Gastkommentare Was Thüringer Kultur-Akteure über die Corona-Krise sagen

Die Corona-Krise hat viele Branchen getroffen, doch kaum eine hat es so schwer erwischt wie die Kultur- und Veranstaltungswirtschaft. Anlässlich der MDR-Themenwoche Kultur hat MDR THÜRINGEN verschiedene Thüringer Kultur-Akteure um Gastkommentare gebeten, in denen sie ihre Situation während der Corona-Pandemie beschreiben. Dabei ist die Rede von Ausnahmezustand und unterträglichem Hin und Her - aber auch von einem gewachsenen Zusammenhalt.

Umgebaute Sitzreihen zur Einhaltung der Abstandsregeln im Berliner Ensemble
Die große Leere in den Thüringer Veranstaltungsorten macht den Kulturakteuren zu schaffen. Bildrechte: imago images / photothek

Stephan Janson, selbstständiger Musiker

Mein Name ist Stephan Janson, ich bin seit über 15 Jahren selbstständiger Musiker, Künstler, Musiklehrer und Bandcoach. Ich stehe sonst mit meinen Bands (Osaka Rising, Propellerinsekt, Troubled MELLOWdy) beziehungsweise solo (Yanzzon) auf der Bühne, während in der Nebensaison Lehraufträge, Studioaufnahmen und Sprachproduktionen den Geldbeutel füllen. Seit circa anderthalb Jahren versorge ich meine eigene kleine Familie und genieße das Papasein als "Rock'n'Roll-Daddy". Gerade hatte ich angefangen, Rücklagen aufzubauen und eine bessere Altersvorsorge zu finanzieren. Die Pandemie hat nun alles über den Haufen geworfen.

Ein Mann mit schwarzem Hut und Lederjacke lehnt an einer Backsteinmauer.
Stephan Janson kommentiert als Selbstständiger und freischaffender Künstler. Bildrechte: Stephan Janson

Ich bekam glücklicherweise in letzter Minute die Chance, als Seiteneinsteiger in den Schuldienst zu wechseln, und arbeite in Teilzeit seit circa drei Monaten an einer staatlichen Gesamtschule als ungelernte Kraft. Ich unterrichte Musik oder schlage mich als Vertretungslehrer durch. In den Monaten zuvor war ich auf Harz IV angewiesen und es kann sein, dass ich ab Januar wieder Sozialhilfe beantragen muss. Das fühlt sich fürchterlich an, denn ich definierte mich bisher über meine Selbstständigkeit und die dadurch gewonnene finanzielle Unabhängigkeit. Mit den Corona-Hilfen ist es ein unerträgliches Hin und Her: Anträge können entweder immer noch nicht gestellt werden oder es besteht die Pflicht, Steuerberater einzusetzen, die wiederum dieses Jahr keine Klienten mehr aufnehmen.

Die Veranstaltungsbranche, Künstler und Eventlocations versuchen gerade mit aller Kraft, die Kultur nicht sterben zu lassen.

Vielen Populisten scheint die Pandemie aber nur ein gelegener Anlass zu sein, mit abstrusen Verschwörungstheorien und unsozialem Verhalten die Entbehrungen und Mühen aller anderen mit Füßen zu treten.

Ich glaube an die Wissenschaft, das Soziale im Menschen und dass am Ende alles gut werden kann, wenn alle gemeinsam mithelfen. Ich gebe deshalb nicht auf und halte die Fahne hoch. Es werden wieder bessere Zeiten kommen.

Sven Schlossarek, Veranstalter des Festivals "Rock am Berg" in Merkers

Für mich als Vorsitzender des Kulturvereines Rock am Berg Merkers e.V. ist es natürlich schwer, nichts planen und organisieren zu können. Wir haben jede Menge Ideen und Impulse, was wir veranstalten und damit auch bewirken wollen. Seit dem Ausbruch von Corona sind uns viele Veranstaltungen und damit auch Gelder verloren gegangen. Nur durch Spenden und Soliaktionen konnten wir ein finanzielles Desaster verhindern. Hier gab es in den letzten Monaten wirklich sehr viel Solidarität, für die wir unendlich dankbar sind. Allerdings treffen uns die Einschränkungen als normaler, eingetragener Verein nicht ganz so hart wie die Menschen, die von kulturellen Veranstaltungen leben müssen.

