Fakt ist! Thüringen im Corona-Griff: Ostern werden Effekte der Maßnahmen analysiert

Wie lange hat Corona uns im Griff? Und wie angemessen sind die getroffenen Einschränkungen? Darüber diskutierten in der MDR-Sendung "Fakt ist! aus Erfurt" der Klinikdirektor der Intensivmedizin des Universitätsklinikums Jena, Michael Bauer, FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg und der Minister der Thüringer Staatskanzlei, Benjamin-Immanuel Hoff.

Im Kampf gegen Covid-19 blickt Benjamin-Immanuel Hoff (Linke) zunächst bis Ostern. "Dann müssen wir schauen, ob wir die Maßnahmen stückweise lockern können - oder ob sie weiter bestehen bleiben", sagte der Chef der Thüringer Staatskanzlei Montagabend in der MDR-Sendung "Fakt ist!". Und hielt dabei den Sicherheitsabstand ein. Denn auch im Landesfunkhaus in Erfurt waren die Maßnahmen zu spüren: kein Publikum, eine zugeschaltete Politikerin, Gäste-Meinungen per Videoübertragung.

Michael Bauer vor einer Coronavirus-Grafik
Professor Michael Bauer, Klinikdirektor Intensivmedizin am Universitätsklinikum Jena Bildrechte: Prof. Dr. Michael Bauer

Die aktuellen Einschränkungen seien hart, doch im Fokus stehe die Entlastung der Krankenhäuser, sagte Hoff. Knapp 800 registrierte Coronavirus-Fälle wurden bis Montagabend in Thüringen gezählt - eine verglichen mit anderen Bundesländern eher niedrige Zahl. Doch davon solle man sich nicht täuschen lassen, machte der Klinikdirektor Intensivmedizin am Universitätsklinikum Jena, Professor Michael Bauer, deutlich. Schließlich würden sich die Zahlen alle paar Tage verdoppeln. "Innerhalb einer Woche kann es zu einer dramatischen Zunahme kommen." Das Ziel müsse momentan vor allem lauten: "Die Erkrankungswelle abbremsen." Ihm zufolge stehen derzeit in Deutschland etwa 33 Intensivbetten für je 100.000 Einwohner zur Verfügung - zu wenig, wenn es rasant zu einer hohen Zahl an schweren Covid-19-Erkrankungen komme.

"Wir machen momentan junge Ärzte, die sonst für Narkosen zuständig sind, fit für die Arbeit auf Intensivstationen", sagte Bauer. "Aber wir brauchen Zeit für die Vorbereitungen auf den Ansturm, der uns sicher erreichen wird."

Neustadt am Rennsteig unter Quarantäne

Besonders stark spüren die mit der Corona-Pandemie verbundenen Restriktionen derzeit die etwa 900 Einwohner von Neustadt am Rennsteig. Seit etwa einer Woche steht die gesamte Gemeinde unter Quarantäne, kaum einer darf heraus oder hinein. "Die Leute akzeptieren es und können sich bisher damit arrangieren", sagte der zugeschaltete Bürgermeister Dirk Macheleidt (parteilos). Es gebe einen Supermarkt und auch die Versorgung mit Medikamenten funktioniere gut: Eine Apotheke in Großbreitenbach stellt sie zusammen und bringt sie zum Ortseingang, dann verteilen Kameraden der Freiwiligen Feuerwehr sie im Ort.

Linda Teuteberg
FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg Bildrechte: Tobias Koch

Verständnis und Akzeptanz für die verschiedenen Einschränkungen erkennt auch FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg in der Bevölkerung. Doch um diese Akzeptanz zu wahren, "müssen wir sehr genau abwägen, was verhältnismäßig ist". Auch über Schritte zurück zu einem normalen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben müsse gesprochen werden. "Das muss im Blick behalten werden."

