In einer Glasschale mit Fuß weiße Kristalle leicht verschwommene Optik
Crystal Meth: kleine weiße Kristalle Bildrechte: MDR/Axel Hemmerling

Stadt, Land, Dorf Das Crystal Meth-Problem in Thüringen

Seit gut fünf Jahren beobachten Drogenfahnder und Therapeuten eine Crystal Meth-Welle in Mitteldeutschland. Der Konsum der Droge ist vor allem in Thüringen gestiegen. Suchtexperten gehen von 13.000 Abhängigen im Freistaat aus. Am Geschäft mit der Droge verdienen vor allem die Mafia-Kartelle.

von Axel Hemmerling und Ludwig Kendzia

In einer Glasschale mit Fuß weiße Kristalle leicht verschwommene Optik
Crystal Meth: kleine weiße Kristalle Bildrechte: MDR/Axel Hemmerling

Leon (*Name geändert) ist 20 Jahre alt. Er hat Arme und Beine, dünn wie Streichhölzer. Seine Haut ist blass und übersät mit Ausschlag. "Meine Nasenscheidewand ist kaputt", sagt Leon. Die Backenzähne seien es auch. Das Zeug zerfresse alles, so Leon. "Das Zeug", das er meint, ist die Droge Crystal Meth. Ein Methamphetamin, das eine dramatische Konjunktur in Thüringen hat und Menschen in seelische und körperliche Wracks verwandelt.

Über 3.500 Ermittlungsverfahren im Zusammenhang mit "Meth", wie es auf der Straße genannt wird, hat die Polizei in Thüringen im vergangenen Jahr eingeleitet. Das sind gut 1.700 Fälle mehr, als noch vor 10 Jahren. Leon ist einer dieser Fälle. Weil er die Droge über vier Jahre konsumiert hat und dadurch straffällig geworden ist. Mit 16 habe er das Zeug angefangen zu nehmen. Dann sei alles ganz schnell gegangen. "Der Freundeskreis hat es gemacht und ich wollte es dann auch mal probieren", erinnert sich Leon. "Einmal probiert und...", Leon stockt etwas, "und dann sofort - naja - Abhängigkeit." Leon ist ein typischer Partypeople, einer der durch andere Jugendliche "aus Spaß" zu der Droge gekommen ist.

Droge mitten in der Gesellschaft

Damit gehört er zu den geschätzt 13.000 Crystal Meth-Abhängigen im Freistaat. Von dieser Zahl gehen die Experten der Thüringer Landesstelle für Suchtfragen aus, doch genaue Erhebungen gibt es nicht. Was aber besonders alarmierend sei, so Geschäftsführerin Dörte Peter, seien die Rückmeldungen aus den einzelnen Beratungsstellen zum sozialen und beruflichen Hintergrund von Konsumenten. Da gebe es junge Mütter, Studenten oder Fließbandarbeiter.

"Nach unserer Einschätzung ist Crystal Meth mitten in der Gesellschaft angekommen", so Peter. Diese These stützt auch die Suchtmedizinerin Katharina Schoett. Sie leitet die Abteilung für Suchtmedizin am Ökumenischen Unstrut-Hainich-Klinikum in Mühlhausen. "Crystal Meth ist eine Aufputschdroge, die durch ihre Wirkung wach hält und euphorisierend wirkt", so Schoett. Eine Droge für die heutige Leistungsgesellschaft, wenig Schlaf, mehr schaffen, schlanker Körper. Alles Dinge, die für das Gefühl des "Mithalten müssens" wichtig seien.

Das wissen die Dealer und machen mit dem Verkauf von Crystal einen enormen Profit. "1.000 Euro am Tag“, sagt Jens (*Name geändert). Er sitzt in der Haftanstalt Hohenleuben. Jens hat über vier Jahre bekommen, weil er unter anderem mit Crystal Meth gehandelt hat. Einmal seien innerhalb von fünf Monaten 150.000 Euro reiner Gewinn hängen geblieben. "Da muss eine normale Familie lange Sparen, um sich das Beiseite zu legen“, sagt der Ex-Dealer. Bei diesen Gewinnmargen ist die Organisierte Kriminalität nicht weit. Das hängt vor allem mit dem vergleichsweise günstigen Einkaufspreis zusammen. Der liegt bei 15 bis 30 Euro pro Gramm. Die Droge wird in den "Giftküchen" im tschechisch-deutschen Grenzgebiet hergestellt. Inzwischen holen es die Drogenkuriere auch aus den Niederlanden und Frankreich. In den großen Laboren liegt die Wochenproduktion bei 50 bis 100 Kilogramm.

