"Fakt ist!" aus Erfurt über Generationengerechtigkeit Politik der Alten: "Die junge Generation bekommt es zu spüren"

Machen alte Politiker und immer ältere Wähler die Zukunft nachfolgender Generationen kaputt? In "Fakt Ist!" aus Erfurt vertraten zwei Gäste diese These. Die Probleme könnten dennoch nur gemeinsam gelöst werden.

Heutige Politiker treffen ihre Entscheidungen vermeintlich nicht im Sinne der jüngeren Generation. Zu diesem Schluss kamen Lucie Hammecke vom Jugendrat der Generationenstiftung und der Buchautor Wolfgang Gründinger in der MDR-Sendung "Fakt Ist!" aus Erfurt. "Schluss mit der Opa-Demokratie - Die Alten plündern die Jungen aus" war Titel und provokante These der Sendung zugleich. Doch was ist dran?

Demokratieforscher und Zukunftslobbyist Gründinger machte das an ganz konkreten politischen Entscheidungen - oder besser gesagt Nicht-Entscheidungen - fest: fossile Energie würde weiter verfeuert, Mieten stiegen immer mehr, es gebe kaum noch Zinsen für das Ersparte und prekäre Beschäftigung und Niedriglöhne nähmen zu. "Das war früher anders", sagte Gründinger. Es seien alles Dinge, die die junge Generation zu spüren bekomme. Gleichzeitig würden für die beiden Rentenpakete sofort Milliarden bezahlt, während es bei "Gute-Kita"-Gesetz, Breitbandausbau und 5G ewig dauere. Und der Digitalpakt an Schulen? Drohe im Bundesrat zu scheitern.

"Den Generationenvertrag aufkündigen"

Ein Mann mit kurzem Haar
Wolfgang Gründinger Bildrechte: David Ausserhofer

Gegen die Schuldzuweisung an der alten Generation verwehrte sich Jürgen Pfeffer. Als Chef des Thüringer Seniorenverbands vertrat er in der Runde die Interessen der Älteren. Er glaube nicht, dass alte Menschen nur an die Rente denken, sondern da sie oft selbst Kinder und Enkel hätten, selbstverständlich auch an die nachfolgenden Generationen. Mit Lucie Hammecke war eine Vertreterin dieser jungen Generation Teil der Gesprächsrunde. Die 22-Jährige gehört dem Jugendrat der "Generationenstiftung" an. Deren Mitglieder führen eine Debatte über Generationengerechtigkeit und starteten die Kampagne "Wir kündigen!". Gemeint ist der Generationenvertrag. "Wir sind der Meinung, dass ein Vertrag nur dann besteht, wenn beide Seiten ihn einhalten", sagte sie. Doch das geschehe seit langem nicht. "Politiker treffen Entscheidungen, die nicht gerecht sind - und junge Leute noch länger betreffen werden", sagte sie.

Reicht es also aus, wenn jüngere Menschen von der Politik mehr berücksichtigt werden?

Junge Frau mit mittelangem, blondem Haar
Lucie Hammecke Bildrechte: Generationen Stiftung

Von Gründinger und Hammecke gab es darauf ein klares Nein. Mehr junge Leute müssten im Sinne der jungen Generationen Politik gestalten, so der Tenor. Die 22-jährige Hammecke beklagte: Im Bundestag liege der Altersdurchschnitt bei 49. Junge Menschen seien kaum durch junge Abgeordnete repräsentiert. "Das ist ein Problem". Sie forderte die gestandene Politik auf, junge Menschen viel mehr anzusprechen. Zudem müssten Mandate zeitlich begrenzt werden, um das Problem zu lösen. Valentina Kerst zählt mit 39 als Staatssekretärin im Thüringer Wirtschaftsministerium zu den jüngeren Entscheidungsträgern in der Politik. Sie bekannte in der Sendung, dass es wichtig sei, einen guten Mix zwischen Jung und Alt hinzubekommen. Allerdings seien für junge Menschen Vorbilder wichtig, damit sie auch den Weg in die Politik gingen. Wenn dann doch junge Politiker sichtbar auftreten, würden sie nicht für voll genommen, beklagte Gründinger. Bestes Beispiel sei der Juso-Chef Kevin Kühnert, der in Talkshows Kleinert genannt und geduzt werde. Im Gegenzug dazu sei jedes zweite SPD-Mitglied über 60.

