Bildung Digitaler Lehrbetrieb: Unis und Hochschulen in der Corona-Krise

Autorenbild Franziska Heymann
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

Schulkinder haben von ihren Lehrern Hausaufgaben bekommen - und knobeln seit einigen Tagen allein oder mit Hilfe der Eltern an Mathe-, Deutsch- und Englischaufgaben. Doch wie lernen Studenten? Bis zum 4. Mai ist die Präsenzlehre an Thüringens Hochschulen ausgesetzt. Die versuchen nun schnellstmöglich, Lösungen zu finden, um eine digitale Lehre anzubieten. Die Duale Hochschule Gera-Eisenach ist da schon weiter.

Professor Jürgen Müller nimmt an eine Videokonferenz teil
Professor Jürgen Müller sitzt allein im Senatssaal der Hochschule. Über den Bildschirm sind ihm seine Studenten zugeschalten. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Professor Jürgen Müller sitzt im Senatssaal des Tinzer Schlosses und führt - Selbstgespräche? Nein. Der Bildschirm vor ihm "lebt". Rund 30 Studentinnen und Studenten sind zugeschalten, als er das weitere Vorgehen zur Seminararbeit "Smart City Gera" erklärt. Manche Studierende sind mit Bild zu sehen, andere hinter Namenskürzeln wie AP, JW, RW versteckt. "Ich kenne die Gesichter hinter den Kürzeln, das geht schon", erzählt der Professor mit einem Schmunzeln.

Viel anstrengender sei es, die Medienzentrale am Rechner zu steuern und nebenbei zu reden. "Ich muss schauen: Gibt es Rückmeldungen der Studierenden aus dem Chat heraus? Das macht es schon sehr anstrengend und man würde es also nicht schaffen, jetzt vier Lehrveranstaltungen hintereinander zu halten. Nach 90 Minuten ist man ganz schön fertig."

Übers Wochenende auf Digitalbetrieb umstellen

Am 13. März war für die Thüringer Hochschulen klar: Bis zum 4. Mai wird die Präsenzlehre ausgesetzt, der Start des Sommersemesters verschoben. Anders bei der Dualen Hochschule Gera-Eisenach: Dort wechseln sich Unterrichtsphasen und Praxisphasen in Betrieben ab - abgesehen von sechs Wochen Sommerpause sind immer Studenten auf dem Campus. Die Hochschulleitung um Kanzlerin Manuela Göthe musste also schnell handeln. Innerhalb von drei Tagen, quasi übers Wochenende, habe die Duale Hochschule "in einem Kraftakt" für ungefähr 1.000 Studierende den Lehrbetrieb von Präsenzbetrieb auf digitalen Lehrbetrieb umgestellt.

Campus der Dualen Hochschule Gera-Eisenach
Der Campus der Dualen Hochschule Gera-Eisenach ist wie leergefegt. An sonnigen Tagen tummeln sich auf dem Gelände am Wasserschloss Tinz in Gera hunderte junge Menschen. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Und der läuft nun seit zwei Wochen. Dozenten wurden geschult im Umgang mit der Technik und halten seitdem Vorlesungen und Seminare per Schaltkonferenz. "Natürlich haben wir versucht, schnell Headsets und Mikrofone für Kollegen zu beschaffen, auch eine neue Kameraanlage wurde bestellt", sagt Kanzlerin Göthe. Da die Hochschule schon seit 2014 über eine digitale Lernplattform verfügt, habe die Hochschule relativ wenig finanziellen Aufwand gehabt.

"Die Dozenten machen das richtig gut"

Nun werden alle Studenten weitgehend nach ihrem normalen Stundenplan unterrichtet. Statt im Hörsaal oder im Labor sitzen sie eben zu Hause, während Professor Müller redet. "Die Dozenten, die jetzt die Teambesprechung oder auch YouTube-Livestreams machen, die machen das auch wirklich gut, sodass man wie fast schon im richtigen Unterricht mitkommt", erzählt Informatikstudent Jay.

