Hochschulen in Thüringen Jenaer Professoren sehen Wissenschaftsfreiheit in Gefahr

Bastian Wierzioch
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"Geistiger Bürgerkrieg" herrsche an deutschen Universitäten, sagt der emeritierte Jenaer Philosophieprofessor Klaus-Michael Kodalle. Auch sein Kollege Prof. Nikolaus Knoepffler, Direktor des Ethik-Zentrums der Universität Jena, beklagt, dass sich Vorfälle häuften, bei denen versucht werde, Wissenschaftler an Vorträgen zu hindern oder sie einzuschüchtern. Darüber hinaus scheint den beiden Professoren das Meinungsklima an deutschen Hochschulen Unbehagen zu bereiten.

Hauptgebäude, Friedrich-Schiller-Universität, Jena, Thüringen, Deutschland
Hauptgebäude der Friedrich-Schiller-Universität in Jena Bildrechte: imago/imagebroker

Nikolaus Knoepffler, Dekan der Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften an der Universität Jena, sieht bei Auseinandersetzungen mit strittigen Positionen an Hochschulen zunehmend die Freiheit der Wissenschaft bedroht. Auf Anfrage von MDR THÜRINGEN sagt der Professor: "Ich sehe die Gefährdung, dass man sich den akademischen Debatten mit Vertretern von Thesen, die einem nicht gefällig sind, verweigert und diese praktisch exkommuniziert, also nicht mehr einladen darf. Oder dass man Positionen, die eher rechts eingeordnet werden, praktisch nicht mehr möglich macht." Die Freiheit von Lehre und Forschung wird in Deutschland im Grundgesetz (Art. 5) garantiert.

Schlagzeilenträchtige Fälle in Thüringen

Prof. Nikolaus Knoepffler
Prof. Dr. Nikolaus Knoepffler Bildrechte: dpa

Als konkrete Anlässe für seine Warnung nennt Knoepffler Fälle, die sich ausschließlich außerhalb Thüringens zugetragen hatten. So verweist der Philosoph und Theologe neben den Protesten gegen den Makroökonomen Lucke in Hamburg auf einen Internetblog, in dem dem renommierten Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler "Rassismus" und "Sexismus" vorgeworfen worden war. Nach ähnlichen Vorkommnissen in Thüringen gefragt, teilten die Universitäten in Weimar, Ilmenau und Erfurt mit, dass es dort in der Vergangenheit nicht zu Auseinandersetzungen gekommen sei, die mit den Fällen Lucke oder Münkler vergleichbar wären.

Dabei lassen sich in Thüringen durchaus Kontroversen finden, die es zwar zum Teil nicht bis in die Schlagzeilen geschafft haben, trotzdem aber zu Knoepfflers Warnung passen könnten. Im Wintersemester 2016/2017 etwa drohten Studierende an der Universität Erfurt damit, einen Seminarraum mittels Sitzstreik zu blockieren. Anlass war die Einladung eines Vertreters einer christlich-fundamentalistischen Lobbygruppe, die sich unter anderem gegen Schwangerschaftsabbrüche stark macht. Nach heftiger Diskussion sei der umstrittene Gast schließlich doch im Seminar aufgetreten, bestätigte der damalige Lehrbeauftragte MDR THÜRINGEN. Öffentlich möchte sich der Theologe zu diesem Fall aber nicht weiter äußern.

Ilmenau: Raum für "Folge-Vortrag" verwehrt

Erst vor wenigen Tagen kam es an der TU Ilmenau zu einer Auseinandersetzung um eine Veranstaltung an der dortigen Seniorenakademie. In diesem Zusammenhang wirft der TU-Professor Jens Wolling der eigenen Uni-Leitung vor, "gegen die Freiheit der Lehre" zu verstoßen. Was war passiert? In besagter Veranstaltung referierte der ARD-Journalist und TU-Honorarprofessor Claus-Erich Boetzkes zum Thema: "Ist das noch Journalismus oder sind das schon Fake News? - Wie Medien Panik schüren". In der Ankündigung zu diesem Vortrag waren Sätze zu lesen wie: "An ausgewählten Beispielen soll gezeigt werden, wie gerade im Zusammenhang mit dem Klimawandel Panikstimmung erzeugt wird."

Diese Einladung war auch dem langjährigen Leiter des Fachgebiets Empirische Medienforschung und politische Kommunikation am Institut für Medien und Kommunikationswissenschaft Jens Wolling aufgefallen. Sein Verdacht: Hier könnten "einige elementare wissenschaftliche Regeln verletzt werden". Auf Anfrage von MDR THÜRINGEN sagte er: "Der Begriff Fake News ist für die absichtliche Fehlinformation reserviert, die darauf abzielt Menschen bewusst falsch zu informieren. Das den Medien in Deutschland vorzuwerfen geht schon ein bisschen in Richtung 'Lügenpresse'. Und an 'ausgewählten Beispielen' kann man alles zeigen und immer auch das Gegenteil davon. Wissenschaftlich geht man systematisch vor und wählt nicht das gezielt aus, was die eigenen Thesen stützt."

