Alltagshelden auf der Straße Trucker in Corona-Zeiten: Dreckige Toiletten und einsame Pausen

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Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Die Logistikbranche spürt die Auswirkungen der lahmgelegten Wirtschaft: weniger Aufträge, längere Wartezeiten beim Be- und Entladen, schlechte sanitäre Bedingungen an vielen Raststätten. Vielen Truckern droht Kurzarbeit.

Maik Erdmann
Maik Erdmann wohnt in Mühlhausen. Dort ist er allerdings selten. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Lkw-Fahrer machen einen Knochenjob! Neun Stunden am Tag fahren sie über Deutschlands Straßen. Annehmlichkeiten wie eigene vier Wände, ein privates Badezimmer oder eine funktionstüchtige Küche gibt es im Truckergeschäft nicht. Und jetzt kommt die Corona-Pandemie dazu.

Einschränkungen belasten Fahrer sehr

Während viele Menschen sich ärgern, dass der Osterurlaub ausfällt und sich um Klopapier Sorgen machen, halten die Brummifahrer die öffentliche Versorgung aufrecht. Sie halten aus, dass Autobahnraststätten geschlossen sind, dass es in den Pausen keine warme Küche mehr gibt, dass auch unterwegs eine Kontaktsperre beachtet werden muss und dass Sanitäreinrichtungen seltener geputzt oder durch Dixi-Klos ersetzt werden.

Kein Job für jeden

Auch Maik Erdmann aus Mühlhausen steuert täglich seinen Truck über Deutschlands Straßen. Und das seit 28 Jahren. Normalerweise fährt er internationale Transporte, in den letzten Jahren hauptsächlich nach Italien. Das geht ja aber im Moment nicht.

Maik Erdmann sagt, dass man nicht nur in Krisenzeiten ein ganz besonderer Typ sein muss für diesen Job:

Ich kenne Leute, die haben nach einem halben Jahr schon wieder aufgehört. Man muss für den Fernverkehr geboren sein. Nur wegen des Geldes kann man diesen Job ganz sicher nicht machen.

Maik Erdmann Trucker

Das fängt schon damit an, dass er nur am Wochenende zu Hause ist. Das hält keine Beziehung lange aus, deshalb ist er Single. Außerdem ist das Fahren weniger entspannt als früher. Mehr Verkehr, mehr Staus und dadurch natürlich auch mehr Unfälle. Dazu kommt, dass der Umgang rauer geworden ist, egal, ob beim Kunden oder zwischen den Fahrern, findet Erdmann: "Es gibt da kaum noch ein Miteinander. Selbst abends - jeder hat seinen Fernseher oder Laptop im Auto und macht sein Ding. Noch nicht einmal beim Essen sitzen wir zusammen."

Maik Erdmann
Maik Erdmann hat schon viel erlebt. Das hilft ihm in der Krise. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Das geht im Moment ja ohnehin nicht. Alle Rasthöfe sind geschlossen. "Ich verstehe das ja, die wussten erst auch nicht, wie sich nun verhalten sollen. Da gab es eine große Unsicherheit", so Erdmann.

Aber für die Fahrer hieß das: Keine Duschen, keine Toiletten, kein Essen. Erdmann sieht das recht gelassen: "Ich fahre lange genug. Ich hab mich schon oft am Kanister waschen müssen und konnte nicht essen gehen. Im Ausland gibt es oft gar keine Duschen für Fahrer. Auch ohne Corona nicht." Mittlerweile haben einige Tankstellen ihre Sanitärbereiche wieder geöffnet. Auch Autohöfe machen sich Gedanken. So kann man Essen vorbestellen und dann am Autohof abholen.

Maik Erdmann findet, es hat sich ganz gut eingepegelt. Zumal er sowieso immer Verpflegung dabei hat. "Die meisten erfahrenen Fahrer haben das. Es gibt ja auch Gaskocher und Einweggrills."

Verständnis bei allen nötig

Aber auch bei den Kunden läuft jetzt alles anders. Fast alle Firmen haben alles dicht gemacht, um ihre eigenen Leute zu schützen, erzählt Maik Erdmann: "Wenn sich da einer infiziert, müssen die ja komplett dicht machen, da muss man auch Verständnis haben, dass sie ihre Duschen und Toiletten schließen." Einige Firmen haben im Freien zusätzliche Waschplätze aufgebaut. Maik Erdmann hat aber auch generell immer seinen Wasser-Kanister dabei, außerdem Seife und Desinfektionsmittel. "Ich wasche mir derzeit doppelt so häufig die Hände wie sonst, leider schaffe ich es nicht, mir nicht ins Gesicht zu fassen."

