Covid-19 Versprochene Finanzhilfen: Viele Thüringer Ferienhöfe fallen durchs Raster

In Thüringen fürchten viele Ferienhöfe um ihre Existenz. Laut der Landesarbeitsgemeinschaft "Ferien auf dem Lande in Thüringen" kann rund die Hälfte der rund 400 Gastgeber die Finanzhilfen der Landesregierung in der Corona-Krise nicht in Anspruch nehmen.

Ein Mann steht vor einem Tisch
Matthias Schumann, Besitzer des Landhotels Schumann richtet  zurzeit die Gaststube neu ein. Bildrechte: MDR/Stefanie Reinhardt

Eigentlich wäre Matthias Schumann jetzt in Berlin. Auf der Internationalen Grünen Woche. Mit Prospekten und Flyern in der Hand. So um die Tausend Stück würde er verteilen. Darauf zu sehen: sein Lebenswerk. Das Landhotel Schumann mit Ferienwohnungen und Reiterhof in Triptis im Saale-Orla-Kreis.

Den Betrieb führt er schon in der siebten Generation. Doch dieses Jahr ist alles anders. Statt auf der Messe zu werben, sitzt er in seinem Büro – mit den frisch gedruckten Flyern und Prospekten. Vor allem die Ungewissheit macht ihm zu schaffen. "Es weiß ja keiner, wie lange das noch so geht."

Hoffnung im November

Die Tische in seiner Gaststube sind leer. Die Zeit seit dem Lockdown im November hat er genutzt. Mit einem Kredit hat er die Tür zur Gaststube barrierefrei gemacht. Auch das Buffet ist neu. Gerade hat er historische Fotos, Postkarten und Erinnerungsstücke aus der Geschichte seines Landhotels an den Wänden angebracht. Die Idee: Der Gastraum wird zur Museumsstube.

Ein Mann steht in einem Gasthaus
Matthias Schumann hat trotz Lockdown investiert. Neu ist zum Beispiel das Buffet. Bildrechte: MDR/Stefanie Reinhardt

Im November, sagt er, habe er noch viel Hoffnung gehabt. Die versprochenen Finanzhilfen habe er beantragt. Und eine Anzahlung erhalten. Dann kam der Dezember und lange Zeit nichts. Einen Teil seiner 20 Mitarbeiter musste er in Kurzarbeit schicken. Einige hätten gekündigt, weil sie mit dem Geld nicht über die Runden kamen, erzählt er. Für ihn ein Verlust. Fachkräfte in der Gastronomie sind rar.

Zurzeit lebt er von Rücklagen

"Der Dezember ist bei uns der traditionell umsatzstärkste Monat", sagt er. Da komme eigentlich immer viel zusammen: das Weihnachtsgeschäft, die Feiern zum Jahreswechsel und die Buchungen in den Ferien. Seine Zielgruppe: Familien mit Kindern. Sein Alleinstellungsmerkmal: Reiturlaub auf dem Land. Angebote hatte er auch im Winter. All das blieb dieses Mal aus.

Geschäftsreisende und Essen zum Abholen könnten nur einen kleinen Teil der laufenden Kosten decken. Sie seien jedoch keineswegs wirtschaftlich. Zurzeit, sagt er, lebt er vor allem von Rücklagen. "Auf die zugesagte finanzielle Unterstützung warte ich immer noch", sagt Schumann und meint: "Bei vielen kleinen Gastgebern sind die Hilfen noch nicht angekommen."

Politik diskutiert über Hilfszahlungen Die Thüringer CDU-Fraktion hat am Donnerstag einen Vorausfonds für Thüringer Unternehmen in Not gefordert. Fraktionschef Mario Voigt sagte, dabei gehe es vor allem um Firmen, die unter der schleppenden Auszahlung von Überbrückungs-, November- und Dezemberhilfen leiden. Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee lehnte die Forderung ab. Die Auszahlung der Bundeshilfen sei nach einer Reihe von Problemen endlich in Gang gekommen, erklärte der SPD-Politiker. Die derzeit vorliegenden Anträge auf November- und Überbrückungshilfe würden Ende Januar nahezu vollständig ausgezahlt, so der Minister. Ein Thüringer Sonderweg sei deshalb nicht nötig.

Laut der Landesarbeitsgemeinschaft "Ferien auf dem Lande in Thüringen“ kann sogar rund die Hälfte der rund 400 Ferienhöfe die Finanzhilfen der Landesregierung in der Coronakrise nicht in Anspruch nehmen. Sie fallen durchs Raster. Der Grund: Bei ihnen läuft die Vermietung von Ferienzimmern im Nebenerwerb – neben der Landwirtschaft. Trotzdem fehlt ihnen das zweite Standbein. Denn von der Landwirtschaft allein können sie nur schwer leben.

Ein Landhotel
Das Landhotel steht derzeit leer. Bildrechte: MDR/Stefanie Reinhardt

Einige Ferienhöfe ohne Hilfen in Gefahr

Noch härter trifft es aber Betriebe, die ausschließlich von Tourismus und Gastronomie leben. So wie Matthias Schumann mit seinem Landhotel und Reiterhof in Triptis. Aussagen von Landespolitikern, dass Hilfsgelder nicht gebraucht worden seien, kann er nicht nachvollziehen. "Es muss ja erstmal das ausgezahlt werden, was den Betrieben versprochen worden ist."

Ohne die Hilfen, befürchtet Schumann, werden einige Ferienhöfe diese Krise nicht überstehen. Trotzdem will er nach vorne schauen. Er hofft, seine Türen ab Ostern wieder öffnen zu können.

Schilder und Wegweiser an einem Zaun.
Schilder und Wegweiser an einem Zaun. Bildrechte: MDR/Stefanie Reinhardt

Die Buchungsanfragen für seine Ferienwohnungen und Zimmer seien da. Allerdings zögert der Gastgeber noch, die Anfragen verbindlich zu bestätigen. Er fragt sich: Was, wenn der Lockdown doch noch länger dauert? Der Aufwand für Stornierungen und Umbuchungen sei groß. Das weiß er aus den vergangenen Monaten.

Ferienhöfe in Thüringen und der Lockdown Rund 400 Ferienhöfe auf dem Land gibt es in Thüringen. Ihre Interessen vertritt die Landesarbeitsgemeinschaft "Ferien auf dem Lande in Thüringen". Sie veröffentlicht unter www.landsichten.de immer im Januar den Katalog "Landurlaub in Thüringen" und die Broschüre "Reiturlaub in Thüringen".

30 Prozent der Thüringer Ferienhöfe mussten ihre Mitarbeiter inzwischen in Kurzarbeit schicken oder entlassen. Viele Betriebe haben ihre Investitionen zurückgestellt.

Die Finanzhilfen können nur bedingt und von einem Teil der Anbieter in Anspruch genommen werden. Rund 50 Prozent sind laut Interessengemeinschaft nicht antragsberechtigt, weil bei ihnen die Vermietung im Nebenerwerb läuft. Die Finanzhilfen kompensierten auch nur das Nötigste.

In der ersten Phase des Lockdowns im Frühjahr haben die Ferienanbieter auf dem Land in vier Wochen Umsatzverluste in Höhe von rund 11.000 Euro gemacht.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 21. Januar 2021 | 07:00 Uhr

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