Landeskriminalämter warnen Zunahme von häuslicher Gewalt und Internetbetrug in Corona-Krise

Die Corona-Krise und der sogenannte "Shutdown" verändern das Leben von Millionen Menschen. Viele sind zu Hause und arbeiten im Homeoffice. Das öffentliche Leben ist stark eingeschränkt und Grenzen geschlossen. Welche Auswirkungen hat das auf die Kriminalität? Die Landeskriminalämter in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt warnen vor einer Zunahme von häuslicher Gewalt, Betrug bei alleinstehenden Senioren und Internetkriminalität.

Die Warnung kam vor gut zwei Wochen bei der Thüringer Polizei an. Betrüger würden bei alten alleinstehenden Menschen klingeln und sich als Mitarbeiter des Gesundheitsamtes vorstellen. Sie würden arglosen Senioren erzählen, dass sie wegen der Corona-Pandemie kämen und Tests durchführen müssten. In den Wohnungen werde dann versucht, die ältere Menschen abzulenken, um bei ihnen nach Bargeld oder Schmuck zu suchen und es zu stehlen.

Auch Kriminelle stellen sich auf Corona-Krise ein

"Das Ganze läuft ähnlich ab wie bei den Anrufen falscher Polizisten oder beim Enkeltrick", sagt Jens Kehr. Der Präsident des Thüringer Landeskriminalamtes kennt die Warnmeldungen. Bisher habe es in Thüringen noch keinen solchen angezeigten Fall gegeben, heißt von der Polizei auf Nachfrage. Aber mit solch einer Taktik von Kriminellen müsse man rechnen, sagt LKA-Chef Kehr MDR THÜRINGEN. Denn die würden sich auf die veränderte Lage in Zeiten der Corona-Krise einstellen.

Das sehen auch seine Amtskollegen in Sachsen und Sachsen-Anhalt so. Derzeit gebe es noch keine konkreten Zahlen, wie sich die Krise auf die Kriminalität auswirke. Aber Prognosen und kriminalistische Erfahrungen fügten sich zu einem ersten Lagebild zusammen, heißt es aus den drei Landeskriminalämtern.

Ausgangsbeschränkungen: Drogengeschäft im Internet

In Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt gibt es besonders in den größeren Städten eine Drogenszene. Auch im ländlichen Raum werden Marihuana, Crystal Meth, Heroin oder Kokain konsumiert. Das Geschäft mit den Drogen habe immer zwei Seiten, den Dealer und den Konsumenten, sagt Petric Kleine, der Präsident des LKA Sachsen. "Beide wollen nicht entdeckt werden." Doch derzeit gebe es durch die Ausgangsbeschränkungen wenig öffentlichen Raum, wo Drogen verkauft werden könnten, so Kleine. Vor allem werden Drogen auf der Straße, in Bars oder Diskotheken gehandelt. Das sei durch die Verbote momentan nicht möglich. Daher dürfte sich der Handel entweder in Wohnungen oder ins Internet verlagern.

Diese Einschätzung bestätigen auch die Kollegen in Thüringen und Sachsen-Anhalt. Doch wie wird sich das Drogengeschäft angesichts geschlossener Grenze verändern? Das Thüringer LKA schätzt ein, dass es "zu Veränderungen der Marktlage" kommen könnte. Nach MDR THÜRINGEN-Recherchen gibt es bundesweit Hinweise, dass Drogenlieferungen aufgrund der Abriegelung der Grenzen ins Stocken geraten sind.

Die Droge Crystal Meth
Durch Kontaktsperren und geschlossene Grenzen, so schätzen Experten, seien Drogenlieferungen wie der mit Crystal Meth ins Stocken geraten. Bildrechte: imago/Christian Ohde

Warnung vor häuslicher Gewalt in Corona-Krise

Seit fast vier Wochen sind die meisten Menschen durchgehend zu Hause. Schulen, Kitas oder Arbeitsstellen sind geschlossen. "Soziale Isolation und ein veränderter Tagesablauf auf engstem Raum können zu Stresssituationen in Familien und Partnerschaft führen", sagt Jens Kehr vom Thüringer LKA. Von daher muss auch mit einer Zunahme häuslicher Gewalt gerechnet werden. Das LKA Sachsen-Anhalt bestätigte auf Nachfrage, das es nach ersten Daten eine steigende Tendenz in diesem Bereich gebe. Ob die mit der gegenwärtigen Corona-Lage zu tun habe, könne noch nicht gesagt werden.

