Plakat der SPD 1919 Frauenwahlrecht
Die SPD ruft 1919 zur Wahl der neuen Nationalversammlung auf. Erstmals durften Frauen wählen. Bildrechte: MDR/Rainer Erices

12. November 1918 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland

Mit Angela Merkel steht seit Jahren eine Frau an der Spitze der deutschen Politik. Vor einhundert Jahren wäre das undenkbar gewesen. Am 12. November 1918 wurde in Deutschland das Wahlrecht eingeführt. Erst von diesem Zeitpunkt an konnten Frauen mitentscheiden, wer die Geschicke des Landes führen sollte. Darüber hinaus konnten sie sich sogar selbst zur Wahl stellen und damit in die Politik aktiv eingreifen. Die Gesellschaft musste sich an diesen Umbruch erst gewöhnen.

von Rainer Erices

Plakat der SPD 1919 Frauenwahlrecht
Die SPD ruft 1919 zur Wahl der neuen Nationalversammlung auf. Erstmals durften Frauen wählen. Bildrechte: MDR/Rainer Erices

Im Februar 1919 kam in Weimar die Nationalversammlung zum ersten Mal zusammen. Etliche Frauen zogen in das höchste deutsche Parlament. Ein erster Erfolg, so sahen es damals viele der weiblichen Abgeordneten. Doch keine der Frauen gelangte an die Spitze der Regierung oder der Ministerien. Den Frauen überließen ihre männlichen Kollegen vor allem das Soziale, also sogenannte "Frauenprobleme".

Jahrzehnte vor der Zeit der Weimarer Republik hatten die deutschen Frauen scheinbar vor einer Gleichstellung der Geschlechter gestanden. Während der Revolution von 1848 hatten viele Frauen die politischen Forderungen ihrer Mitstreiter unterstützt. Doch Parlamentsarbeit blieb ihnen weiter verwehrt. Die Verfassung des Deutschen Reiches von 1871 beschränkte das Wahlrecht auf Männer. Zwar engagierten sich Frauen in vielen Orten in Verbänden, bei ihrer Forderung nach gleichberechtigter politischer Mitbestimmung wurden sie jedoch kaum erhört. Für die Männerparteien hatte ein Frauenstimmrecht keine Priorität. Das mag auch daran gelegen haben, dass die Frauenverbände keinen gemeinsamen Weg gingen. Bürgerliche Frauen hatten andere Ziele als Frauen aus dem Arbeitermilieu.

1895: August Bebel unternimmt ersten Vorstoß

Die erste Partei, die das "allgemeine, gleiche, direkte Wahl- und Stimmrecht ohne Unterschied des Geschlechts für alle Wahlen und Abstimmungen" forderte, war die SPD. In ihrem Erfurter Programm von 1891 trat sie für die Abschaffung aller Gesetze ein, die die Frau in der Gesellschaft und im Privaten benachteiligten. Auch innerhalb der SPD blieb die Forderung zunächst relativ schwach. Es vergingen vier Jahre, bis August Bebel im Reichstag den Antrag für ein Frauenwahlrecht erstmalig begründete. Doch selbst Bebel beschränkte seine politischen Forderungen lediglich auf die regionale Länderebene. 

Erschwerend hinzu kam, dass ein politisches Engagement von Frauen zu dieser Zeit nur eingeschränkt möglich war. Bis 1908 hatte in Preußen ein Gesetz Bestand, das Frauen jegliche politische Arbeit in Vereinen untersagte. Doch die Entwicklung war nicht mehr aufzuhalten. 1865 hatten bürgerliche Frauen den ADF, den Allgemeinen Deutschen Frauenverein, gegründet, der sich vor allem für eine gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe einsetzte. Frauen sowohl aus bürgerlichem und proletarischem Umfeld veröffentlichten um die Jahrhundertwende zunehmend ihre Forderungen nach einem umfassenden Wahlrecht. Die Gesellschaft änderte sich. Mädchen legten ihr Abitur ab, junge Frauen durften erstmals Universitäten besuchen, wenn auch in der Regel nur als Gasthörerin und nur nach Zustimmung der männlichen Professoren.

