Kritik an Betreuungssituation Eltern fordern Rückkehr zum Regelbetrieb in Kitas

Die Betreuungssituation in Thüringer Kitas sorgt für immer größeren Unmut. So fordern unter anderem der Kreiselternbeirat Greiz und der Stadtelternbeirat Jena in Briefaktionen vom Bildungsministerium die Rückkehr zum Regelbetrieb spätestens mit Beginn der Sommerferien. Zur Begründung heißt es, das Problem der wegen der Corona-Krise weiterhin eingeschränkten Öffnungszeiten sei elementar.

Eltern übergeben Briefe an Bildungsminister Holter
Der Stadtelternbeirat Jenaer Kitas übergibt 350 Briefe von Eltern an Thüringens Bildungsminister Holter. Bildrechte: MDR/Stadtelternbeirat Jena

Viele Eltern bräuchten das Angebot des Früh- und Spätdienstes, um wieder regulär arbeiten gehen zu können, so der Stadtelternbeirat Jena. Viele Betroffene seien nach wie vor gezwungen, Urlaubstage zu nehmen, Arbeitszeitkonten mit Minusstunden zu belasten oder Verdienstausfälle in Kauf zu nehmen. Einigen Eltern drohten bereits Kündigungen.

Weimar: Offene Kindergärten in den Ferien gefordert

In Weimar fordern die Stadtratsfraktionen von CDU, weimarwerk, FDP und Piraten offene Kindergärten in den Ferien. Die Träger sollten auf Schließzeiten im Sommer verzichten oder sie einschränken, heißt es in einem Antrag der Fraktionen. Oberbürgermeister Peter Kleine (parteilos) solle mit ihnen ins Gespräch kommen und Lösungen finden.

Viele Eltern hätten bereits ihren Jahresurlaub während der Corona-Krise genommen und würden einem Arbeitssommer entgegensehen, so die Begründung. Die Eltern müssten entlastet werden. Vorgelegt wird der Antrag in der nächsten Stadtratssitzung.

Auch die Bürgermeister der Städte Saalfeld, Rudolstadt und Bad Blankenburg fordern in einem offenen Brief an Bildungsminister Helmut Holter (Linke), zum Normalbetrieb zurückzukehren.

Beispiel Jena

Wie der Stadtelternbeirat MDR THÜRINGEN mitteilte, bietet der größte Teil der 71 Kitas eine Betreuungszeit von acht Stunden an. Außerdem könne ein erheblicher Teil der Einrichtungen bisher sogar neun Stunden Betreuung gewährleisten. Allerdings seien diese Zahlen trügerisch, da es durch Ausfall von Erzieherinnen aufgrund von Krankheit oder Urlaub innerhalb kürzester Zeit zu weiteren Einschränkung der Betreuungszeit kommen könne. So konnte laut Beirat die Betreuung einer Kleinkindgruppe in einer Kita eine Woche lang tatsächlich nur für viereinhalb Stunden erfolgen, da ein Erzieher erkrankt war. Diese Problematik könne alle treffen und wird sich aus Sicht des Stadtelternbeirats Jenaer Kitas in der Ferienzeit weiter verschärfen. So muss zum Beispiel eine Kita, die aktuell acht Stunden anbietet, in den Ferien für drei Wochen aufgrund von Urlaub auf sechs Stunden Betreuungszeit reduzieren. Selbst acht Stunden Betreuungszeit reiche vielen Eltern nicht aus, ihrer Berufstätigkeit vollumfänglich nachzugehen. Besonders treffe dies pendelnde Berufstätige, Vollzeitangestellte, Eltern im Schichtdienst und Alleinerziehende. So müssten weiterhin Urlaubstage aufgebraucht, Arbeitszeitkonten mit Minusstunden belastet oder gar Verdienstausfälle in Kauf genommen werden. "Das darf nicht so weiter gehen! Familien brauchen endlich Entlastung, schließlich haben sie einen wesentlichen Beitrag zur Eindämmung der Pandemie geleistet", so der Stadtelternbeirat wörtlich. Die Rückkehr zum Regelbetrieb sei alternativlos.

Landesregierung plant Einschränkungen bis Ende August

Aus der Rückkehr zum Regelbetrieb wird allerdings vorerst nichts werden. Auch die ab 16. Juli geltende neue Corona-Verordnung der Landesregierung sieht einen eingeschränkten Regelbetrieb bis Ende August vor. Nach den Worten Holters wird allerdings das Infektionsschutzkonzept in der neuen Verordnung entschärft.

