Gäste im Fakt-ist-Studio
"Volksjammer statt Volkskammer: Warum die Ostdeutschen immer noch klagen" - hieß es bei "Fakt ist!" aus Erfurt mit Moderator Andreas Menzel Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ostdebatte bei "Fakt ist!" aus Erfurt Ostbeauftragter Hirte: Die Unterschiede werden kleiner

30 Jahre nach der Wende und nun? Jammern die Ostdeutschen immer noch und ein "gesamtdeutsches Gefühl" ist nicht in Sicht? Beim MDR-Talk "Fakt ist!" wurde deutlich: Ganz so einfach ist es nicht.

Gäste im Fakt-ist-Studio
"Volksjammer statt Volkskammer: Warum die Ostdeutschen immer noch klagen" - hieß es bei "Fakt ist!" aus Erfurt mit Moderator Andreas Menzel Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nach Ansicht des Ostbeauftragten Christian Hirte (CDU) werden die Unterschiede zwischen Ost und West kleiner. "Natürlich gab es nach 1990 Brüche in den Biografien. Aber insgesamt können wir auf 30 erfolgreiche Jahre zurückschauen", sagte Hirte beim MDR-Polittalk "Fakt ist!" am Montagabend in Erfurt. Es seien hingegen immer wieder die Medien und einige Parteien, die große Unterschiede herausstellen wollten, so der 42-jährige, gebürtige Bad Salzunger.

Ihm Gegenüber stand Anja Maier, 54 Jahre, gebürtige Ost-Berlinerin und heute Journalistin bei der Tageszeitung Taz und Buchautorin. Sie sagte: "Ich fühle mich wie die arme Verwandtschaft. Die Brüche von '89 haben mich zu einer glücklichen Person dieses Landes gemacht." Aber: In ihrer Familie habe der Bruch tiefe Wunden hinterlassen. "Die Eltern wurden arbeitslos und hatten nie wieder einen Job bekommen." Es seien Erinnerungen und Verletzungen, die bleiben.

Da ist dieses Gefühl...

Auf der einen Seite im Studio stand da also der Ostbeauftragte der Bundesregierung, der von einer Erfolgsgeschichte spricht. Seine Argumente vor allem unterfüttert von Zahlen. Auf der anderen Seite stand die Journalistin, die 30 Jahre danach hadert und sagt: "Mein Bauch fühlt etwas anderes."

Christian Hirte
Christian Hirte, CDU, Ostbeauftragter der Bundesregierung Bildrechte: Jan Kopetzky

Zwei unterschiedliche Herangehensweisen, fasste Moderator Andreas Menzel dann auch passend zusammen. Doch warum klagen die Ostdeutschen denn? Und klagen sie überhaupt? Eine Studie legte unlängst nahe, dass sich etwa jeder dritte Ostdeutsche als Bürger zweiter Klasse sieht. Umgekehrt könnte man aber auch sagen: Zweidrittel sehen das nicht so.

Im Studio war als dritter Gast Peter Krause eingeladen. Der Wissenschaftler erhebt in einer Langzeituntersuchung, wie zufrieden die Deutschen sind. "Wir sind sehr zufrieden", war sein Befund. Allerdings gebe es Unterschiede zwischen West und Ost. "Die Menschen im Westen sind zufriedener", sagte er, "aber der Unterschied wird kleiner".

Eigentlich sei das ganz erfreulich, gab auch Anja Maier zu. Wenn nicht immer dieses Gefühl wäre. Maier war 24 Jahre während der friedlichen Revolution. Für sie sei die Mauer zu einer perfekten Zeit gefallen, sagte sie, nämlich als sie noch jung gewesen sei. "Ich hatte Glück." Andere - wie ihre Eltern - hatten dieses Glück nicht. Maier erzählte von ihren Erfahrungen im Westen. Dass sie am Anfang versucht habe, sich anzupassen - um nicht aufzufallen und um die Regeln zu verstehen. Sie erzählte von gewissen Zuschreibungen im Redaktionsalltag, von "Ossi-Witzen", die sie als verletzend empfand. Nach einer Zeit ging sie offener mit ihrer Herkunft um und schreibt seitdem viel darüber.

BRD-System einfach übergestülpt

Im "Fakt ist!"-Publikum kam unter anderem Hartmut Förster aus Erfurt zu Wort. Er beklagte, dass das BRD-System einfach übergestülpt worden sei. Verwaltung, Rentensystem, Krankenversicherung - es habe keine Möglichkeit gegeben, die Dinge, die in der DDR gut gewesen seien, einzubringen. Es ist ein Vorwurf, der oft fällt. Er hätte auch das Gesundheitswesen und die Polikliniken aufzählen können, später korrigiert durch die medizinischen Versorgungszentren.

Hirte - in seiner Funktion als Ostbeauftragter der Bundesregierung - entgegnete: Der Beitritt zur BRD sei von der breiten DDR-Bevölkerung gewollt gewesen.

Das Positive des Westens

Anja Müller
Anja Maier, Journalistin und Buchautorin Bildrechte: Anja Maier

Aus dem Publikum wurden aber auch andere Töne angeschlagen. So erzählte Petra Liebold, wie die ärztliche Betreuung Mitte der Neunzigerjahre ihr das Leben gerettet habe. Sie bezweifelt, dass das im DDR-Gesundheitssystem möglich gewesen wäre. "Es gibt sicherlich auch Dinge, die seitdem nicht positiv gelaufen sind", sagte sie. Das liege aber auch an einem selbst. Man müsse immer nach vorne schauen.

