Social-Media-Symbole auf einer Tastatur
Das Kreuzchen kann noch nicht online gesetzt werden. Aber der Wahlkampf wird längst auch im Internet ausgefochten. Bildrechte: MDR/PantherMedia/maxxyustas

Landtagswahl Digitaler Wahlkampf: So nutzen Thüringer Parteien Instagram und Facebook

Auch online tobt der Wahlkampf. Vor der Landtagswahl in Thüringen am 27. Oktober hat Politikberater und Blogger Martin Fuchs beobachtet, wie sich Parteien und Politiker bei Facebook und Instagram präsentieren. Im Interview erklärt er, von welchen Beiträgen er abrät und wann es in Ordnung ist, sein Essen zu fotografieren.

von Martin Moll

Social-Media-Symbole auf einer Tastatur
Das Kreuzchen kann noch nicht online gesetzt werden. Aber der Wahlkampf wird längst auch im Internet ausgefochten. Bildrechte: MDR/PantherMedia/maxxyustas

Mike Mohring (CDU) zeigt sich auf Facebook mit Sportreporter Waldemar Hartmann, Thomas Kemmerich (FDP) postet ein Bild von sich mit Schauspielerin Nora Tschirner. Wie kommen Promi-Fotos beim Wähler an?

Dass Promis ein gutes Wort für Kandidaten einlegen, wird seit Jahrzehnten gemacht. Und wenn jemand den Prominenten besser kennt als den Politiker, kann dies durchaus ein gewisses Vertrauen beim Wähler schaffen. Aber am Ende geht es natürlich um die Persönlichkeit des Politikers oder der Politikerin.

Wolfgang Tiefensee (SPD) und Anja Siegesmund (Grüne) posten häufig Fotos, die sie im Wahlkampf zeigen …

… im Gespräch mit potenziellen Wählern an Wahlkampfständen und auf Marktplätzen? Ja, das machen einige Politiker gerne. Ich frage mich: Wo ist da der Mehrwert? Außer Hardcorefans und den eigenen Wahlkämpfern interessiert das doch eigentlich niemanden.

Blogger und Politikberater Martin Fuchs.
Blogger und Politikberater Martin Fuchs. Bildrechte: MDR/Martin Fuchs

Zu welchen Beiträgen raten Sie Politikern?

Wichtig ist doch: Was ist die Idee der Kandidaten für Thüringen? Was ist ihre Vision? Darum funktionieren Beiträge gut, die mit der eigenen Weltanschauung und den Werten der eigenen Wähler oder Sympathisanten zu tun haben.

Bodo Ramelow (Linke) teilte der Welt kürzlich mit, dass er ein Schnitzel mit Pommes in Suhl genossen hat. Ist es als Politiker ratsam, ein Foto seines Mittagessens zu posten?

Definitiv. Und wenn man es dann noch schafft, eine Botschaft damit zu verknüpfen - etwa, dass man Bioprodukte aus Thüringen auf dem Tisch hat -, dann ist es perfekt. Persönliches mit Politischem verbinden - das funktioniert auf Social Media.

Was ist das beste Rezept im digitalen Wahlkampf?

Ein gutes Patentrezept wäre, dass Politiker und Parteien Social Media nicht erst kurz vor den Wahlkämpfen entdecken, sondern dass sie als fester Bestandteil der Parteiarbeit etabliert werden. Vertrauen baut man nicht in wenigen Wochen auf. Man sollte auf den verschiedenen Plattformen unterwegs und sichtbar sein, mit Leuten ins Gespräch kommen – genauso wie es auf dem Marktplatz der Fall ist. Der Dialog, der Social Media ausmacht, sollte gelebt werden: Weniger seine eigenen Positionen in die Welt hinausposaunen, sondern viel häufiger fragen, wie die Thüringer Wähler die Dinge sehen. Man sollte die Möglichkeit anbieten, Inhalte zu diskutieren und vielleicht Einfluss darauf zu nehmen. Der Umgang der Politiker und Parteien mit Social Media muss darüber hinausgehen, zu hoffen, dass jemand ein schönes Foto "liked". Und die Bürger müssen die Chance haben, Teil einer Community zu werden, dass sie sich als aktiver Teil der Parteiarbeit oder der Arbeit des Kandidaten verstehen. Dabei kann es hilfreich sein, dass man im Wahlkampf etwa Bildgeneratoren zur Verfügung stellt, die man personalisieren und anpassen kann, sodass sie von den Nutzern gerne geteilt werden.

Die Facebookseite der AfD Thüringen wurde 27.400 Mal mit „gefällt mir“ markiert - mehr als die Seiten von Linke, CDU, SPD, FDP und Grüne zusammen. Was macht die AfD anders?

Die AfD ist die erste wirkliche Facebook-Partei. Die Art und Weise, wie die AfD Emotionen und Ängste schürt und wie sie Skandalthemen hochzieht, funktioniert in Social Media sehr gut. Wer draufhaut und sagt, was die Landesregierung falsch gemacht hat, bekommt mehr Aufmerksamkeit als jemand, der einen politischen Kompromiss zwischen drei Parteien erklären muss. Hinzu kommt, dass die Community seit der Parteigründung sehr gut eingebunden ist, viele Posts teilt und kommentiert. Es gibt aber noch einen anderen Grund.

