Schienenverkehr Warum auf der schnellen Bahnstrecke Erfurt-Halle nur ICE und jetzt Flixtrain fahren

Sebastian Großert
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft
Blaue Diesellokomitive auf der Bahn-Neubaustrecke Halle/Leipzig - Erfurt im Kreis Sömmerda
Eine der blauen Abschlepplokomotiven auf der Bahnstrecke Erfurt-Halle/Leipzig. Die Aufnahme entstand 2015 kurz vor der Inbetriebnahme. Bildrechte: MDR/Lorene Gensel

Vier Jahre lang hatten die Lokführer der ICE-Züge der Deutschen Bahn die Neubaustrecke zwischen Erfurt und Halle für sich allein. Kein anderes Eisenbahnunternehmen hat die Trasse planmäßig genutzt, die zu den Prestigestrecken der Deutschen Bahn gehört und für 300 km/h ausgelegt ist.

Die einzigen anderen Fahrzeuge auf der Strecke waren die gemieteten blauen Dieselloks der Eisenbahngesellschaft Press aus Sachsen, mit denen die Bahn liegengebliebene ICE von der Strecke schleppt, sowie Wartungs- und Instandhaltungszüge.

Quietschgrün statt nur weiß

Ein Fahrgast läuft im Bahnhof Berlin-Südkreuz entlang des Zuges der ersten FlixTrain-Verbindung zwischen Köln und Berlin.
Flixtrain-Waggon - hier in Berlin-Südkreuz. Bildrechte: dpa

Mit dem Fahrplanwechel am heutigen Sonntag ändert sich das, wird der Verkehr auf der Strecke bunter: Quietschgrüne, lokbespannte Züge schieben sich zwischen die weißen ICE-Platzhirsche mit ihren aerodynamisch optimierten Triebköpfen, auffällig beklebt mit dem Markennamen Flixtrain. Flixtrain - das ist der Bruder der Fernbusmarke Flixbus auf der Schiene. Vom Fahrplanwechsel an lässt Flixmobility, das Unternehmen hinter den beiden Verkehrsmarken, seine Züge zwischen Berlin und Stuttgart nicht mehr durch Niedersachsen rollen, sondern durch Thüringen. Zwei Verbindungen pro Tag werden je Richtung von Donnerstag bis Montag angeboten. Diese Züge halten in Thüringen in Eisenach, Gotha und Erfurt. Dienstags und mittwochs gibt es nur eine Verbindung in jede Richtung, die in Thüringen obendrein nur in Erfurt hält.

Spezielles Zugsicherungssystem vorgeschrieben

Dass Flixtrain der erste und laut Deutscher Bahn einzige weitere Nutzer der schnellen Strecke ist, hängt an einem ganzen Strauß von Gründen. Die dominierende Blume in diesem Strauß ist das Zugsicherungssystem: Auf freier Strecke zwischen Leipzig/Halle, Erfurt und Ebensfeld gibt es keine ortsfesten Signale mehr. Stattdessen werden zwischen Zug, Streckensensoren und den elektronischen Stellwerken Daten über das Mobilfunknetz der Bahn ausgetauscht. ETCS oder European Train Control System nennt sich diese Technik. Triebzüge oder Loks, die auf derartig gesicherten Strecken fahren sollen, müssen die ETCS-Signale senden, empfangen und verarbeiten können.

ETCS hat sich bewährt

Das System hat sich bewährt, die peinliche Panne beim Betriebsbeginn des Südabschnitts der Neubaustrecke von Erfurt nach Ebensfeld 2017 hat sich nie wiederholt. Doch steckt der Teufel im Detail: Seinem Namensanspruch, ein europaweit gültiges System zu sein, wird ETCS nicht gerecht. Es existieren diverse Länder- und Software-Varianten. Hinzu kommt, dass es im deutschen Bahnnetz so gut wie keine weiteren Abschnitte mit ETCS gibt.

Die Kilometerkosten sind kein Argument mehr gegen die Strecke, im Gegenteil: Seit einer Preisreform 2018 sind Neubaustrecken nicht mehr teurer als Altstrecken. Bahnbetreiber kommen etwa zwischen Halle und Erfurt auf der Neubaustrecke günstiger weg als auf der alten Strecke über Weimar, Naumburg und Weißenfels - weil die länger ist. Dass Güterbahnen um die Strecke bisher dennoch einen Bogen machen, dürfte am ETCS liegen: Nicht nur werden Lokomotiven gebraucht, die mit Sende- und Empfangsanlagen ausgerüstet sind und die Signale verarbeiten können. Lokführer müssen für das System ausgebildet sein, die ETCS-Ausrüstung der Lok muss von Fachpersonal gewartet werden. Diesen Aufwand wegen einer winzigen ETCS-Insel im großen Bahnnetz zu treiben, haben die Güterbahnen bisher gescheut. Nach Angaben der Deutschen Bahn hat bisher keine von ihnen wegen der Nutzung der Strecke angefragt.

