Fünfte Jahreszeit oder nicht? Kein Fasching mit zwei Metern Abstand

Die Thüringer Narren sind in Sorge. Mit Abstandsregeln Fasching zu feiern dürfte vielerorts ihre Veranstaltungen unwirtschaftlich machen und letztlich kippen. Der Landesverband Thüringer Karnevalvereine hofft, dass mit guten Ideen trotzdem manches stattfinden kann. Laut einer Umfrage spricht sich eine Mehrheit aber gegen Fasching in Corona-Zeiten aus.

Narren ziehen beim Umzug Thüringer Karnevalsvereine durch Erfurt.
Narren beim Umzug in Erfurt: Über den Karneval in Corona-Zeiten wird derzeit diskutiert. Bildrechte: dpa

Das Training von drei der insgesamt fünf Funken-Garden in Bürgel hat bereits begonnen. "Teilweise unter freiem Himmel auf dem Sportplatz", sagt Sebastian Bergner.

Ob sie in nächster Zeit öffentlich auftreten werden, steht auf einem ganz anderen Blatt. Das weiß auch der Sitzungspräsident und zweite Vorsitzende des Bürgeler Faschingsclubs (BFC). Corona macht derzeit vielen Veranstaltern einen Strich durch die Rechnung - zu den Betroffenen gehören auch zahlreiche Faschings- und Karnevals-Clubs im Freistaat. Der BFC gehört in Ostthüringen zu den größten Vereinen, alljährlich stellen die etwa 120 Mitglieder Programme für mehr als ein halbes Dutzend Abende zusammen, zu denen teilweise hunderte Gäste auch über Kreisgrenzen hinweg anreisen.

Ob das auch in dieser Saison klappt, ist ungewiss. Der gewöhnliche Veranstaltungsort in Bürgel ist das Schützenhaus. "Wahren wir die Abstandsregeln, passen kaum alle Mitglieder in den Saal", sagt Bergner.

Trotz aller Probleme - ein Programm ließe sich stemmen

Das Problem kennt man beim Landesverband Thüringer Karnevalsvereine. Präsident Michael Danz konferierte kürzlich mit Karnevals-Fan und Ministerpräsident Bodo Ramelow, anschließend vermeldete man, Karneval und Fasching müssten grundsätzlich möglich sein - wahrscheinlich ohne Bierausschank, Elferrat und mit weniger Zuschauern.

Aktuell arbeitet der Verband gerade an konkreten Handlungsempfehlungen für Vereine, wie unter Corona-Bedingungen trotzdem die fünfte Jahreszeit gefeiert werden kann. Die Zeit drängt, denn in zwei Monaten wird zum 11.11. vielerorts das erste Mal gefeiert. "Bei uns ist das nicht so dramatisch, den Schlüssel zum Rathaus holen wir uns unter freiem Himmel", sagt Sebastian Bergner. Ein großes Programm sei da ohnehin nicht vorgesehen. Man sei trotz aller Schwierigkeiten vorbereitet und könne auch spontan etwas auf die Beine stellen.

Rosenmontag beim Bürgeler Faschingsclubs (BFC)
Normalerweise ist so einiges los: Rosenmontag beim Bürgeler Faschingsclub (BFC). Bildrechte: Tom Wenig/BFC

Eine ganze Reihe von Vereinen haben inzwischen ihre Saison abgesagt, sie wollen nicht trainieren und investieren, um das Programm dann kurz vor knapp abzusagen und auf den Kosten sitzenzubleiben. Zum Beispiel in Quirla bei Stadtroda ist es so gekommen. "Aber es gibt auch Fasching in anderen Formen", sagt Michael Danz. In Ilmenau werde man am 14. November von Kneipe zu Kneipe ziehen können - eine Art Kneipenfasching unter freiem Himmel ohne zentralen Veranstaltungsort. "Das ist ein toller Ansatz." Er freue sich sehr über solche Lichtblicke. "Aber mir ist auch klar, es wird nicht so sein wie immer."

Der Verband arbeitet gerade an konkreten Handlungsempfehlungen und weiß, dass die Zeit drängt. Veranstaltungen müssten wirtschaftlich darstellbar sein - und das sei in vielen Fällen mit nur wenigen Gästen nicht gegeben. Leichter haben es noch jene, die viel draußen machen - zum Beispiel bei Umzügen. Hier müssen vor allem die Zuschauer Abstand halten.

