Erfurt/Gera Obdachlos und Wohnungslos in der Corona-Krise

In Thüringen gibt es laut Schätzungen zwischen 5.000 und 6.500 Wohnungslose. Eine belastbare Statistik existiert nicht. Einige dieser Menschen leben komplett auf der Straße. Andere haben in Notunterkünften Zuflucht gefunden, wie Dirk aus Erfurt.

Auf einer Parkbank liegt ein Schlafsack und davor eine Plastiktüte und Flaschen.
"Die Wohnungslosen fallen immer hinten runter" - Susanne Wöllner, Leiterin Rasthaus Obolus in Gera Bildrechte: IMAGO

Dirk (Name von der Redaktion geändert) hält die Aufregung um das Coronavirus zwar für übertrieben, doch für ihn und Menschen in vergleichbaren Situationen hat sich trotzdem einiges geändert. Vor Beginn der Krise führte ihn sein erster Weg am Morgen zu McDonalds, um dort ein oder zwei Kaffee zu trinken. Als Mitte März die Erfurter Restaurants ihre Türen schließen mussten, fiel diese Möglichkeit zunächst weg. Mittlerweile ist zumindest der Straßenverkauf wieder angelaufen.

Lunchpakete, statt warmer Mahlzeit

Auch Nothilfe-Einrichtungen, wie die Suppenküche der Caritas, mussten den Normalbetrieb einstellen. Für den Wohnungslosen war das kostenlose Mittagessen ein wichtiger Ankerpunkt im Tagesablauf. Allein gelassen werden die Erfurter Wohnungslosen hier aber nicht. Statt einer warmen Mahlzeit gibt es jetzt Lunchpakete zum Mitnehmen. Diese enthalten neben Wurst und Brötchen auch eine Flasche Wasser - genug um über den Tag zu kommen, sagt Dirk. Bei Bedarf gebe es auch Hygieneprodukte, wie Duschgel, für "wirklich Bedürftige" sagt der junge Mann, der - wegen Problemen mit der Arbeitsagentur - momentan ein Einkommen von "null Euro" bezieht, wie er sagt.

Was bedeutet Obdachlosigkeit

Als obdachlos werden Menschen bezeichnet, die im öffentlichen Raum wie beispielsweise in Parks, Gärten, U-Bahnhöfen, Kellern oder Baustellen übernachten. (Quelle: Diakonie Deutschland)

Was bedeutet Wohnungslosigkeit

Als wohnungslos werden alle Menschen bezeichnet, die über keinen mietvertraglich abgesicherten oder eigenen Wohnraum verfügen, obdachlos sind, vorübergehend bei Bekannten untergekommen sind, in Einrichtungen der freien Wohlfahrtspflege oder in kommunalen Einrichtungen leben. (Quelle: Diakonie Deutschland)

Erfurter Notunterkunft reagiert auf Corona-Situation

Auch die Mitarbeiter der evangelischen Stadtmission "Haus Zuflucht" in der Mittelhäuser Straße haben schnell auf die neue Situation reagiert. 22 Männer leben momentan hier, überwiegend in Sechs-Bett-Zimmern. Platz wäre aber für 42. Früher mussten die Wohnungslosen die Einrichtung um 8 Uhr verlassen. 17 Uhr öffneten sich die Türen wieder. In der aktuellen Lage bleibt die Notunterkunft aber den ganzen Tag geöffnet. Die Männer dürfen bleiben und viele tun das auch. Das funktioniere gut, wenn man von gelegentlichen Reibereien einmal absieht, meint Sylvia Voigt, die Chefin des Hauses.

Obdachlosenheim Stadtmission in Erfurt von außen
In der evangelischen Stadtmission "Haus Zuflucht" in Erfurt reagierte man schnell auf die neue Situation. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Für Dirk, der die Notunterkunft zur Zeit bewohnt, ist das eine echte Erleichterung. Seinen Kaffee kann er jetzt in der Küche des Hauses zubereiten. Auch wenn diese wegen der strengen Hygieneregeln momentan nur einzeln benutzt werden darf. Außerdem hat er so die Möglichkeit, morgens ein wenig länger zu schlafen. Die Zeit in der Unterkunft nutzt er gerne zum Wäschewaschen. Für den Notfall halten die Mitarbeiter auch etwas zu essen bereit.

Die 22 Männer, die derzeit im Haus wohnen, wurden über Aushänge in verschiedenen Sprachen über die aktuelle Situation informiert. Auch über das Internet versorgen sie sich mit den aktuellen Neuigkeiten. Fast jeder hat ein Handy. "Die Männer wissen um die Situation und sind auch einsichtig", sagt Leiterin Voigt. Und wenn sich jemand infiziert? Für diesen Fall habe man ein Zimmer freigehalten, um Personen isolieren zu können.

