Studieren in der Krise Hochschulbetrieb in Corona-Zeiten: Lehre übers Netz

An einem Teil der Thüringer Hochschulen hat der Lehrbetrieb bereits begonnen. Die Rektoren und Präsidenten sind mit den ersten Resultaten zufrieden, räumen aber auch Stolpersteine ein. Die größte Thüringer Universität in Jena hingegen bereitet sich noch vor auf die digitale Lehre in Zeiten der Corona-Krise.

Hinweisschild zu Sperrung wegen Corona auf Campus der Universität Jena
Der Lehrbetrieb an der größten Thüringer Hochschule, der Friedrich-Schiller-Universität Jena, ist noch nicht angelaufen. Die Vorbereitungen dafür laufen allerdings auf Hochtouren, Bildrechte: MDR/Florian Girwert

An den Thüringer Hochschulen sollte die Vorlesungszeit im Sommersemester schon begonnen haben. Die Maßnahmen gegen die Corona-Verbreitung stehen dem entgegen. Lehrveranstaltungen, die bereits gestartet sind, wurden vorerst in weiten Teilen ins Internet verlegt, wie eine Umfrage unter Thüringer Hochschulen ergab.

So setzen etwa die Ernst-Abbe-Hochschule in Jena, die Duale Hochschule Gera-Eisenach oder die Hochschule Nordhausen auf den Online-Lehrbetrieb. In der Dualen Hochschule Gera-Eisenach ist man bisher sehr zufrieden. "Natürlich gibt es ein paar Reibungen, aber Schritt für Schritt kommen wir vorwärts", sagt Präsident Burkhard Utecht. Alle Dozenten seien bereit, ihre Veranstaltungen auch übers Netz anzubieten. "Es wurden Skripte bereitgestellt, Aufgaben verschickt - und im Gegensatz zu den Universitäten ist die Lehre bei uns oft sehr kleinteilig, fast schulisch." Das mache den Lehrbetrieb übers Netz leichter.

Nordhausen: 90 Prozent der Lehrveranstaltungen online

Aus der Fachhochschule Nordhausen gibt Hochschulpräsident Professor Jörg Wagner Auskunft: 100 Prozent der Lehrenden bieten demnach etwa 90 Prozent aller Lehrveranstaltungen übers Netz an. "Was nicht übers Internet geht, das sind zum Beispiel Laborpraktika." Die Bibliothek habe sich derweil ein kontaktloses System überlegt, damit Studenten weiter auf die Bestände zugreifen können. Natürlich gebe es auch Bedenken, wenn statt einer Präsenzveranstaltung Daten übers Netz transportiert werden. "Zum Beispiel für das Videokonferenzsystem laufen Daten über unseren eigenen Server." Das sei ein Vorteil.

Menschenleerer Campus der Ernst-Abbe-Hochschule Jena
Gähnende Leere auf dem Campus der Ernst-Abbe-Hochschule in Jena: Statt auf Präsenzveranstaltungen setzen viele Hochschulen auf digitales Lernen. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Die Technische Universität (TU) Ilmenau verweist auf reiche Erfahrungen im digitalen Lehrbetrieb. Das komme dem Betrieb in der aktuellen Lage zugute, schreibt die TU auf Anfrage. Ähnlich optimistisch fällt das Fazit bei der Ernst-Abbe-Hochschule in Jena aus. Hier ist der Betrieb ebenfalls angelaufen, während der Campus selbst weitgehend verwaist ist. "Wir schaffen derzeit etwa 80 bis 90 Prozent der Veranstaltungen", sagt Rektor Professor Steffen Teichert. "Und wer es bisher nicht anbietet, den wollen wir noch überzeugen." Er empfinde Scham, wenn Lehrende sich grundsätzlich der Online-Lehre verweigern - mit dem Verweis von Freiheit in Forschung und Lehre. Das Semester quasi für ungültig zu erklären, ist nach seinen Worten ebenfalls keine Lösung.

Wenn das Land in der Krise steckt, dann kann es nicht die Antwort sein, nichts zu tun.

Professor Steffen Teichert, Rektor der Ernst-Abbe-Hochschule in Jena

Eine vergleichbare Forderung stellt eine Petition der Initiative "Solidarsemester 2020" für die Friedrich-Schiller-Universität Jena. Die Initiatoren wollen berücksichtigt wissen, dass Studierende derzeit zum Beispiel keine Kinderbetreuung nutzen können - und viele ihre Nebenjobs verloren haben, mit denen sie ihr Studium teilweise finanzieren. Die Hochschulen bauten unzulässigen Druck auf, heißt es in der Petition, die am Mittwoch mehr als 1.600 Unterzeichner hatte.

