Hygienekonzepte Nach Corona-Lockdown: Thüringer Grundschulen vor Regelbetrieb

Nach mehreren Monaten ist es so weit: In Thüringen müssen ab Montag alle Grundschüler in ihre Klassen zurückkehren. Mindestabstand und Maskenpflicht wird es zwar nicht geben. Doch die geforderten Hygienekonzepte stellen die Schulen vor große Herausforderungen.

Ein Schüler einer Grundschule verfolgt den Unterricht.
Ab Montag geht die Schule für alle Grundschüler in Thüringen wieder los. Bildrechte: dpa

Mit der Rückkehr aller Kinder an die Grundschulen stehen die Schulen erneut vor großen Herausforderungen. Schulleiter werden zu Logistikern und Sonder-Hygienebeauftragten. In den Schulen müssen sich Schüler im Einbahnstraßensystem durch die Gänge schlängeln und auf den Schulhöfen gibt es feste Stellplätze für Klassen.

Was eher nach einem Verkehrskonzept klingt, sind Konzepte für Grundschulen. Denn ab Montag soll der Unterricht für alle Grundschüler wieder stattfinden - ohne Mindestabstand und teils ohne Masken. Das sieht die neue Thüringer Verordnung vor.

Doch der Fahrplan der Landesregierung stellt viele Grundschulen in Thüringen vor Probleme, wie sieben Beispiele zeigen. Die meisten Schulen sind dabei skeptisch, ob wirklich alle Vorgaben des Landes umgesetzt werden können. Daneben besteht die Angst, dass bisherige gute Ergebnisse beim Umgang mit der Corona-Pandemie wieder zunichte gemacht werden.

Zeitversetzter Unterricht am Wiesenhügel

So hofft die stellvertretende Schulleiterin der Grundschule am Erfurter Wiesenhügel, dass ihnen die Lockerungen "nicht um die Ohren fliegen". "Alles, was wir mühsam getrennt haben, lösen wir nun langsam wieder auf", sagte Uta Matzke. Dennoch geht sie davon aus, dass die Schule mit ihren 205 Schülern gut gerüstet ist.

So habe jede Klasse ihren Stellplatz auf dem Schulhof und der Unterricht beginne zeitversetzt. Die Kleinen fangen 7:30 Uhr an - die Großen folgen eine halbe Stunde später. Auch in den Pausenzeiten wird das getrennt gehalten - im Schulgebäude und auf dem Hof müssen Masken getragen werden - im Unterricht nicht.

Kritisch sieht die stellvertretende Schulleiterin allerdings die Situation im Sanitärbereich. Laut Matzke sind alle Lehrer an Bord - auch die, die zu den Risikogruppen gehören. Krank werden dürfe bei dem aktuellen Konzept keiner. "Der Plan ist auf Kante genäht und die Personaldecke eng", so Matzke. 

Kinder auf den Pausenhof.
Für einige Kinder beginnt der Unterricht schon um 07:30 Uhr. Bildrechte: dpa

Zeitversetztes Mittagessen am Herrenberg

Auch Schulleiterin Sabine Iffarth von der Johannes-Grundschule im Erfurter Norden sieht den Schulstart am Montag kritisch. Ihre größte Sorge ist der Schulweg der 220 Schulkinder. Sie müssen alle mit der Bahn quer durch Erfurt gefahren werden, weil die Grundschule in der Rosa-Luxemburg-Straße zur Zeit saniert wird und sie deshalb in einem Ausweichquartier am Herrenberg unterrichtet werden. Mit Sicherheitsabstand ist da laut Iffarth nichts mehr. Dabei sei das mit dem Sicherheitsabstand und A-und B-Woche so gut trainiert worden.

Dennoch zeigt sich die Schulleiterin zuversichtlich. Das Konzept für Montag sei fertig. Demnach gibt es täglich vier Stunden Präsenzunterricht und danach Mittagessen sowie etwas Hortbetreuung. Alles ist laut Iffarth organisiert und alle Lehrer - auch die aus den Risikogruppen - sind da. "Sie sind mit Leib und Seele Lehrer", sagt die Schulleiterin.

Kinder einer Grundschule beim Mittagessen
Zeitversetztes Mittagessen - eine Lösung, um Abstand zu wahren. (Symbolbild) Bildrechte: imago/Panthermedia

Versetzter Unterricht, wie in anderen Schulen, kann wegen der fünf Kilometer langen Bahnfahrt nicht angeboten werden. Dafür läuft an dieser Schule alles etwas versetzt beim Mittagessen. Es wird viel gelüftet und es gibt feste Plätze. Iffarth ist trotz der vielen Hürden froh, dass die Schule nun für alle Kinder wieder beginnt. Einige Eltern hätten in der Corona-Zeit "Null und Nichts" mit den Kindern gemacht - nicht einmal Hausaufgaben. Für diese Kinder sei es gut, dass sie endlich wieder in die Schule können, so Schulleiterin Iffarth.

