Fakt ist! aus Erfurt Vier-Tage-Woche: Weniger Arbeit bei vollem Lohn?

Nur vier Tage pro Woche arbeiten - das schlägt die Gewerkschaft IG Metall vor. Im MDR-Bürgertalk Fakt ist! aus Erfurt diskutierten die Gäste Vorzüge und Nachteile dieser Idee. Tenor: Einfach ist es nicht.

Angesichts Krisenzeiten und drohender Entlassungswellen schlägt die Gewerkschaft IG Metall weiter kürzere Arbeitszeiten in Betrieben vor. "Wenn wir die Zukunft vernünftig gestalten wollen, müssen wir Antworten geben", sagte Bernd Spitzbarth von der IG Metall Nordhausen bei Fakt ist! am Montag. Letztlich gehe es auch um die Gesundheit der Beschäftigten.

Die Gewerkschaft plädiert konkret für eine Vier-Tage-Woche und will mit dieser Forderung in die Tarifverhandlungen ziehen: Unternehmen könnten so Arbeitsplätze sichern, müssten aber auch ihren Beitrag dafür leisten - etwa mit einem teilweisen Lohnausgleich für Mitarbeiter.

Matthias Kreft vom Thüringer Verband der Metall- und Elektrobranche - und damit auf Seite der Arbeitgeber - stellte ziemlich früh in der Sendung dann auch gleich die Gretchenfrage: Wie sollte dieser Ausgleich genau ausgestaltet sein? Bekämen Arbeitnehmer bei einer verkürzten Arbeitswoche den vollen Lohn ausgezahlt? Oder müssten sie Einschnitte in Kauf nehmen?

Spitzbarth hofft auf "Vernunft"

Spitzbarth wollte darauf nicht direkt antworten, dies seien Themen für die Verhandlungen. Zunächst werde es eine Befragung der Beschäftigten geben. Später werde man Forderungen aufstellen, an die Arbeitgeber herantreten und "auf Vernunft hoffen". In einer nicht-repräsentativen MDR-Umfrage vorab zur Sendung kam übrigens folgendes Ergebnis heraus:

Was halten Sie von einer Vier-Tage-Woche?

57% 2099 Stimmen   Ich finde die Vier-Tage-Woche gut, aber nur bei vollem Lohnausgleich.
23% 852 Stimmen   Ich finde die Vier-Tage-Woche gut und würde dafür sogar auf Gehalt verzichten.
20% 745 Stimmen   Ich halte die Vier-Tage-Woche für kein taugliches Modell, um Arbeitsplätze zu sichern.

Stand: 28.09.2020 20:04:29 Uhr 3696 Stimmen Die Abstimmungsergebnisse sind nicht repräsentativ.

Die Abstimmung ist beendet.

Die Mehrheit ist für eine Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich. Für den Südthüringer FDP-Politiker im Deutschen Bundestag, Gerald Ullrich, kam das kaum überraschend. Warum nicht gleich viel verdienen bei weniger Arbeit? Persönlich sieht der Liberale, der auch Unternehmer ist, das Ganze aber kritisch: Unternehmen stünden weiter im Wettbewerb, die Löhne müssten bezahlt und die Sozialsysteme gefüttert werden.

In einem Betrieb wie seinem sei man an feste Vorgaben gebunden. Eine Vier-Tage-Woche hätte überall auch zur Folge, dass alles länger dauere, Pakete später ankämen oder Operationen verschoben werden müssten. "Wer Arbeitsplätze retten möchte, sollte über mehr Flexibilität reden". Nicht weniger, sondern anders müsse Arbeit organisiert werden, war sein Credo.

Kurzarbeit hält Fachkräfte

Flexible Lösungen befürwortet auch Sybille Radcke. Die Personalchefin eines über 800 Mitarbeiter starken Unternehmens für Triebwerks-Wartung bei Arnstadt sagte, gerade die Kurzarbeit schaffe bei ihr die nötigen Freiheiten. So sei es dem Unternehmen dadurch gelungen, hochqualifizierte Mitarbeiter zu halten, auf die man ungern verzichtet hätte. Radcke sagte, ein Unternehmen müsse immer schauen: Was sind die Voraussetzungen? Was braucht das Unternehmen? Und was wollen die Mitarbeiter? Eine Vier-Tage-Woche sei da nur eine Möglichkeit - und im Bürobetrieb sicher leichter zu realisieren als anderswo.

Passenderweise kam in der Sendung dann auch ein Querschnitt von Unternehmern und Gästen aus verschiedenen Branchen zu Wort, die erklärten, warum eine Vier-Tage-Woche für sie das Richtige sei - oder eben auch nicht.

Die Geschäftsführerin eines Stahl- und Metallbau-Unternehmens aus Suhl warnte: Sie könne schlecht ihren Kunden mitteilen, dass die Baustellen noch länger dauern, weil nur noch 80 Prozent gearbeitet werde. Vielleicht funktioniere die Idee, aber man müsse auf Einschnitte gefasst sein.

