Krankenhäuser im Krisenmodus Kliniken halten Betten für Coronapatienten frei und beantragen Kurzarbeit

Thüringen gehört zu den Regionen in Deutschland mit vergleichsweise wenigen COVID-19-Fällen. Doch die Kliniken halten für solche Patienten einen großen Teil ihrer Betten frei. Immer mehr von ihnen vertrauen dem Rettungsschirm des Bundes nicht. Sie bereiten ihre Mitarbeiter auf Kurzarbeit vor.

Fridolin Amadeus Nasdala, Oberarzt, in der Intensiv- und Notfallmedizin und Anna Kampmann, Stationsleiterin Intensivpflege bereiten auf der Intensivstation des Corona-Zentrum am Marienhospital ein Patientenbett vor
Viele Krankenhausbetten im Freistaat werden derzeit für mögliche Corona-Fälle freigehalten (Symbolbild). Bildrechte: dpa

"Thüringens Krankenhäuser arbeiten nicht am Anschlag." Mit diesem Satz möchte die Vorstandsvorsitzende der Landeskrankenhausgesellschaft Thüringen, Gundula Werner, einen Eindruck aus den letzten Wochen geraderücken: Dass auch in Thüringen Pfleger und Ärzte wegen der Corona-Pandemie am Rande ihrer Kräfte arbeiten. Am Anschlag, so Werner, würden in Europa Krankenhäuser arbeiten, die überdurchschnittlich viele COVID-19-Patienten behandeln. "In Thüringen ist die Zahl der COVID-19-Fälle unterdurchschnittlich. Wir bereiten uns immer noch auf einen möglichen Ansturm vor und wissen nicht, ob der kommen wird." sagt Werner.

Leere Betten machen weniger Arbeit

Krankenhausbett
Leere Krankenhausbetten bedeuten Verdienstausfall für die Kliniken (Symbolbild). Bildrechte: colourbox

Werner reagiert so auf eine Frage, die sich viele in den letzten zwei Wochen gestellt haben: Warum fangen Thüringer Krankenhäuser jetzt an, Kurzarbeit zu beantragen, wo es doch alle Hände voll zu tun gibt? Die Managerin - selbst Geschäftsführerin im Klinikum Altenburger Land - verweist auf OPs und Behandlungen, die seit dem 16. März verschoben werden mussten. Leere Betten vorhalten bedeute weniger Arbeit. Weder die Landeskrankenhausgesellschaft noch die Regionaldirektion der Arbeitsagentur für Sachsen-Anhalt und Thüringen können sagen, wie viele Thüringer Kliniken vor diesem Hintergrund bisher Kurzarbeit beantragt haben. Die Gewerkschaft Ver.di spricht von Betriebsvereinbarungen im Südharz-Klinikum in Nordhausen, im Waldklinikum Eisenberg und im Kreiskrankenhaus Greiz zu Kurzarbeit. Im Kreiskrankenhaus Schleiz laufen die Verhandlungen noch, in den Thüringen-Kliniken Saalfeld und in anderen gibt es mit den Betriebsräten vorsichtige Gespräche.

Kurzarbeit für Klinik mit vielen Corona-Fällen

Der Landkreis Greiz liegt in der Statistik der Corona-Infizierten an der Spitze aller Thüringer Landkreise. Zuletzt wurden dort fast 400 Infizierte gezählt, 90 waren stationär behandelt worden oder werden es noch. Auf Anfrage von MDR THÜRINGEN gab das Krankenhaus an, man habe in Greiz seit Ausbruch der Pandemie insgesamt 78 COVID-19-Patienten behandelt. Ende letzter Woche lagen 23 positiv getestete Patienten im Isolierbereich, der insgesamt zu 57 Prozent ausgelastet war. Die Geschäftsführung versichert, aktuell sei keine Pflegekraft in Kurzarbeit und auch bei den Ärzten sei das nicht abzusehen. Aber beantragt ist die Kurzarbeit, eine Vereinbarung mit dem Betriebsrat unterschrieben. "Kurzarbeitergeld ist ein Instrument, welches Unternehmen - in diesem Fall das Kreiskrankenhaus Greiz GmbH - erlaubt, in Krisenzeiten flexibel auf die Auslastung zu reagieren. Genau das tun wir." schreibt die Geschäftsführung.

Rettungsanker in unsicheren Zeiten?

Die Vorsitzende der Landeskrankenhausgesellschaft äußert sich nicht zu einzelnen Kliniken. Gundula Werner weist aber vorsichtig auf unsichere Zeiten für die Krankenhäuser hin. Im Einzelfall komme eine Geschäftsführung vielleicht zu dem Schluss, dass die Ausgleichzahlungen aus dem COVID-19-Krankenhausentlastungsgesetz nicht ausreichen könnten. Etwa deshalb, weil man viele teure Spezialbehandlungen verschieben müsse. Da sei Kurzarbeit eine Option. Und: "Die Pandemie trifft die Krankenhäuser in einer Zeit, in der die Finanzierung ohnehin umgestellt wurde. Seit Beginn des Jahres werden die Kosten für das Pflegepersonal nicht mehr über die üblichen Fallpauschalen, sondern über ein extra Pflegebudget abgerechnet. Das macht es besonders schwierig, die finanziellen Auswirkungen der Pandemie-Situation abzuschätzen." sagt Werner. Kurzarbeit eigne sich aber vor allem für Nebenbereiche wie etwa Service-Abteilungen, für die kein Ausgleich gezahlt werde.

