Reaktionen Eingeschränkter Bewegungsradius: Was dafür und dagegen spricht

Entschieden ist bisher noch nichts. Doch Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) plant, den Bewegungsradius der Thüringer auf 15 Kilometer rund um die eigene Wohnung zu beschränken. In einer Videobotschaft am Sonntag kündigte er an, seinem Kabinett einen solchen Vorschlag zu unterbreiten. Er solle auch als Schutzmaßnahme für die Nachbarländer verstanden werden. Doch was kann eine solche Regelung leisten und was nicht? Wir haben Stimmen aus Thüringen gesammelt.

Zwei Polizisten mit Mund-Nasen-Schutzmaske auf dem Hauptbahnhof Erfurt
Polizeibeamte auf dem Erfurter Hauptbahnhof: Bildrechte: MDR/Karina Heßland-Wissel

In einigen Landkreisen gibt es bereits eine Ausgangssperre, die auch tagsüber gilt. In vielen anderen Landkreisen und Städten gilt die Ausgangssperre aber nur zwischen 22 und 5 Uhr. Dies führte zu teilweise absurden Situationen, zum Beispiel im Landkreis Hildburghausen.

Screenshot Bodo Ramelow in einer Videoboschaft auf dem YouTube-Kanal des Freistaats Thüringen
Bodo Ramelow bei seiner Videobotschaft am Sonntag. Bildrechte: Screenshot Youtube-Kanal Freistaat Thüringen


Während die Bewohner des Landkreises ihr Haus nicht ohne triftigen Grund verlassen durften, verstopften Zugereiste die dortigen Rodelhänge, zum Beispiel in der Gemeinde Masserberg. Dies veranlasste auch Masserbergs Bügermeister Denis Wagner zu der dringenden Bitte an alle Ausflügler, den Ort nicht zu besuchen, auch weil Parkplätze voll und den Anwohnern das hohe Gästeaufkommen nicht mehr zuzumuten sei.

Gleichzeitig kritisierte der Bürgermeister aber auch die Entscheidung des Landes, die Skilifte zu schließen. Denn so sei verhindert worden, den Wintertourismus in die richtigen Bahnen zu lenken, sodass Abstandsregeln beachtet werden.

Wintersport-Orte entlasten

Menschen am Rodelhang in Oberhof im Thüringer Wald
Volle Rodelpisten in Oberhof Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch anderere Wintersportgebiete wurden teilweise regelrecht überrannt. Der Bürgermeister von Oberhof sieht sich sogar dazu gezwungen, den Ort ab Mittwoch für Gäste zu sperren. Am Montag liefen Gespräche mit dem Innenministerium, dass Oberhof nur noch mit Passierschein betreten und befahren werden darf.

Eine Ausgangsbeschränkung für alle Thüringer würde also die Wintersportgebiete im Thüringer Wald entlasten. Die Behörden vor Ort wären dadurch in der Lage, die Corona-Maßnahmen zu kontrollieren und durchzusetzen, da weniger Leute kämen.

Problem könnte sich verlagern

Möglicherweise verlagert sich so das Problem aber nur an andere Orte. In seiner Videobotschaft ruft Ramelow selbst dazu auf, dass zum Beispiel die Erfurter doch lieber im eigenen Steigerwald spazieren gehen sollen. Bereits über die Feiertage waren die Wege im Steiger jedoch überfüllt. Eine Einschränkung des Bewegungsradius könnte dies noch befördern. In anderen Städten ist die Situation ähnlich.

Dazu kommt: Die Ansteckungsgefahr im Freien ist umstritten. Der Virologe Alexander Kekulé sagte zum Beispiel im September:  

Es gibt keinen Ausbruch im Freien, der dokumentiert wäre, wo man eine große Zahl von Infektionen hat, im Sinne eines Super-Spreader-Ereignisses.

Alexander S. Kekulé

Sicher scheint zumindest, dass die Gefahr einer Infektion in Innenräumen deutlich größer ist als draußen. Das bestätigen auch die Daten des RKI.

Eine Übertragung von SARS-CoV-2 durch Aerosole ist in bestimmten Situationen über größere Abstände möglich, zum Beispiel wenn viele Personen in nicht ausreichend belüfteten Innenräumen zusammenkommen und es verstärkt zur Produktion und Anreicherung von Aerosolen kommt. [...] Übertragungen von SARS-CoV-2 im Freien über Distanzen von mehr als 1,5 m und die Vermeidung von größeren Menschenansammlungen sind bisher nicht beschrieben.

FAQ des Robert Koch-Institut

Widerspruch aus Opposition und Regierung

Auch Kabinettsmitglied Heike Taubert (SPD) argumentiert auf Twitter gegen eine Einschränkung des Bewegunsgsradius. Eine solche Maßnahme habe bereits im Erzgebirge nicht den gewünschten Effekt erzielt, so Thüringens Finanzministerin. Man solle doch nicht diejenigen bestrafen, die frische Luft nutzen anstatt die Wohnung.

Kritik kam auch von der Opposition. Die CDU sprach von einem Wohnort-Arrest für die Einwohner. Den Bewegungsradius der Thüringer auf 15-Kilometer zu begrenzen, sei medizinisch, politisch und gesellschaftlich unsinnig.

Die FDP warf der Landesregierung vor, mit ihren Ankündigungen die Menschen zu verunsichern. Statt eine 15-Kilometer-Grenze einzuführen, wäre es sinnvoller, Verkehrsströme umzuleiten und die Besucher vor Ort auf die Corona-Schutz-Vorschriften hinzuweisen.

Der Thüringer Bundestagsabgeordnete der AfD, Stephan Brandner, sprach von "Schikanen". Es sei falsch, gegen Familien vorzugehen, die versuchten, ihren unter den Beschränkungen leidenden Kindern ein paar frohe Stunden im Schnee zu ermöglichen.

