Bildung Corona-Alltag an Thüringer Schulen: Kontaktvermeidung? Fehlanzeige

Seit mehr als vier Wochen läuft nun schon in den Grundschulen der Regelbetrieb, wenn auch mit eingeschränkten Betreuungszeiten. In allen anderen Schulformen erhalten Thüringer Kinder- und Jugendliche einen Mix aus Präsenz- und Distanzunterricht. Immer in festen Gruppen mit festen Bezugspersonen, so will es die Thüringer Corona-Verordnung. Nur - das funktioniert nicht so einfach, wie es klingt.

Eine Lehrerin steht in der Erfurter Grundschule Steigerblick vor ihrer Klasse
Ein "normaler" Unterricht in Schulen war in den vergangenen Wochen undenkbar. Stattdessen gelten Abstandsregeln und Maskenpflicht auf Schulhöfen. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Von "entspannt" über "knapp auf Kante gestrickt" bis hin zu "Land unter" - selten gingen die Meinungen über den laufenden Schulbetrieb so weit auseinander, selten mussten Schulleiter so eng Stunden- und Einsatzpläne disponieren, selten zeigte sich der Lehrermangel in Thüringen so stark wie in der Corona-Pandemie. Seit mehr als vier Wochen läuft nun schon in den Grundschulen der Regelbetrieb, wenn auch mit eingeschränkten Betreuungszeiten. In allen anderen Schulformen erhalten Thüringer Kinder- und Jugendliche einen Mix aus Präsenz- und Distanzunterricht. Immer in festen Gruppen mit festen Bezugspersonen, so will es die Thüringer Corona-Verordnung in Kindertageseinrichtungen, Schulen und für den Sportbetrieb.

Lehrermangel schon vor Corona

Doch genau dieses System ist nicht so leicht umsetzbar in einem Land, in dem knapp 20 Prozent der Lehrer älter als 60 Jahre sind und in dem Lehrermangel schon vor Corona ein Problem war. Wie viele Lehrer zur Risikogruppe gehören, wie viele von ihnen dennoch arbeiten, dazu gibt es laut Bildungsministerium keine statistisch belastbaren Informationen. Wohl aber die Rückmeldung, dass ein hoher Teil von ihnen den Unterricht vor und mit Kindern nicht scheut.

Lehrerin hilft einer Schülerin im Unterricht
An manchen Grundschulen funktioniert das System von festen Gruppen kaum, vor allem nicht im Hort. Bildrechte: dpa

Dennoch, "das System fester Gruppen funktioniert nur, solange alle gesund sind. Es ist total knapp auf Kante gestrickt", berichtet eine Schulleiterin aus dem Weimarer Land von ihrem Alltag. Kollegen in Teilzeit machen Überstunden, auch wegen nicht zu ändernder Busfahrpläne und Kindern, die aus diesem Grund länger betreut werden müssen. Kollegen des Mobilen sonderpädagogischen Dienst (MSD) können nicht mehr allen Kindern, die Förderbedarf haben, helfen, weil auch sie festen Gruppen zugeordnet werden mussten.

Kontaktvermeidung nicht überall möglich

Es ist Paragraf 16, Absatz 1 in der der Corona-Verordnung, der die Betreuung in festen Gruppen regelt und den Schulleitern schlaflose Nächte beschert. Denn in der Realität sieht es an vielen Schulen nun mal anders aus. "Weil es zu wenig Erzieher gibt, werden an mehreren Stellen bei uns am Nachmittag die Gruppen nicht entsprechend des Vormittags zusammengesetzt", erzählt die Leiterin einer Grundschule in Erfurt. Die erstellte Grafik der Gruppen vom Vormittag und die Kontakte am Nachmittag sähen aus wie Flugbewegungen eines Tages über Erfurt. Kontaktvermeidung unter den Kindern? Fehlanzeige.

Es wird gewechselt und neu gemischt und wieder gewechselt.

Schulleiterin einer Erfurter Grundschule

Noch Mitte Juni, noch bevor die Grundschulen wieder in den Präsenzunterricht starteten, sagte Thüringens Bildungsminister Helmut Holter (Linke) vor der Presse, dass Schulleiter sich ans Schulamt wenden könnten, sollten sie Schwierigkeiten haben, Klassen mit ausreichend Pädagogen besetzen zu können. Auch das Vorhaben aus dem Verwaltungsbereich Lehrer mit einzusetzen, sollte geprüft werden. Doch daraus wird und wurde nichts. Die Schulämter zucken, so die Erfahrungen von Thüringer Schulleitern, häufig mit den Schultern, und auch das Bildungsministerium gibt knapp einen Monat nach Regelbetrieb zu, dass es eben ein Überangebot an Lehrkräften nicht gibt. Wie auch vor der Corona-Pandemie.