Musiker trifft es härter als Vereine

In Bürgel haben Umzüge keine Tradition, dort wird ein Programm auf und vor der Saal-Bühne geplant. Tanzgruppen, Publikumstanz, Büttenrede, Männerballett, Gesang. Mit Abstand schwer umzusetzen. "Wer Fasching kennt, der weiß, dass mit 1,50 Meter oder 2 Meter Abstand zwischen Gästen keine Faschingsveranstaltung machbar ist", sagt Sitzungspräsident Sebastian Bergner. Zumal sich aus einem Abstandsgebot ein wirtschaftliches Problem verursacht. Musiker anheuern wäre dann nicht wirtschaftlich. Zudem würden Einnahmen aus dem Getränkeverkauf fehlen. "Für uns als Verein ist es sicher zu verkraften, wenn das dieses Jahr nicht klappt. Viel schlimmer trifft es die Musiker, die von Auftritten bei uns und anderswo ihren Lebensunterhalt bestreiten", sagt Bergner.

In der Landeshauptstadt hält die Gemeinschaft Erfurter Carneval indes bisher an der Saison fest. Vereinspräsident Thomas L. Kemmerich, der für die FDP im Landtag sitzt und im Frühjahr kurzzeitig Ministerpräsident war, will den Karnevalisten alles bieten, was möglich ist. Es gehe nicht um das Ob, sondern um das Wie - ein Hygienekonzept habe man für den Kaisersaal aufgestellt, wo die Veranstaltungen stattfinden. Auftakt ist der 11.11.

Thomas Kemmerich im Karneval
Gemeinschaft Erfurter Carneval: Vereinspräsident Thomas Kemmerich Bildrechte: dpa

Klare Mehrheit gegen Fasching in Corona-Zeit

Allerdings haben die Karnevalisten nicht unbedingt die Mehrheit der Menschen in Mitteldeutschland hinter sich. Nach einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey für den MDR ist nicht einmal ein Drittel der Befragten dafür, dass Faschingsfeiern in Coronazeiten stattfinden sollten. Über 60 Prozent der Befragten sprechen sich eher dagegen oder deutlich dagegen aus. Bei Befragten über 65 Jahre sind es sogar 70 Prozent.

Zur Umfrage

Die genaue Umfrage lautete: "Sollten angesichts der Corona-Pandemie in diesem Jahr Faschings- und Karnevalsfeiern stattfinden?" Das Meinungsforschungsinstitut Civey berücksichtigte für das Gesamtergebnis die Antworten von 5.067 Befragten ab 18 Jahren aus Thüringen, Sachsen und Sachsen- Anhalt. Der statistische Fehler lag bei 2,5 Prozent. Damit ist die maximale Abweichung der Ergebnisse, die man mithilfe der Stichprobe erzielt hat, von den realen Werten in der Grundgesamtheit gemeint. Der Befragungszeitraum war vom 25.08.2020 bis zum 12.09.2020.

In Bürgel kann man sich derweil vorstellen, die fünfte Jahreszeit in den Sommer zu verlegen und das Programm unter freiem Himmel aufzuführen. Aber auch viele Veranstaltungen im Sommer seien schließlich in diesem Jahr abgesagt worden. Zudem widerspricht die Verschiebung dem Brauchtum, dass nach Aschermittwoch kein Fasching mehr gefeiert wird. Insofern sei die Verschiebung derzeit eher eine Spekulation.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 13. September 2020 | 19:00 Uhr

8 Kommentare

Hossa vor 6 Wochen

„Man kann auch ohne Alkohol fröhlich sein“
Glaube ich in Deutschland nicht.
Bundesligaspiel,Weihnachtsmärkte,Ostern,Oktoberfeste,u.s.w.ohne Alkohol kann ich mir persönlich nicht vorstellen.

Erichs Rache vor 6 Wochen

@Grooveman

"Der Mensch existiert doch nicht nur für Arbeiten und konsumieren!"

Doch. Sie sollen hier nur noch bis zum Umfallen arbeiten und ihr Geld Firmen wie Amazon (die in D keine und/oder nur geringe Steuern zahlen) in den Rachen schmeißen. :-))
Wussten Sie das noch nicht?

J0ERG vor 6 Wochen

Sehe ich ähnlich. Ich bin nur für Außenveranstaltungen. Innen ist das Risiko einfach zu hoch. Die Viren verteilen sich innen schneller. Ist vollkommen schade für die Kultur, aber besser als einen neuen Lockdown wie im März

Mehr aus Thüringen