Auch Petric Kleine vom LKA Sachsen ist bei Prognosen vorsichtig. "Durch Isolation und fehlende Kontakte gebe es wenig soziale Kontrolle", so Kleine. Das bedeute, ein potenzielles Opfer habe weniger Hilfe bei einer Anzeige, weil Verwandte oder Freunde nicht vor Ort seien, um zu helfen und zur Polizei zu gehen. Deshalb gehe man von einer Zunahme aus, aber in konkreten Zahlen könne das erst in ein paar Monaten beurteilt werden, sagt Kleine.

Hilfe bei häuslicher Gewalt Thüringer Telefonseelsorge:
0800-111 01 11
0800-111 02 22
www.opferhilfe-thueringen.de

Projekt Orange:
Telefon- und Online-Beratung gegen häusliche Gewalt
0361-21 92 35 29 (Mo. bis Fr. 16 - 20 Uhr)
www.orange-thueringen.de

Leben verlagert sich ins Internet

Einen Anstieg von Straftaten erwarten die drei mitteldeutschen Landeskriminalämter vor allem beim Betrug im Internet. "Die Geschäfte haben geschlossen und die Menschen kaufen im Internet ein", sagt Petric Kleine. Das sind gute Gelegenheiten für Kriminelle, auf die verschiedenste Art und Weise Straftaten zu begehen. Besonders machten sie sich die Sorgen und Ängste der Menschen vor dem Coronavirus zunutze.

Verkauf einer Schutzmaske gegen Coronavirus in einer Apotheke
Im Internet werden immer wieder verteuerte Atemschutzmasken angeboten. Die müssen im Voraus bezahlt werden, kommen dann aber nie an. Bildrechte: imago images / ULMER Pressebildagentur

Bei sogenannten Fake-Shops würden Kunden vermeintliche Angebote gemacht, besonders bei Atemschutzmasken oder anderen medizinischen Produkten. Das Ganze aber nur gegen Vorkasse. Dann zahlen die Kunden, doch die Ware kommt nicht. Das Gleiche gelte auch für gefälschte Waren, die von Betrügern im Netz angeboten würden. Daher raten alle drei Landeskriminalämter: Immer prüfen, ob die Internetseiten seriös sind, ob es mehrere Bezahlmethoden gibt und bei Zweifeln die Anbieter auf Verbraucherschutzportalen gegenprüfen.

Prognose: Weniger Wohnungseinbrüche

"Die Menschen sind derzeit mehr zu Hause, deswegen gehen wir von einem Rückgang bei Wohnungs- und Eigenheimeinbrüchen aus", sagt LKA-Präsident Kleine. Doch das sei für ihn keine Entwarnung. Denn dafür seien andere Gebäude derzeit verwaist. Schulen, Kindergärten, Firmen oder Bürogebäude, sie alle stehen mehr oder weniger leer. Das seien potenzielle Ziele für Einbrüche, so Kleine. Zudem, sobald das Leben sich tagsüber wieder in Schulen und der Arbeit abspielt, dürften die Hauseinbrüche zunehmen. Das LKA in Sachsen-Anhalt beobachtet derzeit einen leichten Rückgang bei Einbrüchen und Diebstahl. Aber die Daten seien nur eine Momentaufnahme und nicht aussagekräftig genug.

Organisiertes Verbrechen in Corona-Zeiten

Bis auf die häusliche Gewalt sind fast alle diese Kriminalitätsfelder auch durch Gruppen der Organisierten Kriminalität (OK) besetzt. Drogenhandel, Eigenheimeinbrüche oder Internetbetrug werden von großen Mafia-Organisationen mit gesteuert. Wie sich die einzelnen OK-Gruppe auf die veränderte Lage einstellen, sei schwer abzuschätzen, heißt es von den Landeskriminalämtern. Konkreter wollte keines der drei anfragten LKA werden. Auch nicht auf die Frage, ob die Milliarden an Hilfsgeldern OK-Gruppen für ihre Geschäfte anlocken könnten.

Sachsens LKA-Präsident Kleine sagte, dass Betrugsmöglichkeiten bestehen könnten. Der Chef des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), Sebastian Fiedler, wird da deutlicher. In Bezug auf die kommenden Geschäfte von Mafia-Gruppen sagte er MDR THÜRINGEN: "Eine Prognose kann als nahezu gesichert gelten: Es werden in den nächsten Monaten unfassbar große Geldmengen aus illegalen Quellen ihren Weg in die legale Wirtschaft finden." Fiedler geht davon aus, je größer die Liquiditätsengpässe in der Wirtschaft sind, desto leichter wird es für die Organisierte Kriminalität, ihr Vermögen dort unterzubringen und zu waschen.

Quelle: MDR THÜRINGEN/jml

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Thüringen Journal | 09. April 2020 | 19:00 Uhr

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