Ein Waschbecken für 25 Schüler in Alach

In der Grundschule Alach ist Schulleiterin Iris Smykalla über das Tempo, dass die Landesregierung vorgegeben hat, irritiert. "Die Änderungen sind im Interesse der Eltern verständlich, aber warum muss alles so kurzfristig entschieden werden?", fragt die Schulleiterin. Mehrfach seien in den vergangenen Wochen Pläne entworfen worden, die den schrittweisen Einstieg in einen Regelbetrieb ermöglichen sollten.

Der Unterricht in den Kleingruppen funktioniere sehr gut, die Kinder hätten die Hygieneregeln wunderbar umgesetzt. Jetzt werde alles über den Haufen geworfen und Abstandsregeln gebe es in der Gruppe nicht mehr, sagt Smykalla. Überall - beim Einkaufen, im Restaurant oder im Sportverein - gelten Abstandsregeln, aber in der Schule nicht mehr. "Wie sollen das Grundschüler verstehen?"

Kindergartenkinder beim Händewaschen
Schon die Kleinen lernen: Regelmäßiges Händewaschen schützt vor Krankheitserregern. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Es sei fraglich, wie der Gesundheitsschutz in Räumen mit 50 bis 60 Quadratmetern bei einer Gruppenzahl von 25 Schülern gewährleistet werden soll. "Ein Waschbecken für 25 Schüler - das kostet enorm viel Zeit und Geduld", so die Leiterin. Im öffentlichen Leben werden Personen durch Trennwände, Maskenpflicht und Abstandsregeln geschützt. "Wer schützt im Regelbetrieb die Schüler oder Pädagogen?", fragt Smykalla. Je größer die Gruppe, desto größer sei die Gefahr der Ansteckung. Die Bedenken bei Eltern, Personal, aber auch bei Schülern sind laut Smykalla groß.

"Einbahnstraßen" in Sondershausen

Für die Sondershäuser Grundschule "Johann Karl Wezel“ steht und fällt alles mit dem Personal. Viele Lehrer gehörten zur Risikogruppe, sagt Schulleiterin Viktoria Eis. Sie seien zum Teil ängstlich, hätten aber alle zugesagt, zum Unterricht zu kommen. Noch nicht geklärt ist nach Angaben von Eis der Schutz der Lehrer mit den vom Land versprochenen FFP2-Masken.

Problematisch sieht Eis auch die Zeit, die ihnen bleibt, um die neuen Regeln umzusetzen. Weil sich die unterschiedlichen Lerngruppen nicht begegnen dürfen, müssten Pausen- und Toilettenzeiten neu organisiert werden. Zwar bestehe seit mehreren Wochen ein Einbahnstraßensystem in Fluren und in Klassenräumen. Doch bei den jüngeren Kindern müssten die Lehrer immer hinterher sein, damit sie sich daran hielten. Bei den Dritt- und Viertklässlern funktioniere das besser, weil viele Eltern mit ihren Kindern zu Hause über das Thema sprechen würden.

Auf einem Steinfußboden ist mit Pflaster ein gelber Pfeil geklebt worden, der den Weg zur Toilette einer Schule weist. Der Pfeil ist eine Markierung in der Tirebischtalschule in Meißen in Coronazeiten.
Hier geht's lang: In Schulen sollen Wegweiser dabei helfen, Gruppen voneinander zu trennen. Bildrechte: MDR/Kathrin König

Unterricht nur in Hauptfächern in Schönbrunn

Auch die Grundschule Schönbrunn im Kreis Hildburghausen kritisiert die Vorgaben aus dem Bildungsministerium als zu vage. Deshalb entscheidet die Schulleiterin vieles in Eigenregie. So werden bis zu den Sommerferien beispielsweise nur die Hauptfächer wie Mathe, Deutsch oder Heimat- und Sachkunde unterrichtet, Pausen werden gestaffelt.

Sozial abgehängte Kinder in Meiningen

In der Grundschule in Meiningen ist man froh, dass alle Kinder wieder in die Schule gehen können. Grund ist der hohe Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund. Sie würden bei noch längeren Schulschließungen "völlig abgehängt" werden. Die Elternhäuser seien sehr unterschiedlich mit Computern und Internetzugang ausgerüstet, heißt es.

Vier Stunden Unterricht in Saalfeld

In der Caspar-Aquila-Grundschule in Saalfeld sollen die Schüler ab Montag vier Stunden lang unterrichtet werden. Wie die Direktorin Martina Oder mitteilte, werden die Schüler in den Fächern Deutsch, Mathematik sowie Heimat- und Sachkunde unterrichtet.

Laut der Schulleiterin wird es innerhalb der Klassen keine Abstandsgebote geben. Schüler sollen im Schulgebäude, aber nicht in den Klassenzimmern, Mund-Nasen-Schutz tragen. Die Eltern dürfen das Schulgebäude nicht betreten.

Schüler mit einer Lehrerin beim Musikunterricht
Wenige Stunden Unterricht - das ist besser als gar keiner. Bildrechte: imago/epd

Quelle: MDR THÜRINGEN/dvs

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | 12. Juni 2020 | 16:30 Uhr

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