FAKT IST! aus Erfurt Weihnachtsmärkte und Messen: Zwischen Lebenslust, Vernunft und Hygienekonzepten

Auf Märkten und Messen tummeln sich Menschenmassen. Während der Corona-Pandemie kaum vorstellbar. Im MDR-Talk "FAKT IST!" diskutierten die Gäste in Erfurt, wie Großveranstaltungen gelingen können - und wie die Menschen auf Schutzmaßnahmen reagieren.

Die Adventszeit rückt näher - und damit die Zeit der Weihnachtsmärkte. Etwa 43,2 Prozent der Thüringer können sich auch während der Corona-Pandemie einen Bummel zwischen Tannenbaum, Krippe, Karussell und Glühweinbude vorstellen. Das geht aus einer Umfrage des Meinungsforschungsunternehmens Civey für den MDR hervor. Wobei das mit dem Glühwein so eine Sache ist.

Denn wo Alkohol getrunken wird, sei die Ansteckungsgefahr aufgrund fallender Hemmungen größer; noch dazu, wenn sich bei Musikbeschallung entsprechend laut und ohne Abstandsregeln unterhalten werde - darauf wies Professor Mathias Pletz beim MDR-Talk "FAKT IST!" am Montagabend in Erfurt hin. Der Leiter des Instituts für Infektionsmedizin der Uni-Klinik Jena gehört dem Corona-Beraterstab der Landesregierung an und kennt die unterschiedlichen Interessen im Spannungsfeld zwischen Schutzmaßnahmen, Einschränkungen des gesellschaftlichen Lebens und wirtschaftlichen Folgen. Und er kennt das Problem, das diese Pandemie derzeit mit sich bringt: "Es ist ungeheuer schwierig, die nächsten drei bis sechs Wochen vorherzusagen."

Vor zwei Wochen habe er sich einen Weihnachtsmarktbesuch gut vorstellen können, mittlerweile sei er angesichts der Infektionszahlen skeptisch, ob dies eine gute Idee wäre. Denn aktuell steige nicht nur die Kurve der Corona-Infektionen mit milden Verläufen. "Seit zwei, drei Wochen steigt auch die Kurve der Covid-19-Patienten auf Intensivstationen."

Hohe Akzeptanz für Corona-Schutzmaßnahmen

Der gebürtige Ilmenauer CDU-Bundestagsabgeordnete Tino Sorge spricht von einer politischen Gratwanderung. Wichtig sei, dass die Akzeptanz für die Corona-Schutzmaßnahmen hoch bleibe. "Viele sagen völlig zurecht, dass sie sich nicht in ihr Leben reinreden lassen wollen. Aber wenn sich die Situation verschlechtert, muss sich die Politik vorwerfen lassen, warum sie nicht besser reagiert hat." Pauschale Verbote seien der falsche Weg. Schließlich verhalte sich der Großteil der Bevölkerung sehr verantwortungsbewusst. Außerdem müsse die wirtschaftliche Entwicklung im Blick behalten werden.

Von Weihnachtsmarkt-Verboten ist in Thüringen derzeit keine Rede. Vielmehr wird vielerorts an Konzepten gefeilt, um auch in der Adventszeit ein Stück Normalität zu ermöglichen. Optimistisch geht Isabelle Oberbeck, die Leiterin des Weimarer Gesundheitsamtes, an die bevorstehenden Großveranstaltungen ran: "Wir sind beflügelt vom Erfolg des diesjährigen Zwiebelmarkts." Das Fest mit rund 75.000 Besuchern habe die Infektionszahlen ganz offenbar nicht nach oben getrieben - dies sei auch ein Erfolg des Konzepts: Buden wurden auseinander gerückt, Gedrängel vermieden. Alkohol wurde nicht ausgeschenkt.

