr und mehr an Routine. Die Motivation in der Schule sei aber einfacher, berichtet die Mutter aus Erfurt, weil eben dort nicht Papa oder Mama gleichzeitig Lehrer sind. Schon vergangene Woche habe ihre Tochter ihrem Herzen Luft gemacht und gesagt: "Mama, zu Hause lernen ist sch… Ich will in die Schule!"

Aufgabenpensum hat sich während Corona-Krise gesteigert

Auch wenn es mit der Motivation oftmals hapert, Aufgaben sollte mittlerweile jeder Schüler in Thüringen bekommen haben. Eltern und Schüler ziehen nach drei Wochen eine gemischte Bilanz. War das Aufgabenpensum in der ersten Woche stellenweise noch zu gering, so habe es sich in den vergangenen zwei Wochen deutlich erhöht, ergab eine Umfrage von MDR THÜRINGEN unter Eltern- und Schülervertretern. So hätten vor allem die Schüler an Gymnasien den Eindruck, viele Aufgaben erledigen zu müssen, die der Lehrer selbst im Unterricht nie schaffen würde.

Lehrer von zu Hause schwer erreichbar

Hinzu komme mitunter die schwere Erreichbarkeit der Lehrer für Schüler. "Manche Lehrer stellen ihre privaten Mail-Adressen und Telefonnummern zur Verfügung, andere gar keine Möglichkeiten, um Fragen zu Aufgaben zu stellen", kritisiert Leon Schwalbe, Sprecher der Landesschülervertretung in Thüringen. Zudem nutzten noch nicht alle Lehrer die seit Januar ausgegebenen Dienst-Mail-Adressen. Die Landesschülervertretung verweist zudem auf Unterschiede, wie die Aufgaben bereitgestellt werden. Viele Schulen nutzten die Thüringer Schul-Cloud. Oftmals gingen die Lehrer aber auch kreative Wege, richteten Videokonferenzen ein oder nutzten Chatrooms. Das berge aber auch Probleme: Die technische Ausstattung sei in jedem Haushalt verschieden, von langsamem W-Lan auf dem Land bis hin zum fehlenden Tablet.

Am besten klappt Lernen zu Hause bei Grundschülern, hat Claudia Koch, Sprecherin des Landeselternverbands festgestellt. Eltern berichten hier von gut erreichbaren Lehrern, Aufgaben in Wochenplänen und wenig Druck, weil der Stoff vor allem wiederholt und gefestigt wird. Auch Lehrer weisen hier immer wieder darauf hin, für genügend Entspannung zu sorgen und nicht den aus der Schule gewohnten Rhythmus beizubehalten.

Appell an die Lehrer

Ganz anders sieht es dagegen in Regelschulen aus. Die Kommunikation sei häufig eine Einbahnstraße, so Koch, Hilfeleistung von außen diesbezüglich würden kaum angenommen. Von den Gymnasiasten in Thüringen gebe es unterschiedliche Berichte. So fordern manche Schulen keine Rückgabe von Aufgaben, andere wiederum bewerten diese wöchentlich. Das Pensum sei hoch, auch weil hier verschiedene Fächer "gelernt" werden müssten. Der Sprecher der Landesschülervertretung appelliert in diesem Zusammenhang an die Lehrer: Vielen Kindern sei es nicht möglich, sich selbst ganze Themengebiete zu erarbeiten, wenn die Eltern auch noch arbeiten gehen.

An den Thüringer Gemeinschaftsschulen ist die Situation ähnlich. So falle das Pensum der Aufgaben unterschiedlich hoch aus, auch der Rückkanal zur Schule schwanke von sehr gut bis hin zu nicht vorhanden. Kaum Rückmeldungen gibt es aus den Berfusschulen. "Das ist nicht repräsentativ, aber das, was wir gehört haben, war nicht gut", sagte Koch.

Pause in den Thüringer Osterferien

Wer seine Aufgaben geschafft hat, der darf sich seit Samstag auf zwei Wochen Pause freuen - Schüler wie auch Eltern, denn die Osterferien haben begonnen. Und die sollten auch zur Erholung genutzt werden. "Wir sollen in dieser besonderen Zeit auch unsere Rituale weiter pflegen und den Kindern das Gefühl geben, dass sie nun auch ihre Osterferien haben und die Verpflichtung zur Erfüllung der Lernaufgaben ruhen lassen", sagte der Schulleiter einer Erfurter Grundschule MDR THÜRINGEN. Was nach den Ferien ist, bleibt offen. Aktuell geht Thüringens Bildungsminister Helmut Holter (Linke) nicht davon aus, das der reguläre Unterricht vor Ende April weitergeht.

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 03. April 2020 | 19:00 Uhr

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