Grafik Eisenbahn, Neubaustrecke Leipzig-Halle-Erfurt-Ebensfeld, Schnellfahrstrecke ICE-Strecke
Grafik: Der Verlauf der Eisenbahn-Neubaustrecke Leipzig-Halle-Erfurt-Ebensfeld. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Topografie als zusätzliches Hindernis

Auf dem Südabschnitt der Strecke kommt die Topografie als zusätzliches Hindernis für Güterzüge hinzu: Trotz zahlreicher Brücken und Tunnel müssen die Züge Steigungen überwinden, um über den Thüringer Wald zu kommen. Das limitiert das zulässige Gewicht eines Zuges, weil dessen Lok an jeder Stelle einer Strecke in der Lage sein muss, nach einem Stopp wieder anzufahren. Für Güterbahnen gilt aber: Je länger und schwerer ein Zug ist, desto profitabler. Dass der Streckenabschnitt generell zu steil für Güterzüge sei, hat die Bahn AG jedenfalls schon 2016 dementiert. Inzwischen bessert sie sogar nach, um Erfurt-Ebensfeld attraktiver für Güterbahnen zu machen: Vorgesehene Stopp-Stellen werden so versetzt, dass schwerere Güterzüge dort keine Anfahr-Probleme haben würden.

Knifflig: Der Nahverkehr

Von Nahverkehrszügen wird die Neubaustrecke nur auf einem Teilabschnitt im Süden befahren: Die Deutsche-Bahn-Tochter DB Regio fährt mit dem Regionalexpress von Nürnberg nach Sonneberg alle zwei Stunden auf einigen Kilometern auf der Schnellstrecke. Jüngst haben Bayern und Thüringen eine Regionalexpress-Linie Erfurt-Nürnberg ausgeschrieben. Zum Zuge soll der Gewinner aber nur für den Fall kommen, dass die Bahn ihre ICE-Züge nicht häufiger als bisher in Coburg in Oberfranken halten lässt. In der Kleinstadt können viele Südthüringer ohne aufwendige Anreise umsteigen.

Die Ausschreibung macht zudem das Dilemma der Neubaustrecke deutlich: Sie verbindet die Ballungszentren und lässt die kleineren Städte links liegen. Fährt ein ICE in Halle los in Richtung München, passiert er bis Ebensfeld genau einen Personenbahnhof - Erfurt. Ein ICE auf der Fahrt nach Süden via Leipzig kommt immerhin zusätzlich an den Bahnhöfen Leipzig Messe, Leipzig/Halle Flughafen und Gröbers im Saalekreis in Sachsen-Anhalt vorbei. Als die Ausschreibung für einen RE Erfurt-Nürnberg bekannt wurde, meldete sich umgehend der Ilm-Kreis und forderte den Bau eines Regionalbahnhofes bei Ilmenau.

Warum ein Flughafenexpress nach Leipzig sinnvoll wäre

Für den Streckenabschnitt Erfurt-Halle/Leipzig sind Regionalzugverbindungen bisher noch nicht einmal öffentlich ernsthaft diskutiert worden. Schwer vorstellbar, dass die Länder als Besteller und Finanzier des Bahn-Nahverkehrs ihre Mittel dafür investieren, der Deutschen Bahn und jetzt Flixtrain Konkurrenz zu machen.

Eine Verbindung gibt es allerdings, die ebenso finanzierbar wie sinnvoll wäre: Einen Flughafenexpress von Thüringen bis zum Flughafen Leipzig-Halle und weiter zur Messe und zum Hauptbahnhof. Bisher rauschen die ICE der Deutschen Bahn nämlich am größten mitteldeutschen Flughafen ebenso vorbei wie am Leipziger Messegelände, wo es auch Thüringer zuweilen hinzieht.