Mafiaclans organisieren Verkauf

An dem Handel verdient in Mitteldeutschland vor allem die armenische Mafia mit. Nach Recherchen von MDR THÜRINGEN haben die Paten die Geschäfte in Leipzig und weiten Teilen Thüringens mit in der Hand. Neben den Armeniern operieren in Mitteldeutschland auch bosnische, kosovarische oder serbische Gruppen. Sie treten als Zwischenhändler auf und verkaufen die Ware an die Kleindealer vor Ort. Ein Gramm ist für den Konsumenten zwischen 50 und 100 Euro zu haben. Allein in fünf großen Ermittlungskomplexen gegen die Organisierte Kriminalität in Thüringen spielt der Handel mit Crystal Meth eine Rolle, heißt es vom Landeskriminalamt. Im vergangenen Jahr sind in Thüringen rund sechs Kilogramm Crystal durch Drogenfahnder sichergestellt worden. Was nach nicht viel klingt. Doch ein Konsument braucht für einen Trip nur etwa 0,1 Gramm und der führt meist beim ersten oder zweiten Mal in die Abhängigkeit.

Polizeichef fordert mehr Personal

Diese Zunahme der Droge macht Jürgen Loyen Sorgen. Seit Jahren beobachten der Erfurter Polizeichef und seine Drogenfahnder den Anstieg von Crystal-Konsum in der Landeshauptstadt. "Die Droge ist leicht verfügbar", so Loyen. Für seine Beamten ist das Kontrollgeschäft ein mühseliges, denn die Vertriebswege sind völlig unterschiedlich. Der eine beschafft sich Crystal über das Internet, der andere hat Kontakte zu Dealern auf der Straße. Verkauft wird es in den verschiedensten Vierteln der Stadt. Dabei spielen offenbar auch Shishabars und Clubs eine Rolle. Dort könnte der Süchtige das Zeug ordern oder gleich kaufen, heißt es aus Fahnderkreisen.

Die Polizei in Erfurt tut, was sie kann. Doch ein Blick auf das Personal hinterlässt bei Polizeichef Loyen Sorgenfalten auf der Stirn. "Wir müssen schon einen großen Kontrolldruck aufbauen, um des Themas Herr zu werden", so der Polizeidirektor. Aber damit sei es eben nicht getan. Denn wenn Drogen bei Konsumenten oder Dealern gefunden würden, müssten diese Fälle auch bearbeitet werden. "Aber je nach Belastung in der Kriminalpolizei bleiben Fälle auch mal Wochen oder Monate liegen."

Crystalkonusm auch auf dem Land

Dabei ist Crystal Meth kein Problem der Stadt. "Sie bekommen die Droge praktisch mittlerweile in jedem Dorf", sagt Suchtmedizinerin Katharina Schoett. Ihre Patienten im Unstrut-Hainich-Klinikum kämen aus der Stadt und vom Land. Das belegt auch eine Studie des Gesundheitsamtes im Landkreis Altenburg. Nach dieser haben knapp sechs Prozent aller Schüler ab 16 Jahre bereits Erfahrungen mit Crystal Meth gemacht (Siehe Kasten). Für den Amtsarzt des Landkreises, Stephan Dhein ist klar: "Crystal Meth ist keineswegs nur eine Großstadtdroge." Ob es für Leon eine Chance auf Heilung gibt, ist ungewiss. Der Entzug ist schwierig. "Ungefähr ein Drittel der Leute schafft es auszusteigen", so Schoett. Ein Drittel werde immer mal wieder gute und schlechte Phasen haben. Doch ein Drittel werde sicherlich früher oder später an seinem Konsum kaputt gehen.

