FAKT ist...! Moderator Lars Sänger
Fakt ist!-Moderator Lars Sänger. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Fakt ist! Bürgertalk Stadt, Land, Bus – Mobil in Mitteldeutschland

Kein anderes Bundesland hat so viele kleine Tarifgrenzen wie Thüringen, ein benutzerfreundlicher ÖPNV sieht anders aus, darin sind sich alle Beteiligten einig. Moderator Lars Sänger sprach bei "Fakt ist!" unter anderen mit Berufspendlern, einer Kitaleiterin, einem Verkehrsplaner, Taxifahrern und einem Mobilitätsforscher.

FAKT ist...! Moderator Lars Sänger
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Mobilität ist wichtig für die ganze Gesellschaft. Ist jemand nicht mobil, fühlt er sich schnell abgehängt. Vor allem auf dem Land sind die Fahrpläne des ÖPNV immer dünner geworden. Und richtig schwierig wird es, wenn man über Kreisgrenzen hinweg unterwegs sein will.

Zwei Stunden Fahrt für 60 Kilometer

Von einem besonders skurrilen Beispiel erzählte Katja Kunze. Sie leitet die Kita "Pinocchio" in Stöckey. Zu Ostern hatte eine Bäckerei im Nachbarort die Kinder zum Backen eingeladen. Die Erzieherinnen und vor allem die Kinder waren natürlich begeistert. Drei Kilometer ist  Limlingerode entfernt. Zum Laufen ist das für die Kleinen zu weit, zumal es auch keinen durchgehenden Fußweg an der Strecke gibt.

Also begann Katja Kunze, Fahrpläne zu wälzen und Busunternehmen anzurufen. Das Ergebnis war ernüchternd: Mindestens zwei Stunden und 60 Kilometer Fahrt sind nötig, um von Stöckey ins drei Kilometer entfernte Limlingerode zu kommen. Weil eben eine Kreisgrenze dazwischen liegt. Stöckey liegt im Eichsfeldkreis, Limlingerode im Landkreis Nordhausen. Nur einmal in der Woche gibt es eine direkte Busverbindung. Und das auch nur in eine Richtung. Der Ausflug zum Bäcker hat für die Kita bis heute nicht stattgefunden.

Verkehrsverbünde könnten helfen

Mittlerweile gibt es zwar den Versuch, diese Probleme durch Verkehrsverbünde kleiner zu machen, Thüringen ist aber in dieser Beziehung ein ziemlicher "Flickenteppich". Es gibt den Verkehrsverbund Mitteldeutschland. Das ist der größte. Dann noch den Verkehrsverbund Mittelthüringen.

Verkehrsverbund Mittelthüringen (VMT) Der VMT ist ein Zusammenschluss von 13 Verkehrsunternehmen. Das Gebiet des VMT umfasst die Städte Erfurt, Weimar, Jena und Gera sowie die Landkreise Gotha, Weimarer Land und den Saale-Holzland-Kreis.

Allerdings findet man in Thüringen viele Gegenden, die von keinem Verkehrsverbund erfasst werden. Für die Thüringer Verkehrsministerin Birgit Keller ist ein großer Vorteil dieser Verbünde, dass es unumgänglich ist, sich abzusprechen. Man muss miteinander kommunizieren und Absprachen treffen. "Natürlich ist den Landkreisen die kommunale Selbstverwaltung wichtig. Sie ist ein hohes Gut. Und ihre Grenzen kann man nur durch Kommunikation überwinden" betonte die Ministerin in der Sendung. Verkehrsverbünde sollen es den Menschen am Ende vor allem leichter machen und so den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) wieder attraktiver.

ÖPNV als "Resteverwertung"

Dem schloss sich Andreas Knie eindeutig an. Er ist Mobilitätsforscher am Wissenschaftszentrum Berlin  und weiß, dass in Ballungsräumen Verbundlösungen schon sehr gut funktionieren. Man kann mit einem Ticket alle möglichen Verkehrsmittel nutzen, sich eine Verbindung aussuchen. Die Verkehrsunternehmen treten dem Fahrgast gegenüber als Einheit auf.