Bisher werden die Kinder in sogenannten festen Gruppen betreut. Das heißt: Wenn eine Betreuerin erkrankt, dann muss die ganze Kindergruppe zu Hause bleiben. In der neuen Verordnung ist von "Gruppenverbänden" die Rede. Das bedeutet: Wenn eine Kindergärtnerin erkrankt oder im Urlaub ist, dann wird sie künftig durch eine andere ersetzt und die Kinder können weiterhin in der Kita betreut werden.

Nach Angaben des Bildungsministeriums sind aktuell 82,2 Prozent aller Kindergartenkinder in Betreuung, davon knapp 47 Prozent länger als acht Stunden. Der volle Rechtsanspruch im Normalbetrieb der Kitas liegt bei zehn Stunden.

Lockerung: Trotz Schnupfen in die Kita

Einen weiteren Kritikpunkt hat das Bildungsministerium mittlerweile entschärft. So werden die Betretungsverbote für Kindergärten und Schulen mit der neuen Corona-Verordnung gelockert. Wie ein Sprecher des Bildungsministeriums MDR THÜRINGEN mitteilte, wird der Passus "allgemeine Erkältungssymptome" gestrichen.

Damit müssen Eltern dann nicht mehr bei jedem Schnupfen und Husten zum Kinderarzt, um eine Unbedenklichkeitsbescheinigung vorlegen zu können. Nur bei einer eindeutigen Covid-19-Symptomatik dürfen die Einrichtungen weiterhin nicht betreten werden. Bisher war allen Kindern mit jeglichem Husten- und Schnupfensymptomen der Zutritt in Kitas und Schulen untersagt. Eltern mussten zu Kinderärzten, um sich bescheinigen zu lassen, dass es sich nicht um eine Covid-19-Erkrankung handelt.

Das habe in den vergangenen Wochen zu einem regelrechten Ansturm auf die Kinderarztpraxen geführt und für teils chaotische Zustände gesorgt, so die Kassenärztliche Vereinigung (KV).

Landeselternvertretung fordert Normalbetrieb

Auch die Landeselternvertretung der Kindergärten in Thüringen (TLEVK) fordert die Rückkehr zu den normalen zehnstündigen Öffnungszeiten der Kitas. Wie die TLEVK mitteilte, wurde der Begriff "feste Gruppe" bei der Betreuung von den Kindergärten unterschiedlich und teils sehr kreativ definiert.

Manche Kindergärten hätten den ganzen Kindergarten als Gruppe definiert. Mit größeren Gruppen gebe es auch weniger Probleme - es sei denn, es käme zu einem Corona-Fall. Dann müsse die komplette Kita dicht machen.

Beschwerden von Eltern träfen zum Beispiel bei der TLEVK ein, wenn ein Kindergarten zwar sechs Stunden öffne, aber beispielsweise nur von 7 bis 13 Uhr. Das sei für berufstätige Eltern nur schwer umsetzbar. Die Kitas müssten auch selbst kreativ werden. "Es war immer Spielraum da. Es ist nicht nur die Regierung verantwortlich", heißt es wörtlich in einer Stellungnahme der TLEVK für MDR THÜRINGEN.

Brief einer Mutter
In diesem Brief schildert eine Mutter ihre schwierige Situation. Bildrechte: MDR/Stadtelternbeirat Jena

Erzieher-Gewerkschaft weiterhin für Einschränkungen

Mit dem weiterhin eingeschränkten Regelbetrieb in den Kitas bis Ende August liegt das Bildungsministerium voll auf der Linie der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Thüringen. Wie die GEW mitteilte, ergibt das aus Sicht der Beschäftigten durchaus Sinn, weil die Gesundheitsgefahren durch Corona noch nicht gebannt seien.

Schwierig sei, dass es keine landesweiten Standards für die Hygienekonzepte der jeweiligen Träger der Kitas gibt. Das habe die Landesregierung bisher nicht ausreichend gemacht. Die Folge sei, dass jeder Träger mache, was er wolle, und entsprechend groß sei die Verunsicherung der Beschäftigten.

In Thüringen gibt es derzeit 94.659 Kindergartenkinder in 1.334 Einrichtungen. Der Kindergarten ist übrigens eine Thüringer Erfindung. 1840 wurde der erste Kindergarten der Welt in Bad Blankenburg eröffnet.

Quelle: MDR THÜRINGEN/nis

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 08. Juli 2020 | 16:00 Uhr

1 Kommentar

H.E. vor 3 Wochen

Ich sehe es sowohl bei meinem Sohn als auch bei meiner Tochter. Alles hat man im Blickfeld gehabt, bis auf eine ausreichende Fürsorge für berufstätige Eltern/Alleinerziehende in der Corona - Zeit. Da war es wieder mal selbstverständlich, daß Eltern alles allein stemmen können, während man andere gehätschelt hat. Eltern kann man alles zumuten, oder heißt es provokant "selber schuldig, daß ihr Kinder habt".

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