Bausewein nennt Vorschlag absurd

Auch der Oberbürgermeister von Erfurt, Andreas Bausewein (SPD), nannte Ramelows Vorschlag absurd. In Sachsen habe das Sinn gemacht, als es vor Wochen darum ging, den Einkaufstourismus in die Nachbarländer zu unterbinden. In Thüringen sollten so allerdings keine Ausflüge in den Thüringer Wald gestoppt werden, so der SPD-Politiker.

Andreas Bausewein (SPD), Oberbürgermeister von Erfurt, steht im Ratssitzungssaal nach einer Pressekonferenz.
Erfurts Bürgermeister findet Ramelows Vorschlag absurd. Bildrechte: picture alliance/dpa

Das geht komplett am Leben vorbei und bringt die Menschen zu Recht auf die Palme. Wir dürfen ihnen nicht noch die Natur verbieten.

Andreas Bausewein, Oberbürgermeister von Erfurt

Empörung in sozialen Netzwerken

Unüberhörbar ist die Kritik an der Einschränkung des Bewegungsradius auch auf Internetseiten und in sozialen Netzwerken. Hunderte Kommentare richten sich gegen diese Pläne. Eine Auswahl:

Die MP der mitteldeutschen Länder überbieten sich mit unsinnigen Ideen. Es ist schwer zu ertragen, ohne etwas zu verharmlosen.
Da läuft soviel schief, ohne Plan.

peter1 auf mdrthüringen.de

Weil einige Thüringer (wahrscheinlich weniger als 1%, das wären 20.000 von 2 Mio.) nicht seinen Erwartungen entsprechen, will Herr Ramelow allen Thüringern verbieten, sich mehr als 15 km von ihrem Wohnort zu entfernen. Was für ein Demokratieverständnis!

USc auf mdrthüringen.de

"Corona-Daten von heute", Grafik über diesen Kommentaren. Spitzenreiter aktuell Altenburg bei 414. War neulich noch über 600.
Bei diesen rasanten "Anstiegen" müssen wir ganz dringend noch mehr Lockdown machen, sagen Ramelow und Kollegen.
So kommt es mir jedenfalls vor, denn mit der Realität hat das alles nix zu tun, und die alten weißen Männer, die vorwiegend an Corona sterben, werden NULL geschützt, seit 9 Monaten nicht, kann man in jedem Altersheim erfragen.
Übrigens: Die Definition des Wahnsinns ist landläufig wenn man den Kopf zum dritten Mal gegen die Wand schlägt und erwartet, daß es diesmal nicht weh tut...

Freies Moria auf mdrthüringen.de

Einige Kommentatoren zeigen jedoch auch Verständnis, sind aber, zumindest unter dem betreffenden MDR THÜRINGEN-Artikel, in der Minderheit.

Einfach mal die Arschbacken zusammenkneifen und die Kontakte vermindern. Aber so , wie hier reagiert wird, wird das nichts. Man muss eben auch mal verzichten, so schlimm kann das doch nicht sein.

Holger65 auf mdrthüringen.de

Entscheidung ab Dienstag

Die derzeitige Corona-Verordnung des Landes Thüringen ist bis zum 10. Januar gültig. Für die Zeit danach muss eine neue Verordnung beschlossen werden. Nach den Bund-Länder-Gesprächen an diesem Dienstag will Thüringens Regierung Details beraten.

Quelle: MDR THÜRINGEN/nis,dpa

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 04. Januar 2021 | 15:00 Uhr

146 Kommentare

ralf meier vor 7 Wochen

Hallo emlo, zunächst einmal muß ich Ihnen zugestehen, das ich in meiner ersten Reaktion auf den Beitrag des Foristen knarf übereilt und emotional reagiert habe. Da haben Sie mich mit Ihrer Rückmeldung wieder auf den Boden gebracht. Also nichts für ungut. Unabhängig davon sprechen einige Äußerungen des Herrn Lauterbach durchaus dafür, das er seine Kompetenz in Sachen Epidemologie zumindest nicht abgefragt hat, als er einen Lockdown schon bei einer Inzidenz von 25 forderte . Auch seine öffentlichen Spekulationen über 250.000 Tote für den Fall, das es keinen shutdown gegeben hätte, waren zwar Schlagzeilen trächtig, aber laut Einschätzung des Präsidenten des Statistischen Bundesamtes, Georg Thiel unseriös.

Zu den wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen der Pandemie könnte sich Herr Lauterbach bei seinem beruflichen Profil tatsächlich äußern. Dazu habe ich kaum etwas von ihm gehört. Vielleicht, weil der Kollateralschaden des shutdown so gravierend ist ?

MDR-Team vor 7 Wochen

Der Master of Public Health ist nicht zwingend einem Gesundheitsökonomen gleichzusetzen. Herr Lauterbach hatte die Schwerpunkte Epidemiologie und Health Policy and Management (Gesundheitsökonomie).

emlo vor 7 Wochen

Herr Meier, Sie können hier natürlich weiterhin Wortklauberei betreiben. Aber warum wollen (auch) Sie Herrn Lauterbach die Kompetenz in Sachen Epidemie absprechen? Außerdem wird doch immer gefordert, dass auch die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen der Pandemie und der Maßnahmen dagegen Berücksichtigung finden sollten. Und genau dafür hat Herr Lauterbach die passende Qualifikation. Das heißt natürlich nicht dass Sie oder ich ihm in jedem Punkt zustimmen müssen. Aber ihm deshalb generell die Kompetenz in Sachen Corona-Pandemie abzusprechen ist ganz schlechter Stil, denn unter den ganzen Politikern ist er einer der Wenigen, die wirklich fachlich Ahnung von der Materie haben.

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