Schulpflicht Phänomen "Freilerner" in Thüringen

Rund 240.000 Schüler werden im neuen Schuljahr in die Schule gehen. Doch einige erleben die Schule als Korsett, in das sie nicht hineinpassen. Die Kinder verstoßen gegen die in Deutschland geltende Schulpflicht und ihre Eltern riskieren dafür Bußgelder, den Entzug des Aufenthaltsbestimmungsrechts und schlimmstenfalls des Sorgerechts.

von Corinna Ritter

Sie sind kein Massenphänomen - meint das Bildungsministerium - doch die Zahl derer, die sich als „Freilerner" entfalten wollen, steigt auch in Thüringen langsam an. Der Philosoph und Schulkritiker Bertrand Stern hat den Wunsch des "frei sich bilden" so beschrieben: "Ich [das Subjekt] bestimme, was in welchem Moment dran ist, was ich entdecken muss, was ich erfahren muss, was ich praktizieren will". Es sind nicht mehr nur Familien, die aus religiösen Gründen die Kinder nicht zur Schule schicken. Es sind Familien, die merken, dass ihren Kindern die Schule mit ihren strengen Zeit- und Lehrplanvorgaben, dem Leistungsdruck oder der Respektlosigkeit von Schülern und Lehrern nicht gut tut.

Eine Schulklasse schreibt eine Klausur.
Prüfungsdruck macht einigen Kindern Angst. Bildrechte: IMAGO

Jördis ist so ein Kind, das sich nur im Kindergarten wirklich wohl fühlte. Dort konnte sie unbeschwert spielen, malen und weitgehend selbstbestimmt kreativ sein. Nach dreieinhalb Jahren Schule aber wollte sie eines Morgens im Januar nicht mehr aufstehen um sich anzuziehen und in die Schule zu gehen. Gewalt anwenden kam für die Eltern nicht in Frage. Und so suchten sie sich Hilfe beim Schuldirektor, den Lehrern und dem Jugendamt. Ein Gutachter bescheinigte, dass die Zehnjährige schulfähig ist, aber Defizite beim Rechnen und Lesen hat. Jüngere Kinder in ihrer Klasse waren deutlich besser als sie. Damit stieg der innere Druck, so erinnert sich ihr Vater. Jördis kam öfter mit Bauch- und Kopfschmerzen nach Hause und wurde immer aggressiver auch ihren beiden Geschwistern gegenüber. Das habe sich geändert, seit sie sich zu Hause nach ihren Bedürfnissen und in ihrem Rhythmus bilden kann.

500 Euro für Verstoß gegen Schulpflicht

Auch Ella ist glücklicher, weil sie in diesem Schuljahr nicht in der Schule war. Dort war es ihr zu laut, zu unruhig und sie konnte nicht das lernen, was sie interessiert, erzählt ihre Mutter. Die 12jährige wurde immer trauriger, so konnte es nicht weiter gehen. "Es ging nicht um Leidenschaft und Tiefe, nur ums Abarbeiten, um "Bulimie-Lernen" letztendlich. Die Wichtigkeit des Spiels werde im System Schule nicht anerkannt. "Die Kinder werden in eine Klasse gesteckt mit 20-30 anderen, darunter sind "Kasper" und irgendeiner stört immer.

Da machen die Kinder zu, meint Ellas Mutter. Gespräche mit Lehrern hat sie einige geführt, auch Verständnis und Respekt erlebt. Auf ihren Antrag auf Beurlaubung beim Schulamt sei niemand eingegangen, sagt Ellas Mutter. Die 500 Euro Bußgeld für den Verstoß gegen die Schulpflicht will sie nicht zahlen. Das Wohl ihres Kindes zu verfolgen, mache sie nicht kriminell. Im Gegenteil - sie organisiere ja sogar freie Bildungsangebote für Ella und alle, die Lust an kreativem Arbeiten in Werkstätten haben. Deshalb wird der Fall demnächst auch vor Gericht verhandelt.

