Ein vom Baum mit braunen Ästen.
Vertrocknete Fichten im Saale-Orla-Kreis Bildrechte: MDR/Stefanie Reinhardt

Thüringen Forstexperten bezeichnen Zustand der Wälder als katastrophal

Viele Thüringer Wälder sind krank und in ihrem Bestand bedroht. Forstexperten sprechen von katastrophalen Zuständen, gar von einem "nationalen Waldnotstand". Das Massensterben in Thüringens Wäldern hat vielfältige Ursachen; schnelle Lösungen sind nicht in Sicht. Der Vorwurf der Forstleute an die Politik ist da eindeutiger: Viele Volksvertreter, auf Landes-, wie auf Bundesebene, hätten den Ernst der Lage noch immer nicht erkannt. Blumigen Worten würden keine Taten folgen.

von Gerd Nettelroth

Ein vom Baum mit braunen Ästen.
Vertrocknete Fichten im Saale-Orla-Kreis Bildrechte: MDR/Stefanie Reinhardt

Braune, vom Borkenkäfer zerfressene, tote Fichtenwälder; vertrocknende Buchen, die mitten im Sommer in ihrem Überlebenskampf zunächst ihre Blätter und dann ganze Äste abwerfen, um nicht zu verdursten: Was wie das Szenario eines dystopischen Öko-Horrorfilms klingt, ist in vielen Thüringer Wäldern bereits Realität. Nach Angaben der landeseigenen Forstanstalt Thüringenforst und des Waldbesitzerverbandes Thüringen sind besonders Fichten- und Buchenwälder, aber auch Lärchen und Kiefern betroffen.

Die langfristigen Folgen für den Naturraum/das Biotop Wald mit seiner vielfältigen Flora und Fauna, für die Holzwirtschaft, den Tourismus und auch die Boden-, Luft- und Trinkwasserqualität sind konkret und in ihrem Ausmaß noch gar nicht abschätzbar. Es gibt nur Hochrechnungen und Prognosen - und die lassen nichts Gutes erwarten. Um den Wald zu retten, fordern Forstexperten deshalb mehr Geld und mehr Personal. Beides werde gebraucht, um den Borkenkäfer im Wald flächendeckend aufzuspüren zu können und die großen Mengen an Schadholz aus dem Wald zu entfernen.

Waldland Thüringen - Zahlen, Daten, Fakten

Knapp ein Drittel der Landesfläche Thüringens ist - noch - mit Wald bedeckt (520.000 Hektar), damit steht Thüringen mit seinem Waldanteil in Deutschland an siebenter Stelle. 56 Prozent des Waldbestandes sind Fichten, gefolgt von Buchen (20 Prozent) und Kiefern (18 Prozent) und Eichen (6 Prozent). Mehr als 70 Prozent der Waldfläche sind naturschutzrechtlich geschützt. Im Nadelholzwald dominiert die Baumart Fichte und im Laubholzwald die Baumart Buche. Aufgrund ihrer historischen Waldnutzungen sind Harz, Thüringer Wald und Schiefergebirge geschlossene Waldgebiete. Hier ist vor allem die Fichte zu Hause.

Das Thüringer Holzland im Osten ist ebenso waldreich, aber geprägt von der Kiefer. In den Naturräumen Hainich und Dün (auch Dünwald genannt - ein bis 522 Meter hoher und rund 270 Kilometer langer Höhenzug) im Norden Thüringens dominiert dagegen die Laubbaumart Buche. Waldbestände mit der Baumart Eiche findet man relativ kleinflächig und verstreut in ganz Thüringen. Schwerpunktmäßig wachsen die Eichen aber im Süden bei Heldburg und im Osten bei Altenburg. Eichenarten sind an spezielle Waldbodenstandorte gebunden und haben in Thüringen einen Anteil von gerade einmal sechs Prozent.

Wald mit abgestorbenen Bäumen aus der Luft
Bei Berka vor dem Hainich sind bereits zahlreiche Bäume abgestorben, wie dieses Luftbild zeigt. Bildrechte: MDR/PD Dr. S. Hese, Lehrstuhl für Fernerkundung, JenaCopterLabs, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Schon jetzt immense Schäden

Wie Thüringenforst MDR THÜRINGEN mitteilte, beträgt die Schadfläche bei der Fichte momentan 1.300 Hektar. Bis Ende des Jahres wird mit 2,5 bis 3 Millionen Festmetern Borkenkäferholz gerechnet, aktuell sind es schon 380.000 Festmeter. Holz, das zwar noch verkauft werden kann, weil der Schädling in der Rinde und nicht im Holz selbst sitzt, aber nur zu deutlich niedrigeren Preisen.

