Landwirtschaft Debatte um Grüne Gentechnik auf Thüringer Äckern

Neue gentechnische Möglichkeiten in der Pflanzenzucht: Für die einen die erhoffte Revolution auf dem Acker, für die anderen gefährlich. Der Streit zwischen Gegnern und Befürwortern hat sich verschärft, auch in Thüringen.

von Gerd Nettelroth

Gemeinsam mit dem Deutschen Bauernverband appelliert der Thüringer Landesverband an Landes- und Bundesregierung, sich für eine Novelle des strengen EU-Gentechnik-Gesetzes einzusetzen. Die Aussichten auf Erfolg sind gering: Das Land Thüringen und der Bund setzen weiterhin auf klassische Züchtungs-Methoden - ohne neue grüne Gentechnik. Und der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat erst Ende Juli in einem Grundsatzurteil entschieden, dass die neuen Gentechniken wie Genome Editing ("Genschere") strikt reguliert bleiben, was Zulassung und Kennzeichnungspflicht gentechnisch veränderter Organismen (GVO) und Lebensmittel angeht.

Wie der Thüringer Bauernverband argumentiert

Doch der Thüringer Bauernverband gibt nicht auf, fordert einen Kurswechsel bei der Grünen Gentechnik, also der Anwendung gentechnischer Verfahren in der Landwirtschaft. Verbandssprecher Axel Horn sagte MDR THÜRINGEN, die neuen Verfahren könnten dazu beitragen, schneller, zielgerichteter und kontrollierter Pflanzen mit höherer Krankheitsresistenz und besserer Toleranz gegenüber widrigen Umweltbedingungen zu züchten. Diese Pflanzen könnten einen ressourcenschonenderen Ackerbau mit geringerem Aufwand chemischer Pflanzenschutzmittel ermöglichen. Zudem verbaue die Ablehnung der neuen gentechnischen Methoden die Möglichkeiten, die Herausforderungen des Klimawandels zu meistern. Die Dürre in diesem Jahr zeige exemplarisch, dass zukünftig beispielsweise trockenheitstolerantere Sorten notwendig sind, so Horn weiter.

Der Bauernverband argumentiert, beim Genome Editing - zu Deutsch etwa "Erbgut-Bearbeitung", auch "Erbgut-Chirurgie" genannt - würden keinerlei Fremdgene eingefügt. Die so entstandenen Pflanzen seien vergleichbar mit klassisch gezüchteten Sorten oder solchen, die durch die "klassische" Mutagenese mit Hilfe von Strahlung oder Chemikalien entstanden seien. Rückendeckung für diese Einschätzung bekommt der Bauernverband vom Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen, dem Julius-Kühn-Institut mit Sitz in Quedlinburg. Auch das Institut findet, mit den sogenannten neuen molekularen Techniken erzeugte Sorten sollten nicht unter das Gentechnikrecht fallen, da die erzeugten Mutationen so auch in der Natur auftreten könnten und die Artgrenze nicht überschritten werde.

Jenaer Wissenschaftler beklagt irrationale Diskussion

So sieht das auch Günter Theißen, Genetik-Professor an der Universität Jena. Theißen sagte MDR THÜRINGEN, die Chancen und Risiken moderner Technologien würden nicht rational diskutiert. Die Gefahren etwa des Autofahrens, des Rauchens oder der Kohleverbrennung seien sehr gut belegt, würden aber in der öffentlichen Diskussion oft heruntergespielt, vermutlich nicht zuletzt, um bestimmte Industrien zu schonen. Von anderen Technologien verlange man ein Nullrisiko, das es prinzipiell nicht geben könne, und verhindere damit, dass die entsprechenden Chancen dieser Technologien genutzt werden könnten. Alle genetisch stabilen Veränderungen beruhten auf Mutationen, alle Nutzpflanzen des Menschen seien in diesem Sinne "mutationsgezüchtet". Darauf zu verzichten würde bedeuten, einen Großteil der Menschheit dem Hungertod preiszugeben, so Theißen weiter.

Rot-Rot-Grün bleibt beim Nein

Die Thüringer Landesregierung lehnt die Grüne Gentechnik jedoch weiterhin ab. Tom Wetzling, Sprecher des Umweltministeriums, sagte MDR THÜRINGEN, hier gehe es zunächst um Vorsorge und Sorgfalt. Zwar habe das Bundesamt für Naturschutz in einer Stellungnahme Mitte 2017 festgestellt, dass die neuen gentechnischen Verfahren einen weiten Gestaltungsspielraum und große Chancen eröffneten, Organismen mit neuen nutzbringenden Eigenschaften zu entwickeln. Andererseits seien mögliche Risiken für die Umwelt und die menschliche Gesundheit zu bedenken. Viele Hoffnungen, die die Grüne Gentechnik ursprünglich geweckt habe, seien nicht erfüllt worden. Im Gegenteil, es habe weltweit eine Vervielfachung des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln gegeben. So seien viele herbizidresistente Superunkräuter erst entstanden.