Schulpflicht muss (nicht) sein 

Ein Lehrer wischt während des Mathematik-Unterrichts die Tafel sauber.
Schulpflicht für alle? Bildrechte: dpa

Den "Bildungstod durch das System" will auch Toralf Seidemann seinen beiden ältesten Kindern ersparen. Ein Jahr lang waren sie beurlaubt, weil die Eltern in Österreich und Frankreich arbeiteten. Dort gibt es wie in auch in Dänemark und Großbritannien keine Schulpflicht, sondern eine Unterrichts- oder Bildungspflicht. Sohn Damian würde sich am liebsten mit dem Bildungskonzept der Michigan School (USA) beschäftigen. Auch sein Vater hält die Anwesenheitspflicht in einer Schule für überholt. Analphabetismus und Schulabbruch könnten so nicht verhindert werden. Auch deshalb gehöre die generelle Schulpflicht abgeschafft.

Dem widerspricht beispielsweise Bärbel Kracke, Entwicklungs- und Pädagogische Psychologin am Institut für Erziehungswissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Die Schulpflicht ist für sie eine wichtige Errungenschaft, weil sie auf der Basis des Grundgesetzes unseres Staates unabhängig vom Elternhaus, von ideologischen oder finanziellen Bedingungen, Kindern kostenlose Bildung sichert. Es müssten allerdings die unterschiedlichen Bedürfnisse von Kindern, z.B. ihr Lerntempo oder ihr Temperament in den Schulen berücksichtigt werden.

Lernprobleme rechtzeitig erkennen

Nach Ansicht der Expertin hat häufig ein langer Prozess von "fehlender Passung zwischen den Bedürfnissen des Kindes und den schulischen Bedingungen stattgefunden", bevor Kinder Angst vor der Schule entwickeln oder krank werden. Echte Erziehungspartnerschaften zwischen Schule und Eltern würden helfen Probleme frühzeitig zu erkennen und zu lösen. In manchen Fällen sei eine Auszeit von der momentanen Lerngruppe oder ein Klassen- oder Schulwechsel nötig, so Kracke. Man müsse Einzelfälle immer auch als solche behandeln und nicht als Anlass für die grundsätzliche Infragestellung der Schulpflicht betrachten.

Blieben viele Kinder systematisch zu Hause, bestünde die Gefahr, dass Kinder außer der Welt der Eltern und deren Religion oder Ideologie keine andere erleben würden und damit die Vielfalt der Gesellschaft nicht kennen- und sich in ihr bewegen lernten. Teilnahme am Unterricht wird regelmäßig überwacht. Abwesenheit wird von den Schulen dokumentiert. Gemäß Thüringer Schulgesetz handelt ordnungswidrig, wer als Elternteil die regelmäßige Teilnahme am Unterricht nicht sicherstellt oder als Schulpflichtiger nicht teilnimmt. Bei unentschuldigtem Fehlen an mehr als zehn Schultagen muss die Schulleitung prüfen, ob das Ordnungsamt zu informieren ist. Eine Befreiung von der Schulpflicht wegen Störung des Schulfriedens, Schulabstinenz oder der Aufnahme einer beruflichen Tätigkeit ist laut Bildungsministerium nicht möglich.

Wer sein Kind nicht dem Schulzwang aussetzen will, müsste deshalb ins Ausland gehen. Unterricht zu Hause durch einen Privatlehrer oder die Eltern, selbst wenn sie Lehrer sind, ist nicht möglich. Lediglich bei Schülern, die erkrankt sechs Wochen und länger die Schule nicht besuchen können, ist im Einzelfall Hausunterricht zumeist in Deutsch, Mathematik und der ersten Fremdsprache von staatlich anerkannten Lehrkräften möglich.

Zuletzt aktualisiert: 28. Juni 2016, 21:42 Uhr

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