Coronavirus Warum Corona-Genesene so schwer zu bestimmen sind

770 Menschen in Thüringen haben das Coronavirus bis zum 10. April überstanden. Diese Zahl wird vom Land jedoch nur geschätzt. Das Problem: Zu Genesenen von Covid-19 gibt es keine verlässlichen Zahlen.

Fridolin Amadeus Nasdala, Oberarzt, in der Intensiv- und Notfallmedizin und Anna Kampmann, Stationsleiterin Intensivpflege bereiten auf der Intensivstation des Corona-Zentrum am Marienhospital ein Patientenbett vor
Ärzte bereiten eine Intensivstation vor: Genesene Corona-Patienten müssen nicht gemeldet werden (Symbolfoto). Bildrechte: dpa

Wie viele Menschen haben das Coronavirus überstanden? Neben den Corona-Fällen und den Verstorbenen ist dieser Wert von großem Interesse. Schließlich lässt sich anhand der Zahl der Genesenen ermitteln, wie viele Menschen gegenwärtig noch infiziert sind und wie dadurch das Gesundheitssystem belastet werden könnte. Dazu zieht man von der Zahl der bestätigten Gesamtfälle die der Verstorbenen und der Genesenen einfach ab. Auch bei MDR THÜRINGEN bekommen Nutzer die Zahl der Genesenen für die meisten Landkreise und kreisfreien Städte täglich neu aufbereitet.

Allerdings gibt es einige Tücken. Zunächst einmal sind die Genesenen - anders als die bestätigten Fälle und die Zahl der Toten - nicht meldepflichtig. Mit anderen Worten: Patienten müssen sich nicht wieder gesund melden, wenn sie Covid-19 überstanden haben. Zwar melden die meisten der 23 Thüringer Kreise und kreisfreien Städte die Genesenen der Öffentlichkeit. Aber eben nicht alle. Einer davon ist der Landkreis Greiz, der gegenwärtig die meisten Corona-Fälle in Thüringen beklagt.

Vom dortigen Landratsamt heißt es, dass das Krankenhaus keine Statistik über entlassene Corona-Patienten führe - und sich dazu gegenwärtig praktisch auch nicht in der Lage sehe. Deshalb verzichte das Gesundheitsamt auf Genesenen-Zahlen, die ohnehin nicht korrekt wären, da nur Krankenhaus-Patienten erfasst würden. Auch andere Kreise tun sich schwer mit einer Angabe, da einige Gesundheitsämter die Zahlen nicht gerne nach außen kommunizierten. Der Sprecher eines Kreises erklärte mit Blick auf die fehlende Meldepflicht: Man beteilige sich nicht an Spekulationen.

Coronavirus: Zahl der Genesenen in Thüringen unklar

Aus einem anderen Landkreis heißt es, es sei oft unklar, wer überhaupt als genesen gilt. Jeder beurteile und melde dies anders. Das Robert Koch-Institut hat dafür allerdings klare Kriterien festgelegt:

Ohne Krankenhausaufenthalt:

  • Infizierte gelten frühestens 14 Tage nach Symptombeginn als genesen
  • Sie müssen 48 Stunden symptomfrei sein

Mit Krankenhausaufenthalt:

  • Zusätzlich müssen Infizierte bei zwei Abstrichen negativ getestet worden sein - und zwar innerhalb der letzten 24 Stunden
  • Sie gelten frühestens 14 Tage nach Entlassung aus dem Krankenhaus als genesen

Überhaupt ist unklar, wie viele Menschen sich mit dem Virus infiziert haben. Manche haben nur leichte oder gar keine Symptome - und werden entsprechend weder als Corona-Fall noch als Genesene registriert. Deswegen sei es umso wichtiger, mittels Tests die Dunkelziffer der Infizierten schätzen zu können, sagte der Leiter des Instituts für Infektionsmedizin am Universitätsklinikum Jena, Mathias Pletz, am Dienstag in der Staatskanzlei.

Robert Koch-Institut und Landesregierung schätzen

Da verlässliche Daten nicht verfügbar sind, schätzt das Robert Koch-Institut (RKI) die Zahlen zu Genesenen auf Basis eines Algorithmus. Auch die Thüringer Landesregierung ist dazu übergegangen, die Zahl in ihrem täglichen Bericht zu schätzen. "Da der Status 'genesen' keiner gesetzlich festgelegten Meldepflicht unterliegt und es keine einheitliche Definition gibt, verwendet das Thüringer Landesamt für Verbraucherschutz analog zum Robert Koch-Institut bestimmte Algorithmen, um die Anzahl der Genesenen grob zu schätzen", heißt es von dort. So ging das Land am 10. April von 770 Genesenen bei 1420 Gesamtfällen aus.

Das Problem hierbei: Je nach Zählweise und Bestückung des Algorithmus kommen andere Genesenen-Zahlen heraus. So hat das Robert Koch-Institut seinen Algorithmus jüngst verändert, was einen hohen Anstieg der Genesenen-Zahl zur Folge hatte. Andererseits: Zählt man lediglich die Zahl der Genesenen aus den meldewilligen Landkreisen und kreisfreien Städten in Thüringen zusammen, lag die Zahl zum 10. April bei unter 400, wie die folgende Grafik zeigt.

Fazit: Die Genesenen-Zahlen einzelner Landkreise und kreisfreier Städte können einen Richtwert für eine Region geben. Allerdings lassen sich die Werte nur schwer mit anderen Kreisen vergleichen. Für Gesamt-Thüringen sollte man auf die Schätzungen des Robert Koch-Instituts und der Landesregierung zurückgreifen.

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 09. April 2020 | 19:00 Uhr

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