Neue Herausforderungen Corona-Pandemie bringt Unsicherheit für Energieversorger

Die Freude über ein erfolgreiches Geschäftsjahr 2019 ist bei der Thüringer Energie AG gerade Nebensache. Das wichtigste Versorgungsunternehmen Thüringens hat alle Hände voll zu tun, sich auf die Risiken der Corona-Pandemie einzustellen. Langjährige Stromabnehmer fallen aus und ein neues Geschäftsfeld boomt.

Mann vor Notstromaggregat
Wenn der Strom plötzlich ausfällt, bauen die Monteure der TEAG über Notstromaggregate eine Ersatz-Versorgung auf. Bildrechte: MDR/Loréne Gensel

Der Tag, an dem der Aufsichtsrat den Jahresabschluss bestätigt, ist in Unternehmen ein besonderer Tag. Auch bei der Thüringer Energie AG in Erfurt. Doch an diesem 26. März 2020 ist der Parkplatz vor dem Hauptgebäude des Energieversorgers gähnend leer. Die Aufsichtsräte treffen sich virtuell und segnen die Geschäftszahlen für das Vorjahr in einer Videokonferenz ab. Zur traditionell am Folgetag fälligen Pressekonferenz hat die TEAG gar nicht erst eingeladen. Das Unternehmen hat Zuwächse bei Umsätzen und Gewinnen verbucht. Doch Vorstandssprecher Stefan Reindl fehlt die Zeit für Luftsprünge. "Wir freuen uns. Aber der Jahresabschluss steht momentan im Hintergrund. Wir schauen nach vorne und kümmern uns jetzt um die nächsten Tage." sagt er.

Nur ein Mitarbeiter pro Auto

Transporter mit Anhänger
Die Monteure in den Werkstatt-Autos der Thüringer Energienetze GmbH dürfen nur noch allein über Land fahren - ohne Kontakt zu Kollegen. Manche von ihnen sind mit angehängtem Notstromaggregat unterwegs. Bildrechte: MDR/Loréne Gensel

Aber dann schaut Reindl doch kurz zurück und spricht über die letzten Tage. 1000 Mitarbeiter habe man inzwischen ins Home-Office geschickt. Die mehr als 200 Monteure der Netz-Tochter TEN Thüringer Energienetze GmbH allerdings nicht. "Diese Mitarbeiter sind jetzt im James-Bond-Modus unterwegs." sagt Reindl. "Jeder von ihnen fährt ab sofort als Einzelkämpfer übers Land und kann mit seinem Werkstattwagen bis zu vier Wochen autonom unterwegs sein. Höchstens im Ersatzteil-Lager müsste der eine oder andere mal vorbeikommen." Dort sind die Hochregale bis in die obersten Etagen voll mit allen Komponenten, die auch nur entfernt für eine Reparatur gebraucht werden könnten: Kupferkabel, Stromkästen, Keramik-Isolatoren. Die letzten Tage waren Einkaufstage.

Vorbereitung auf das "Einbunkern"

Feldbetten
Aus einem Fitnessraum ist eine Notunterkunft für die Mitarbeiter der Netzleitstelle geworden - falls sie das Betriebsgelände nicht mehr verlassen dürfen. Bildrechte: MDR/Loréne Gensel

Auch die TEAG ist im Krisenmodus. Das bedeutet: Thüringens wichtigster Versorger muss vorbereitet sein auf den Fall, dass die Mitarbeiter der Netzleitstelle "kaserniert" werden. Um das Stromnetz stabil halten zu können, dürfen sie ab einer bestimmten Risikostufe das Firmengelände nicht mehr verlassen. Das TEAG-Management hat sich deshalb in den letzten Tagen um die Überlebensausrüstung gekümmert: 100 Feldbetten stehen bereit für Übernachtungen. Wasser und Lebensmittel für drei Monate liegen gut verstaut parat. An einem geheimen Ort ist eine Ausweich-Netzleitstelle eingerichtet. Falls nötig, kann der Umzug dorthin innerhalb von 15 Minuten abgewickelt werden.

Stromabnehmer fallen aus

In der Gegenwart beschäftigt Stefan Reindl die Talfahrt der Thüringer Industrie. Wer nicht produziert, verbraucht keinen Strom. Dabei hat die TEAG das, was die Firmen an normalen Tagen verbrauchen, quasi schon gebunkert. "Strom kaufen wir bis zu zwei Jahre im Voraus ein. Zu festen, normalen, überschaubaren Preisen", erklärt der Sprecher des Vorstandes. Aber momentan ist nichts überschaubar oder normal. Immer mehr Firmen - zum Beispiel Autozulieferer - melden ihren Strombedarf ab. Und sorgen so dafür, dass die Stromhändler im TEAG-Hauptgebäude im Dauerstress sind. Sie bieten die überschüssigen Strommengen europaweit auf dem sogenannten Spotmarkt an. Weil jetzt überall Strom übrig ist, bringt  der nur noch die Hälfte dessen ein, was er beim Einkauf gekostet hat.

Regale in einer Halle
Die Hochregale sind gut gefüllt: In den letzten Tagen hat die Thüringer Energienetze als Tochter der TEAG alle Ersatzteile herangeschafft, die nach menschlichem Ermessen irgendwie bei einer Störung gebraucht werden könnten. Bildrechte: MDR/Loréne Gensel

Schnelles Internet ist gefragt

Strom produzieren, handeln und verteilen - das ist das Hauptgeschäft der TEAG. Reindl befürchtet: Es könnte in den kommenden Tagen immer schlechter laufen. Minus 15 bis 20 Prozent vielleicht in der kommenden Woche - schätzt der Manager. Die sprunghaft steigende Nachfrage nach Datenvolumen kann Einbrüche in der Stromsparte nicht ausgleichen. Die TEAG-Tochter Netkom baut versorgt Teile von Thüringen mit Breitband und treibt den Ausbau voran. Reindl freut sich, dass vor allem Firmenkunden jetzt über Nacht mehr Datenvolumen ordern - bis hin zum Doppelten der gewohnten Kapazität. Darunter sind vor allem Unternehmen, die Lebensmittel verarbeiten oder Verpackungen dafür herstellen. Doch zu den Umsätzen der TEAG trägt dieser Geschäftsbereich bisher nur wenig bei. Reindl freut, dass wenigstens die Baustellen für den Ausbau des Glasfasernetzes bisher reibungslos weiterlaufen.

Weitere Artikel zum Thema:

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 26. März 2020 | 20:00 Uhr

0 Kommentare

Mehr aus Thüringen

Erleuchtete Bühne der Domstufenfestspiele in Erfurt vor dem Erfurter Dom 1 min
Bildrechte: MDR THÜRINGEN