Debatte bei "Fakt ist!": Wer ist schuld am Insektensterben? Bauernpräsident: Landwirten nicht die Alleinschuld zuschieben

Der Präsident des Thüringer Bauernverbandes, Klaus Wagner, hat eine Hauptverantwortung der Landwirtschaft für das zunehmende Insektensterben zurückgewiesen. Die Verantwortung für den Rückgang der Artenvielfalt bei Insekten trage die gesamte Gesellschaft, sagte Wagner am Montagabend in der MDR-Sendung "Fakt ist!" aus Erfurt. Es gehe bei dieser Frage "um die Art, wie wir leben, wie wir konsumieren, wie wir unsere Natur in Anspruch nehmen". Ein Beispiel dafür sei die zunehmende Flächenversiegelung durch Bauten.

Ein Weizenschlag ist sicher kein Hotspot der Biodiversität, eine Autobahn ist es aber auch nicht.

Klaus Wagner, Präsident des Thüringer Bauernverbandes
Porträt Dr. Klaus Wagner, Präsident Thüringer Bauernverband
Klaus Wagner Bildrechte: Klaus Wagner

Der Verbandschef verwies darauf, dass die Agrarförderung der Europäischen Union bisher auf Effizienz ausgerichtet gewesen sei. Landwirte sollten Lebensmittel so billig wie möglich anbieten, sagte er. Wenn nun über eine Neuausrichtung der Förderpolitik hin zu mehr Artenvielfalt diskutiert werde, "dann können wir das machen". Das bedeute aber auch höhere Kosten. Wagner verwies darauf, dass die Landwirtschaft auch einen Beitrag zur Erhaltung von Insekten leiste. "Wir legen auch in der aktuellen Förderperiode Blühstreifen an", sagte er. Wenn man über den Einsatz von Chemie in der Landwirtschaft rede, dann gehöre dazu auch eine Debatte über die Frage, "warum denn der Mensch angefangen hat, seine Kulturpflanzen mit Pflanzenschutzmitteln zu schützen". Aus kranken Pflanzen könne man keine gesunden Lebensmittel erzeugen.

Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, Michael Grolm, kritisierte hingegen die intensive Landwirtschaft auf großen Flächen. Eine Ursache des Insektensterbens sei, dass immer mehr sogenannte Grenzlinien verschwänden, also Hecken, aber auch Wasserflächen. "Damit verschwindet Lebensraum", sagte er. Die derzeitige Agrarförderpolitik bevorzuge die großen Betriebe, während Betriebe, die sich um die Erhaltung der Kulturlandschaft bemühten, benachteiligt würden.

Die derzeitige Förderpolitik benachteiligt die Betriebe, die die Kulturlandschaft erhalten.

Michael Grolm, Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft
Olaf Möller (Bündnis 90/Die Grünen), Staatssekretär im Thüringer Ministerium für Umwelt, Energie und Naturschutz, 2014.
Olaf Möller (B90/Grüne) Bildrechte: dpa

Auch der Staatssekretär im Thüringer Umweltministerium, Olaf Müller, sprach sich für eine Neuausrichtung der Förderpolitik im Agrarsektor aus. Im Vordergrund dürfe dabei nicht die Förderung von Flächenbesitz stehen, sondern die Erhaltung der Artenvielfalt. Jedoch sei das Problem des Insektensterbens auch auf die zunehmende Versiegelung von Flächen zurückzuführen. Der Flächenverbrauch etwa für industrielle Ansiedlungen müsse reduziert werden. Hier müsse es darum gehen, anstelle von Neuansiedlungen auf neu erschlossenen Flächen Altstandorte zu rekultivieren.

Porträt Dr. Helmut Schramm, Präsident Industrieverband Agrar e.V.
Helmut Schramm Bildrechte: Industrieverband Agrar e.V.

Der Präsident des Industrieverbandes Agrar (IVA), Helmut Schramm, verteidigte in der Sendung den Einsatz von chemischen Mitteln. Hier sei in den vergangenen Jahrzehnten von Forschung und Herstellern viel getan worden, um "softe" Chemikalien zu entwickeln, die "Schädlinge präziser kontrollieren und Nützlinge schonen". Wenn die Gesellschaft eine ökologischere Landwirtschaft wolle, dann sei das mit weniger Erträgen und höheren Preisen für Nahrungsmittel verbunden. So zeigten Studien, dass beispielsweise ein Verzicht von Pflanzenschutzmitteln beim Weizenanbau die Erträge auf die Hälfte reduzieren würde.

Gartenfachberaterin steht in einem Studio und hält ihr Buch "Gärtnern für Nützlinge" in der Hand.
Brigitte Goss Bildrechte: Daniela Dufft

Die Gartenexpertin Brigitte Goss von der Sendung MDR Garten verwies darauf, dass das Insektensterben auch durch andere Bereiche befördert werde - etwa durch häufiges Mähen von Randstreifen an Straßen oder durch den Trend zum "klinisch reinen Garten", in dem der Boden durch Fließ und Schotter versiegelt werde. Rainer Hanke, Wildbienenexperte des Naturschutzbundes (NABU) in Thüringen nannte Straßenbeleuchtung als ein großes Problem für Insekten. "Die werden durch das kurzwellige Licht der Lampen angezogen und verbrennen dort, oder sie fliegen sich in dem Licht tot, weil sie nicht zur Ruhe kommen." Windräder seien hingegen nicht das Hauptproblem für das Insektensterben. "Insekten fliegen größtenteils nicht in den Höhen, in den sich die Rotorblätter bewegen", sagte er.

In einem jahreszeitfreien Garten findet ein Insekt nichts mehr.

Brigitte Goss, Gartenexpertin von MDR Garten

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Fakt ist! | 25. März 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. März 2019, 00:15 Uhr

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28 Kommentare

26.03.2019 17:48 Graf von Henneberg 28

Der Landwirt muß das Volk versorgen (mit Esserei) - dazu ist er da. Das ist eine wichtige Aufgabe.
Aber es gibt da so ein paar Umstände die den Landwirt begleiten:
1. Das Volk will (in der Mehrzahl) billige Lebensmittel - oder?
2. Es wird zuviel Agrarproduktion für den Export betrieben - 2/3 des deutschen Schweins z.B. wird ausgeführt
3. Es wird Ackerboden für den Bioenergie - Wahn mißbraucht
u.v.a.

26.03.2019 16:16 Unschuldslämmer ohne Wolf 27

Nein, die Bauern sind niemals an etwas schuld.
Auch nicht an der Boden- und Grundwasserverseuchung durch Jauche. Das fällt alles nachts vom Himmel.

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