Die wichtigsten Fakten und Antworten

Lange Zeit unbemerkt haben sich in Thüringen die kalabrische 'Ndrangheta und die armenische Mafia ausgebreitet. Außerdem sind gewalttätige Banden wie die Knastgang "Saat des Bösen" aktiv. Alles zum Thema 'Organisierte Kriminalität' finden Sie hier.


Wie verbreitet ist in Thüringen die Organisierte Kriminalität?

Lange Zeit haben sich in Thüringen unbemerkt Strukturen der Organisierten Kriminalität etabliert. Mit der kalabrischen 'Ndrangheta und der armenischen Mafia sind zwei hochgradig vernetzte, kriminelle Vereinigungen im Freistaat aktiv. Hinzu kommen gewalttätige Banden wie die Knastgang "Saat des Bösen" und Rockerbanden, denen auch Kontakte zur Mafia und nähe zu Rechtsextremisten vorgeworfen werden.

Organisierte Kriminalität ist nicht mit politisch motivierter Gewalt zu verwechseln. Bei Letzterem werden politische Ziele verfolgt. Geldbeschaffungsmaßnahmen wie Überfälle oder Raub sind dann nur ein Mittel zum Zweck, um Geld für das Erreichen der eigenen Ziele zu beschaffen. In diese Kategorie fallen beispielsweise der NSU-Terror, islamistischer Terrorismus oder die Reichsbürger-Szene. Organisierte Kriminalität ist dagegen von Gewinn- oder Machtstreben bestimmt. Typische Ausprägungen sind Geldwäsche, Menschenhandel oder Korruption.

Folgende Merkmale kennzeichnen Organisierte Kriminalität: Es müssen mindestens zwei Beteiligte geplant und auf Dauer arbeitsteilig vorgehen und ihre Straftaten müssen von erheblicher Bedeutung sein. Hinzu kommen häufig geschäftsähnliche oder gewerbliche Strukturen, Gewalt, Einschüchterung sowie die Einflussnahme auf Politik, Medien, Verwaltung, Justiz oder Wirtschaft.

Thüringen ist aber nicht nur Heimat krimineller Banden geworden, sondern auch Beutegebiet. Bestes Beispiel sind die Einbruchsserien in den vergangenen Jahren. Zahlreiche Einbrüche werden Banden aus dem osteuropäischen Raum zugeschrieben. Die Gruppen spähen ihre Ziele - beispielsweise kleine Siedlungen von Einfamilienhäusern in Autobahnnähe aus - nehmen die Beute mit und ziehen weiter. Die Thüringer Polizei installierte daraufhin eine Sonderkommission unter dem Codenamen "Dämmerung". Die Ermittler klärten etliche Fälle auf und nahmen zahlreiche Tatverdächtige fest.


'Ndrangheta und Erfurter Gruppe: Finanzverwalter der größten Mafia

Die 'Ndrangheta ist eine der mächtigsten kriminellen Vereinigungen weltweit. Ihr jährlicher Umsatz wird auf rund 53 Milliarden Euro geschätzt. Ihren Ursprung nahm die Mafia-Organisation in der süditalienischen Region Kalabrien. Mit dem Kapital, das sie in den 1970er- und 1980er-Jahren vor allem durch Entführungen erwirtschaften, stiegen 'Ndrangheta-Clans ins Drogengeschäft ein - vor allem mit Kokain. Derzeit hat die 'Ndrangheta das Monopol über den europäischen Kokainhandel. In Deutschland sieht sie das Bundeskriminalamt als "dominierende Mafiagruppierung". Laut Einschätzung italienischer Ermittler hat sie in Deutschland ähnliche Strukturen aufgebaut wie in ihrer Heimat.

Seit 1995 existiert eine Zelle der 'Ndrangheta in Erfurt. Gastro-Unternehmer zogen damals von Duisburg in die thüringische Landeshauptstadt, wo sie als Finanzverwalter der kriminellen Vereinigung agierten. Oststädte wie Erfurt hatten nach der Wiedervereinigung einen besonderen Reiz: es gab weder Privatkapital, noch Aufmerksamkeit für kriminelle Phänomene wie die Mafia. Außerdem hieß die Region Investoren sehr willkommen. In diesem Gebiet mit klarer Machtlücke wussten die Mitglieder genau, was zu tun war. Beim italienischen Mafia-Forscher Nando Dalla Chiesa von der Uni Mailand hat sich der Begriff "Erfurter Modell" zu einem feststehenden Begriff etabliert. Er steht für eine erfolgreiche Unterwanderung einer Stadt durch die Mafia.