Schausteller erfreut über "vernünftige Besucher"

So wurde es auch beim Erfurter Altstadtherbst gehandhabt; der Rummel ohne Bierzelt ersetzte in diesem Jahr das Oktoberfest auf dem Domplatz. Trotz Umsatzeinbußen könne man von einer positiven Bilanz sprechen, sagt Michael Bang, der Vorsitzende des Schaustellerfachverbandes Thüringen. Ja, die Menschen würden in diesen Zeiten nicht in Massen zu Märkten und Festen strömen, aber diejenigen, die zum Erfurter Rummel kamen, seien "sehr vernünftige Besucher" gewesen. Die Maskenpflicht wurde akzeptiert, die Verzehrbereiche neben oder hinter den Imbissbuden wurden angenommen.

Doch Weihnachtsmärkte sind noch mal etwas anderes, da sind sich die meisten "FAKT IST!"-Gäste einig. „Ein Weihnachtsmarkt ohne Glühwein ist kein richtiger Weihnachtsmarkt“, sagt Erfurts Kulturdezernent Tobias Knoblich. Zudem rechne die Stadtverwaltung zwar nicht mit zwei Millionen, aber immerhin mit 200.000 Besuchern. Und: Ein verlässliches Planen sei aufgrund des dynamischen Infektionsgeschehens momentan kaum möglich. In jedem Fall müsse man auf die Vernunft der Weihnachtsmarktbesucher setzen.

Mit jeder guten Veranstaltung wachse das Vertrauen der Menschen - davon ist Constanze Kreuser überzeugt. Die Geschäftsführerin der RAM Regio Ausstellungs GmbH fiebert der Messe "Reisen & Caravan" entgegen, die am 29. Oktober in Erfurt eröffnet werden soll. "Wir werden wohl noch lange mit alldem leben müssen. Aber meine Grundüberzeugung ist: Wir müssen loslaufen."

"Die Menschen haben Lust aufs Miteinander"

Hygienekonzepte optimieren, auf verantwortungsvolle Besucher setzen, lernen, sich von Corona nicht zu viel nehmen zu lassen und zugleich den Schutz vor dem Virus ernst nehmen - so sollen Messen und Märkte in Thüringen gelingen.

"Wir Menschen sind soziale Wesen", sagt die Psychologische Psychotherapeutin Dagmar Petereit aus Erfurt. "Die meisten Menschen streben nach sozialen Kontakten, nach Feiern, nach Miteinander. Sie haben Lust aufs Tanzen, aufs Reisen, auf Livemusik." Dies alles sei seit Monaten nur eingeschränkt möglich, wenn überhaupt. "Das stellt für viele Menschen eine Belastung dar." Die Folge seien Verunsicherung und Angst - sowohl vor dem Virus als auch vor Verordnungen, Maßnahmen und deren Folgen. "Bei manchen entsteht auch Wut. Aber wie Umfragen zeigen, ist es nicht die Mehrheit der Bevölkerung, die gereizt und wütend auf die aktuelle Situation reagiert."

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | Fakt ist! aus Erfurt | 19. Oktober 2020 | 22:10 Uhr

7 Kommentare

Matthi vor 5 Wochen

Wenn die meisten vernünftig wären müsste man sich keine Gedanken machen. Das Abend Programm ab 20.15 vom MDR schau ich schon gar nicht mehr zu einseitig.

Critica vor 5 Wochen

Matthi, Sie machen sich Gedanken, für deren Lösung andere (fürstlich) bezahlt werden. Ich denke aber, dass die allermeisten Menschen von selbst keine Lust auf Weihnachtsmarkt verspüren. Die Hürden sind einfach zu hoch.
Weihnachten und Gemütlichkeit geht auch zu Hause - manchmal noch viel besser. Ich hoffe nur, dass uns der mdr in dieser Zeit Florian Silbereisen und Co. erspart.

Matthi vor 5 Wochen

Die Zahlen in Thüringen Steigen auch in Erfurt da brauchen wir nicht über einen Weihnachtsmarkt zu reden wo wieder Busse aus ganz Deutschland die Stadt verstopfen und womöglich das Virus im Handgepäck ist. Zum anderen brauchen die Standbetreiber Planungssicherheit.

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