Studie zum Suchtverhalten von Jugendlichen im Altenburger Land Im Frühjahr 2017 hat das Gesundheitsamt im Landkreis Altenburger Land das Suchtverhalten von Jugendlichen untersucht. Amtsarzt Stefan Dhein und seine Mitarbeiter versandten Fragebögen an 1.100 Mädchen und Jungen im durchschnittlichen Alter von 16 Jahren. Die Bögen wurden an 11 Regelschulen, fünf Gymnasien und zwei Berufsschulen verteilt. 934 Schüler sendeten die anonymisierten Bögen ausgefüllt zurück. Laut Dhein ergab die Auswertung, dass knapp sechs Prozent aller befragten Jugendlichen Crystal Meth bereits konsumiert hatten. Etwa drei Prozent davon auch regelmäßig. Rund 25 Prozent hätten bereits Konsumerfahrung mit Canabis gehabt. Über Vier Prozent würden Ecstasy und etwa 1,5 Prozent Kokain nehmen. Von den gesamten Befragten gaben 43 Prozent an, keine Drogen zu nehmen. Laut der Studie kommen die meisten der Drogen konsumierenden Jugendlichen aus mittelständischen Familien mit guten Einkommen. Das Alter der Erstkonsumenten im Landkreis Altenburger Land liegt bei knapp 14 Jahren. Dhein bezeichnete die Ergebnisse, die im August vergangenen Jahres erstmals vorgestellt wurden, als alarmierend. Besonders bei Crystal Meth werde deutlich, dass es sich nicht nur um eine Großstadtdroge handle, so der Amtsarzt. Quelle: Landkreis Altenburger Land

Leon sagt, er sei freiwillig im Hainich-Klinikum auf Entzug. Doch er hat vorher Druck bekommen. Denn Leon ist Vater. Da sei er von seiner Freundin vor die Wahl gestellt worden, entweder das Kind oder Crystal. Jetzt will er nach vier Jahren wieder in die richtige Welt zurück. Ohne den ständigen Drang nach dem Kick durch "Meth". "Ich will mein Leben mit meiner Familie verbringen." Dafür wird Leon noch einen weiten Weg gehen müssen.  

Quelle: MDR THÜRINGEN

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt - Die Story | 30. Mai 2018 | 21:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Mai 2018, 05:00 Uhr

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23 Kommentare

31.05.2018 12:43 martin 23

@20 ohneworte: Auf den Dörfern kommen dann noch die Bushäuschen dazu. Allerdings finde ich Ihre Wahrnehmung / Darstellung der "Jugend von heute" arg pessimistisch. Richtig ist: Man sieht etliche. Aber so völlig neu ist das nicht. Gab es selbst zu DDR-Zeiten, wenn auch nicht so öffentlich, weil sie in der Öffentlichkeit abgeräumt wurden.

Und es gibt viele andere, völlig normal erscheinende (Schüler, Lehrlinge, Berufstätige), die sich am Party-Wochenende Drogen einwerfen. Die Ursachen dieses Verhaltens sind vielfältig. Selbstverständlich "cool sein" "dazu gehören" aber auch die "wenn schon - dann aber richtig" (dazu gehört auch Wodka aus der 3 l Flasche) Fraktion oder die, die mittels Rausch aus dem "Sche**-Alltag" fliehen wollen. Letztere sind für eine Drogen-Karriere extrem gefährdet. Die Flucht aus der Wirklichkeit ist auch nicht neu.

Pillen zur Leistungssteigerung sind ebenfalls kein jugendspezifisches Thema sondern normal. Das Leben Erwachsene aus allen Sozialschichten vor.

31.05.2018 12:30 martin 22

@17 kritischer: Ich glaube nicht, dass es DIE EINE Ursache gibt.

Ein Unterschied zu früher ist: Ab wann wird bei einem "betrunkenen Mensch" von einer behandlungsbedürftigen Alkoholvergiftung ausgegangen und erfolgt eine Einlieferung ins Krankenhaus. Auch im Krankenhaus selbst ist die Schwelle gesunken, bei der von einer intensivpflichtigen Vergiftung auszugehen ist. Wer früher hinterm Festzelt oder zu Hause seinen Rausch ausschlief, könnte heute auf einer Intensivstation landen.

Die Statistiken zeigen (bei aller Vorsicht, die ich gegenüber derartigen Zahlenwerken an den Tag lege) einen deutlichen Anstieg bei allen Altersstufen, so dass vermutlich nicht von einer speziellen Verhaltensänderung bei Jugendlichen ausgegangen werden kann.

Ich stimme Ihnen zu, dass Aufklärung und Prävention ALLEIN nicht die Lösung ist. Aber durchaus ein gewichtiger Baustein. Genausowenig wie der Ruf nach mehr Polizei - die Nummer allein hat gegen derartige Probleme noch nirgendwo Erfolg gehabt.

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