Diese Position sei "etwas wohlfeil", konterte Hoff - angesichts des "größten Wirtschaftsstabilisierungsprogramms seit dem Zweiten Weltkrieg". Schließlich gehe es dabei "genau um diesen nächsten Schritt".

"Ein Sterben auf Raten"

Dass die Unsicherheit dennoch bleibe, machte unter anderem Christian Mender deutlich, der in Erfurt einen Spielzeugladen betreibt. Ja, die Hilfen würden zunächst gewiss etwas bringen. "Aber wenn der normale Cashflow durch die Kunden ausbleibt, dann ist es ein Sterben auf Raten." Auf Hürden in den Hilfsprogrammen wies Doreen Schlegelmilch aus Suhl hin, die ein Metallbauunternehmen mit 60 Mitarbeitern führt. Diese Unternehmensgröße falle offenbar aus dem Raster.

Benjamin-Immanuel Hoff
Benjamin-Immanuel Hoff (Linke), Chef der Thüringer Staatskanzlei

Bildrechte: Benjamin-Immanuel Hoff

An Spekulationen, wann die Corona-Krise Wirtschaft und gesellschaftliches Leben weniger lähmen werde als in diesen Tagen, wollte sich Montagabend niemand einlassen. Hoff: "Wir können nicht beim Coronavirus anrufen und fragen: Wie entwickelst du dich weiter?" Mut machte Michael Bauer vom Universitätsklinikum Jena: "Wir sind in der Infektionsforschung viel besser aufgestellt als vor dreißig Jahren und haben gute Möglichkeiten, aus der Krise herauszukommen" - wenn das Gesundheitssystem nicht aufgrund von zu vielen Covid-19-Patienten zur gleichen Zeit belastet werde.

Mehr Informationen zum Coronavirus in Thüringen:

Quelle: MDR THÜRINGEN/mm

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | Fakt ist! aus Erfurt | 30. März 2020 | 22:00 Uhr

17 Kommentare

Menno vor 29 Wochen

Herr Ramelow fordert die Leute noch dazu auf in die Baumärkte zu gehen ...ich fasse so etwas nicht ,als Mitarbeiter stelle ich fest , das ein Abstand zu den Kunden so gut wie unmöglich ist , viele Kunden möchten noch eine umfangreiche Beratung haben ,wann lernt diese Landesregierung dazu ??? und macht diese Coronabrutstätten ...zumindest mal für ein paar Wochen dicht .

jablo vor 29 Wochen

Ggf. husten und niesen die Leute dann auch nicht mehr in die Armbeuge sondern frei durch die Gegend, weil sie haben ja nun eine Maske. Hiesse man hat noch mehr von den Tröpfchen in der Gegend oder an den eigenen Sachen. Wird wohl sich nur beweisen lassen, dass es nichts bringt, wenn in 21 Tagen die Zahlen in Jena steigen. Ach nein, dann wird die Ausrede kommen, dass die Leute sich nicht an den Abstand gehalten haben. Warnungen kann man sich wohl sparen, den es wird eh keiner draufhören.

Für mich sieht es so aus, dass die FDP ja einen schnellen Exit aus dem Thema möchte und man nun überall, wo sie etwas bewegen kann, schnell daraufhin arbeiten möchte und deswegen das Drama mit den selbstgestrickten Zeug, damit man dann in der Öffentlichkeit Jena als Beispiel nehmen kann.

Guter Schwabe vor 29 Wochen

Und was hilft die Maske, wenn de nach der Türklinke, dem Einkaufswagen, dem Geländer, usw. dir in Gesicht fasst?
Außerdem sind die Selbstgebauten nach nicht mal ner Stunde nass, also unbrauchbar. Zu deiner Maske mit Einlage, hab`s auch gesehen, getestet und fast keine Luft mehr beim Schaffen bekommen. Soviel dazu.
Der beste Schutz ist immer noch Abstand halten.
Trotzdem, irgendwann bekommt es jeder, ob wir wollen oder nicht. Da müss mer durch.

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