Die 'Ndrangheta investierte insgesamt viel Geld in den neuen Bundesländern. Ermittler vermuten, dass ihre Mitglieder die Privatisierungswelle der 90er-Jahren nutzten, um Drogengeld durch legale Investitionen zu waschen. Zwischen 1996 und 2006 öffneten der kriminellen Vereinigung nahestehende Gastro-Unternehmer in Erfurt etwa sieben Lokale und gründeten mehrere Unternehmen. Zwei dieser Unternehmer sind seit mehr als 20 Jahren der deutschen und italienischen Polizei bekannt. Von der Justiz wurden sie nicht weiter behelligt. Die "Erfurter Gruppe" agiert aus dem Verborgenen heraus, um ihre Geschäfte abzuwickeln. Gerät sie dennoch in den Fokus von Ermittlern oder Öffentlichkeit, geht sie selbst den Weg über die Justiz. Kurz gesagt: Die italienische Mafia schießt nicht mehr, sondern sie klagt.

2007 rückte Erfurt erstmals ins Rampenlicht: Im August wurden sechs Männer aus Kalabrien vor einem Restaurant in Duisburg umgebracht. Das Restaurant gehörte früher einem prominenten Mitglied der "Erfurter Gruppe". Gleich nach dem Mord rief laut Medienberichten ein Mitglied der 'Ndrangheta in Erfurt an. Er wurde von der italienischen Polizei abgehört. Ein Zusammenhang zwischen dem sechsfachen Mord und der "Erfurter Gruppe" ließ sich jedoch nicht herstellen. Sowohl für die italienische Anti-Mafia-Behörde DIA als auch das BKA ist Erfurt nicht mehr Ruhezone, wie oft behauptet, sondern ein Operationsraum.

Das Bundeskriminalamt und die italienische Anti-Mafiabehörde DIA gehen davon aus, dass die "Erfurter Gruppe" Geldwäsche-Operationen organisiert. Die Organisation agiert von Erfurt aus deutschlandweit in Leipzig, Dresden, Weimar, Eisenach, Kassel, München oder Baden-Baden. Aber auch in Rom und Lissabon hat sie ihre Stützpunkte. Ihr harter Kern umfasst knapp ein Dutzend Männer. Sie alle stammen aus den 'Ndrangheta-Hochburgen San Luca, Locri oder Bovalino. Ermittler schätzen, dass 20 Unternehmen und 30 Restaurant von Erfurt aus gesteuert werden.

Mindestens 100 Millionen Euro soll die Mafia von Erfurt aus investiert haben. MDR-Recherchen ergaben, dass die Vereinigung zuletzt mit Geld aus Erfurt mehrere renommierte Restaurants in Rom übernahm. Von Immobilien im Wert von 20 Millionen Euro ist die Rede - bezahlt mit in Deutschland gewaschenem Drogengeld. Das Geld wurde offenbar über San Marino nach Italien transferiert. Aufgrund der italienischen Mafia-Gesetze nimmt die 'Ndrangheta den Umweg über Deutschland: In Italien müssten die neuen Eigentümer nachweisen, woher das Geld zum Kauf stammt. Jetzt können sie auf ihre Geschäfte in Erfurt verweisen - und die italienischen Behörden müssen das glauben.


Armenische Mafia: Gewalt auf offener Straße

Oktober 2017: Am frühen Abend versammelt sich ein Trupp von mehr als 20, teils maskierten Männern in der beliebten Erfurter Kneipenmeile vor dem Restaurant "Wirtshaus Christoffel". Unter einem Vorwand locken sie den armenischen Inhaber vor das Lokal. Dann gehen mehrere Angreifer auf ihn und Angestellte los. Sie sollen Reizgas und Elektroschocker eingesetzt haben, heißt es später in der Anklage. Der Inhaber und weitere Angestellte werden erheblich verletzt. Zum Schluss werfen die Angreifer Steine, Stühle und Metallrohre auf den Eingang des Restaurants. Verängstigte Gäste verstecken sich unter den Tischen. Eine Überwachungskamera filmt das Ganze.