Thüringen könnte seine Subventionen für den mäßig ausgelasteten Flughafen Erfurt-Weimar umlenken in einen solchen Flughafenexpress. Doch die Politik im Freistaat scheut sich davor, dem einzigen internationalen Flughafen Thüringens den Geldhahn zuzudrehen - zumal es das Ende des kommerziellen Passagierflugbetriebs bedeuten dürfte. Ende 2018 sicherte die rot-rot-grüne Landesregierung dem Flughafen eine Millionenförderung bis 2023 zu. Im Landtagswahlkampf sprachen sich allein die Grünen dafür aus, dass der Staat den Flughafen nicht weiter finanziell päppelt.

Bleiben also die Flixtrains übrig als bis auf Weiteres weitgehend einziger Farbtupfer neben den weißen ICE-Triebzügen der Bahn auf der Neubaustrecke. Flixmobility hat für sein neues Angebot ETCS-fähige Loks vom Typ Siemens Vectron angemietet, die Waggons stellt das in Tschechien beheimate Verkehrsunternehmen Leo Express. Welche Waggons zum Einsatz kommen, wollte Flixmobility vorab nicht verraten - andere Flixtrains sind mit alten Intercity-Wagen der Deutschen Bahn unterwegs.

Ein Flixtrainzug
Ein Flixtrain mit einer Siemens-Vectron-Lokomotive - hier bei Westbevern in Nordrhein-Westfalen. Bildrechte: imago images / Rüdiger Wölk

Für wen sich der Flixtrain lohnt Erfurt-Berlin am Dienstag (17. Dezember 2019) mit dem Zug: Wer an diesem Tag reisen will, hat jetzt die Wahl zwischen ICE und Flixtrain. Letzterer fährt dienstags genau einmal am Tag; 11:17 Uhr ab Erfurt, 13:24 Uhr an Berlin Hauptbahnhof. 2:07h für 14,99 Euro, das ist der Tarif am Sonnabendabend gegen 21:30 Uhr. "Wir nutzen bei Flixtrain ein flexibles Preissystem ähnlich zu Fluggesellschaften: Wer früher bucht, fährt günstiger. Sobald ein günstigeres Ticketkontingent ausgebucht ist, fällt der nächsthöhere Preis an", heißt es dazu bei Flixmobility.

Der Vergleich auf bahn.de, angestellt zur selben Zeit für dieselbe Zeit: 11:09 Uhr führe ein ICE, für den Reisende ohne Bahncard 35,90 Euro mit dem Super-Sparpreis hinlegen müssten. ICE-Komfort mit Bordbistro - bei Flixtrain gibt es nur eine ambulante Am-Platz-Versorgung - in einer Zeit von 1:46h. WLAN wird sowohl im Flixtrain als auch im ICE angeboten, der Nutzen sei dahingestellt: Mittlerweile geht selbst das aufwändige System der Deutschen Bahn, das sich mit allen drei deutschen Mobilfunknetzen verbindet und jedes Quäntchen Datenkapazität nutzt, regelmäßig in die Knie. Selbst dem Alle-zwei-Jahre-einmal-ICE-Passagier aus Hintertupfingen ist nicht entgangen, dass es im ICE kostenlos WLAN gibt, und viele Deutsche-Bahn-Kunden versuchen das auszunutzen. An Bord von ICE sind Nutzer ganz normal, die Youtube-Videos oder andere datenhungrige Anwendungen konsumieren. Getrost ignoriert werden kann die Vorschrift beider Anbieter, nur ein Gepäck- und ein Handgepäckstück mit an Bord zu bringen: Der Autor dieses Beitrags hat in 15 Jahren niemals erlebt, dass ein Fahrgast wegen zu umfangreichen Gepäcks ab- oder auch nur zurechtgewiesen worden wäre.

Die Haken bei Flixtrain: Die Bahncard wird nicht anerkannt, und Erwachsene dürfen keine eigenen Kinder kostenlos mitnehmen wie bei der Deutschen Bahn, wo Sprösslinge bis 14 kostenlos bei Mama oder Papa mitfahren. Die Fahrkarte für den Flixtrain gilt nur für die gebuchte Verbindung - wer in Thüringen nicht in Erfurt, Gotha oder Eisenach wohnt, zahlt die Anfahrt extra. Ein Flexticket wie bei der Bahn AG, das für den jeweiligen Tag die Nutzung jedes Zuges der gebuchten Verbindung gestattet, bietet Flixtrain auch nicht an – wer seinen gebuchten Zug verpasst oder nicht nehmen kann, muss eine neue Fahrkarte buchen.

