Exakt - Die Story | 23.10.2019 | 20:15 Uhr Die rot-rot-grüne Erfahrung: Thüringen vor der Wahl

"Wir werden nicht alles anders, aber vieles besser machen." Mit diesem Slogan ist Bodo Ramelow im Herbst 2014 in den Landtagswahlkampf gezogen. Wenige Monate später war er der erste Linke-Ministerpräsident einer rot-rot-grünen Landesregierung in Deutschland. Am kommenden Sonntag wird ein neuer Landtag gewählt und es stellt sich die Frage: Hat Rot-Rot-Grün vieles besser gemacht und wenn ja, was? Eine MDR-Fernsehreportage geht dieser Frage nach.

von Ludwig Kendzia

Henriette Böttner geht auf einem Weg.
Niemand nimmt sie mit, deshalb muss sie mit ihren Einkäufen nach Hause laufen: Henriette Böttner. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Da steht sie ganz alleine. Auf einer einsamen Landstraße zwischen Berlstedt und Schwerstedt im Weimarer Land. Henriette Böttner hat einen Beutel voller Einkäufe. "Da muss ich in den sauren Apfel jetzt beißen", sagt die 75-Jährige, nimmt ihre schwere Einkaufstasche und macht sich auf den vier Kilometer langen Heimweg. Zuvor hat sie auf dem Parkplatz eines Supermarktes verzweifelt Nachbarn angesprochen, damit die sie wieder mit nach Hause nehmen. Doch die können nicht und der Bus fährt erst Stunden später. "So ein Mist", murmelt die alte Dame und macht sich auf den beschwerlichen 45-minütigen Weg nach Hause.

Eingefangen haben diese Szene Reporter von MDR THÜRINGEN und MDR "Exakt" für eine einstündige Dokumentation zur Landtagswahl in Thüringen. Sechs Monate waren sie im Kreis Weimarer Land unterwegs. Sie sind der Frage nachgegangen: Welche Auswirkungen haben die Entscheidungen der Landespolitik auf die Menschen im Land, wie Henriette Böttner und die beispielsweise schlechten Nahverkehrsbedingungen in ihrer Region?

Ehrenamtliche Politiker in der Hauptrolle

Doch statt nur einzelne Schicksale darzustellen, hat das Team ehrenamtliche Kommunalpolitiker bei ihren Begegnungen mit den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort begleitet. Fünf Mitglieder des Kreistages im Weimarer Land sind die Protagonisten des Films. Sie stehen für die fünf im Landtag vertretenen Parteien. Aus diesem Grund wurde von dem MDR-Fernsehteam auch der Kreistag in Apolda herausgesucht: denn er ist der einzige Kreistag, in dem zwischen 2014 und 2019 auch die AfD vertreten war, wie auch im Thüringer Landtag.

Der Kreis Weimarer Land wurde so für sechs Monate zu einem Beobachtungslabor für das MDR-Fernsehteam. Dabei eignet er sich auch deshalb für diese Dokumentation, weil er ländlichen Raum und urbane Städte miteinander verbindet. An den West- und Ostflanken liegen Erfurt und Jena, mittendrin Weimar. Trotzdem gibt es viele kleine und teilweise abgeschiedene Dörfer, die gut die ländlichen Strukturen von Thüringen abbilden. In fünf Kapiteln begleiten die Reporter jeweils einen ehrenamtlichen Kreistagsabgeordneten zu einem bestimmten Thema. Dazu gehören innere Sicherheit, Asylpolitik, Demografie und Nahverkehr, Klima- und Umweltpolitik und die Bildungspolitik.

Studiorunde Landtagswahl 23 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Fünf Mitglieder des Kreistages im Weimarer Land diskutieren darüber, welche Auswirkungen die Entscheidungen der Landespolitik auf die Menschen im Land haben.

Mi 23.10.2019 20:45Uhr 22:41 min

https://www.mdr.de/thueringen/video-studiorunde-weimarer-land-politiker100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Unterwegs im Weimarer Land

Da ist Eberhard Hildebrandt von der CDU, er ist Kreistagsmitglied und Bürgermeister der kleinen Gemeinde Mellingen. Er hat eine Grundschule und ein Gymnasium im Ort. Noch läuft es dort, noch sind genügend Lehrer da. Aber Hildebrandt kennt die Probleme: Sanierungsstau an den Gebäuden, Unterrichtsausfall und Personalstress bei den Lehrern. Eine von Ihnen ist Marlen Wehle, die als Lehrerin zwischen zwei Schulen pendelt. Kooperationsmodell nennt sich das. Sie unterrichtet in Mellingen und Buttelstedt am Gymnasium. Das bedeutet: viel Zeit im Auto. Viermal in der Woche, jeweils 25 Kilometer. Die Fahrten bekommt die Lehrerin nicht vergütet, das sorgt für Unmut.

Auswirkungen der Landespolitik in der Region

Fünf Kommunalpolitiker aus dem Landkreis Weimarer Land sitzen an einem Tisch
Die Kommunalpolitiker an einem Tisch (v.l.): Dirk Schütze (SPD), Eberhard Hildebrandt (CDU), Gudrun Kittel (Linke), Wolfgang Prabel (AfD), Beatrice Sauerbrey (Grüne) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Immer wieder werden die fünf ehrenamtlichen Kreistagsabgeordneten in ihrem politischen Alltagsleben mit solchen Problemen konfrontiert. Dabei stehen besonders die Mitglieder von Linken, SPD oder Grünen in einem Spannungsfeld zwischen ihrer Loyalität zur Partei und den Auswirkungen von landespolitischen Entscheidungen ihrer eigenen rot-rot-grünen Koalition im Landtag. Um diesen Spannungsbogen darzustellen hat das Fernsehteam die fünf Protagonisten an einen Tisch geholt und sie vor der Kamera gemeinsam diskutieren lassen. Interessant dabei ist zu beobachten, dass für jeden der ehrenamtlichen Politiker der lokale Politikbereich immer an erster Stelle steht. Da wird mitunter die Kritik an der Landesregierung nicht nur von den beiden CDU- und AfD-Vertretern geübt.

Die Szenen der Debattenrunde in einem Studio, die völlig ohne Moderator funktionieren, ziehen sich wie ein roter Faden durch den 60-minütigen Film. Sie geben einen Einblick in das politische Seelenleben von ehrenamtlich engagierten Menschen auf einer regionalen und lokalen Ebene. Sie zeugen auch hin und wieder vom eigenen Unverständnis über Entscheidungen, die in der fernen Landeshauptstadt Erfurt in den Labyrinthen von Ministerialstrukturen getroffen werden und die am Ende unmittelbare Auswirkungen auf die Menschen vor Ort haben. Auf die Frage, ob nicht alles anders, aber vieles besser gemacht wurde, fallen die Antworten der fünf Protagonisten erwartungsgemäß unterschiedlich aus. Jeder hofft jedoch, für seinen regionalen Bereich, dass es möglichst besser wird.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt - Die Story | 23. Oktober 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Oktober 2019, 08:05 Uhr