Maik Erdmann: Trucker aus Leidenschaft

LKW
Seit drei Wochen kann Maik Erdmann nur noch in Deutschland unterwegs sein. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
LKW
Seit drei Wochen kann Maik Erdmann nur noch in Deutschland unterwegs sein. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Ein Fahrer in seinem LKW.
Vor Corona ist er hauptsächlich nach Italien gefahren. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
LKW Detailaufnahme
Damit werden die Lenkzeiten und die Pausen aufgezeichnet. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Ein Fahrer in seinem LKW.
Maik Erdmann liebt seinen Job. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
LKW - Detailaufnahme
Der LKW ist sein zweites Zuhause. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Ein Fahrer an seinem LKW.
Den Kanister hat er immer dabei. Aber nicht nur zum Trinken. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Ein Fahrer an seinem LKW.
Die Hände wäscht er sich derzeit doppelt so oft wie sonst. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Maik Erdmann
Er muss die Türen öffnen, entladen wird dann meist vom Kunden. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Ein Fahrer an seinem LKW.
Er ist gerne auf alles vorbereitet. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Ein Fahrer in seinem LKW.
Auch im LKW wird regelmäßig geputzt und desinfiziert. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Ein Fahrer in seinem LKW.
Mittlerweile fährt sich so ein LKW viel komfortabler als früher. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Ein Fahrer in seinem LKW.
Mit seinem Planensattel fährt er alles, was anliegt: Stahl, Papier, Lebensmittel oder Klodeckel. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 06. April 2020 | 11:00 Uhr

Warum so viele Fahrer über die Behelfslösungen schimpfen, versteht Maik Erdmann nicht: "Es versuchen doch alle, irgendwie klarzukommen. Und auch die Dixi-Klos sind nur ein Angebot, eine Notlösung. Natürlich sind die nicht schön, aber ein Bauarbeiter hat das auch den ganzen Tag oder ein Straßenarbeiter. Von denen habe ich noch keine Beschwerde gehört."

Transportbranche sehr gefährdet

Große Sorgen macht sich der Fernfahrer über seine Branche insgesamt. Die Firmen, die die Supermärkte beliefern, haben gut zu tun, für die anderen sieht es nicht so rosig aus. Es ist zum einen ein absoluter Preisverfall zu verzeichnen und zum anderen realisieren die Frachtenbörsen nur etwa die Hälfte aller sonst zu vermittelnden Aufträge.

In Thüringen gibt es ca. 1.900 Unternehmen im Güterkraftverkehr. Vor Corona gab es einen Fahrermangel, mittlerweile habe sich das komplett gedreht, so Erdmann. "Da werden viele zumachen müssen und Fahrer ihre Jobs verlieren" befürchtet er.

Umdenken nach der Corona-Krise

Erdmann hofft allerdings, dass die Krise auch ein Umdenken bewirkt: "Vielleicht merken jetzt Leute, dass Homeoffice für sie funktioniert, damit weniger Verkehr auf der Straße ist. Das würde mein Stress-Level senken." Außerdem wünscht er sich mehr gegenseitiges Verständnis im Straßenverkehr. Und dass die Globalisierung intensiv überdacht wird:

Warum muss ich Bier vom Allgäu an die Nordsee fahren oder Klodeckel zum Zerschreddern von Italien nach Deutschland? Das liegt nämlich nicht am LKW-Fahrer oder an seinem Chef. Das liegt wirklich an der Globalisierung.

Maik Erdmann Trucker

Maik Erdmann betreibt übrigens auch einen Blog. Wer also mehr über seine Arbeit wissen will: TruckOnline.de

Beschwerden der Logistik- und Güterverkehrsbranche ernst genommen

In Thüringen gibt es übrigens 521 km Autobahnen, 1.514 km Bundesstraßen und 4.139 km Landesstraßen. Mittlerweile wurde vereinbart, dass Tankstellen an Autobahnen weiterhin 24 Stunden geöffnet bleiben, Duschen und Toiletten für die Fahrerinnen und Fahrer der LKWs weiter nutzbar sind und auch Speisen to-go angeboten werden. Das gilt auch für die von den Autobahnmeistereien betriebenen bzw. überwachten reinen Park- und WC-Anlagen.

Geöffnete Tankstellen in Thüringen: Teufelstal Süd und Nord: Toiletten und Duschen von 17 bis 21 Uhr geöffnet

24 Stunden geöffnet: Tankstelle Eisenach (Nord/Süd), Hörselgau, Eichelborn (Nord/Süd) und Altenburger Land (Nord/Süd) an der A4, Hermsdorfer Kreuz (Ost/West) und Hirschberg an der A9, Thüringer Wald (Nord/Süd) an der A71 sowie Eichsfeld (Nord/Süd) an der A38.

Die Autobahn-Raststätten fallen in den Bereich der Gastronomie, die aufgrund der Verordnungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie bundesweit behördlich geschlossen werden mussten.

Das LKW-Sonn-und Feiertagsfahrverbotes ist durch die Allgemeinverfügung des Thüringer Landesverwaltungsamtes (TLVwA) ausgesetzt.

Alltagshelden in Thüringen Hier erzählen wir in loser Folge Geschichten von Menschen aus Thüringen, die während der Corona-Krise für andere da sind. #miteinanderstark

Weitere Informationen zum Coronavirus in Thüringen:

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 06. April 2020 | 11:00 Uhr

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