Zudem: Das City-Ticket, das die Bahn AG Inhabern der Bahncard für ausgewählte Städte gewährt, gibt es für Flixtrain-Kunden nicht. Wer also beispielsweise als Bahncard-Inhaber von Weimar nach Berlin reisen will, zahlt 37 Euro und kann dafür die Stadtbusse in Weimar und in Berlin die S- und U-Bahnen, Straßenbahnen und Busse bis zu seinem Ziel ohne zusätzliches Ticket nutzen, und kassiert dafür obendrein Bonuspunkte. Beim Flixtrain zahlt dieser Fahrgast extra die Fahrt von Weimar nach Erfurt - immerhin gibt es dafür Bahncard-Rabatt - und die Anschlussfahrt an sein Ziel in Berlin.

Fazit: Wer zeitlich flexibel ist, keine Bahncard hat und für wen die Anfahrt zu den Bahnhöfen nicht ins Gewicht fällt, für den ist der Flixtrain eine interessante Option. Regelmäßige Eisenbahnpassagiere dürften dagegen meist mit der Deutschen Bahn besser fahren: Sie fährt weit häufiger, und die Startort-Zielort-Nahverkehrsfahrt ist zumindest für Bahncard-Kunden mit "drin".

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 17. Dezember 2019 | 19:00 Uhr

13 Kommentare

sgrossert vor 28 Wochen

@ Quantix: Es ist Ihnen unbenommen, hier den "etwas sprachlosen" Thüringer Patrioten zu geben. Ich finde eine solche Haltung überholt. Die schrumpfenden mitteldeutschen Länder haben schlicht nicht mehr die Knete, um ihre bizarren Alleingänge und Sonderwege zu finanzieren. Die Menschen in diesen Ländern sind inzwischen viel weiter - das können Sie übrigens jeden Morgen auf den Bahnhöfen von Erfurt und Halle/Leipzig sehen, wenn die ICE-Pendler in die Züge nach Halle/Leipzig und Erfurt steigen. Dass ein Thüringer eine solche Identität hat und keine mitteldeutsche, hat doch mit der Verwaltungsorganisation nichts zu tun! Aber eine Nachfrage hätte ich: nachdem Sie zunächst vehement dagegen opponierten, den Flughafen Erfurt fallenzulassen, sprechen sie jetzt davon, "das Geld in Thüringen sicher sinnvoller [zu] investieren, siehe dazu den Kommentar von Hr. Mueller: Z.B. durch eine bessere Bahnanbindung in der Fläche!" Oder verstehe ich Sie da jetzt falsch?

sgrossert vor 28 Wochen

@ Peter Mueller: Ihren Wunsch nach einer "kritischen Analyse" verstehe ich nicht. Flixtrain ist ein privatwirtschaftliches Unternehmen. Inwiefern wäre es journalistisch geboten gewesen, deren Entscheidung zu hinterfragen, über Erfurt zu fahren? Dass der FT für einen Fahrgast aus Gera, Jena, Suhl oder Nordhausen nicht attraktiv ist, bezweifle ich doch gar nicht! Aber die Firma fährt über die Neubaustrecke, die Milliarden gekostet hat, und sorgt jetzt mit dafür, dass sie besser ausgelastet wird und über die Trassengebühren Geld wieder reinkommt. Was ist daran kritikwürdig? Und zum Flughafenexpress: Um die Nöte der Anrainer welcher Eisenbahnstrecke hätte ich mich denn kümmern sollen? Im Abseits liegen doch eigentlich nur jene Thüringer, die an der Thüringer Bahn und der Saalebahn leben, auf denen ICE nur noch in homöopathischen Dosen verkehren.

Quantix vor 28 Wochen

@Hr. Mueller: Sie haben völlig Recht, eine bessere Anbindung in der Fläche muss unsere höchste Priorität haben. Als jemand, der aus der Nähe von Erfurt stammt, kann ich Ihnen versichern, dass es für zahlreiche Auspendler genauso mühsam und ärgerlich ist, wenn Regionalzüge nach Nordhausen, Mühlhausen, Meinigen oder Gera überfüllt sind, zu spät kommen und oder nur zu Standardarbeitszeiten fahren. Ich Ihnen zu 100% zu: Wir brauchen keinen Flughafenexpress, sondern das Land braucht schnelle, verspätungssichere und komfortable Regionalverkehrslinien! Die Elektrifizierung der MDV und ein Regionalhalt IL-Wolfsberg sind da das Mindeste.

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