Welchen?

Als die AfD 2013 gegründet wurde, hatte sie quasi keine Infrastruktur und die mediale Berichterstattung war zunächst sehr gering. Wer sich über die Partei informieren wollte, musste im Grunde genommen auf Facebook gehen. Folglich ist die komplette Parteiarbeit auf Facebook gewachsen - das ist der große Unterschied zu den Parteien, die schon da waren, bevor es Facebook gab und die sich dann mit ihren Strukturen an die digitalen Plattformen andocken mussten. Übrigens fällt auf, dass die AfD in Thüringen weniger erfolgreich ist als man zunächst denken könnte.

Obwohl die Seiten der AfD und ihres Spitzenkandidaten Björn Höcke so viele "Likes“ haben?

Bei diesen absoluten Zahlen liegt die AfD weit vorne, aber wir wissen dank aktueller Studien, dass viele Fans außerhalb Thüringens leben - und auch zahlreiche Accounts mit unauthentischem Nutzerverhalten darunter sind - unter anderem klassische Fake-Accounts. Also zum Beispiel Accounts, wo Menschen aus aller Herren Ländern dafür bezahlt werden, dass sie Inhalte teilen oder auf „gefällt mir“ klicken. Dadurch denkt der Facebook-Algorithmus, es handelt sich um wichtige Beiträge und zeigt sie mehr Menschen an. Somit steigt die Reichweite und Sichtbarkeit der AfD im Vergleich zu anderen Parteien. Trotzdem sind andere Parteien erfolgreicher, wenn man sich anschaut wie die eigenen Fans mobilisiert werden. Ein Blick auf die Interaktionsraten zeigt sehr deutlich, dass zum Beispiel Grüne und SPD in Thüringen wesentlich höhere Interaktionsraten für ihre Postings aufweisen. Also relativ sehen mehr Leute die Inhalte, weil diese mehr "geliked", geteilt oder kommentiert werden. Damit finden diese eine größere Verbreitung und Sichtbarkeit. Aber in absoluten Zahlen wird die AfD trotzdem wohl mehr Reichweite erzielen, weil sie einfach von einer viel höheren Basis aus in den Wahlkampf gestartet ist. Aber die Mobilisierung ist eben nicht so stark, wie man das in anderen Wahlkämpfen zuletzt gesehen hat und wie dies auch von Experten erwartet wurde.

Wieso spielt Youtube in diesem Zusammenhang kaum eine Rolle?

Das ist in der Tat überraschend, wenn man bedenkt, dass sich extrem viele Menschen dort informieren oder ihre Freizeit verbringen. Die Linke hat es geschafft, diesen Kanal mit einer eigenen Idee zu nutzen - auch wenn sie wie andere Parteien dort nicht sonderlich sichtbar ist, was an der Zahl der Nutzer liegt, die den Kanal abonniert haben. Für Youtube müssen politische Inhalte anders aufbereitet werden, das kostet Zeit und Geld - und Ideen. Es genügt nicht, eine stundenlange Rede hochzuladen. Wie es funktionieren kann, zeigt zum Beispiel der Europaabgeordnete Tiemo Wölken (SPD). Er hat es geschafft - auch mit der Unterstützung von Influencern - extrem große Reichweiten aufzubauen. Er erstellt kontinuierlich Inhalte, er zeigt, wie es in Straßburg und Brüssel aussieht, was er da macht. Man kann ihm Fragen stellen und er kommentiert andere Youtube-Videos.

Wie wichtig ist der digitale Wahlkampf geworden?

Social Media sind fester Bestandteil des Kommunikationsverhaltens von Wählern und Wählerinnen – und folglich auch von politischen Kampagnen. Ich würde die These aufstellen: Man gewinnt auch in Thüringen keinen Wahlkampf mit einer perfekt gemachten Social-Media-Kampagne - man wird ihn allerdings verlieren, wenn man Social Media nicht nutzen würde.

Nutzen folglich alle großen Parteien diese Kommunikationswege?

Ja, wenn auch mit verschiedener Intensität. CDU und AfD haben während der vergangenen vier Wochen mehr als 100 Facebook-Beiträge gepostet - die Linke etwa gut 30. Einige haben das Netz stärker als Aktionsraum erkannt - und haben deshalb wohl auch ein größeres Social-Media-Team.

Was ist Ihnen bei der Beschäftigung mit dem Wahlkampf in Thüringen besonders aufgefallen?

Es gibt große Unterschiede in der Art und Weise, wie Inhalte erstellt werden, was im Fokus liegt, und wie Fans und Follower angesprochen werden - und wie mit Emotionen gespielt wird. Als dieser Tage aber Morddrohungen bei einigen Politikern eingingen oder sie anderweitig bedroht wurden und das öffentlich machten, hat dies für Zusammenhalt gesorgt, auch über die politischen Lager hinweg - das finde ich sehr wichtig.

Diese Beiträge erreichten im Wahlkampf viele User

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | Thüringen Journal | 24. September 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Oktober 2019, 09:34 Uhr

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