Verkehr Wie Corona den Thüringer Regionalbahnanbietern zu schaffen macht

Die Bahnunternehmen im Thüringer Regionalverkehr müssen wegen der Corona-Pandemie auf viel Geld verzichten: Obwohl vier von fünf Zügen fahren, fehlen bis zu 90 Prozent der Fahrschein-Einnahmen.

Bahnsteige und Gleise des Erfurter Hauptbahnhofs.
Kaum Publikum auf den Bahnsteigen des Erfurter Hauptbahnhofs Mitte April. Bildrechte: MDR/Florian Girwert
In der Werkstatthalle der Erfurter Bahn im Norden der Stadt: Geschäftsführer Michael Hecht (rechts) im Gespräch mit Werkstatt-Chef Denny Raffel.
In der Werkstatthalle der Erfurter Bahn im Norden der Stadt: Geschäftsführer Michael Hecht (rechts) im Gespräch mit Werkstatt-Chef Denny Raffel. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Michael Hecht beobachtet seine Mitarbeiter in der Werkstatthalle im Norden von Erfurt. Zwar fahren die Züge der Erfurter Bahn derzeit oft ziemlich leer von Stadt zu Stadt, gewartet und repariert werden müssen sie trotzdem. Also inspizieren die Mitarbeiter die Züge weiter von drinnen, draußen und von unten.

Soweit eigentlich alles ganz normal. Doch eingebrochene Fahrgastzahlen sorgen nicht nur die Erfurter Bahn. Auch Abellio oder die Deutsche Bahn mit ihrer Tochtergesellschaft DB Regio sind in Sorge, weil ihnen derzeit zwischen 50 und 90 Prozent ihrer Fahrgäste fehlen. Hinzu kommt ein Missverhältnis zwischen Fahrgästen und Einnahmen. Etwa in Michael Hechts Unternehmen sind es je nach Linie 60 bis 70 Prozent weniger Fahrgäste, aber 80 bis 90 Prozent weniger Einnahmen durch Fahrkartenverkäufe. Die genauen Ursachen sind nicht klar - eine mag sein, dass Fahrscheinkontrollen wegen geltender Abstandsgebote nur eingeschränkt möglich sind.

Wie sich Bahnunternehmen im Nahverkehr finanzieren Bahnunternehmen im sogenannten Schienenpersonennahverkehr fahren im Auftrag der Bundesländer. Diese schreiben Linien aus und erteilen einem der Bewerber den Zuschlag für einen bestimmten Zeitraum. Mit dem Zuschlag verbunden ist eine Mitfinanzierung des Betriebs - diese Gelder kommen vom jeweiligen Land und vom Bund. Den Rest des Budgets muss das Verkehrsunternehmen durch den Ticketverkauf selbst erwirtschaften. Die Unternehmen sind also auf möglichst viele zahlende Fahrgäste angewiesen.

Hecht beziffert die Einnahmeverluste auf etwa zwei Millionen Euro pro Monat für die Erfurter Bahn und die Südthüringen-Bahn, der er ebenfalls vorsteht. Das wären, gemessen am Jahresumsatz von 2018, ungefähr 15 Prozent des Umsatzes bei weitgehend gleichbleibenden Kosten. "Wir werden das einige Monate durchhalten", so Hecht. Es gebe Rücklagen, aber auf Dauer sei das nicht zu schaffen.

In Spitzenzeiten fehlten 20 Prozent des Personals

Fast 900.000 Kilometer fahren Erfurter Bahn und Südthüringen-Bahn pro Monat in Thüringen, 470.000 sind es bei Abellio. Die Deutsche Bahn machte keine genauen Angaben – auch hier dürfte die Kilometerzahl sechsstellig sein. Dabei kämpfen die Bahn-Unternehmen mit den gleichen Problemen wie andere Wirtschaftszweige auch. Es gibt Quarantäne-Fälle, mitunter Probleme mit der Kinderbetreuung und natürlich auch ganz normale Urlaubs- und Krankheitszeiten. "Wir hatten Spitzenzeiten, in denen 20 Prozent des Personals gefehlt haben", sagt Hecht. Auch deshalb musste das Angebot nach Rücksprache mit dem Thüringer Infrastrukturministerium ausgedünnt werden.

Schutz für Mitarbeiter und Fahrgäste soll die Angst nehmen

Obwohl etwas weniger gefahren wird, ist bei der Erfurter Bahn genug Arbeit da. Eine Handvoll Mitarbeiter ist jetzt dafür abgestellt, sich um die Hygiene in den Zügen und auf dem Betriebsgelände zu kümmern. Zu ihnen gehört René Anton. Der angehende Lokführer ist in der Zentrale und der Werkstatt unterwegs, ausgestattet mit Mundschutz, Handschuhen, Desinfektionsspray und Lappen. Man wolle keine unnötige Angst vor dem Nutzen der Züge aufkommen lassen. Mit Maskenpflicht im Nahverkehr rechnet man ohnehin für ganz Thüringen, so wie sie in Jena schon praktiziert wird.

