Landesdelegiertenkonferenz in Apolda Grüne wählen neuen Vorstand - und arbeiten Wahlergebnis auf

Die 5,2 Prozent bei der Wahl empfanden viele Thüringer Grüne als desaströs. Auf der Landesdelegiertenkonferenz steht nicht nur die Wahl einer neuen Führungsriege an - auch das Ergebnis wird wohl wieder Thema sein.

Wolfgang Hentschel
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von Wolfgang Hentschel

Eine Fahne der Grünen Thüringen
Die Thüringen Grünen ringen am Samstag in Apolda um einen Neustart. Bildrechte: dpa

Die letzten Wochen standen für die Thüringer Grünen ganz im Zeichen von Verhandlungen. Zuerst wurde durch die Führungsspitze rund um Umweltministerin Anja Siegesmund und Landtagsfraktionschef Dirk Adams ein neuer Koalitionsvertrag mit Linke und SPD ausgehandelt. Danach standen mühsame Gespräche über den Zuschnitt und die Verteilung der Ressorts an. Bei denen die Grünen offenbar nicht ihre Sympathiewerte bei den Koalitionspartnern erhöhen konnten. Jedenfalls sprach SPD-Fraktionschef Matthias Hey danach von einem "planlosen Verhalten" der Grünen und "dreisten Szenen". Streitpunkt war unter anderem, dass die Grünen das Agrarressort für sich beanspruchten, was die Linke verhinderte.

Grüne weiter mit zwei Ministerien

Dennoch: Trotz des schwachen Landtagswahlergebnisses konnten die Grünen bei den Verhandlungen über die Ressorts wieder zwei Ministerien für sich gewinnen. Zum einen Umwelt- und Naturschutz, ergänzt um den Bereich Verbraucherschutz und Tierwohl. Zum anderen Justiz und Bürgerbeteiligung. Beim Parteitag in Apolda ist daher wohl damit zu rechnen, dass die gut 100 Delegierten dem Koalitionsvertrag mit Linke und SPD zustimmen und die Grünen damit der geplanten Minderheitsregierung beitreten.

Stephanie Erben und Denis Peisker, die Sprecher der Thüringer Grünen, nach ihrer Wahl auf einem Landesparteitag in Arnstadt.
Die bisherigen Landesssprecher Stephanie Erben und Denis Peisker werden abgelöst. Bildrechte: MDR/Johanna Hoffmeier

Für Diskussionsbedarf dürften aber das Landtagswahlergebnis und die Wahl des neuen Landesvorstandes sorgen. Die bisherigen Landesssprecher Stephanie Erben und Denis Peisker waren für das schlechte Abschneiden verantwortlich gemacht worden - und hatten daher den Verzicht auf ihre Ämter erklärt. Das reicht aber möglicherweise nicht, um beim Parteitag eine Debatte über das Wahlergebnis zu verhindern. So hat etwa Christian Möller, einer der Bewerber für einen Landessprecherposten, angekündigt: "Besonders wichtig ist mir die Auswertung des grünen Wahldesasters bei der Landtagswahl..., damit wir schnell, offen und schonungslos auch die richtigen Schlüsse aus dem Debakel ziehen."

Warum sind die Grünen auf dem Land so schwach?

Laut Möller, der dem Kreisverband Erfurt angehört, muss dabei auch die Frage erörtert werden, warum die Grünen insbesondere in den ländlichen Regionen so schwach abgeschnitten haben. Hier müsse der neue Landesvorstand gegensteuern, zum Beispiel, indem er die Abgeordneten in den Kommunalparlamenten stärker unterstütze. Außerdem müsse die Medienarbeit besser werden.

Auch Bernhard Stengele, ein weiterer Bewerber für einen der Landessprecherposten, hält den ländlichen Raum für eine wichtige Baustelle künftiger grüner Politik. In den Gemeinden, Städten und Landkreisen leisteten die Mitglieder der Partei teils aufopferungsvolle Arbeit. Die Parteizentrale habe das zu wenig unterstützt. "Der Landesvorstand muss auf das Land gehen", fordert Stengele, der dem Kreisverband Altenburger Land angehört. Und daher nach eigener Einschätzung - falls er einen Landessprecherposten erhält - eine Art Bindegliedfunktion einnehmen könnte zwischen den starken Verbänden in den Städten und den Kreisverbänden auf dem Land.