Wenn der Bürgermeister mit dem Azubi verwechselt wird

Junge Frau mit langem Haar im Büro
Valentina Kerst Bildrechte: TMWWDG

Mit Hannes Knott und Markus Gerstungen saßen in der Sendung zwei Bürgermeister unter 30 aus Thüringer Gemeinden im Publikum. Einer erfuhr, wie es ist, nicht für ganz vollgenommen zu werden. "Anfangs wird man schon mit dem Auszubildenden in der Gemeindeverwaltung verwechselt", sagte Knott. Mit der Zeit und der fachlichen Kompetenz sei er später ab anders wahrgenommen worden. Junge Entscheidungsträger in Gemeinden und Kommunen sind zwar selten, aber nicht die Ausnahme. Anders ist das auf Landes- oder gar Bundesebene - da wo ein Aufstieg oft mit einem Klettern auf der Karriereleiter verbunden ist. Denn dort bestimmen umso öfter die Älteren. Kerst sprach von einem "strukturellen Problem". Es sei nicht einfach, in einer Partei zu kandidieren. Es habe sich eine Verkrustung aufgetan, die sich langsam auflöse, so dass junge Leute nachrückten. Ein Problem der Volksparteien sei es, dafür keine Strategie gehabt zu haben.

Fakt Ist! Politisches Kräfteverhältnis: Alt gegen Jung

Die Alten entscheiden Wahlen - mehr als je zuvor und gegen das vermeintliche Interesse der jungen Generation. Gleichzeitig tragen junge Menschen eine immer stärke Belastung bei der Rente. Die Grafiken aus der Sendung.

Grafik zur Fakt Ist!-Sendung zum Thema Generationengerechtigkeit
Anfang der 70er-Jahre waren noch 50 Prozent aller Wähler unter 45 Jahre. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Grafik zur Fakt Ist!-Sendung zum Thema Generationengerechtigkeit
Anfang der 70er-Jahre waren noch 50 Prozent aller Wähler unter 45 Jahre. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Grafik zur Fakt Ist!-Sendung zum Thema Generationengerechtigkeit
Heute liegt der Anteil der unter 45-Jährigen nur noch bei 35 Prozent. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Grafik zur Fakt Ist!-Sendung zum Thema Generationengerechtigkeit
Ein Großteil (36 Prozent) der Älteren ist sogar über 60. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Grafik zur Fakt Ist!-Sendung zum Thema Generationengerechtigkeit
Das Wahlvolk wird insgesamt älter. Wie sich diese Altersverschiebung bei politischen Entscheidungen auswirken kann, zeigt die Wahl von Donald Trump in den USA. Bei den unter 45-Jährigen lag Hillary Clinton vorn (53 Prozent). Diese Altersgruppe machte aber nur 44 Prozent aller Wähler aus. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Grafik zur Fakt Ist!-Sendung zum Thema Generationengerechtigkeit
Und auch beim Brexit haben sich politisch die Alten durchgesetzt. Die unter 45-Jährigen waren mehrheitlich für einen Verbleib in der EU (65 Prozent). Allerdings sind die Jungen, zumindest beim Brexit, nicht ganz unschuldig am Ausgang der Entscheidung. Denn bei den U45-Jährigen blieben deutlich mehr zu Hause und beteiligten sich nicht an der Abstimmung als bei den über 45-Jährigen.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Grafik zur Fakt Ist!-Sendung zum Thema Generationengerechtigkeit
In Deutschland denkt man bei der Generationengerechtigkeit vor allem an die Rente. Das Rentensystem funktioniert nach dem sogenannten Umlageverfahren. Die monatlich eingezahlten Beiträge werden unmittelbar zur Finanzierung der aktuellen Renten herangezogen - also gleich wieder ausbezahlt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Grafik zur Fakt Ist!-Sendung zum Thema Generationengerechtigkeit
Entscheidend ist dabei das Verhältnis von Beitragszahlern und Rentenbeziehern. Anfang der 60er-Jahre finanzierten noch sechs Arbeitnehmer mit ihren Beiträgen eine Rente. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Grafik zur Fakt Ist!-Sendung zum Thema Generationengerechtigkeit
Über die Jahre sank die Zahl der Beitragszahler pro Rentner kontinuierlich. Aktuell kommen auf einen Rentner gerade einmal noch zwei Beitragszahler. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Grafik zur Fakt Ist!-Sendung zum Thema Generationengerechtigkeit
Im Jahr 2030 wird das Verhältnis schließlich 1:1 sein. Auf einen Rentner kommt nur noch ein Beitragszahler. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Ein völlig anderes Rentenmodell