Das Thüringer Landwirtschaftsministerium hat das EuGH-Urteil zwar grundsätzlich begrüßt, sieht aber noch immer viele ungeklärte Fragen. Ministeriumssprecherin Antje Hellmann sagte MDR THÜRINGEN, die Auswirkungen für Bund und Länder seien gerade in der Diskussion und bedürften einer sorgfältigen Analyse. Was das im Hinblick auf die neuen Gentechnik-Verfahren für die Thüringer Landwirtschaft bedeute, könne derzeit noch nicht beurteilt werden. Vor allem die zukünftige Überwachung gentechnisch veränderter Organismen, wofür die Bundesländer zuständig seien, sei schwierig. Hier werde der Bund gebeten, daran mitzuwirken, um notwendige Rückverfolgungs- und Nachweissysteme entwickeln zu können.

Deutscher Bauernbund hat Bedenken

Andere landwirtschaftliche Interessenverbände sehen die neuen molekularbiologischen Techniken kritisch. So lehnt der Privatlandwirte-Verband Deutscher Bauernbund (DBB) die alten wie auch die neuen Gentechnik-Methoden wie das "Genome Editing"-Verfahren strikt ab. DBB-Präsident Kurt-Henning Klamroth sagte MDR THÜRINGEN, gegen den Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft sprächen wirtschaftliche, rechtliche und ethisch-moralische Gründe. So würden Saatgutzüchter für ihre neuen Sorten eine Züchterlizenz verlangen, was das Saatgut teurer mache. Zudem gebe es erhebliche gesetzliche Hürden für das Ausbringen dieser mit Gentechnik erzeugten Saaten, da könne man sehr schnell mit dem Gesetz in Konflikt kommen. Hauptgrund seien aber ethisch-moralische Bedenken, so Klamroth weiter. Der gezielte Eingriff in das Erbgut eines Lebewesens, um es dauerhaft gentechnisch zu verändern, sei vor der Schöpfung nicht verantwortbar.

Ausdrücklich nicht abgelehnt werden vom DBB jedoch die älteren, seit Jahrzehnten angewandten Mutations-Züchtungen, die als erprobt und sicher gelten. Bei der "klassischen" Mutagenese wird eine Kulturpflanze einer Strahlenquelle ausgesetzt oder mit Chemikalien behandelt, um Mutationen im Erbgut hervorzurufen. Anschließend werden die entstandenen Mutanten auf interessante Gene oder Eigenschaften wie Trocken- oder Schädlingsresistenz durchsucht. Diese werden dann in vorhandene Sorten eingekreuzt. Diese Technik kommt seit rund 60 Jahren zum Einsatz. Bei dieser Mutagenese wird keine fremde DNA in das Erbgut eingeführt - im Gegensatz zur Transgenese, bei der artfremde Gene übertragen werden, wie es bisher in der klassischen Gentechnik seit rund 40 Jahren üblich ist.

AbL: Gesundheit geht vor Gentechnik

Auch die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) sieht die neuen Gentechnik-Verfahren wie "Genome Editing" kritisch. AbL-Sprecherin Annemarie Volling sagte MDR THÜRINGEN, über Risiken und Gefahren dieser neuen Techniken sei noch zu wenig bekannt, die Forschung stehe erst am Anfang. Darum begrüße sie das Urteil des Europäischen Gerichtshofs, das "Genome Editing" als Gentechnik einstuft und somit die auf diese Weise erzeugten Pflanzen den strengen EU-Gentechnik-Gesetzen unterliegen. Ihre Verwendung, aber auch ihre Freisetzung in die Umwelt müssten somit genehmigt werden, daraus hergestellte Lebens- und Futtermittel seien kennzeichnungspflichtig. Das sei auch gut so, denn der Schutz der menschlichen Gesundheit und der Umwelt habe Vorrang, so Volling weiter.