Sein Kommilitone Alexander meint, das sei eine sehr gute Alternative zum Präsenzunterricht, gerade für Studenten von außerhalb. "Ich würde vorschlagen, das in Zukunft öfter so zu handhaben." Professor Müller glaubt, die coronabedingte Heimarbeit könnte die digitale Lehre voranbringen: "Leider Gottes ist Thüringen ein digitales Entwicklungsland und steht an letzter Stelle im Digitalindex. Und das wird sich jetzt deutlich ändern, weil viele Menschen die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation und der digitalen Medien erkennen."

Manche stecken noch in den digitalen Kinderschuhen

Während an der Dualen Hochschule Gera-Eisenach die Umstellung schnell vonstatten ging, tun sich manch andere schwer, wie eine Umfrage von MDR THÜRINGEN ergeben hat. Vor allem die Universität Erfurt und die Hochschule für Musik in Weimar stecken noch in den digitalen Kinderschuhen. Aus Erfurt heißt es, man prüfe, einen Teil des Lehrangebots digital umzusetzen, das könne aktuell aber lediglich eine Notlösung darstellen. Die Hochschule für Musik teilte mit, man sei nicht so ausgestattet, um geeignete Lehrveranstaltungen auch nur für kurze Zeit digital anzubieten. Lehrende sind allerdings aufgefordert "mit Onlineformaten zu experimentieren".

An der Weimarer Bauhaus-Universität wurde dagegen sogar eine "Task-Force Digitales Semester" gegründet - dort will man notfalls auch ein ganzes Semester digital anbieten. Land auf, Land ab wird nun an technischen Lösungen gefeilt und gebastelt, werden Serverkapazitäten erweitert und Vorlesungen fürs digitale Zeitalter angepasst. Jede Hochschule versucht, mehr oder weniger umfangreiche digitale Angebote zu schaffen.

Besonders weit ist offenbar die Hochschule Nordhausen. Aus einer bisher Präsenz-Universität wird eine Online-Uni, wie es von der Hochschule heißt. Damit startet die Uni als einzige in Thüringen pünktlich am 6. April ins Sommersemester. Alle Vorlesungen finden online statt, mit Ausnahme beispielsweise von Laborpraktika. Man habe sich zeitnah auf Corona-Auswirkungen vorbereitet und eigene Server für die umfangreiche Nutzung von Videokonferenzen eingerichtet, erklärt Hochschulpräsident Jörg Wagner. Die Lehrkräfte könnten nun Vorlesungen im Online-Streaming anbieten als auch E-Learning-Komponenten oder aufgezeichnete Vorlesungen anbieten.

120 Multiple-Choice-Fragen in 120 Minuten

In Geras Dualer Hochschule ist unterdessen am Donnerstag endlich die langersehnte neue Videotechnik eingetrudelt. Professor Müller sitzt aufgeregt mit wackelnden Beinen auf einem Tisch, an dem sonst Studenten schwitzen. Am Dozententisch müht sich der IT-Techniker der Hochschule, alles in Gang zu bringen. Bildschirm mit Touchscreen, Kamera, Mikrofon - alles funktioniert. Dort können bald auch Vorlesungen aufgezeichnet oder gestreamt werden.

Professor Jürgen Müller sitzt in einem Seminarraum auf einem Tisch
Professor Müller (auf der Bank sitzend) kann es kaum erwarten. Er hofft, dass Thüringen seinen Status als "digitales Entwicklungsland" verliert. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Auch für die Prüfungsphase haben Dozent und Kanzlerin schon Ideen: "120 Multiple-Choice-Fragen in 120 Minuten - da bleibt keine Zeit zum Schummeln", sagt Müller. Auch die Kanzlerin tüftelt schon an Ideen, Prüfungen notfalls im Krisenmodus abzunehmen. Denn bis sich wieder Studenten an Thüringens Hochschulen tummeln, dürfte es noch eine Weile dauern.

Quelle: MDR THÜRINGEN

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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 26. März 2020 | 19:00 Uhr

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