Der Angriff in der Michaelisstraße erregte wochenlang die Gemüter in der Öffentlichkeit und Politik. Eine Massenschlägerei mitten im Herzen der idyllischen Altstadt der thüringischen Landeshauptstadt? So etwas hatte es in dieser Form bislang nicht gegeben. Völlig enthemmt schlugen Gangster in Erfurt brutal auf ihre Opfer ein, wohlwissend, dass Zeugen sie beobachten und sie womöglich gefilmt werden. Vieles deutet auf einen Rivalitätskampf zwischen mindestens zwei verfeindeten Clans in Erfurt hin. Dafür spricht auch, dass der armenisch-stämmige Wirt als Hauptopfer später im Prozess nicht als Nebenkläger auftritt und lieber schweigt.

Angeklagt sind sieben Männer, vorneweg Martin U. Er soll die sechs weiteren Angeklagten und noch mindestens 15 andere Männer zusammengetrommelt haben. Sie könnten für den Angriff anheuert worden sein. Als Zuschauer im Gerichtssaal anwesend ist Howo B.* Das Landeskriminalamt hält ihn für den mutmaßlichen Kopf eines armenischen Mafia-Clans in Erfurt. Howo B. war Angeklagter in einem spektakulären Verfahren um eine Mafia-Schießerei im Norden Erfurts. Im Sommer 2014 hatten rivalisierende armenische Mafiagruppen aus Erfurt, Leipzig und Berlin vor einem Spielkasino aufeinander geschossen. Zwei Beteiligte wurden schwer verletzt.

Seit mehreren Jahren häufen sich in Erfurt Meldungen über Mafia-Gewalt. Es wird aufeinander geschossen, Restaurants oder Luxusautos werden angezündet. Im Dezember 2016 kam es zu einem Brandanschlag auf ein Restaurant in der Erfurter Marktstraße. Im Sommer zuvor griffen Männer einen Moldawier mit Mistgabel, Hammer und Schreckschusspistole an einem FKK-Club an. Zu einer Prügelei kam es am Rande eines Boxkampfes zwischen Arthur Abraham und Robert Krasniqi im April 2017 in der Erfurter Messehalle. Mehrere Männer gingen auf den Boxer Karo Murat los, der als Gast zu dem Kampf gekommen war. Fast alle Angreifer waren auch bei der Mafia-Schießerei 2014 dabei.

MDR-Recherchen zeigen: Seit knapp zehn Jahren sind mindestens zwei armenische Mafia-Clans in Erfurt aktiv. Sie sind unter anderem im Drogen- und Falschgeldhandel verwickelt. Die armenische Mafia in Thüringen ist national und international genauso gut vernetzt wie die italienischen Clans. Und anders als bei der gehört der Einsatz von Gewalt auch in der Öffentlichkeit in ihr Repertoire.

* Name geändert


Rockerbanden: Kriminalität auf dem Rückzug

Rocker betrachten das Motorradfahren als Lebensstil. Sie verkörpern dies durch das Tragen von Lederwesten (Kutten) mit auffälligen Kennzeichnungen in Clubfarben, Tätowierungen und auch provozierenden Symbolen. Die wegen ihrer medialen Präsenz und kriminellen Vergangenheit bekanntesten Rockerbanden sind die "Hells Angels" und die "Bandidos". Zwischen beiden kommt es seit jeher immer wieder zu blutigen Fehden.

Höhepunkt gewalttätiger Auseinandersetzungen in Thüringen war 2009, als ein Bandido ein Mitglied der verfeindeten Hells Angels in Erfurt niederstach. Das Opfer überlebte dank einer Notoperation. In den Folgejahren standen unter anderem Mitglieder der Hells Angels und Bandidos vor Gericht und wurden zum Teil verurteilt.

Seitdem ist es um Rockerbanden ruhiger geworden. So ist die Zahl der Ermittlungsverfahren gegen deren Mitglieder stark zurückgegangen. Im Jahr 2017 wurden nach Angaben des Innenministeriums keine Verfahren eingeleitet, die mit Aktivitäten von Rockerbanden in Verbindung standen. 2016 gab es ein Verfahren. Im Jahr 2015 waren es noch acht und 2014 rund 18 Ermittlungsverfahren. 2009 und 2010 gingen noch mehr als 100 Straftaten auf das Konto von Rockerbanden.

