Pokerzeit statt Spargelzeit Warum Corona die Thüringer Erdbeer- und Spargelernte gefährdet

Für Thüringer Obst- und Gemüsebauern ist der Einreisestopp der Bundesregierung wegen des Coronavirus zum wahren Pokerspiel geworden. Die Erntehelfer aus dem Ausland fehlen. Säen oder nicht säen? Das ist die Frage, die sich die Betriebe derzeit stellen. Die Preise für Spargel, Erdbeeren und Co könnten steigen.

Wie komplex die Lage in der Landwirtschaft ist, das zeigt die Momentaufnahme von den Thüringer Spargelbauern und Erdbeerhöfen. Teilweise haben die Bauern schnellentschlossen ihre Spargelfelder verpachtet, an Menschen die in Eigenregie ernten. Teilweise setzt man auf Kurzarbeiter, Studenten und andere Freiwillige, die jetzt Zeit haben und Geld brauchen. Das Problem: Bestenfalls haben sie schon einmal Spargel gegessen oder zubereitet. Aber geerntet noch nie. Die Arbeit ist schwer, wer "Rücken" hat, braucht gar nicht erst anzutreten.

Profi-Erntehelfer sind geübter als Spontan-Helfer

Bei den osteuropäischen Erntehelfern sitzt hingegen jeder Handgriff. Nur sie dürfen wegen der verhängten Einreisesperre nicht ins Land. Nun müssen alle Abläufe den Neuen erklärt werden und das auch noch mehrfach. Denn jeder Kurzarbeiter hat eine andere Summe, die er hinzuverdienen darf, daraus ergibt sich auch eine Arbeitszeit. Im Ergebnis kommen mitunter zwei oder drei anzulernende Arbeitskräfte auf eine polnische oder rumänische Vollzeitkraft. Mit dem Unterschied: Die geübten Erntehelfer bleiben gewöhnlich über Wochen, die ungeübten Freiwilligen nicht.

Spargelbeete 3 min
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MDR um 4 Fr 27.03.2020 16:00Uhr 02:50 min

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Wir müssen uns teilweise jeden Tag auf neue Personen einstellen, das stellt uns vor große Herausforderungen.

Jan-Niklas Imholze Spargelhof Kutzleben

Säen oder nicht säen?

Und es gibt ja nicht nur den Spargel. Wer im Sommer Salat ernten will, muss ihn jetzt pflanzen und die Erdbeeren wachsen auch nicht von alleine. Düngen, Bewässern und Sommersorten pflanzen – all das steht jetzt an und ist nur sinnvoll, wenn zur Erntezeit auch jemand da ist, der das Körbchen in die Hand nimmt. Allerdings ist das derzeit nicht absehbar, aber die Entscheidung weiterzumachen, die muss jetzt fallen.

Rumänische Erntehelfer auf einem Feld bei Bornheim
Erntehelfer aus Osteuropa dürfen derzeit nicht Einreisen. (Symbolfoto) Bildrechte: IMAGO

Das ist alles mit Kosten verbunden. Das macht man nur, wenn man sich davon auch eine Ernte verspricht. Und da sind die Aussichten derzeit auch recht trübe.

Jan-Niklas Imholze Spargelhof Kutzleben

Zwar ist das Erdbeerpflücken keine große Herausforderung für Ungeübte, aber nach den Osterferien hoffen alle darauf, so langsam wieder an ihre angestammten Arbeitsplätze oder an die Uni zurückkehren zu können. Für die Obst- und Gemüsebauern ist das jedoch keine gute Vorstellung.

Momentan wird Spargel geerntet, aber im Mai kommen die Erdbeeren dazu. Das heißt, man braucht dann noch mehr Saisonkräfte als aktuell im April und wenn dann der aktuelle Einreisestopp für die Erntehelfer immer noch besteht, ist das natürlich ein Problem

Andrea Leefers Erdbeerhof Gebesee

Pokerspiel für Obst- und Gemüsehöfe

Innenminister Seehofer hat als Terminierung mit "bis auf weiteres" ein nicht gerade verbindliches Datum genannt, was den Einreisestopp betrifft. Für die betroffenen Höfe ist es nun ein Pokerspiel. Entscheiden sie sich, die Erdbeerfelder weiter für viel Geld zu bewirtschaften und  Seehofers "bis auf weiteres" geht bis in den Juni hinein, haben sie ihr Geld zum Fenster hinausgeworfen. Wenn sie die Erdbeerfelder aber für dieses Jahr aufgeben und die Erntehelfer dürfen dann doch ins Land, dann sind keine Erdbeeren da.

Frisch geerntete Erdbeeren in den Händen einer Erntehelferin
Der Einreisestopp der Helfer könnte auch die Ernte von Erdbeeren bedrohen. Bildrechte: IMAGO

Einreisestopp bedroht Existenzen

Und damit nicht genug: Ein deutscher Alleingang würde auch nichts bringen, es muss eine europäische Lösung gefunden werden. Sonst dürfen die rumänischen Erntehelfer, die 60 Prozent der Arbeitskräfte dieses Sektors ausmachen, vielleicht wieder rein, aber nicht aus Rumänien heraus oder nicht durch andere Länder hindurch. Und das wäre in der Summe nicht nur für unsere Erdbeeren eine Katastrophe.

Für die Leute in Rumänien, die zu uns kommen, ist das ja auch deren Existenz, wenn die hier herkommen.

Andrea Leefers Erdbeerhof Gebesee

Und die Erntehelfer kommen regelmäßig, man kennt sich und fühlt sich verbunden und verpflichtet. Doch sie kommen allesamt aus Ländern, die eben nicht das soziale Sicherheitsnetz haben wie wir. Sie können weder auf Kurzarbeit hoffen, noch auf Soforthilfe, Arbeitslosengeld oder Grundsicherung. Das relativiert auch unsere Probleme ein wenig, wenn dann der Spargel teurer wird oder die Erdbeere selten.

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 02. April 2020 | 17:40 Uhr

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