Corona-Krise Oberbürgermeister rufen um Hilfe: Finanzlage der großen Städte dramatisch

Millionen-Defizite bei ohnehin schon angespannten Budgets: Die Oberbürgermeister der größten Städte in Thüringen warnen vor einer dramatischen Schieflage der kommunalen Finanzen. Die bisherigen Angebote des Landes empfinden sie als ungenügend oder gar als Provokation.

Die Bürgermeister der kreisfreien Städte in Thüringen stehen im Sitzungssaal des Rathauses Erfurt.
Die Oberbürgermeister und die Oberbürgermeisterin der sechs kreisfreien Städte sorgen sich um die Finanzen ihrer Kommunen. Bildrechte: MDR/Karina Heßland-Wissel

Die Oberbürgermeister der sechs kreisfreien Städte in Thüringen schlagen Alarm. Die Finanzsituation der größeren Städte sei wegen einbrechender Steuereinnahmen und Mehrausgaben als Folge der Corona-Krise dramatisch, erklärten die Stadtoberhäupter am Donnerstag in Erfurt. "Was nicht geht, sind Sparorgien", sagte Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein (SPD). Es dürfe in der Krise nicht gerade dort der Rotstift angesetzt werden, wo es um die Lebensqualität der Bürger gehe. Nach Angaben von Bausewein haben sich die Oberbürgermeister in einem Schreiben an Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) gewandt, damit die Finanzhilfen des Landes für die Kommunen auf 900 Millionen Euro in diesem Jahr aufgestockt werden.

Thüringer Rettungsschirm als Provokation empfunden

Die bisher vorgesehenen 185 Millionen Euro aus der Landeskasse für Städte, Gemeinden und Kreise reichten bei Weitem nicht aus, um die Löcher zu stopfen. Zunächst hatte das Land sogar nur 50 Millionen Euro als Rettungsschirm für die Kommunen vorgesehen. "Das war eine Provokation", sagte Weimars Oberbürgermeister Peter Kleine (parteilos). "Wenn uns nicht geholfen wird, wird eine Schneise ins städtische Leben gezogen. Der Schaden ist nicht reparierbar", so Kleine.

Jenas Oberbürgermeister Thomas Nitzsche (FDP) rechnet allein in seiner Stadt mit einem Defizit von 50 Millionen Euro in diesem Jahr. "Das kann man nicht einfach wegsparen." Die Stadt habe bereits Haushaltssperren erlassen, die ein Fünftel des Fehlbetrages bringen sollen. "Beim Rest wird uns das Land unter die Arme greifen müssen. Wir schaffen das nicht allein", so der Oberbürgermeister der zweitgrößten Thüringer Stadt, die vor allem um ihre Gewerbesteuereinnahmen bangt.

Keine neuen Schulden: Städte lehnen Kreditaufnahme ab

Suhls Oberbürgermeister André Knapp (CDU) kritisierte den Vorschlag der rot-rot-grünen Regierungskoalition, dass Kommunen in diesem Jahr die Kreditaufnahme erleichtert werden soll. "Die Kommunen sollen sich verschulden, aber das Land ist nicht bereit, das gleiche zu tun." Knapp erinnerte das Land an seine verfassungsrechtliche Pflicht, die Kommunen ausreichend zu finanzieren. Auch Jenas Oberbürgermeister lehnte die geplante Änderung der Kommunalordnung, die den Kommunen mehr Kassenkredite ermöglichen soll, ab. "Dieses Angebot werden wir nicht annehmen."

Wie dramatisch die Situation in den Städten ist, machte Eisenachs Oberbürgermeisterin Katja Wolf (Linke) deutlich. Die Stadt, die ohnehin seit Jahren in Finanznöten steckt, stützte sich auf die Automobilindustrie und den Tourismus. Beides sei zum Stillstand gekommen. "Wir können nicht noch dramatisch in die Krise hineinsparen", sagte Wolf. Dann sei weder die dringend nötige Schulsanierung möglich, noch könnte auf Spielplätzen der Rasen gemäht werden.

Wir haben die Zitrone in den vergangenen Jahren so ausgepresst, dass kein Tropfen mehr kommt.

Eisenachs Oberbürgermeisterin Katja Wolf

Städte erwarten Defizit von 500 Euro pro Einwohner

Geras Oberbürgermeister Julian Vonarb (parteilos) verwies darauf, dass die drittgrößte Thüringern Stadt ohnehin schon mit einem Haushaltssicherungskonzept leben müsse. Eine Haushaltssperre musste bereits erlassen werden. Er versicherte gleichzeitig: "Kein Bürger braucht sich Sorgen zu machen, dass wir morgen etwas schließen". Er hoffe auf die Hilfe des Landes.

Die Kommunalpolitiker rechnen damit, dass sich das Defizit durch die Folgen der Corona-Krise in einer Größenordnung von etwa 500 Euro pro Einwohner bewegt. Eine ähnliche Schätzung gibt es in Nordrhein-Westfalen. Thüringens Gemeinde- und Städtebund hatte sich in den vergangenen Tagen ebenfalls dafür eingesetzt, dass die Finanzhilfen des Landes für die Kommunen deutlich aufgestockt werden.

Quelle: MDR THÜRINGEN/maf,dpa

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 14. Mai 2020 | 16:00 Uhr

27 Kommentare

martin vor 23 Wochen

@erichs (Fortsetzung, weil versehentlich auf "senden" gekommen): Wen meinen Sie eigentlich mit "wir"? Selbsternannter Pluralis Majestatis? Oder ist das selbsternannte "Wir sind das Volk" - Überhöhung?

martin vor 23 Wochen

@profiteur: Das hängt zunächst ab, wie die Kritik vorgetragen wird. Wenn bei Demonstrationen für die Grundrechte gegen die Grundrechte anderer verstossen wird, ist das schlicht unglaubwürdig.

PoliticalNerd99 vor 23 Wochen

"Kritik an Grundrechtseinschränkungen". Sie meinen, aber doch nicht die Spinner von den Hygienedemos, oder?
Die haben doch keinen Schimmer, was wirklich im GG steht.

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