Gewerkschaft befürchtet Sparstrategie

Die Bezirksgeschäftsführerin von Ver.di Thüringen, Corinna Hersel, macht vor allem die Überlegung wütend, Pflegepersonal in Kurzarbeit zu schicken: "Aus meiner Sicht geht das gar nicht. Das ist das völlig falsche Signal an die Pflegekräfte!" sagte sie und sieht in den Anträgen auf Kurzarbeit das Eingeständnis gravierender wirtschaftlicher Schwierigkeiten. Man nutze die Gelegenheit, neben einem Teil des Gehaltes auch die Sozialabgaben zu sparen. "Das bedeutet: Die schaffen es nicht nur jetzt nicht, sondern auch nach der Pandemie nicht." sagt Hersel. Zumindest im Fall von Greiz ist diese Vermutung nicht ganz aus der Luft gegriffen. Die Geschäftsführung bestätigte für das Jahr 2019 einen vorläufigen Jahresfehlbetrag von 2,2 Millionen Euro für das Kreiskrankenhaus.

Abrechnung funktioniert unbürokratisch

Einen finanziellen Fehlbetrag für 2019 kann KMG für seine Häuser in Sondershausen, Sömmerda und Bad Frankenhausen noch nicht abschätzen. Der Krankenhausbetreiber hatte die drei Kliniken erst Mitte letzten Jahres aus der Insolvenz heraus vom DRK Thüringen übernommen. Auf Anfrage von MDR THÜRINGEN versichert ein Sprecher, KMG plane an keinem seiner drei Thüringer Strandorte Kurzarbeit. In den drei Thüringer KMG-Kliniken wurden seit März zehn Patienten mit COVID-19-Verdacht behandelt, bei drei der Fälle hat sich diese Diagnose bestätigt. Die Pandemie, so der Sprecher, treffe die Häuser in einer Phase der Restrukturierung. Trotzdem sei man optimistisch, die Krise gut bewältigen zu können. Zu den Ausgleichzahlungen für leere Betten schreibt KMG: "Die Zahlung erfolgt innerhalb von fünf Tagen von den Krankenkassen und ist unkompliziert. Darüber hinaus hat die Bundesregierung eine Reihe von regulierenden Maßnahmen getroffen, die es den Krankenhäusern ermöglicht, in der aktuellen Situation handlungsfähig zu bleiben […] So wirkt sich die Verringerung des administrativen Aufwands positiv aus."

Fachbeirat soll Auswirkungen prüfen

Die Vorsitzende der Landeskrankenhausgesellschaft Thüringen nennt Anträge auf Kurzarbeit Einzelfälle. Die deutsche Krankenhausgesellschaft sieht darin ebenfalls kein flächendeckendes Problem. Auch für die Vermutung, dass Kliniken das Kurzarbeitergeld quasi "mitnehmen", um finanzielle Probleme aus der Vor-Corona-Zeit auszugleichen, erkennt man beim Dachverband der Krankenhausträger keinen Anlass. Auf Anfrage fügt ein Sprecher aber hinzu: "Im Kernbereich der medizinischen Versorgung besteht aus unserer Sicht für Kliniken keine Veranlassung für Kurzarbeit, weil wir einen Schutzschirm haben, der den finanziellen Ausgleich schafft." Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die wirtschaftliche Situation der Kliniken werde ein Fachbereit überprüfen, den das Bundesgesundheitsministerium gerade eingerichtet hat.

Weitere Informationen zum Coronavirus in Thüringen:

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 28. April 2020 | 05:00 Uhr

0 Kommentare

Mehr aus Thüringen

Einsatzkräfte am Pumpspeicherwerk Goldisthal 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Sonne Mond und Sterne 2017 3 min
Bildrechte: ©SonneMondSterne 2017, Tony Günther

Das SonneMondSterne 2020 ist wegen Corona abgesagt. Seit 1997 findet das Elektro-Festival im August an der Thüringer Bleilochtalsperre statt. Zur Entschädigung hier ein paar Klänge und Bilder aus früheren SMS-Jahren.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Sa 08.08.2020 08:10Uhr 03:08 min

https://www.mdr.de/thueringen/ost-thueringen/saale-orla/video-sms-sonne-mond-sterne-bleilochtalsperre-abgesagt-corona-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video
Autoscooter 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Gera findet seit Freitagmittag erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie eine Art "Rummel" statt. Die Aktion "Sommer in der Stadt" umfasst vielfältige kleinere Veranstaltungen und könnte bis zum Herbst andauern.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Fr 07.08.2020 13:30Uhr 01:03 min

https://www.mdr.de/thueringen/ost-thueringen/gera/video-sommer-gera-rummel-schausteller-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video
Holzstapel am Wegesrand 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Kiosk im Freibad Schalkau 1 min
Bildrechte: MDR/Bettina Ehrlich

Einsatz für das Heimatbad: Im Schalkauer Freibad sorgt eine Schülerfirma dafür, dass Besucher mit Essen und Getränken versorgt werden.

Fr 07.08.2020 15:45Uhr 00:43 min

https://www.mdr.de/thueringen/sued-thueringen/sonneberg/video-freibad-schalkau-schueler-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video
Wasserbüffel in der Thüringeti Crawinkel 1 min
Bildrechte: MDR/Katharina Melzer

Bei Temperaturen jenseits der 30 Grad kommen auch die Wasserbüffel bei Crawinkel ins Schwitzen. Unter den 40 Tieren befinden sich auch erst wenige Tage alte Baby-Büffel.

Fr 07.08.2020 14:30Uhr 00:58 min

https://www.mdr.de/thueringen/west-thueringen/gotha/video-wasserbueffel-crawinkel-thueringeti-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video