Angespannte Lage in Geraer Übergangswohnheim

Nicht ganz so optimistisch sieht die Leiterin des Geraer Übergangwohnheims "Rasthaus Obolus" die Situation. Das liegt nicht zuletzt an der angespannten Personallage in Gera. Nur 1,6 Personalstellen habe man zur Verfügung. Das sei ein Sozialarbeiter plus eine Hauswirtschafterin für den halben Tag, so Leiterin Susanne Wöllner. Dazu komme noch ein Wachschutz. Schon in normalen Zeiten läuft der Betrieb am Limit. "Die Wohnungslosen fallen immer hinten runter", so Wöllner.

Gerade zu Beginn der Krise fühlte sich die Diplom-Sozialpädagogin allein gelassen. Sie wandte sich an das zuständige Gesundheitsamt. Dort verwies man auf die Einhaltung von Schutzmaßnahmen und Hygienemanagement. Eine Empfehlung, die nur bedingt weiterhalf. Die knappen finanziellen Mittel der Einrichtung erlauben nun einmal keine Sondermaßnahmen. Auch seien die Bewohner nicht immer einsichtig. "Nicht alle Klienten sind psychisch in der Lage, konstruktiv mitzuwirken", sagt Wöllner. Einige kämpfen mit Alkoholismus, Drogen oder psychischen Erkrankungen.

Einrichtungen jetzt nicht vollfrachten

Wichtig sei jetzt vor allem, dass die Einrichtungen nicht vollgefrachtet werden, sondern die Zimmer maximal mit ein bis zwei Personen belegt würden. Dieser Wunsch wurde in Gera mittlerweile erhört. Um eine angemessene Belegung zu ermöglichen, werden Neuankömmlinge in Notwohnungen untergebracht. Zwar war das Haus zuletzt nicht voll belegt, doch komme es nicht selten vor, dass die Polizei nachts mit einem Neuzugang vor der Tür steht.

Mehr noch als räumliche Entlastung wünscht sich Susanne Wöllner die Möglichkeit einer ärztlichen Untersuchung, um die Bewohner, die bereits da sind, vor den Neuangekommenen zu schützen. Und dies gehe eigentlich nur, wenn die Neuaufnahmen von einem Arzt angeschaut würden. Optimal wäre ein Schein, der bestätigt, dass die aufzunehmende Person keine ansteckenden Erkrankungen hat. Man könne aber niemanden zwingen, sich untersuchen zu lassen, räumt Wöllner ein.

Marktplatz und Rathaus in Gera
In Gera werden Wohnungslose in Notwohnungen untergebracht, um Wohnheime nicht zu überlasten. Bildrechte: IMAGO

Zulauf aus Justizvollzugsanstalten befürchtet

Sorgen macht ihr auch, dass in Folge der Corona-Krise viele Justizvollzugsanstalten Insassen entlassen, die mit einer Ersatzfreiheitsstrafe einsitzen. Auch das könnte den Zulauf auf die Wohnungs- und Obdachloseneinrichtungen zur Unzeit erhöhen.

Ersatzfreiheitsstrafe

Eine Ersatzfreiheitsstrafe ist eine Freiheitsstrafe, die vollzogen wird, wenn eine vom Gericht verhängte Geldstrafe nicht geleistet wird.

Im Falle einer Erkrankung würde womöglich das ganze Haus mit seinen Bewohnern unter Quarantäne gestellt. Das stellt Wöllner sich schwierig vor. Um so etwas durchzusetzen, brauche es eine Polizeikette. Denn einige Bewohner verstünden das nicht. "Das Solidaritätsprinzip, vom dem gerade viele sprechen, das wünsche ich mir für die Obdachlosenhilfe." Diesen Wunsch hat sie aber nicht nur in Corona-Zeiten.

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Quelle: MDR THÜRINGEN

3 Kommentare

kleinerfrontkaempfer vor 23 Wochen

Konkret ist das eine freiheitliche + demokratische + kapitalistische Gesellschaft. Wer da nicht kapiert hat, wo der Mensch steht, der hat was verpaßt, und zwar grundlegendes.

CrizzleMyNizzle vor 23 Wochen

"Wie so vieles in dieser ach so freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft ist das eine Schande und ein Trauerspiel sondergleichen."
da müssen Sie nicht rumunken und so tun als ob Ihnen die Menschen was bedeuteten obwohl Sie eigentlich gegen unsere freiheitlich, demokratische Gesellschaft stänkern wollen, denn "dieser ach so freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft" bietet jedem die Möglichkeit Hilfe (H4) vom Staat anzunehmen oder habe ich was verpasst?

kleinerfrontkaempfer vor 23 Wochen

Wie so vieles in dieser ach so freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft ist das eine Schande und ein Trauerspiel sondergleichen.
P.S. : Die Schätzungszahlen sprechen auch für sich, so wie die "Statistikzahlen" der Pandemie.

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