Sven Schlossarek, Organisator vom Rock am Berg Festival Merkers
Sven Schlossarek kommtentiert für das Rock am Berg Festival. Bildrechte: Sven Schlossarek

Die Liste der betroffenen Berufszweige ist hier sehr lang. Da bricht schon einiges, wenn nicht sogar alles weg. Diesen Menschen muss ohne Wenn und Aber, schnell und ohne bürokratische Hürden geholfen werden. Viele dieser Menschen haben Konzepte für reibungslose Veranstaltungen erarbeitet. Die Infektionsketten wären nachvollziehbar gewesen. Wir selber haben im September noch zwei Open-Air-Veranstaltungen, unter Einhaltung aller Vorschriften, durchführen können. Von daher kann ich sagen, es ist möglich, unter gewissen Maßnahmen Veranstaltungen durchzuführen.

Die Menschen sind sensibel genug, um sich da auch an Einschränkungen zu halten.

Ich kann nur hoffen, dass es ab dem Frühling wieder Möglichkeiten gibt, kulturelle Veranstaltungen durchzuführen. Bis dahin müssen wir mit den Regeln leben und diese auch einhalten. Wir sind alle keine Virologen oder Wissenschaftler. Ein gewisses Grundvertrauen muss ich den Vorgaben auch entgegenbringen. Und wenn wir uns an diese Vorgaben halten, erleben wir dann nächstes Jahr wieder tolle Konzerte, Open-Airs und Festivals.

Toni Frotscher, Maximilian Heller und Stefan Hauschild, Betreiber des Studentenclubs Kasseturm in Weimar

Nicht nur menschlich macht uns Corona alle sehr betroffen, auch als Einrichtung setzt es uns hart zu: Wir sind keine reine Kneipe, sondern ein Studentenclub, der den Studierenden auch etwas bieten will - seien es Partys für unterschiedliche Zielgruppen, Livemusik oder einfach gemütliche (Spiele-)Abende. Wir hatten es über die letzten Jahre geschafft, dass unser studentisches Publikum, was seit Ende der 90er leider immer mehr abebbte, wieder zunahm. Nun haben wir Angst vor einem Rückfall. Zudem fehlen uns nicht nur tägliche Einnahmen, sondern vor allem die aus größeren Veranstaltungen, die wir immer nutzen konnten, um kleinere Projekte oder Nischenveranstaltungen zu kompensieren. Wir gehen davon aus, dass solche größeren Events auch in Zukunft schwieriger durchzuführen beziehungsweise mit mehr Auflagen verbunden sein werden. Es ist leider fraglich, ob sich dieser Aufwand noch lohnt…

Betreiber des Studentenclub Kasseturm in Weimar.
Stefan Hauschild, Maximilian Heller und Toni Frotscher (v.li.n.re.) kommentieren für den Studentenclub Kasseturm in Weimar. Bildrechte: Studentenclub Kasseturm e.V.

Was uns nach den Lockerungen im Frühjahr bereits negativ aufgefallen war, ist unserer Ansicht nach weiterhin ausbaufähig: Nämlich dass man, wenn überhaupt, nur unzureichend Informationen hinsichtlich der Hygienekonzepte erhalten hat. Es wäre schön, wenn es einheitliche Vorgaben gäbe, die jeder Gastronom, je nach Ladengröße, zu erfüllen hätte, damit er öffnen kann. So wirkt es alles willkürlich und teilweise auch ungerecht.

Wir würden uns auch über Lösungsansätze freuen, wie Partys und Live-Veranstaltungen in Innenräumen möglich werden könnten.

Gern auch in einem kleineren Rahmen, aber zumindest so, dass man am Schluss nicht drauflegt, was mit den Auflagen, die vor dem jetzigen Lockdown galten, bei uns nicht möglich gewesen wäre.

Es ist sehr schade, dass ein weiterer Lockdown nötig war, aber wir wollen natürlich auch, dass unsere potenziellen Gäste gesund bleiben. Dennoch hat das Ganze einen bitteren Beigeschmack, da man sich, gerade in der Gastronomie, viele Gedanken gemacht hat, wie man für die Gesundheit der Gäste sorgen kann. Hoffen wir darauf, dass wir bald, auch gern unter Auflagen, wieder öffnen können und wir dann auch mehr Hilfe von den Behörden erhalten.