Um dies Boetzkes Vortrag entgegen zu setzen, bat Wolling die Uni-Leitung um einen Raum für eine eigene Veranstaltung zum selben Thema. Nach seiner Vorstellung sollte dieser Raum in der Nähe zu Boetzkes Veranstaltungsort liegen, um nach dessen Vortrag dessen "Publikum zu erreichen". Doch der Raum wurde Wolling verwehrt. MDR THÜRINGEN sagte Jens Wolling, dass es sich bei diesem Vorgang aus seiner Sicht um "einen Eingriff in die Freiheit von Wissenschaft und Lehre" handle. "Das Rektorat hat dem wissenschaftlichen Diskurs nicht höchste Priorität gegeben und das sollte an einer Universität nicht vorkommen." Die Universität selbst teilte dazu mit: "Das Vorgehen der TU Ilmenau hat in keinster Weise etwas mit einer Unterbindung von Wissenschaftsfreiheit zu tun. Da es den Gepflogenheiten der Seniorenakademie entgegenläuft, im Nachgang eines Vortrages einen zweiten Vortrag zum vorangegangen Vortrag zu halten, wurde Professor Wolling von der Universitätsleitung schriftlich angeboten, ebenfalls im Rahmen der Seniorenakademie einen eigenen Vortrag zu diesem Thema zu halten."

Jena: "Sprachliche Vorschriften" für Dozenten?

An der Universität Jena war es vor Weihnachten zu einer Auseinandersetzung am Institut für Soziologie gekommen. In einer Vorlesung zum Thema "Kultureller Wandel" wollte der Dozent auch die Thesen des US-Forschers Samuel P. Huntington ("Kampf der Kulturen") behandeln. Das allerdings stieß auf Widerspruch seitens einer Studentin, die Huntington für einen "Kulturrassisten" hielt. Zudem versuchten einige Teilnehmer der Vorlesung, dem Dozenten "sprachliche Vorschriften" zu machen etwa mit Blick auf gendergerechte Sprache. Dies bestätigte der Dozent MDR THÜRINGEN, der sich ebenfalls nicht öffentlich äußern möchte.

Auch der Soziologe Klaus Dörre, der wie Nikolaus Knoepffler an der Universität Jena forscht und lehrt, kennt diesen Fall. Der Professor sagt dazu, dass bei "Teilen der Studierenden Gesinnung vor Wissenschaftlichkeit" gehe. In Jena betreffe dies aber "nur eine kleine, aber häufig sehr aktive Gruppe von Studierenden". Dahinter sehe er "keineswegs eine durchgängige Tendenz". Insgesamt betrachtet gebe es "keine generellen Probleme mit linken Studierenden". Gelegentlicher Protest sei legitim. "Viel häufiger dürften allerdings Attacken von rechtsaußen sein", ergänzte Dörre. "Trolle, die sich über Aussagen einzelner Kollegen hermachen, Druck auf einzelne Wissenschaftler, Attacken von rechtsradikalen Youtubern etc. Das kommt häufig von außen, ist in der Summe aber ein völlig unterschätztes Problem." Dörre selbst sei im Internet mehrfach von Anhängern der rechtsextremen "Identitären Bewegung" angegriffen worden.

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 29. Februar 2020 | 18:00 Uhr

121 Kommentare

MDR-Team vor 46 Wochen

@ metagross: Ihre Meinung ist Ihnen unbenommen, aber "so tolerant und offen wie ein sowjetischer Politkommissar" ist hart an der Grenze zur Nicht-Freigabe des Kommentars. Bitte verbal ein kleines bisschen abrüsten. Danke

metagross vor 46 Wochen

Sie scheinen in jedem Kommentar die geballte intellektuelle Schlagkraft der links-grünen Deutungshoheit.
So tolerant und offen wie ein sowjetischer Politkommissar.

Bei Rauschers zwei harmlosen Tweets machen Sie genau so ein Fass auf, wie bei Lucke.
Selbst wenn man den Inhalt ablehnt, verstoßen diese gegen kein Gesetz. Dass sich trotz legaler Äußerungen Studenten und Co. bemühen, dies zu kommentieren, scheint mir recht übertrieben.

Offenbarend: Von tatsächlichen Studenten seiner eigenen Vorlesungen bekam Rauscher Zuspruch. Gegenwind bekam er hingegen von den üblichen Verdächtigen aus Antifa und Co. - Keiner davon ein Jurist.

Rauscher wurde dann auch interviewt und hat dort wahre Antworten geliefert. In peinlicher Manier haben Linke natürlich wieder nichts Sinnvolles zu entgegnen und "protestieren" dann lieber.

metagross vor 46 Wochen

Sie sollten weniger in der "Roten Fahne" recherchieren und mehr selbstständig die Recherche in die Hand nehmen. - Eine Ungleichheit ist nicht immer eine Ungerechtigkeit.

Wir wissen zum Beispiel dank einer sehr übersichtlichen Studie von Kirsch et al., dass in Rechtschreibung und Literatur, etc. Weiße bei gleichem Schulabschluss trotzdem besser abschneiden. - Ich bin mir sicher: Das steht vermutlich nicht in der Roten Fahne.

Da ist es aber verständlich, dass Arbeitgeber, dann eher den - im Schnitt - besser Qualifizierten einladen.

Ja, ich weiß schon. Alle Intelligenzwissenschaftler lügen, Kraniometrie und Hirnmessungen sind erfunden und Jensen, Rushton und Co haben sich alles nur ausgedacht. Alles hat rein sozio-ökonomische Gründe.

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