Kaum Alternativen, wenn Lehrer ausfallen

Hinweise - Verhaltensregeln Corona - im Schulgebäude.
Aufkleber auf dem Fußboden erinnern die Schulen daran, Abstand zu halten. Bildrechte: MDR/Stephanie Schettler

"In Thüringen herrscht grundsätzlich kein Lehrerüberschuss. Gegebenenfalls gibt es einzelne Bewerber für befristete Einstellungen, die umgehend zum Einsatz gebracht werden könnten, andere Möglichkeiten aber bestehen in der derzeitigen Lage kaum", sagt Felix Knothe, Sprecher im Bildungsministerium. Auch die Lehrer aus dem Verwaltungsbereich kommen nicht, sie einzuarbeiten koste zu viel Zeit, zudem würden auch hier die Beamten derzeit mit Überlast arbeiten.
Was also tun, wenn Lehrerin A oder Horterzieherin B krank wird? "Bei uns gibt es feste Gruppen, aber eben keine Bezugspersonen, die ausschließlich diese eine Gruppe betreuen. Ein Lehrer unterrichtet mehrere Klassen. Wenn ich eine Eins-zu-Eins-Situation durchsetzen müsste, müsste ich die Schule schließen", bringt es ein Grundschulleiter aus Gera auf den Punkt.

"Untragbare Zustände"

Es herrsche ein großes Potenzial an Unmut, Wut und manchmal sogar Verzweiflung, so schreibt eine Lehrerin aus der Region Sömmerda dem Krisenteam des Thüringer Lehrerverbands (tlv). Referendare würden umfangreich eingesetzt, ohne sie würde der Schulbetrieb in diesen Zeiten kaum "reibungslos" laufen. Folglich würde kaum bei ihnen hospitiert. Es herrschten Zustände, die einfach nicht tragbar seien. "Versuche an Tieren sind umstritten, Versuche mit Grundschullehrern derzeit ohne Abstriche und Überwachung erlaubt", schreibt sich die Pädagogin ihren Frust von der Seele.

Eigenen Angaben zufolge weiß das Bildungsministerium um dieses Spannungsfeld, das sich aber bis Ende des Schuljahres auch nicht auflösen würde. Man befände sich immer noch in einer Pandemiesituation mit eingeschränkten Regeln, die auch weiterhin nötig seien.

Heimarbeit der Schüler problematisch

Dennoch gibt es auch positive Beispiele in diesen angespannten Zeiten. Und zwar aus solchen Schulen, in denen das Kollegium jung und die personelle Situation entspannt ist. So schreibt die Leiterin eines Gymnasiums in Südthüringen, dass hier auch die üblichen Krankheitsfälle "breitschultrig ohne Unterrichtsausfälle aufgefangen werden." Lediglich die Arbeit der Schüler zu Hause sei problematisch, hier zeige sich die unterschiedliche Arbeitsweise der Kollegen. Auch wüssten einige Schüler um die fehlende Konsequenz des "Sitzenbleibens" und würden auf Sparflamme arbeiten.

Ein Kind auf dem Sofa zu Hause inmitten eines völligen Chaos beim Lernen.
Viele Wochen mussten Schüler zuhause lernen, entweder allein oder mit Hilfe der Eltern. Das bleibt nicht ohne Folge, rechnen Experten. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Positiv berichtet auch die Schulleiterin einer Grundschule in Weimar. Sie habe ein junges und gesundes Kollegium, Abstands- und Hygieneregeln würden gut eingehalten werden. Kinder, Kollegen und Eltern hätten sich mit dem Ablauf "angefreundet".

Nach den Sommerferien sollen in Thüringen alle Schulen in den Regelbetrieb übergehen. Die Abstandsregel von 1,50 Meter soll dann endgültig fallen. "Solange die Gesundheitsrisiken sehr niedrig und das Pandemiegeschehen eingedämmt ist, muss das Recht auf  Bildung stärker wiegen", so Bildungsminister Holter. Bleibt nur zu hoffen, dass Lehrer in Thüringen dieses Recht in Corona-Zeiten auch so umsetzen können.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 15. Juli 2020 | 08:00 Uhr

11 Kommentare

lobo56 vor 19 Wochen

Und die Betreuung durch Eltern !
Die erste Pflicht zur Betreuung obligt den Eltern, dann kommt die Schule !
Warum wird ständig auf Lehrern raumgehackt ?


Normalo vor 19 Wochen

Zirat: In welcher Berufsgruppe dürfen über 50 jährige wegen des Risikos eigentlich noch zu Hause bleiben?

Diesen Satz bitte ändern in... von zu Hause aus arbeiten.

Diese Lehrer arbeiten von zu hause aus, erarbeiten Aufgabenpläne, kontrollieren die Lernergebnisse usw

Klingt nach homeoffice, gibt es in anderen Branchen sogar bei weitaus jüngeren Mitarbeitern. Naja mit diesen Argumenten werde ich Ihr undifferenziertes Weltbild sicher auch nicht erschüttern können 😅

Ralf T. vor 19 Wochen

Haben Sie für das "unterschieben" denn irgendwelche Beweise? Wenn ja, warum bringen Sie dies nicht bzur Anzeige?

Sie wissen aber schon, das Virologen weder die Statistik erarbeiten, noch Totenscheine ausfüllen?

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