Er bezeichnet den ÖPNV als eine "Resteverwertung" für die Leute, die kein Auto haben. Er ist für die Kunden nicht attraktiv. Das ist aus seiner Sicht auch ein Grund, warum der Busverkehr im ländlichen Raum immer mehr abnimmt. "Wir haben immer aufs Auto gesetzt" so Knie. Das sieht er als Fehler.

Keine Alternative zum Auto

Marion Stauffer und ihr Mann allerdings waren aus Kleinliebringen zu "Fakt ist!" gekommen. Beide arbeiten auswärts, pendeln täglich jeweils 40 beziehungsweise 50 Kilometer hin und auch wieder zurück. Weil sie aber in verschiedene Richtungen fahren, brauchen sie sogar zwei Autos. Mit dem Bus kämen sie gar nicht zur Arbeit. Beide sind so schon mehr als zehn Stunden unterwegs.

Aber, ob nun weniger Leute Bus fahren und deshalb die Fahrpläne ausgedünnt werden, oder ob es doch eher umgekehrt ist, war schwer zu klären. Ein Mann aus dem Publikum sagte, er würde schon lange auf den ÖPNV verzichten: "Die Preise steigen explosionsartig, doppelt so schnell wie die Kosten fürs Autofahren."

ÖPNV muss einfacher werden

Marcel Hardraht ist im Landkreis Nordhausen für den ÖPNV verantwortlich. Er weiß, dass für die Kunden Flexibilität, Fahrt- und Umsteigezeiten entscheidend sind. Eigentlich würde Marcel Hardrath gerne mit seinem Landkreis dem Verkehrsverbund Mittelthüringen beitreten. Doch das gestaltet sich schwierig, weil der Landkreis gleichzeitig seine Tarifhoheit behalten möchte. "Wir haben das ja untersucht. Es gab vor allem Ängste, Kompetenzen abzugeben. Oder dass es teurer werden könnte."

Aus seiner Sicht muss der ÖPNV für die Leute vor allem einfacher werden. Man will einen durchgehenden Fahrschein, egal, über wie viele Kreisgrenzen die Strecke führt. Kein anderes Bundesland hat so viele kleine Tarifgrenzen wie Thüringen, ein benutzerfreundlicher ÖPNV sieht anders aus, darin sind sich alle Beteiligten einig. Aber wie?

Nahverkehrskonzepte den Bedürfnissen anpassen

Hardrath erklärt, dass sich momentan die Verkehrsplaner im ländlichen Raum am Schülerverkehr orientieren. 76 Prozent der Fahrgäste sind Schüler. Da das weniger werden, müsse man regelmäßig die Bedürfnisse ermitteln. Das ist aber gar nicht so einfach.

Wir befragen ja immer nur unsere Kunden.

Marcel Hardraht Nahverkehrsexperte.

Wenn man neue Fahrgäste gewinnen will, muss man eben auch kleinteilige Lösungen finden. Zehn Pozent der Menschen im ländlichen Raum sind Senioren. Für die braucht es ein vernünftiges Angebot. Aber es muss sich für die Unternehmen auch rechnen.

Gut genutzte Linien werden nicht gestrichen

Und weil es sich niemand leisten kann, leere Busse fahren zu lassen, werden Linien gestrichen. Oft gibt es danach Beschwerden. Die Ministerin dazu: "Mir wäre es lieber, wenn es vor der Streichung Initiativen gäbe, statt hinterher." Auf die Frage, was denn jeder Einzelne tun kann, antwortete Nahverkehrsexperte Hardrath: "Einsteigen ist die einzige Lösung"

Suche nach Lösungen

Viele spannende Ideen gibt es, die fehlenden Verbindungen durch Innovatives zu ersetzen: In Hinternah in Südthüringen wurden 2017 Mitfahrbänke aufgestellt, in Werther gibt es einen ehrenamtlichen Senioren-Fahrdienst, das "Werther Mobil", das Azubi-Ticket ist endlich eingeführt, Sammeltaxis und Bürgerbusse sollen den ländlichen Raum mobil machen.