Buchen sind aktuell auf einer Fläche von 14.200 Hektar verdurstet. Das macht 450.000 Festmeter. Besonders betroffen sind mittelalte und alte Buchenbestände Diese Angaben beziehen sich ausschließlich auf die von Thüringenforst bewirtschaftete Waldfläche von insgesamt rund 200.000 Hektar. Weitere 220.000 Hektar sind in Privatbesitz. Die restlichen 100.000 Hektar verteilen sich auf Wälder im Bundes- und Gemeindebesitz, sowie Zweckverbände und Stiftungen. Hierzu liegen keine Zahlen vor.

Das Waldland Thüringen steht nach Auffassung von Thüringenforst vor großen Herausforderungen. Weg von den Monokulturen und hin zu einem Mischwald mit Baumarten, die mit den sich verändernden klimatischen Bedingungen klarkommen. Das ist das Ziel des sogenannten Waldumbaus, der jedoch Generationen dauern wird. Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums kostet die Wiederaufforstung der Schadflächen pro Hektar zwischen 10.000 und 15.000 Euro. Allein die Wiederaufforstung der aktuell rund 15.000 Hektar Schadfläche würde einen dreistelligen Millionenbetrag kosten.

Gesamtschaden von 122 Millionen Euro

Wald mit abgestorbenen Bäumen aus der Luft
Auch im Nordhainich werden abgestorbene Baumkronen registriert. Bildrechte: MDR/PD Dr. S. Hese, Lehrstuhl für Fernerkundung, JenaCopterLabs, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Wie das Landwirtschaftsministerium MDR THÜRINGEN mitteilte, beläuft sich der forstwirtschaftliche Gesamtschaden in Thüringen im Jahr 2018 nach einer ersten Kalkulation auf 122 Millionen Euro. Der Schadensberechnung liegen Zuwachsverluste der Waldbäume, dürrebbedingte Schäden an Forstpflanzen, Kosten durch Waldbrände, Preisverfall von Holz, erhöhte Kosten beim Aufarbeiten von Schadholz und Aufforstungskosten zugrunde.

Der forstwirtschaftliche Gesamtschaden in Thüringen im Jahr 2019 ist laut Ministerium derzeit nicht abschätzbar. Er werde deutlich höher sein als der Schaden aus dem Jahr 2018. Neben der Borkenkäferplage bei der Baumart Fichte seien auch Buchenbestände durch die Trockenheit stark betroffen. Auch die Baumart Eiche zeige Trockenschäden und nachfolgende Schädlinge wie den Schwammspinner und den Eichenprozessionsspinner. Gegenüber 2018 seien die Holzpreise aufgrund des Überangebots weiter deutlich gefallen. Teilweise könne aufgearbeitetes Holz nicht mehr abgesetzt werden.

Waldsterben hat vielfältige Ursachen

Der teils katastrophale Zustand vieler Wälder hat - neben anderen - Gründe, die vergangene Generationen zu verantworten haben. Von Natur aus wäre der Thüringer Wald mit einem Bergmischwald vorwiegend aus Buchen, Tannen, Fichten und auch Bergahornen bedeckt. Schon vor vielen Jahrhunderten hatte man jedoch damit begonnen, diese Mischwälder abzuholzen. Aufgeforstet wurde fast ausschließlich mit Fichtensetzlingen. Die so entstandenen reinen Fichtenbestände sind dann in den 1940er-Jahren einer großen Borkenkäfer-Katastrophe zum Opfer gefallen. Reparationszahlungen an die Siegermächte des 2. Weltkriegs in Form von Wäldern führten zu einer zusätzlichen Abholzung ganzer Baumbestände im Thüringer Wald.

07.02.2019 Forstleute im Kampf gegen den Borkenkäfer

Kampf gegen den Borkenkäfer: Unwetter und Stürme habe in Thüringer Wälder viele Bäume gefällt. Das sogenannte Schadholz am Boden ist ein willkommenes Biotop für den gefürchteten Schädling, den Borkenkäfer.