Ein älterer Mann mit Brille
Jürgen Pfeffer Bildrechte: MDR/Carsten Kayser

Beim Thema Generationengerechtigkeit fällt meist auch das Thema Rente. Seit Jahrzehnten sinkt die Zahl der Beitragszahler pro Rentner kontinuierlich. Aktuell kommen auf einen Rentner gerade einmal noch zwei Beitragszahler. 2030 wird das Verhältnis Berechnungen zufolge eins zu eins sein. Angesichts dieser Zahlen stellt sich die Frage, ob das umlagefinanzierte System noch zukunftsfähig ist? Kerst sagte, heute jüngere Menschen würden noch ein Rentenmodell erleben, das völlig unterschiedlich zu dem jetzigen sei. Die Diskussion finde bereits statt, wenn es um Themen wie die Digtalsteuer gehe, oder wie viele Menschen in die Rentenkasse einzahlten. Pfeffer stieß die Debatte der Geburtenrate an. Um etwas zu ändern, müsse man nachdenken, wie wieder mehr Kinder geboren werden, sagte er. Hammecke könne sich gut vorstellen - wie in einigen anderen Ländern auch - eine steuerfinanzierte Rente einzuführen.

Man solle das jetzige System aber auch nicht ganz verteufeln, sagte dagegen Gründinger. "Das Rentensystem ist erstaunlich stabil." Kaufkraftbereinigt stiegen die Renten sogar an. "Wir müssen die Botschaft verbreiten, dass das Rentensystem gut ist und den Menschen die Angst nehmen", so Gründinger.

In einem Punkt waren sich in der "Fakt Ist!"-Runde übrigens alle einig: Alte und Junge sollten auf die Fragen von morgen gemeinsam Antworten finden.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | Fakt ist! aus Erfurt | 03. Dezember 2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Dezember 2018, 18:00 Uhr

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35 Kommentare

05.12.2018 16:55 Michael 35

Wer solche undankbaren Enkel hat, ist nicht zu beneiden. Diese junge Frau gehört zu den links-grünen Traumtänzern.
Die sollen erst mal das Arbeiten lernen. Genau das wurde den Ossis vor 28 Jahren vorgehalten.
Und Aktivisten haben früher mal was geleistet, heute werden dahergelaufene Nichtnutze so tituliert.
Selbst Schüler waren fleißig -> Timur und sein Trupp ;-)
Wetten, dass die Gute im System unterkommt!

04.12.2018 17:58 Grit 34

Man findet einfach keine Worte, weshalb das öffentlich rechtliche Fernsehen solch ein provokantes Thema aufruft! Alt vs Jung! Ist unsere Gesellschaft nicht schon genug gespalten? Die Suche nach einem gemeinsamen Nenner wäre allemal besser gewesen.

MDR THÜRINGEN:
Hallo Grit,
die unterschiedlichen Interessen, Wünsche und Forderungen von Umwelt bis Altersversorgung sind in der Welt und dürfen auch nicht verschwiegen werden. Sie können aber dem Artikel und dem Beitrag (https://www.mdr.de/mediathek/fernsehen/a-z/sendung815456_ipgctx-false_zc-ba8902b5_zs-73445a6d.html) entnehmen, dass es ja auch gerade um Lösungen und Kompromisse geht.

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