Ein Erfurter Malermeister verwies auf seine vollen Auftragsbücher. Alles würde länger dauern. Seine flexible Lösung: Einen Tag mehr Jahresurlaub für die Mitarbeiter.

Weniger Arbeit, mehr Lebensqualität

Dann gab es diejenigen, die dem Vier-Tage-Rhythmus durchaus etwas abgewinnen konnten - oder ihn schon praktizieren. So erzählte der selbstständige IT-Berater, dass er freiwillig auf einen Wochentag Arbeit und Geld verzichtet, um dafür Lebensqualität zu gewinnen. Für ihn geht die Gleichung "weniger Arbeit gleich weniger Produktivität" nicht auf. Künstliche Intelligenz sorge immer mehr dafür, dass auch im Büro oder in der Dienstleistung automatisiert werde. Jetzt müsse es darum gehen, über Arbeitsverteilung neu zu sprechen.

Ähnlich läuft es bei einem Software-Unternehmen in Jena. Dessen Geschäftsführer gibt seinen Mitarbeitern jeden zweiten Freitag frei - bei gleichem Lohn und Urlaubsanspruch. Er wolle seinen Mitarbeitern Zeit schenken. Junge Mütter beispielsweise, so seine Beobachtung, schafften die Arbeit auch in sechs statt in acht Stunden - und haben mehr Zeit für die Familie.

Es wurde eine britische Studie zitiert, nach der Büroangestellte am Tag lediglich zwei Stunden und 53 Minuten produktiv arbeiten. Die restliche Zeit verbächten sie mit Social Media, dem Lesen von Nachrichtenportalen, Plaudern mit den Kollegen, für Raucherpausen, Privattelefonate oder Kaffeezubereitung.

Wäre eine Verdichtung der Arbeitszeit dann nicht die Lösung? Die Runde bei Fakt Ist! blieb skeptisch. Auch mit der Idee einer Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich wollte sich niemand so richtig anfreunden.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | Fakt ist! aus Erfurt | 28. September 2020 | 22:10 Uhr

3 Kommentare

part vor 3 Wochen

In asiatischen Produktionsstätten und Chefetagensowie Büros ist die Suizidrate schon seit Jahren überproportional hoch neben dem Tod am Arbeitsplatz in mittleren Jahren. 4- 5 Stunden am Tag ohne verordnete Mittagspause sind ausreichend um vom Arbeitnehmer Höchstleitungen verlangen zu können, was darüber hinnaus geht sollte freiwillig sein. Gerade im Normaldienst, mit einer Stunde unbezahlter Mittagszeit, gibt es oft keine Ruhezonen, keinen Tai- Chi- Lehrer oder die Möglichkeit wirklich entspannt Mahlzeiten einzunehmen. Die Wirtschaft in Japan schwächelt, in China wird sie gerade erdrosselt und in Korea gibt es Arbeitskämpfe zu Hauf. Im europäischen Arbeitsmarkt kommt auch immer weniger Innovation zu Tage, dank Corona- Hype und verordneten Homeoffice bei minimaler Netzwelt. Doch viele Unternehmer dürften sich auch freuen, wenn sie Ausfälle ihrer Belegschaft durch Krankheit oder andere Sozialmaßnahmen kleinteiliger gestalten könnten. Doch kein Splitting durch Minijobs bitteschön.

Hans Frieder leistner vor 3 Wochen

Es mag vereinzelt Unternehmen geben, die eine Viertagewoche verkraften können. Ich denke da z.B.an die Büros der Gewerkschaften oder Parteien. Aber dann gibt es auch Berufe, die jetzt schon Mengen von Überstunden vor sich herschieben. Wie soll denn ein Krankenhaus oder Altersheim eine solche Arbeitszeitverkürzung hinbekommen. Die Pflegekräfte arbeiten doch schon am Limit. Dazu kommt, daß Personalmangel herrscht. Abgesehen davon ist bei der derzeitigen Wirtschaftslage so ein Thema illusorisch.

Matthi vor 3 Wochen

Bei einer 4 Tagewoche bei vollem Lohnausgleich wie sollen da Unternehmen im Internationalen Vergleich konkurrenzfähig bleiben. Wenn ich innerhalb eines Unternehmens der einen Gruppe mehr gebe muss ich woanders innerhalb des Unternehmens sparen und wo wird gespart bei den unteren Einkommen. Die Frage kann sich doch jeder selber beantworten warum wollen unsere Jungen Leute nur noch einen Beruf im Büro erlernen.

Die Gewerkschaften und Arbeitgeber im Handel Kriegen es ja noch nicht mal hin das Verkäufer/in nach Ladenschluss die Mehrarbeit wie Abrechnung, Reinigung bezahlt bekommen, betrifft nicht nur Einzelhändler
sondern auch Unternehmen die in ganz Deutschland Geschäfte haben. Wo ist der Staat der seit 2 Jahren es nicht schafft eine elektronische Zeit Erfassung verpflichtend einzuführen damit Verkäufer/in ihre Arbeit gerecht bezahlt bekommen.

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