Von den realen Unterschieden

Nicht ums Gestern, sondern vor allem ums Heute und den (immer noch) bestehenden Unterschieden zwischen Ost und West ging es auch in der Sendung. Die Berliner Journalistin Maier fragte bereits zu Beginn laut, warum es beim Mindestlohn immer noch einen Unterschied von 30 Cent gebe. "Nach 30 Jahren?" "Warum?"

Es fiel auch das Thema Rente, wobei Hirte bemerkte, dass die Unterschiede gar nicht mehr so groß seien. Was allerdings anders sei: Ostdeutsche hätten kaum Möglichkeiten, vorzusorgen. Weder hätten sie ein Vermögen ansparen können, noch habe es Arten von privater Vorsorge oder Betriebsrenten nach westdeutschem Vorbild gegeben.

Der Wissenschaftler in der Runde, Peter Krause, ergänzte: profitierten die DDR-Rentner zunächst noch von der Rentenangleichung, machten sich die gebrochenen Erwerbsbiografien später bemerkbar. Hinzu komme, dass die Rezession den Osten in puncto Arbeitslosigkeit besonders stark traf.

Eliten aus dem Westen

Dr. Peter Krause
Peter Krause, Soziologe, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung Bildrechte: Peter Krause

Beim Thema Eliten und Führungspositionen zeigt sich weiterhin eine große Kluft. Die wenigsten wichtigen Positionen werden von Ostdeutschen besetzt. Selbst in den ostdeutschen Ländern sind es in Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft nach wie vor oft Westdeutsche, die bestimmen. Laut Hirte werde sich das in den nächsten Jahren ändern, wenn nämlich jene, die 1990 mit 30 Jahren in den Osten kamen, in den Ruhestand gehen. Er glaube auch nicht, dass Ostdeutsche weniger in der Lage seien, sich durchzusetzen. Für ihn existiere eher ein Unterschied zwischen Stadt und Land.

Die Journalistin Maier hat eine andere Theorie. Sie sagt: "Gleiches will zu Gleichen." Wenn ein Saarländer seinen Nachfolger bestimme, entscheide er sich doch lieber für einen Saarländer. Krause verneinte: "Ich sehe keine systematischen Seilschaften." Allerdings gibt es auch Soziologen und Elitenforscher, die anderer Meinung sind: So bestimmten Personen ihre Nachfolger oft ganz unbewusst nach Merkmalen, die ihrer eigenen Persönlichkeit entsprechen, Stichwort: Habitus.

Wann hat es ein Ende?

Zum Schluss kam mit Tina Schindler eine junge Zuschauerin Anfang 20 zu Wort, die die Wende selbst nicht miterlebt hat. Klar seien Ost und West noch Thema durch die Eltern und Älteren, sagte sie. Ansonsten komme sie damit wenig in Berührung. Sie hoffe, dass die Ostdeutschen im Alter zwischen 20 und 40 etwas bewegten. Der Ostbeauftragte Hirte sagte, seine Kinder könnten mit dem Ost-West-Denken gar nichts mehr anfangen. Ein paar Jahre werde es aber noch dauern, ehe seine Funktion als Ostbeauftragter überflüssig werde.

Und Anja Maier? Drei Dinge seien wichtig: Teilhabe, Gerechtigkeit, Vermögen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | Fakt ist! aus Erfurt | 15. April 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. April 2019, 08:25 Uhr

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63 Kommentare

17.04.2019 16:16 martin 63

@fragender: Artikel 1 Absatz 1 Satz 1 des Einigungsvertrages beginnt wie folgt:
"Mit dem Wirksamwerden des Beitritts der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland gemäß Artikel 23 des Grundgesetzes am 3. Oktober 1990 ...."

Dass die Volkskammer bereits vorher ein "Ländereinführungsgesetz" beschlossen hat, ist zwar richtig - aber "beigetreten" ist die DDR.

17.04.2019 16:03 Simone 62

@Sebastian 57:

Wenn sie mir definieren, was ein durch den Beitritt zur BRD Benachteiligter sein soll, dann hätten wir eine Diskussionsgrundlage. Hilfsweise nehme ich einmal eine unterbrochene Erwerbsbiografie als solche Benachteiligung an.

Was sind denn die VERSPRECHUNGEN der AfD in dieser Richtung? Mir fällt da nur ein "Wenn wir alle Ausländer raushauen, dann ist Geld für alles da". Kann man glauben muss man aber nicht. Selbst wenn dem so wäre will die AfD bundesweit gewählt werden und deshalb kann sie es sich nicht leisten für vielleicht 3% der Bevölkerung eine Extrawurst zu braten. Für einen Bergmann im Ruhrgebiet hatte Arbeitslosigkeit ja die gleichen Folgen wie für einen im Osten. Soll man die jetzt auch entschädigen?

Wählen sie ruhig Extremisten, aber seien sie nicht enttäuscht wenn dadurch Fortschritt und Wohlstand nur behindert statt gefördert wird.

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