Auch die Aktivitäten der Hells Angels sind zuletzt zurückgegangen. Vor einigen Jahren standen sie im Zusammenhang mit Rivalitätskämpfen und Geschäften im Rotlichtbereich noch im Zentrum der Ermittler. Außerdem sollen sie Kontakte zur armenischen Mafia gepflegt haben. 2015 löste sich der Erfurter Ableger der Hells Angels auf. Im Mai 2019 kam es zu einer Neugründung: So wurde die "Red & White Crew Erfurt" zu einem sogenannten Hangaround-Charter - einem Bewerber-Club der Hells Angels - ernannt.

Einige Rockerclubs stehen im Verdacht, enge Kontakte zu Neonazis zu haben. So sollen Rocker und Rechte gemeinsam Konzerte organisiert haben. Im Visier des Verfassungsschutzes stehen dabei die "Turonen". Sie orientieren sich an den weltweit aktiven, klassischen Rockerbanden mit einer klaren Hierarchie sowie dem Tragen von Lederkutten. Als Symbol nutzen sie das sogenannte Pfeilkreuz der ungarischen Faschisten. Die "Turonen" waren Ende 2015 aus der "Bruderschaft H8 Thüringen" hervorgegangen.

Der Rückgang an Ermittlungsverfahren bedeutet nicht automatisch auch einen Rückgang an Mitgliedern. So ist die Szene insgesamt weiter angewachsen. Die Behörden registrierten in Mühlhausen und Weimar Neugründungen eines Unterstützerclubs für den Rockerclub "Underdogs". Im vergangenen Jahr wurden dort Ableger des Bloodhound MC gegründet. Derzeit gibt es 35 regionale Ableger verschiedener Rocker- oder rockerähnlicher Clubs im Freistaat, die von den Sicherheitsbehörden beobachtet werden. Insgesamt zählen die Behörden aktuell rund 190 Mitglieder. Allerdings kann die Polizei für die Hälfte aller regionalen Ableger keine Angaben zur Mitgliederzahl machen. Der Mitgliederstärkste ist der sogenannte Stahlpakt Motorradclub, mit 13 regionalen Einheiten. Bei sieben dieser Ableger werden derzeit rund 80 Mitglieder gezählt.


Saat des Bösen: Jung und hochkriminell

Bei der "Saat des Bösen" - kurz SDB - handelt es sich um eine hochkriminelle Bande. Mehrere Männer gründeten sie zwischen 2006 und 2009 in der Jugendstrafanstalt Ichtershausen. Der Häftling Enrico V. versammelte damals Jugendliche um sich. Gemeinsam begingen sie schon im Gefängnis Straftaten, erpressten von anderen Häftlingen unter anderem Zigaretten. Nach Entlassung breitete sich die Gruppe aus und war vor allem im südthüringischen Suhl, aber auch in Nordhausen, Weimar, Apolda und Gera aktiv. Die Bande selbst bezeichnet sich als "Bruderschaft".

Die "Saat des Bösen" setzt vor allem auf Raubüberfälle in Wohnungen. Laut LKA bedrohen und misshandeln sie dabei ihre Opfer und nehmen mit, was von Wert ist. Hinzu kommen zahlreiche Straftaten wie Drogenhandel, Brandstiftung, Schutzgeld-Erpressung und Körperverletzung. Die Polizei hatte die Gruppierung frühzeitig im Visier und nahm immer wieder Gang-Mitglieder fest. Einige von ihnen sitzen gegenwärtig im Gefängnis. Das LKA sieht bei der Gruppierung Strukturen einer kriminellen Vereinigung und eine Vorstufe zur Organisierten Kriminalität. Allerdings kam es 2017 auch zu einer Justizpanne. In deren Folge wurden mit Enrico V. und Danny J. zwei führende Köpfe der Gang freigelassen, obwohl gegen sie gültige Strafbefehle vorlagen.

Wie brutal und skrupellos die Mitglieder vorgehen, zeigen zwei Fälle: Vor Gericht mussten sich Mitglieder unter anderem wegen eines Überfalls in Weimar verantworten. Dabei soll es um Rache an der Ex-Freundin eines Gangmitglieds und ihrem neuen Freund gegangen sein. Geplant war angeblich, dem Mann die Ohren abzuschneiden, die Frau zu misshandeln und anschließend die Wohnung in Brand zu stecken. Als vier der Angeklagten in Weimar zur Tat schreiten wollten, nahm die Polizei sie fest. Ende 2014 wurden zwei Angeklagte zu Gefängnisstrafen verurteilt. Zwei weitere Angeklagte erhielten Bewährungsstrafen, sechs Angeklagte wurden mangels Beweise freigesprochen.