1911: Erster Internationaler Frauentag

Im März 1911 feierten Frauen in Europa zum ersten Mal den Internationalen Frauentag. In Deutschland demonstrierten zehntausende Frauen unter Führung der Sozialdemokratie für ihr Wahlrecht. Einen deutlichen Umschwung brachte der Erste Weltkrieg. Frauen verschiedener Parteien begründeten ihr Recht auf politische Mitbestimmung auch mit ihren Leistungen während des Krieges. In der sozialdemokratischen Zeitung "Die Gleichheit" schrieb Marie Juchacz von der SPD: "Sollen wir keinen Teil haben an dem, was jetzt wird? Haben wir Frauen nicht auch in vollstem Maße unsere schweren Pflichten erfüllt? Es ist bitter, immer wieder von neuem aufzählen zu müssen, warum auch wir uns zur vollbewussten Teilnahme am Leben des Volkes berechtigt fühlen. Wir sind Staatsbürgerinnen und wollen als solche behandelt sein."

Der Umbruch kam gegen Ende des Krieges unter dem Eindruck der Novemberrevolution. Auch wenn die Frauen der verschiedenen politischen Strömungen weiter in ihren Forderungen uneins waren, entschied sich die Revolutionsregierung, der sogenannte Rat der Volksbeauftragten, am 12. November 1918 für die Einführung des Frauenwahlrechts. Frauen sollten von nun an für den Reichstag wählen dürfen und als Abgeordnete gewählt werden können. Das entsprechende Gesetz wurde Ende November unterzeichnet und galt als Grundlage für die ersten Wahlen der neuen Republik. Die Gleichheit der Geschlechter wurde ein halbes Jahr später in Weimar verfassungsmäßig festgelegt.

1919: Frauen wählen Nationalversammlung

Die Wahlen zur Nationalversammlung fanden im Januar 1919 statt. Die Wahlbeteiligung war - verglichen mit heute - ausgesprochen hoch. Sowohl 83 Prozent der Frauen als auch der Männer gaben ihre Stimme ab. Unter den 421 Abgeordneten, die in die Nationalversammlung letztlich einzogen, waren allerdings nur 37 Frauen, was einer Quote von knapp 9 Prozent entspricht. Auch wenn in den Wochen darauf einige weitere Frauen in das Parlament nachrückten, so blieb ihr Anteil insgesamt klein. Umso mehr, wenn man bedenkt, dass die Zahl der wahlberechtigten Frauen deutlich höher war als die der Männer, eine Folge des Krieges. Insgesamt hatten Frauen innerhalb ihrer Parteien deutlich schlechtere Chancen, einen Platz in der Nationalversammlung zu bekommen als ihre männlichen Kollegen. Nur jede achte zur Wahl gestellte Kandidatin erreichte ihr Ziel, bei den Männern bekam jeder dritte ein Mandat.

Ein Plakat der Deutschen Demokratischen Partei wirbt für die Wahlen zur Preußischen Landesversammlung 1919 und fordert die Bürgerinnen zur Wahrnehmung ihres Wahlrechts auf.
Plakat der Deutschen Demokratischen Partei 1919 Bildrechte: dpa

Trotzdem, Deutschland zählte nunmehr zu den 19 fortschrittlichen Ländern der Welt, in denen Frauen wählen und gewählt werden durften. Als Vorreiter für die Frauenrechte galten Neuseeland und Australien oder die skandinavischen Länder. Finnland hatte 1901 als erster europäischer Staat das Frauenwahlrecht eingeführt.
Für viele Frauen war damit das wichtigste Ziel der Frauenbewegung erfüllt. Vierzehn Jahre lang saßen in der Folge weibliche Abgeordnete im Reichstag. Die erste Rede vor einem deutschen Parlament hielt Marie Juchacz. Am 19. Februar 1919 begrüßte sie im Weimarer Theater die Abgeordneten aller Fraktionen mit den Worten: "Meine Herren und Damen", was laut Protokoll für Heiterkeit im Hohen Haus sorgte. In den Jahren darauf wurden weibliche Abgeordnete zur Normalität. Ihr Anteil blieb allerdings gering. 1933 geriet das Frauenwahlrecht in Deutschland zum historischen Zwischenspiel. Die Nazis schafften das passive Wahlrecht für Frauen ab. Frauen sollten sich um die Familie kümmern und nicht um Politik.