Zwei Hände halten ein Stück Holz, in dem Borkenkäfer sind
Borkenkäfer in einem Stück Holz. Aufgenommen im Bereich des Forstamts Sonneberg in Südthüringen. Hier wie in anderen Thüringer Regionen kämpfen Forstleute gegen den massenhaften Befall von Baumbeständen durch den Käfer. Bildrechte: MDR/Juliane Maier-Lorenz
Zwei Hände halten ein Stück Holz, in dem Borkenkäfer sind
Borkenkäfer in einem Stück Holz. Aufgenommen im Bereich des Forstamts Sonneberg in Südthüringen. Hier wie in anderen Thüringer Regionen kämpfen Forstleute gegen den massenhaften Befall von Baumbeständen durch den Käfer. Bildrechte: MDR/Juliane Maier-Lorenz
Die Leiterin des Forstamtes Sonneberg, Reinhild Janowitz, begutachtet ein Stück Rinde
Die Leiterin des Forstamts Sonneberg, Reinhild Janowitz, kontrolliert ein Stück Rinde, ob darin Borkenkäfer sind. Bildrechte: MDR/Juliane Maier-Lorenz
Ein Mann und eine Frau begutachten ein Stück Rinde, ob darin Borkenkäfer sind
Nachschauen, ob ein Käfer drin ist: Forstamtsleiterin Reinhild Janowitz und Thüringenforst-Sprecher Horst Sproßmann. Bildrechte: MDR/Juliane Maier-Lorenz
Mitarbeiter des Forstamts Sonneberg fällen eine von Borkenkäfern befallene Fichte
Mitarbeiter des Forstamts Sonneberg fällen eine von Borkenkäfern befallene Fichte. Bildrechte: MDR/Alexander Reißland
Ein gefällter Baum wird an einer Seilwinde nach oben gezogen
Gefällte Bäume werden den Hang hinauf gezogen... Bildrechte: MDR/Juliane Maier-Lorenz
Mit einem Holzrücker werden Stämme aus dem Wald gezogen
... und mit dem Holzrücker aus dem Wald. Bildrechte: MDR/Juliane Maier-Lorenz
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 07. Februar 2019 | 19:00 Uhr

Zu DDR-Zeiten wurde auch vornehmlich mit Fichten aufgeforstet, weil diese Baumart schnell wächst und sich als besonders resistent gegen die hohe Luftverschmutzung durch Industrie und Kohlekraftwerke erwies. Reine Fichtenbestände sind extrem borkenkäfer- und sturmgefährdet. Der trockene, langanhaltende Hitzesommer 2018, Sturmschäden im Herbst und Frühjahr und der erneut bisher sehr trockene und heiße Sommer dieses Jahres haben zu einer explosionsartigen Vermehrung des Borkenkäfers geführt.

Menschengemachter Klimawandel

Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD) ist der bisher beobachtete Klimawandel zu 95 Prozent menschengemacht. Wetterextreme wie Stürme, Hitzewellen und Dürren werden zunehmen und zudem länger dauern und intensiver werden. Bei den Temperaturen geht der DWD davon aus, dass Extremwerte wie in Juni und Juli dieses Jahres Mitte des 21. Jahrhunderts eher die Regel als die Ausnahme sein werden. Alle diese Faktoren spielen dem Borkenkäfer beim Fichtenbefall in die Hände. Auch die Buchenbestände werden wegen Wassermangels weiter zurückgehen.

Holzwirtschaft ist wichtiger Arbeitgeber

Das Thüringer Cluster (zu Deutsch: Verbund, Gruppe) Forst & Holz beschäftigt 40.000 Vollzeitkräfte und gilt im strukturschwachen ländlichen Raum als größter Arbeitgeber Thüringens. Mit bis zu 250 Millionen Euro Steueraufkommen pro Jahr ist das Cluster ein bedeutender Wirtschaftsmotor der Region. Das Cluster Forst & Holz ist der eigentlichen Forstwirtschaft mit rund 1.400 Beschäftigten nachgelagert. Zum Cluster gehören die Holz bearbeitende Industrie (Sägewerke, Holzwerkstoffindustrie), die Holz verarbeitende Industrie (z.B. Möbelindustrie), das Holzhandwerk, die Papierwirtschaft, das Verlags- und Druckereigewerbe, die energetische Holznutzung und der Holzhandel.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 26. Juli 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Juli 2019, 12:22 Uhr

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18 Kommentare

27.07.2019 15:46 Eulenspiegel 18

Also wer sich mit den Jährlichen Waldschadensbericht nur ein klein wenig befasst weiß gesund, fit und widerstandsfähig ist unser deutscher Wald schon viele Jahrzehnte nicht mehr. Und jetzt kommt das wovor viele Leute gewahrt haben. Aber diese Leute wurden ja nur als grüne Spinner belächelt. Ich denke hier muss sich jeder an die eigene Nase packen. Denn dafür gibt es nun mal sehr viele Ursachen. Und da geht es nun mal nicht ganz ohne Einschränkungen. Ich sehe noch das Geschrei als es um ein Tempolimit auf den Autobahnen ging nur als Beispiel.

27.07.2019 12:31 Brennabor 17

@ fragenden Rentner ( 8 ): Nicht 500.000 , sondern
500.000.000 ! Funktioniert aber beides nicht !!!

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