"Operation Aderlass" Doping-Prozess um Mark Schmidt: Es drohen vier bis sechs Jahre Haft

Es ist einer der größten Doping-Prozesse in Deutschland. Seit Mittwoch muss sich Mark Schmidt aus Erfurt mit vier seiner mutmaßlichen Komplizen vor dem Landgericht München verantworten. Nach Einschätzung des Gerichts drohen ihm vier bis sechs Jahre Haft.

In München hat am Mittwochvormittag der Prozess um den Erfurter Sportarzt Mark Schmidt begonnen. Um Geld zu verdienen, soll Schmidt ab 2011 von Erfurt aus weltweit, vor allem in Deutschland und Österreich, insbesondere im Bereich des Rad- und Wintersports, systematisches Blutdoping betrieben haben. Der Arzt sitzt seit gut 1,5 Jahren in Untersuchungshaft.

Verlesung der Anklage beginnt mit Verzögerung

Die Verlesung der Anklage durch Oberstaatsanwalt Kai Gräber im Prozess gegen die fünf Angeklagten begann am Mittwoch vor dem Landgericht München II mit Verzögerung. Die Anwälte der Angeklagten forderten die Streichung von Passagen der Anklageschrift, die nach ihrer Ansicht keine strafrechtlichen Handlungen beinhalten würden. Es geht in den mit kursiver Schrift gekennzeichneten Textteilen zum Beispiel um die Dokumentation von Blutabnahmen bei Athleten. Die Richterin entschied jedoch nach einer Unterbrechung der Verhandlung, dass die Anklage komplett vorgelesen werden darf.

Mit Handschellen wird Mark Schmidt in einen Gerichtssaal gebracht.
Mit Handschellen wurde Mark Schmidt in einen Gerichtssaal gebracht. Bildrechte: MDR/Marcus Scheidel

Gericht stellt vier bis sechs Jahre Haft in Aussicht

Nach der Mittagpause wurde bekannt, dass es im Juli Verständigungsgespräche zwischen Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigern gab. Für den Fall umfangreicher Geständnisse stellte das Gericht für Mark Schmidt eine Strafe von vier bis sechs Jahren in Aussicht, für den Mittäter Dirk Q. bis zu dreieinhalb Jahre, für die Helfer könne es Bewährung geben. Die Vorstellungen der Verteidiger lagen leicht darunter, die der Staatsanwaltschaft leicht darüber. Eine Verständigung kam nicht zustande.

Am Nachmittag verlas der Verteidiger des mutmaßlichen Mittäters Dirk Q. ein sogenanntes Eingangsstatement. Darin bemängelte er, dass die Akten nicht vollständig seien, die Ermittlungen nicht erst im Januar 2019 durch eine ARD-Sendung angestoßen wurden. Aus den Akten und aus der Beobachtung der Prozesse gegen österreichische Athleten, die zu Schmidts Kunden gehörten, ergebe sich ein anderes Bild, so der Verteidiger.

Es dränge sich der Verdacht auf, dass die Ermittlungen schon viel früher begannen und die Fahnder auf Informationen privater Unternehmen zurückgegriffen hätten. Dies sei jedoch nicht zulässig, das Verfahren deshalb nicht fair und die Verteidigung durch fehlende Informationen in ihrer Arbeit behindert, sagte der Verteidiger. Das Verfahren müsse deshalb eingestellt werden.

Anwalt: "Schlag gegen Rechtsstaat"

Der Anwalt sprach von einem Anschlag auf den Rechtsstaat. Säßen vielleicht Bauernopfer auf der Anklagebank? Schütze die Staatsanwaltschaft da vielleicht jemanden? Warum seien zum Beispiel noch aktive und wirklich erfolgreiche Athleten nicht befragt worden? Der Verteidiger nannte bekannte Namen, betonte aber, dass dies tatsächlich alles nur Fragen seien, die sich aufdrängten. Fragen, die wie Vorwürfe klingen, und die der Staatsanwalt umgehend zurückwies.

Fast ein Jahrzehnt Doping

Mark Schmidt soll seit 2011 bis zum Februar 2019 Sportler gedopt haben, die unter anderem auch an den Olympischen Winterspielen von Pyeongchang/Südkorea, an Weltmeisterschaften oder der Tour de France teilgenommen haben. Er habe sich dabei in fast 150 Fällen des Verstoßes gegen Arnzeimittel- und Dopinggesetze schuldig gemacht und außerdem in einem Fall der gefährlichen Körperverletzung.

Das Netzwerk war aufgeflogen, nachdem der österreichische Langläufer Johannes Dürr in einer ARD-Dokumentation über Doping berichtet hatte. Daraufhin hatte es am 27. Februar 2019 Razzien bei der nordischen Ski-WM in Seefeld und in Erfurt gegeben. In Thüringen wurde dabei Mark Schmidt als Organisator des Sportbetrugs festgenommen. Er sitzt seitdem ebenso in Untersuchungshaft wie einer seiner Helfer, der rund drei Wochen später ebenfalls verhaftet worden war. Die Verteidiger kritisierten den sehr langen Zeitraum der Untersuchungshaft und gingen dagegen mit Verfassungsbeschwerden vor.

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Mark Schmidt will sich später außern

Am Freitag wird weiterverhandelt. Die mutmaßlichen Helfer haben Aussagen angekündigt. Mark Schmidt, der während der Ermittlungen mit den Fahndern sprach, will sich erst später äußern. Vor Prozessbeginn war noch unklar, ob Schmidt als Hauptangeschuldigter sprechen und vielleicht auch weitere Helfer oder Sportler seines Netzwerkes preisgeben werde. Er hatte nach seiner Verhaftung laut Staatsanwaltschaft noch mit den Ermittlern kooperiert, nach fünf mündlichen und einer schriftlichen Aussage aber geschwiegen.

Für einen der größten Dopingprozesse hierzulande hat das Landgericht München 26 Verhandlungstage bis Weihnachten veranschlagt. Dabei sollten auch viele ehemalige Sportler als Zeugen geladen werden.

Quelle: MDR THÜRINGEN/jml/dpa

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | THÜRINGEN JOURNAL | 16. September 2020 | 19:00 Uhr

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