Corona-Krise Thüringens Schausteller kämpfen um ihre Existenz

Der Eisenacher Sommergewinn, das Krämerbrückenfest in Erfurt, das Rudolstädter Vogelschießen, - das sind nur einige der Volksfeste, die in diesem Jahr in Thüringen wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden mussten. Zum Nachteil der Schausteller. Ihnen gehen damit wichtige Einnahmen verloren. Und viele Betriebe bangen jetzt nach Angaben des Thüringer Schaustellervereins um ihre Existenz.

Kirmes Rummel
Zahlreiche Volksfeste und Großveranstaltungen fallen wegen der Corona-Krise aus. Das geht insbesondere zu Lasten der Schausteller. Bildrechte: colourbox.com

111 Schaustellerbetriebe gibt es zurzeit nach Angaben des Thüringer Schaustellervereins. Die meisten von ihnen sind Familienbetriebe, einige werden seit Generationen von den Familien geführt. Es sind Imbissbuden-, Popcorn- und Süßwarenanbieter, Betreiber von Riesenrädern, Autoscootern oder Karussellen. Etliche dieser Schausteller-Firmen drohen nun vom Markt zu verschwinden. Weil während der Corona-Pandemie Volksfeste nicht stattfinden dürfen und nach jetzigem Stand bis 31. August untersagt bleiben, fehlt den Schaustellern der Verdienst zum Überleben. Den Betrieben geht es nicht gut, sagt Tom Schieck, Vize-Vorsitzender des Thüringer Schaustellervereins:

80 bis 90 Prozent der Betriebe hatten ihre letzten Einnahmen im Jahr 2019, also bei den Weihnachtsmärkten. Seitdem konnten wegen der Corona-Krise keine Einnahmen mehr generiert werden. Volksfeste sind in der Kultur fest verankert. Und es wäre eine Katastrophe, wenn diese Tradition sterben würde, weil die Schaustellerbetriebe die Krise nicht überstehen.

Tom Schieck Vize-Vorsitzender des Thüringer Schaustellervereins

Schausteller haben kaum Rücklagen

Die meisten Betriebe verfügen laut Schieck auch nicht über große Rücklagen. Trotz zuletzt wirtschaftlich guter Jahre: "Natürlich waren die letzten Jahre so, dass man finanziell gut da stehen kann, wenn man seinen Betrieb gut führt. Aber sobald Gewinne da sind, stecken die Firmen das Geld in die neueste Technik", so Schieck. Der Grund: die Schausteller müssen versuchen, immer so attraktiv wie möglich zu sein. Und das geht nur mit der neuesten Technik, zumal die Konkurrenz etwa in Form der Freizeitsparks groß ist. Viel Geld fließt bei den Schaustellern auch in den Unterhalt des Fuhrparks: "Das ist nun mal das Allerwichtigste für den Schaustellerbetrieb. Wir haben unser Leben auf der Straße. Da sind wir darauf angewiesen, dass die Fahrzeuge funktionieren."

Kinder fahren rasant mit einem Autoscooter.
In die aufwändige Technik der Schausteller fließt viel Geld. Das lässt wenig Spielraum für Reserven. Bildrechte: André März

Geplante Einnahmen brechen Weg

Große Sorgen um seine Zukunft macht sich zum Beispiel auch Patrick Plaenert aus dem Unstrut-Hainich-Kreis. Er betreibt mit seiner Frau ein Riesenrad. Normalerweise baut er sein Fahrgeschäft auf Volksfesten in ganz Mitteldeutschland auf. Wie etwa beim Sommergewinn in Eisenach. Auch in diesem Jahr hatte er sich auf dieses Volksfest vorbereitet. Mehrere Transporte waren schon auf den Weg geschickt worden, als plötzlich die Absage kam: "Wir waren startklar. Das Personal war da. Die sind angereist aus Rumänien", erzählt Plaenert. "Uns blieb dann nichts anderes übrig, als die wieder nach Hause zu schicken. Die hatten kein Geld. Die Fahrt mussten wir ihnen bezahlen. Die konnten ja nichts dafür. Tja, und dann stand der Betrieb still. Und wir fragten uns: was macht man jetzt? Wie lange geht das? Wie lange kann man das stemmen?"

"Das Geld wächst nicht auf den Bäumen"

Mittlerweile musste sich Plaenert arbeitslos melden. Das Geschäft läuft auf den Namen seiner Frau. Das Paar hat drei Kinder. "Wir leben momentan vom Arbeitslosengeld und vom Kindergeld", sagt der Schausteller. "Das reicht zum Leben, aber nicht für die laufenden Kosten für den Betrieb." Die Folge: das Ehepaar musste einen Kredit aufnehmen. Obwohl es das absolut nicht wollte. "Die Notreserven sind aufgebraucht. Es gibt keinen Betrieb, der so einen Totalausfall aus eigener Tasche stemmen kann. Uns blieb nichts anderes übrig, das Geld wächst nicht auf den Bäumen."

Gespräche über Corona-Rettungsschirm mit Bundesregierung

Große Hoffnung setzen die Betriebe daher darauf, dass der Staat einen finanziellen Rettungschirm für die Branche aufspannt. Hier gibt es zurzeit Verhandlungen zwischen dem Deutschen Schaustellerbund und und der Bundesregierung. Eine solche Staatshilfe wäre gerechtfertigt, sagen die Schausteller. Immerhin ist ihre Branche weiterhin de facto von einem Berufsverbot betroffen, während in anderen Bereichen bereits die Corona-Auflagen gelockert werden oder gelockert werden sollen, wie etwa in der Gastronomie oder bei den Freizeitparks. "Wir sind nicht die Menschen, die Geld geschenkt haben wollen", sagt Plaenert. "Wir arbeiten gern für unser Geld. Aber das können wir momentan nicht. Daher hoffen wir wirklich auf diesen Rettungsschirm."

"Die Gefahr ist da"

Verbands-Vize Schieck versucht, Optimismus zu verbreiten. Er hoffe, dass jeder Betrieb es schaffe, über die Krise zu kommen. "Ich kann es mir nicht vorstellen, dass jemand pleite geht. Ich will es mir auch nicht vorstellen. Allerdings ist die Gefahr da. Und wir hoffen alle, dass wir da gut rauskommen und wir uns alle nächstes Jahr auf den Volksfestplätzen wiedersehen."

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 22. Mai 2020 | 18:00 Uhr

1 Kommentar

Ein Linker Zensor vor 1 Wochen

Wenn, ich für jede Fahrt einen Kassenbon bekommen würde, dann hätte ich Mitleid, so nicht.

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