Jens Peterlein, Geschäftsführer von PVS Veranstaltungsservice aus Jena

Seit dem März 2020 befinden wir uns im ununterbrochenen Ausnahmezustand.

Jens Peterlein

Waren wir Anfang des Jahres, mit Blick auf unsere Auftragsbücher, noch der Meinung, passend zum 30-jährigen Firmenjubiläum, eines der besten Geschäftsjahre überhaupt vor uns zu haben, waren eben diese Aufträge bis Ende März 2020 zu 95 Prozent storniert.

Nach dem ersten Schock haben wir dann begonnen, nach neuen, maßnahmenkonformen Möglichkeiten zu suchen, neue Aufträge zu generieren. Parallel haben wir die Kosten auf das absolute Minimum reduziert, mit unseren Mitarbeitern Kurzarbeit vereinbart, mit Banken und Lieferanten situationsbedingte Zahlungs- beziehungsweise Stundungsvereinbarungen getroffen und mit Hilfe eines Wirtschaftsberaters und des Steuerbüros die staatlichen Hilfen beantragt.

Jens Peterlein, Geschäftsführer von PSV Veranstaltungstechnik, vor der Messe Erfurt
Jens Peterlein kommentiert für PSV Veranstaltungstechnik Jena. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

So sind wir über den Sommer gekommen und hatten im September und Oktober sogar wieder einige Aufträge. Vor allem unsere Promotionabteilung, welche im Einzelhandel tätig ist, hatte für den November endlich wieder Aufträge und wäre auf etwa 50 Prozent des Vorjahresumsatzes gekommen. Mit den neuen Maßnahmen vom 3. November wurden diese Aufträge zu 100 Prozent storniert, obwohl der Handel ja gar nicht geschlossen wurde. Das verdeutlicht in unseren Augen sehr gut, dass unsere Branche - obwohl nie offiziell geschlossen - nahezu einem Arbeitsverbot unterliegt. 

Seit Beginn der coronabedingten Maßnahmen beziehungsweise Einschränkungen zeigen wir uns solidarisch, versuchen aber eben auch, auf die speziellen Probleme beziehungsweise Bedürfnisse unserer Branche aufmerksam zu machen. Zumindest bei den Novemberhilfen hatten wir nun gehofft, eine entsprechende Berücksichtigung als mittelbar betroffene Branche zu finden. Diese Hoffnung wurde leider - mal wieder - enttäuscht.

Unser Wunsch an die Politik ist relativ einfach zu formulieren. Wir brauchen endlich das 100-prozentige Verständnis dafür, dass unsere Branche obwohl offiziell nie geschlossen, seit März nur zu zehn bis 15 Prozent arbeitsfähig und dadurch vollkommen unverschuldet in Existenznot geraten ist. Wenn dies endlich klar geworden ist, ergibt sich der notwendige Unterstützungsrahmen nahezu von selbst.

Katja Helbig, Mitglied der Ständigen Kulturvertretung Erfurt (SKV)

Wir als SKV können die momentan prekäre Lage vieler Kulturakteure nur unterstreichen. Einrichtungen mussten schließen, einige Veranstaltungen laufen noch digital, was den/die ein oder andere aufgrund von miserablen Internet oder herum hüpfenden Kindern jedoch schon mal vor Herausforderungen stellt. Unsere eigene Arbeit als Ständige Kulturvertretung lebt vom persönlichen Austausch und Brainstorming in einer kreativen Umgebung. Videokonferenzen erschweren dabei die Dynamik, die wir dennoch in dieser Situation brauchen, um auf die Belange und Situation der Kultur aufmerksam machen zu können. Positiv empfinden wir jedoch auch die Symbiosen, die innerhalb der Szene entstehen.

Der Zusammenhalt ist spürbar gewachsen.

Katja Helbig von der Ständigen Kulturvertretung Erfurt
Katja Helbig kommentiert für die Ständige Kulturvertretung Erfurt. Bildrechte: Ständige Kulturvertretung Erfurt

Wir verstehen, dass der Schutz der Bevölkerung an oberster Stelle steht, können jedoch schwer akzeptieren, dass jetzt, nachdem (Hygiene-)Konzepte mit finanziellen, baulichen und personellen Ressourcen auf die Beine gestellt wurden, alles umsonst gewesen sein soll. Es hat faktisch zu einem Berufsverbot für die Branche geführt und dabei geht so viel verloren. Engagierte Kulturarbeitende müssen sich andere Standbeine suchen oder sind nun arbeitslos gemeldet. Genau diese entscheidenden Personen fehlen dann, wenn die Einrichtungen irgendwann wieder öffnen können.