Anders als in den Städten werden hier die digitalen Hilfsmittel bisher zu wenig genutzt, so Mobilitätsforscher Andreas Knie. Warum soll man nicht per App Fahrgemeinschaften organisieren? Aus seiner Sicht ist eine Verkehrswende tatsächlich alternativlos.

94 Prozent der Zeit steht das Auto nur rum.

Prof. Dr. Andreas Knie Mobilitätsforscher

Steffen Brückner aus Kleinrettbach tastet sich langsam an dieses Thema heran. Derzeit fährt er mit dem Auto bis zum "Park and Ride"-Parkplatz und dann mit der Bahn in die Innenstadt. Er findet das angenehm, auch wenn 52 Euro pro Monat für ein Jobticket nicht ohne sind. "Aber immer noch billiger als ein Parkplatz in der Innenstadt" so Brückner. Er würde gern auch eine Fahrgemeinschaft bilden, das ist aber schwierig, weil jeder andere Arbeitszeiten hat.

Fahrrad als Alternative zu gefährlich

Bleibt die Frage, ob nicht das Fahrrad, zumindest in der Stadt, eine gute Alternative ist. Dazu sagte Heidrun Weiß-Herzog aus Hochheim, dass sie gern ihre Kinder mit dem Rad zur Schule fahren ließe. Allerdings sei das viel zu gefährlich. Es gibt nicht genügend sichere Radwege. Und ihre elfjährige Tochter darf auch nicht mehr auf dem Gehweg fahren. Weil das also nicht funktioniert, benutzen die Kids für den Schulweg die Bahn. 1.000 Euro kostet das die Familie im Jahr.

In Jena gibt es zwar einen "Beirat Radverkehr", trotzdem werden die Autos noch immer bevorzugt. Sagt zumindest dessen Vorsitzender Lutz Jacob. Es gibt einfach zuwenig Platz. Radfahrer werden auf den Gehweg abgeschoben. Den Autos eine Spur abzunehmen, traut sich kein Stadtrat.

Fazit: Mobilität muss neu gedacht werden

Und das war am Ende auch die Antwort der Verkehrsministerin auf die Frage nach ihrem Fazit. "Mobilität ist sehr individuell." Der Verkehrsraum sei eben nur einmal zu vergeben. Fußgänger, Radfahrer, Autos und der ÖPNV müssen sich den Platz teilen. Und dabei müsse man eben so vielen Bedürfnissen wie möglich gerecht werden.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Fakt ist! | 01. Juli 2019 | 20:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. Juli 2019, 23:45 Uhr

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8 Kommentare

03.07.2019 09:20 Willy November 8

Wollte der GVB nicht Ende 2018/Anfang 2019 neue Straßenbahnen bestellen? Man hört davon gar nichts... Stattdessen wird das tote Pferd "Wir bauen mal ne Straßenbahn nach Langenberg" geritten.

02.07.2019 21:52 Grosser, Klaus 7

In der Diskussion geht es aber um den Thüringer Nahverkehr und wie dieser zukünftig organisiert und finanziert werden muss. Um diesen Nahverkehr zu finanzieren, sind die Regionalisierungsmittel vom Bund zu gering.
Wie eine Eisenbahnlinie den Thüringer Tourismus ankurbeln soll, bleibt wie immer ihr Geheimnis.
Bitte beantworten Sie mir noch folgende Fragen: Wie soll denn der Bau und der Betrieb der Strecken finanziert werden, welche Bahngesellschaft soll denn die Bahnstrecken betreiben?

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