Von der Universitätsleitung fordern wir: Die Anerkennung, dass das Sommersemester 2020 ein Ausnahmesemester ist, und dass ein Digitalsemester ein Präsenzsemester nicht ersetzen kann. 

Aus dem Text der Online-Petition "Wider ein reguläres Semester in Zeiten der Corona-Krise. Für ein solidarisches Semester an der FSU."

Für derlei Forderungen habe man an Hochschulen wenig Verständnis, wo der Lehrbetrieb bereits läuft, sagt EAH-Rektor Teichert. "Natürlich müssen wir uns Regeln überlegen." Aber für Härtefälle suche man nach Ausnahmemöglichkeiten, um nicht alle Studenten letztlich in festgezurrten Stundenplänen ein ganzes Jahr wiederholen zu lassen. "Zum Beispiel müssen sich Studenten, die ihre Prüfung im März nicht machen konnten, nicht nochmal ein ganzes Semester bei uns einschreiben, um das nachzuholen." Es sei Konsens, das Beste aus der der Situation zu machen.

Erfurt: Abgabefristen pauschal verschoben

Die Universität Erfurt hat etwa für alle Arbeiten mit Abgabefrist nach dem 16. März pauschal acht Wochen Fristverlängerung eingeräumt, die nicht beantragt werden muss. Auch kommende Fristen hat die Universität verschoben und informiert zudem über eine besondere Internetseite über die aktuelle Lage.

Menschenleerer Campus der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Kaum Betrieb auf dem Campus der Uni Jena: In Härtefällen sollen Nachteile für Studierende ausgeglichen werden, die der Lehre nicht einfach zu Hause folgen können. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Bangemachen will auch die Vizepräsidentin für Forschung und Lehre an der Friedrich-Schiller-Universität Jena nicht. In der aktuellen Lage sei es aus Sicht der Universität ein schlechtes Zeichen, würden ihre Mitglieder "Vorzugsbehandlung und Schonung beanspruchen", schreibt Professor Iris Winkler auf Nachfrage. Man strebe an, in Härtefällen möglichst unkompliziert Nachteile für all jene auszugleichen, die die Lehre nicht einfach so von zu Hause aus wahrnehmen könnten.

Land stützt Extra-Ausgaben für Technik und Software

Zwar ist der Lehrbetrieb an der größten Thüringer Hochschule noch nicht angelaufen. Die Vorbereitungen laufen allerdings auf Hochtouren, wie Winkler schreibt. Auch hier ist neue Technik beschafft worden. Weil der Prozess wie überall noch nicht abgeschlossen ist, will man die Kosten derzeit nicht abschließend beziffern. Das Land habe aber zusätzliches Geld für diesen Ausnahmezweck bereitgestellt.

Die Hochschulen gehen nach eigenen Angaben davon aus, dass sie im Lauf des Sommers zunehmend auch Präsenzveranstaltungen im kleinen Rahmen anbieten können - und so auch Prüfungen oder Verteidigungsvorträge möglich sind. So sind in Ilmenau erste kleine Präsenzveranstaltungen wie Übungen oder Seminare nicht vor dem 4. Mai geplant.

Kein Geld durch Auftritte oder Kellner-Jobs

Ein Sonderfall ist die Hochschule für Musik in Weimar. Besonders viele Studierende kommen aus dem Ausland - und Präsenz wird besonders geschätzt, wie Professorin Dagmar Brauns sagt. Die Vizepräsidentin für Studium und Lehre weiß, dass Studienprojekte in größeren Besetzungen vorerst schlicht nicht stattfinden können - gemeinsames Musizieren auf höchstem Niveau werde man auf digitalem Weg nicht vollständig ersetzen können, wenn auch Betreuung auf digitalem Weg gewährleistet sei.

Man sei sich zudem bewusst, dass viele Studierende sich durch Auftritte etwas dazu verdienen - diese Möglichkeit ist derzeit ebenso ausgeschlossen wie an anderen Universitäten die Arbeit in Gastronomie oder Handel.

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Quelle: MDR THÜRINGEN/uka

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 13. April 2020 | 13:00 Uhr

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