Im Februar 2017 teilte die Polizei mit, dass Mitglieder der "Saat des Bösen" in Suhl einen 17-jährigen Jugendlichen gekidnappt, wochenlang festgehalten, misshandelt und zu Straftaten gezwungen haben sollen. Die drei 18, 21 und 23 Jahre mutmaßlichen Täter kamen in Untersuchungshaft. Die Aussage des Opfers liest sich verstörend: Demnach wurde er mit Handschellen an einen Heizkörper gekettet. Seine Peiniger verbrannten ihn mit glühenden Zigaretten und bedrohten und verletzten ihn mit Messern. Außerdem begossen die Kidnapper Finger oder Zehen ihres Opfers mit einer brennbaren Flüssigkeit, zündeten sie an und löschten sie wieder. Nach einigen Wochen befreite sich der 17-Jährige aus den Handfesseln und floh aus der Wohnung. Seine Bewacher waren zu diesem Zeitpunkt nicht da.


Was tun Politik, Polizei und Justiz gegen Organisierte Kriminalität?

Die Thüringer Politik schenkte der Organisierten Kriminalität lange Zeit wenig Aufmerksamkeit. Der ehemalige SPD-Innenminister Holger Poppenhäger sagte: "Ermittlungen zur Organisierten Kriminalität vertragen keine öffentliche Geschwätzigkeit in der Politik." Damit nahm er Bezug auf eine Debatte der CDU-Opposition zur Organisierten Kriminalität. Doch auch zuvor unter CDU-Innenministern hatte der Kampf gegen mafiöse Strukturen kaum Priorität. Die Stadt Erfurt war stets um ihr gutes Image bemüht und widersprach Darstellungen von Mafia-Aktivitäten. Oberbürgermeister Andreas Bausewein nannte die Berichte "verantwortungslos". Auch als die Thüringer Öffentlichkeit ungläubig zur Kenntnis nehmen musste, dass es die 'Ndrangheta plötzlich hier gibt, geschah erst einmal nicht viel. Nach den Morden in Duisburg sprachen Landeskriminalamt und Landesregierung zunächst von "Ruheraum" und "vereinzelten Hinweisen".

Seit sich Mafia-Clans in Erfurt plötzlich auf offener Straße bekämpfen, hat sich das geändert. Politik und Justiz sprachen von einer neuen Dimension der Auseinandersetzung. Auch Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein räumte nach dem Christoffel-Vorfall erstmals Probleme mit Mafia-Strukturen ein, auch wenn er sagte: "Erfurt ist kein Palermo". Offensiver geht der gegenwärtige Innenminister Georg Maier (SPD) vor. Er sagte der Mafia offen den Kampf an. So ließ er die für Organisierte Kriminalität zuständige Abteilung im Landeskriminalamt aufstocken. Im November 2017 - nach dem "Christoffel-Angriff" - durchsuchten Beamte in Thüringen und Sachsen 300 Restaurants und Bars - besonders jene, die vom LKA der russisch-eurasischen Kriminalität zugerechnet werden. Die Beamten stellten 170 Unregelmäßigkeiten fest. Dutzende Verfahren wurden eingeleitet. Zuletzt sagte der armenische Staat Thüringen Hilfe im Kampf gegen die Mafia zu.

Werden Verdächtige festgenommen und vor Gericht gebracht, muss das allerdings noch lange keine Verurteilung zur Folge haben. Denn für die Strafverfolgungsbehörden sind die Ermittlungen nicht leicht. Es sei schwierig, eine Struktur auszumachen und den Hintergrund der Tat zu erfassen, sagte Oberstaatsanwalt Thomas Riebel. Hinzu kommt: Oft schweigen mutmaßliche Täter, nachdem sie gefasst wurden. Aber auch die Opfer sagen selten aus. Für sie gilt das Prinzip des Schweigegelübdes.

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Fazit vom Tag | 02. November 2018 | 18:10 Uhr