Plötzlich online Ein Semester mit Corona: Thüringer Hochschulen zwischen Chancen und Mängeln

Das erste Corona-Semester hat die Thüringer Hochschulen vor große Herausforderungen gestellt. Seminare und Vorlesungen fanden plötzlich nicht mehr vor Ort statt, sondern übers Netz. An den Hochschulen findet man, vieles sei gut gelungen, die Studierenden sehen stellenweise Mängel.

Studenten lernen auf der Parkbank
Studenten lernen auf der Parkbank: Das Corona-Semester stellte sich und die Hochschulen vor Herausforderungen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mitte März musste das öffentliche Leben weitgehend heruntergefahren werden - damit waren Präsenzveranstaltungen an Universitäten und Fachhochschulen in Thüringen vorerst tabu. Vorlesungen mussten Studenten plötzlich als Video oder Online-Konferenz ansehen und manche praktische Ausbildung begann erst mit mehreren Wochen Verzögerung in Kleingruppen.

"Wir haben es hinbekommen", sagt Burkhard Utecht, Präsident der Dualen Hochschule Gera-Eisenach. Natürlich sei nicht alles optimal gelaufen - aber die Bereitschaft, neue Wege zu sehen, sei bei Professoren und Lehrbeauftragen "sehr dynamisch" gewesen. "Die Kollegen haben viel ausprobiert." Davon werde man im kommenden Semester profitieren.

Burkhard Utecht
Burkhard Utecht, Präsident der Dualen Hochschule Gera-Eisenach Bildrechte: dpa

Kleinere Gruppen auf Dauer nicht möglich

Zufrieden ist man auch an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena - auf etwa 80 Prozent schätzt die Vizepräsidentin für Studium und Lehre Iris Winkler. "Aber Sportpraxis oder Laborpraktika funktionieren übers Internet nicht." Man habe daher auch schrittweise Präsenz in kleinen und kleinsten Gruppen wieder eingeführt - etwa in der Medizin und Zahnmedizin. 

Oft seien die Gruppen stark verkleinert worden, um Abstandsregeln gerecht zu werden. "Da gab es bei den Lehrenden hohe Bereitschaft, die nötige Mehrarbeit zu machen." Aber wenn aus einer großen Gruppe drei oder vier kleine werden, steigt der Aufwand. "Auf Dauer geht das natürlich nicht", so Winkler.

Menschenleerer Campus der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Wie leergefegt: der Campus der Friedrich-Schiller-Universität Jena während der Corona-Zeit Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Nicht alle Profs ziehen mit

Punktuell allerdings gibt es Kritik an der Lehre. Hannah Schneider, lange im Erfurter Stura aktiv und in den vergangenen Monaten im Corona-Krisenstab der Universität, moniert die mitunter unterschiedliche Bereitschaft von Lehrenden, sich auf neue Gegebenheiten einzulassen.

"Es gibt viele sehr gute und ein paar schlechte Beispiele", berichtet sie. Mancher Dozent habe Podcasts aufgenommen, Videos aufgezeichnet und sei auch ohne Präsenz vor Ort ansprechbar. Einzelne Lehrende gingen derweil auf Tauchstation und seien nach dem Zur-Verfügung-Stellen einiger Unterlagen gar nicht erreichbar - zum Glück nur wenige.

Dienstherr Carsten Feller (SPD) zieht ein positives Fazit des ersten Corona-Semesters. Der Staatssekretär im Wissenschaftsministerium findet, vieles sei gut und schnell gelungen. Die Erfahrungen würden sich im kommenden Semester noch als nützlich erweisen. Er erwartet, dass Vorlesungen mit hunderten Studierenden eher über Netz stattfinden - und man sich bei der Präsenzlehre auf kleine Seminare und praktische Übungen konzentrieren werde. Die nötige Infrastruktur kann mit Landeshilfe noch verbessert werden, 2,2 Millionen Euro stehen seit April für bessere Technik und studentische Hilfskräfte zur Verfügung.

Belastungen durch Online-Lehre - und keine soziale Kontrolle

Zugleich stellt die Lehre übers Netz eine Belastung dar, sagt Hannah Schneider. "Studierende sitzen von morgens bis abends vorm PC und das ist auch gleich viel anstrengender, als wenn man im Hörsaal sitzt. Die Bildschirmzeit ist nach oben gegangen. Die haben Kopfschmerzen, Augenschmerzen." Umgekehrt wissen Lehrende nicht immer so genau, wie viel Aufmerksamkeit der Online-Vorlesung gewidmet wird.

"Wenn Kamera und Mikrofon bei den Studenten ausgeschaltet sind, gibt es für den Dozenten kein Feedback", sagt Steffen Teichert, Rektor der Ernst-Abbe-Hochschule in Jena. Bei einer Vorlesung vor Ort könne man schon mal jemanden scharf anschauen, der nicht aufmerksam zuhört. Diese Möglichkeit falle weg.

Steffen Teichert
Steffen Teichert, Rektor der Ernst-Abbe-Hochschule in Jena Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Studienanfänger müssen sich zurechtfinden

Die Bildschirm-Belastung dürfte in weiten Teilen auch ab November bleiben, wenn die Vorlesungen wieder beginnen. Das Semester aber soll eine Art Hybrid aus Online- und Präsenzveranstaltungen werden. "Wir wollen ja nicht zur Fernhochschule werden", sagt Steffen Teichert. Der Rektor der Ernst-Abbe-Hochschule in Jena weiß, dass insbesondere Studienanfänger Präsenz vor Ort brauchen. "Die müssen sich ja erst einmal zurechtfinden. Es wäre ein Drama, wenn diese Möglichkeit wegfällt."

Teichert sieht noch ein weiteres Problem, das nicht unmittelbar mit Hygienevorschriften zu tun hat: Die Möglichkeiten, in Unternehmen eine Bachelor- oder Masterarbeit zu schreiben, werden kleiner. Viele Betriebe leisten in Krisenzeiten lieber keine Projekte mit Studenten, zahlen auch seltener eine Vergütung dafür. "Das ist schlagartig zäh geworden - ein Folgeschaden der Krise."

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 06. August 2020 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

MAENNLEiN-VON-DiESER-WELT vor 7 Wochen

Wenn ich an einer „Fern-Uni“ online studieren wollte, dann

hätte ich mich auch an einer solchen eingeschrieben....‼️

„Experiment“ missglückt ❗️



Andererseits: sparen wir uns, dem Freistaat Thüringen und seinen hart arbeitenden

Menschen, wohl durch derartige Maßnahmen teure Uni-Neubauten und den

Unterhalt von Hörsälen, Mensen, Studentenwohnheimen,

etc pp...⁉️

„ Experiment “ sehr geglückt ‼️ 🤓 👍

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