In der aktuellen Kampagne #kulturkoma haben verschiedene Kulturakteure der Stadt Erfurt klare Forderungen aufgestellt. Darunter ist etwa die differenzierte Betrachtung der Hygienekonzepte und eine Aufhebung des Arbeitsverbots für Kulturschaffende. Sollte es weiter bei diesem Verbot bleiben, müssen dahinterstehende Existenzen divers finanziell aufgefangen werden. Zudem sind wir davon überzeugt, dass es "nach der Krise" einen Mehrbedarf an Unterstützung braucht, auch damit Nischenprogramme weiter existieren können. Dafür brauche es mindestens die Beibehaltung der bestehenden Projektfördermittel für (sozio-)kulturelle Projekte. Alle Forderungen sind unter dem #kulturkoma zu finden.

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Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

artour Mi 25.11.2020 00:15Uhr 14:54 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Hinweis der Redaktion: Alle fünf Gastkommentare sind von der Redaktion sprachlich redigiert und für die Website editiert worden. Der Inhalt der Kommentare wurde nicht verändert.

Quelle: MDR THÜRINGEN/ask

10 Kommentare

MAENNLEiN-VON-DiESER-WELT vor 8 Wochen

„online“-Kultur ist auch eine kulturelle Erscheinungsform...
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Mit einem „Aufschrei der Empörung, der Abscheu und der Verachtung“ reagierte ich gegenüber dem MDR-Rundfunkrat, als ich vom Vorhaben der Kulturredaktion las, der MDR würde nur 15 Künstlerinnen jeweils nur 5 „online“-Sendeminuten innerhalb der Themenwoche „Kultur“ ab 23.11. einräumen und dafür satte 100.000,- € Gebührengelder verschwenden wollen !

Eine Antwort steht noch immer aus.

Nicht sehr transparent erscheint mir die Art und Weise, nach welchen Kriterien
und von welcher „Fachjury“ die 15 Künstlerinnen aus immerhin allen drei Bundesländern (Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen) ausgewählt
werden sollen...

Im obigen Artikel lesen wir nun, wen es in Thüringens Landeshauptstadt „getroffen“ hat. Oder ist das gar nur ein ergänzendes Angebot des LFH Thüringen, weil die Kritik am ursprünglichen Vorhaben der mdr-Kulturredaktion viel zu groß war ???

Grooveman vor 8 Wochen

Danke! Das Schlimme ist, man macht WEITER SO, siehe die aktuellen Beschlüsse. Ein Virologe warnte heute in der Bild- Zeitung, bei diesem sinnlosen Aktionismus wächst die Gefahr eines Dauer- Lockdowns. Ergo würde das bedeuten, Deutschland verabschiedet sich komplett von der Kultur und von den Werten, die dieses Land einstmals ausgezeichnet hat, ein Land der Dichter und Denker, ein Land der Musik und der Kultur. Es fehlen einem wirklich die Worte über so viel ..., nennen wir es besser mal, fehlende Sachkompetenz .

Normalbuerger vor 8 Wochen

@grooveman , ihre Aussage kann ich nur unterstreichen. Dass hier absolut sorgsame und zuverlässige Gastronomen , Kulturschaffende, Veranstalter , Techniker etc.... und die Liste könnte noch länger sein zu Prügelknaben des blinden Aktionismus der Regierungen gemacht werden , finde ich ebenso desaströs wie skandalös. Ich sehe das genauso wie sie und bin der Meinung, dass die aktuellen Maßnahmen 0,0 Effekte haben auf die Viruseindämmung ! Wir hätten viele andere sinnvolle Möglichkeiten, ohne die Wirtschaft zu massakrieren . Das sind u.a. Schnelltests , PCR Tests bei Menschen die es wirklich benötigen , Schutz der Risikogruppen usw. Aber ich glaube , dass die Regierung nicht wirklich nach anderen besseren Lösungen suchen möchte.

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