Fakt ist!: "Auslaufmodell Kleingarten?" Expertin: Kleingärten haben große Bedeutung als "grüne Lungen"

Kleingärten werden für die größeren Städte in Thüringen auch in Zukunft eine wichtige Funktion als sogenannte Grüne Lunge haben. Das sagte die Expertin für Stadtplanung, Professor Gerlinde Krause von der Fachhochschule Erfurt, am Montagabend in der MDR-Sendung "Fakt ist!". Vor allem für die sogenannte Städtekette entlang der Autobahn 4 seien diese Anlagen von großer Bedeutung. Untersuchungen hätten gezeigt, dass von Kleingärten eine "messbare klimatische Wirkung" ausgehe. So sorgten sie beispielsweise für einen Abkühlungseffekt von bis zu drei Grad Celsius.

Eine vierköpfige Familie im Garten.
Zunehmend werden Kleingärten in Städten von jungen Familien gepachtet. Bildrechte: imago/Westend61

Das rund 200 Jahre alte Konzept des Kleingartens sei aber kein Auslaufmodell, so die Expertin weiter. Es erlebe gerade jetzt eine neue Wandlung: "Es ist in besonderer Weise für junge Leute attraktiv, die nicht so situiert sind, dass sie sich eine Eigentumswohnung oder ein Haus kaufen können", sagte Krause. Angesichts der Wandlungen in der Arbeitswelt werde es aber künftig stärker darauf ankommen, dass es Kleingarten-Anlagen in innerstädtischen Lagen gebe. "Das Freizeitbudget wird immer kleiner, da kann es sich kaum noch jemand leisten, mit der Straßenbahn 20 Minuten an den Stadtrand zur Gartenanlage zu fahren." Im ländlichen Raum seien hingegen Probleme zu erwarten. Hier werde es sicherlich weiter Rückbau von Kleingarten-Anlagen geben, sagte Krause.

Krause sagte weiter, der Bedarf in manchen Städten nach mehr Flächen für den Wohnungsbau übe einen ständigen Druck auf die Kleingärtner aus. Deshalb sei es sinnvoll, wenn Kommunen auf ehemaligen Kleingarten-Flächen Projekte des sozialen Wohnungsbaus realisierten und die Flächen nicht meistbietend verkauften.

Jenas Dezernent für Stadtentwicklung und Umwelt, Christian Gerlitz, verwies in der Sendung darauf, dass es in der Stadt deutlich weniger Leerstand in Kleingarten-Anlagen gebe, als vor sechs Jahren prognostiziert. Jedoch brauche die Stadt auch neuen Wohnraum. "Wir versuchen, immer einen bedarfsgerechten Ersatz zu schaffen, wenn Kleingärten-Flächen für den Wohnungsbau benötigt werden", sagte Gerlitz. Im Jenaer Stadtteil Jenzig habe eine Kleingarten-Anlage für genossenschaftlichen Wohnungsbau weichen müssen. "Das ist aber zwischen den Beteiligten im Konsens von statten gegangen", betonte der Dezernent.

Der Erfurter Dezernent für Stadtentwicklung Tobias Knoblich sagte, die Landeshauptstadt benötige pro Jahr 800 bis 900 neue Wohnungen. Erfurt sei eine "hochverdichtete Stadt" mit viel Geschosswohnungsbau. Die Stadt wachse weiter, brauche aber auch Grünflächen. Knoblich verteidigte zugleich Pläne, Teile der Kleingartenanlage Marienhöhe in der Brühlervorstadt für ein Baugebiet für Einfamilienhäuser umzunutzen. Hier handele es sich um ein Modellprojekt für klimagerechtes Bauen, sagte er. Der Vorsitzende des betroffenen Kleingarten-Vereins, Lothar Beer, sagte, man habe nichts gegen Wohnungsbau. Dieser solle aber sozial sein und nicht Luxushäuser zu hohen Preisen zum Ziel haben.

Immobilienentwickler plädiert für Gartenstadt-Konzepte

Der Berliner Immobilienentwickler Arne Piepgras sagte in der Sendung, in manchen städtischen Ballungszentren wie etwa Berlin gebe es inzwischen eine Gegnerschaft zwischen Kleingärten und dem Interesse einer Mehrheit der Bevölkerung nach bezahlbarem Wohnraum, Schulen und Kindertagesstätten. Er halte nichts von dieser Gegnerschaft, sondern plädiere für Gartenstadt-Modelle, die einvernehmlich entwickelt würden.

So sollten Kleingarten-Flächen nicht an private Investoren verkauft werden, die dort teure Eigentumswohnungen errichten, sondern in kommunaler oder genossenschaftlicher Hand bleiben. Wohnungsbaugenossenschaften oder Kommunen könnten dann auf diesen Flächen sozialen Wohnungsbau realisieren, in dem es beispielsweise Erdgeschoss-Wohnungen mit großen Vorgärten gebe. Diese Wohnungen  könnten dann zu günstigen Mietpreisen an Kleingärtner vermietet werden.

Quelle: MDR THÜRINGEN/dr

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Fakt ist! | 09. September 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. September 2019, 14:19 Uhr

2 Kommentare

Critica vor 9 Wochen

Vor allen Dingen werden dann an solchen Orten teure Eigenheime mit "Betongärten" gebaut. Das ist eigentlich das Fatale daran.
Stellt sich noch die Frage, warum innerstädtische Freiflächen nicht zur Wohnbebauung genutzt werden. Oder sollen diese Flächen den Kleingärtnern als "Austausch" angeboten werden?
Schon vor zig Jahren wurde gesagt: Die Welt schafft sich selbst ab. Dies ist nun ein weiterer Schritt dorthin.

MaP vor 9 Wochen

Am meisten hat mich gestern die Schlagzeile zur Sendung " Fakt ist" gestört und verärgert: "Wenn Freizeitluxus Wohnraum kostet"
Was ist an einem Kleingarten Luxus?! Außerdem ist es genau andersherum, die Kleingärten sollen dem Wohnungsbau geopfert werden. Wie im Artikel eingangs gesagt wird, haben die Kleingärten eine wichtige Funktion als "grüne Lunge". Man kann nicht auch noch das letzte Stückchen Natur zubetonieren. Klimaschutz fängt beim Umweltschutz an. Die Betätigung in einem Kleingarten hat v.a. und gerade für Städter einen wichtigen Gesundheitseffekt und ist keinesfalls Luxus. In der KGVerord. ist genau geregelt, dass die Anbaufläche mind.1/3 der Gesamtfläche sein muss, also muss man auch arbeiten im Garten. Für Kinder bietet ein Garten einen großen Lerneffekt im Umgang mit der Natur. Frisches Obst u. Gemüse, selbst angebaut u. geerntet schmeckt besser u.ist gesünder. Dort wo Gärten leer stehen, sollten eher Grünanlagen zur öffentlichen Nutzung entstehen.

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