Klares Nein zur Grünen Gentechnik vom BUND

So sieht das auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, BUND. Silvia Bender, Leiterin des Bereichs Biodiversität in der Bundesgeschäftsstelle, sagte MDR THÜRINGEN, es sollte zudem nicht nur kurzsichtig auf die direkten Auswirkungen auf den Menschen geschaut werden, sondern es müssten auch die Auswirkungen auf die Gesundheit der Ökosysteme beachtet werden, die sowieso schon stark beeinträchtigt seien. Die verheerenden Auswirkungen des Pakets "Gentech-Pflanze und passendes Herbizid" auf Ökosysteme, aber auch auf die Gesundheit der Landwirte seien in Südamerika beispielsweise deutlich sichtbar. Auch der BUND begrüße das EuGH-Urteil ausdrücklich. Das Gericht habe klargestellt, dass künstlich erzeugte Organismen nicht ungeprüft als großes Freilandexperiment in die Umwelt gelangen dürften. Anders als mancherorts behauptet, würden die neuen Gentechniken damit nicht verboten. Sie müssten lediglich ein Zulassungsverfahren durchlaufen, wie es ja auch bei neuen Autos oder Medikamenten gang und gäbe sei.

Landwirtschaftliche Fachbehörde setzt auf klassische Züchtung

Das Thüringer Landesamt für Landwirtschaft (TLL) sieht die neuen Gentechnik-Methoden ebenfalls in einem kritischen Licht. Der kommissarische Präsident Frank Augsten sagte MDR THÜRINGEN, gentechnisch veränderte Pflanzen hätten die angebliche Überlegenheit gegenüber klassischen Züchtungen bei den wesentlichen Herausforderungen - Einsparung von Pflanzenschutzmitteln, Hitze-, Trocken-, Salz-Toleranzen und Resistenzmanagement bisher nicht erbracht, obwohl die entsprechenden Versprechen lange zurückliegen würden. Seit vielen Jahren forschten weltweit Institute an Pflanzen, die an den Klimawandel angepasst sind. So auch in Thüringen, wo die Landesanstalt entsprechende Praxisversuche realisiere. Dabei würden die von den internationalen Züchterhäusern angebotenen, auf klassischem Weg der Kreuzung und Auslese gewonnenen Neuzüchtungen unter den ganz konkreten Bedingungen im Freistaat getestet - und das mit guten Ergebnissen.

Stichwort: Gentechnik in Lebensmitteln In Deutschland werden seit 2012 keine gentechnisch veränderten Pflanzen mehr angebaut. Zugleich schreibt das europäische Recht eine grundsätzliche Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel vor, die mehr als 0,9 Prozent gentechnische Bestandteile enthalten. Mit Gentechnik kommen Verbraucher in Deutschland beim Essen nur indirekt in Berührung: über tierische Erzeugnisse wie Eier, Fleisch und Milchprodukte. Viele Tiere, die in konventionellen Betrieben gehalten werden, fressen gentechnisch veränderte Pflanzen. Dabei handelt es sich überwiegend um Soja und Mais aus Nord- und Südamerika. Weil tierische Erzeugnisse zurzeit nicht gekennzeichnet werden müssen, können Verbraucher beim Einkauf nicht erkennen, welches Futter eingesetzt wurde. Anders ist es bei direkt aus Pflanzen hergestellten Lebensmitteln: hier muss drauf stehen, ob Gentechnik drin ist. Auf dem Etikett heißt es dann beispielsweise: "enthält aus genetisch veränderten Sojabohnen hergestelltes pflanzliches Fett". Weil die meisten Kunden in Deutschland und Europa solche Produkte ablehnen, bieten Supermärkte und Lebensmittelgeschäfte sie kaum an.

Quelle: MDR THÜRINGEN

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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 07. Oktober 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Oktober 2018, 13:34 Uhr

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8 Kommentare

08.10.2018 23:18 part 8

@Stuart M., dann schauen Sie doch bitte mal nach Indien zu den Baumwollbauern, denen das Paradies auf Erden versprochen wurde durch bestimmte Konzernvertreter. Nach Verschuldung und Mißernten folgte die massenhafte Suizid- Welle über die nur wenige Medien berichteten. Oder nehmen sie die Prozeßlawinen in den USA, wenn die Erzeuger sich weigerten bei ehemals M...... ihr Saatgut zu kaufen. Gentech schafft nur Abhängigkeiten aber keine Sicherheiten, da immer patentiert. Bestimmte Innovationen erfolgen immer wegen des Profites und nicht aus Liebe zur Menschheit.

08.10.2018 20:51 Geschichten aus dem Elfenbeinturm 7

Ach was,
lieber Professor,

garantiert stirbt die Menschheit nicht aus oder verhungert, wenn auf Genmanipulation verzichtet wird. Das ist doch blanker Unfug.

Wieso hat denn die Menschheit ohne dieses Zeug bis heute überlebt?

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