Kurzarbeit ist derzeit bei keiner der Gesellschaften ein Thema. In Abstimmung mit dem Land bietet man die meisten Fahrten weiterhin an, zugleich ist die Personaldecke dünner als vor Beginn der Corona-Krise. Dass es hier eine Finanzierungslücke gibt, ist auch demThüringer Infrastrukturministerium klar. Staatssekretärin Susanna Karawanskij (Linke) sagt, es liefen Gespräche mit den Unternehmen, um den Bedarf zu ermitteln. Nötig seien genaue Daten zu Krankenständen und Fahrgeld-Ausfällen.

Es gebe einige Möglichkeiten, die zurzeit erörtert würden - wie etwa, weiterhin 100 Prozent der Leistung zu bezahlen, obwohl die Bahn-Unternehmen nicht alles davon erbringen. Der Freistaat werde sich auf jeden Fall dafür einsetzen, dass den Bahnen "nicht die Luft ausgeht", so Karawanskij.

Steffi Recknagel, Leiterin der Geschäftsstelle Erfurt der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG).
Steffi Recknagel Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Die Unternehmen tun in den meisten Fällen, was sie können. Zugbegleiter, Lokführer, Reinigungspersonal und Sicherheitsleute – viele sind in Sorge.

Steffi Recknagel, Geschäftsstellenleiterin EVG

Steffi Recknagel, die Geschäftsstellenleiterin der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) in Erfurt, bekommt derzeit viele Anrufe mit Fragen der Beschäftigten aller Unternehmen. Geklagt werde etwa über zu wenig oder gar keine Desinfektionsmittel. Hier engagiere sich auch die EVG. Soweit möglich verteile man Schutzmaterial an die Beschäftigten. Die Unternehmen täten in den meisten Fällen aber, was sie könnten. "Mit wenigen personenabhängigen Ausnahmen", sagt Recknagel. Aus ihrer Sicht ist die Kinderbetreuung ein Problem. Zwar könnten Mitarbeiter 15 Tage lang für diesen Zweck der Arbeit fernbleiben, die seien aber inzwischen aufgebraucht. Die EVG wolle erreichen, dass dieser Zeitraum verlängert wird.

Für Bahnchef Hecht ist die Branche systemrelevant. Mitarbeiter hätten also das Recht auf Kinderbetreuung. Man sei aber in Gesprächen, eine Lösung zu finden. Die Deutsche Bahn hat derweil für die Zeit nach den Osterferien weitere fünf Tage für die Betreuung von Kindern oder die Pflege von Angehörigen eingeräumt.

Hochfahren des Angebots würde etwa zwei Wochen dauern

Der Schienenpersonennahverkehr gilt als kritische Infrastruktur, Pendler sollen weiterhin zur Arbeit kommen – und dabei auch keine Angst haben. Doch der Nahverkehr ist, wie in den Städten auch, teuer. Knapp unter 300 Millionen Euro erhält der Freistaat Thüringen für die Finanzierung in diesem Jahr vom Bund – der Krisenfall ist hier allerdings nicht eingerechnet. Wohl auch daher will man von Seiten der Landesregierung eine Aufstockung dieser Summe anstreben.

Inzwischen sitzen die Verantwortlichen in Land und Bund auch daran, Regeln fürs Hochfahren des öffentlichen Lebens zu setzen, weil die Neu-Infektionen mit Covid-19 zuletzt rückläufig waren. Bei den Bahn-Unternehmen wartet man auf diese Regeln, weist aber darauf hin: "Wir gehen derzeit von 14 Tagen aus, die wir brauchen, um Fahrpläne umzustellen", sagt der Chef der Erfurter Bahn. Den genauen Fahrplan dafür muss allerdings die Politik vorgeben.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 16. April 2020 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

MDR-Team vor 39 Wochen

Hallo Guter Schwabe,
auch wenn natürlich viele, wenn nicht alle, Bereiche der Wirtschaft betroffen sind, halten wir es für wichtig die Situation einzelner Branchen zu beschreiben und die Bevölkerung über mögliche Folgen zu informieren.

Guter Schwabe vor 39 Wochen

… fehlen bis zu 90 Prozent der Fahrschein-Einnahmen. Echt jetzt? Da ham se ja noch 10 %! Toll, was sollen denn die Gastronomen und Hoteliers sagen, die ham net mal 10%.
Man MDR, die Wirtschaft ist doch fast überall am Boden, was soll dann das Gejammere der einzelnen Branche hier.

Mehr aus Thüringen