1949: Frauen erhalten vollwertige politische Rechte

Es dauerte etliche Jahre in der Bundesrepublik, bis der Frauenanteil im Bundestag wieder die Größenordnung hatte wie einst in den Anfangsjahren der Weimarer Republik. Zwar wurden Frauen seit 1949 vollwertige politische Rechte zuerkannt. Erst 1983 jedoch stieg der Anteil von weiblichen Abgeordneten auf Weimarer Verhältnisse. In den Folgejahren war ein deutlicher gesellschaftlicher Wandel zu spüren, der Frauenanteil wuchs rasch. Einen großen Anteil daran hatten die Grünen, in deren Fraktion teilweise der Anteil von Frauen überwog.

Heute ist ein Drittel aller Abgeordneten des Bundestags weiblich. Dabei unterscheiden sich die Anteile zwischen den Fraktionen deutlich. Bei Grünen und Linken sind Frauen in der Überzahl. In der AfD-Fraktion ist nur jedes zehnte Mitglied eine Frau. Ein Trend, der sich beispielsweise auch im Landtag von Thüringen wiederfindet.

Auch in der DDR waren Frauen in der Politik zahlenmäßig unterlegen. In der Volkskammer gab es beispielsweise in den 1980er-Jahren einen Anteil von 30 Prozent. Beachtet werden muss dabei, dass in dem höchsten Organ des Landes auch Vertreter der sogenannten Massenorganisationen saßen, darunter verpflichtend auch des Frauenverbands.

Dass die Einführung des Frauenwahlrechts nicht gleichzusetzen ist mit der tatsächlichen Gleichberechtigung der Geschlechter, demonstrieren nicht nur die Anteile von Frauen in den verschiedenen Parlamenten. Viele Berichte aus der Weimarer Zeit nach 1918 erscheinen heute undenkbar. So schrieb beispielsweise ein konservativer Journalist über das Wirken der abgeordneten Frauen in der Nationalversammlung: Man könnte sämtliche in Weimar gehaltenen Frauenreden streichen, und niemand würde den Mangel merken. Frauen sollten sich zwar in der Politik austoben dürfen, doch "der Schöpferische, Zeugende, Gesetzgebende bleibt immer der Mann."

Quelle: MDR THÜRINGEN

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR spezial | 09. November 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. November 2018, 05:00 Uhr

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7 Kommentare

12.11.2018 17:27 Stefan (Der) 7

@6. Atheist aus Mangel an Beweisen: Ihren letzten Satz sehe ich genauso. Grundsätzlich ist aber in Sachen "privater" Gleichberechtigung viel passiert in den letzten 30 Jahren. Die Politik muss da noch ein bisschen aufholen. Ob dies mit Quoten geht, bezweifel ich aber stark.

12.11.2018 15:54 Atheist aus Mangel an Beweisen 6

Stefan (Der)
Da haben Sie nicht ganz unrecht, aber genau wegen dieser Doppelbelastung konnten die Frauen 5 Jahre vor den Männern in Rente gehen.
Heute sitzen die Frauen immernoch an der Supermarktkasse, brauchen keine Windeln mehr waschen und das Essen kommt aus der Gefriertruhe und die Männer müssen staubsaugen- ist für mich auch keine Gleichberechtigung.
Aber im Grunde gehts doch darum das unsere Geschichte einfach nicht mehr vorhanden sein soll, wenn Merkel von Zuständen im Wessiland anno 1977 spricht.

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