Grüne Bewerberinnen aus Weimar und Erfurt

Ann-Sophie Bohm-Eisenbrandt und Laura Wahl.
Ann-Sophie Bohm-Eisenbrandt (Links) und Laura Wahl. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Weitere Bewerber für die Landessprecherposten sind Ann-Sophie Bohm-Eisenbrandt aus Weimar und Laura Wahl aus Erfurt. Auch die 25-jährige Wahl möchte grüne Politik sichtbarer machen, etwa mit Kampagnen wie dem Kampf gegen das Insektensterben. Und die 26-jährige Ann-Sophie Bohm-Eisenbrandt stellt ebenfalls fest: "Wir müssen den Menschen zeigen, dass wir die richtigen Ansätze haben - auch für das Leben im ländlichen Raum oder in kleineren Städten." Falls Wahl als Landessprecherin gewählt wird, ist allerdings unklar, wie lange sie dieses Amt ausüben kann. Die gebürtige Baden-Württembergerin hat Chancen, in den Thüringer Landtag nachzurücken. In diesem Fall müsste sie gemäß grünem Selbstverständnis, dass Amt und Mandat zu trennen sind, ihren Vorstandsposten abgeben.

Für Debatten beim Parteitag sorgen könnte auch die grünen-spezifische Regel, dass einer der beiden Landessprecherposten von einer Frau besetzt werden soll, der zweite Platz dagegen ein so genannter "offener Platz" ist, der auch von einem Mann besetzt werden kann. Laut Christian Möller sind nicht alle an der grünen Basis damit einverstanden, dass diese paritätische Besetzung Frau-Mann mit der Kandidatur von Wahl und Bohm-Eisenbrandt aufgegeben werden soll. Möller verweist zudem auf das Alter der beiden Frauen. Anders als diese jungen Bewerberinnen habe er bereits Erfahrung in der Parteiarbeit gesammelt, so der 53-jährige Möller. Auch der 56-jährige Stengele hält es für wichtig, bei der Besetzung des Landesvorstandes auf Alter und Erfahrung zu achten. Würde er als Landessprecher gewählt, so führt Stengele an, wären immerhin zwei Generationen im Vorstand vertreten.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 25. Januar 2020 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Januar 2020, 06:00 Uhr

5 Kommentare

propatria vor 4 Wochen

Aber ich möchte auch einmal den GRÜNEN Herrn Adam lobend erwähnen, der immerhin öffentlich deutlich gemacht hat, dass er wegen fehlender Qualifikation ein ganz bestimmtes Ministeramt nicht anstrebt! Das hat man ja auch in anderen Parteien in letzter Zeit nicht mehr so oft erleben dürfen, aber gut, manche sind halt echte Multi-Genies, oder?

MAENNLEiN-VON-DiESER-WELT vor 4 Wochen

Grüüüüüün ? Ach, ja, da war ja noch was...

...das ewige Babygekreisch um den Stillraum im Landtag (der unbenutzt bleibt)
...und diese Holzbaukastenkonstruktion der ICE-City-Ost (oder war das „Westmanier“?)
...und die Teilnahme am Klimastreik als „Alternative“ zum Unterrichtsausfall
....und das Versprechen der Parteispitze, den Thüringerinnen und Thüringern endlich mal „richtige Demokratie“ beibringen zu wollen

...und grün ist ja auch die Farbe der Hoffnung: „.... weil mein Schatz ein Jäger ist ! “
( Wer da wohl wieder im feindlichen Revier um Ministerposten „wildert“... ?! )

Erik vor 4 Wochen

"Warum sind die Grünen auf dem Land so schwach?"

Fragen die sich das wirklich? Die Antwort ist doch recht naheliegend.

Um die bayrische Grünenvorsitzende zu zitieren: „Ich habe keinen Bock, dass alte weiße Männer, weil sie mit Vielfalt nicht zurechtkommen, unsere Zukunft verspielen.“ Dazu noch die Verteuerung von Energie und Transport, die Ansicht vom wirtschaftlich arbeitenden Bauern als Feindbild. Damit kann man eben nur dort punkten, wo alte weiße Männer die Minderheit, die Wege kurz sind und das Essen im Supermarkt wächst.

(Polemik: fragt sich als nächstes die FDP, warum sie nicht von Hartz-4-Empfängern gewählt wird? Sorgt sich dann die AfD um ihren Stimmenanteil bei Migranten?)

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