Berufliche Bildung Drittes Handwerkergymnasium in Thüringen geplant

Das Modell Handwerkergymnasium macht in Thüringen Schule: Inzwischen gibt es zwei im Freistaat - und ein drittes ist geplant. An Handwerkergymnasien bekommen Schüler neben dem normalen Abiturstoff Inhalte der Meisterausbildung vermittelt und sammeln praktische Erfahrungen. Das eröffnet den Abiturienten den Weg zu einer Karriere im Handwerk.

Ein leeres Klassenzimmer in der Staatlichen Berufsbildenden Schule in Sonneberg.
Berufsschule in Thüringen: Klassenzimmer in der Staatlichen Berufsbildenden Schule in Sonneberg. Bildrechte: dpa

Die beiden bestehenden Thüringer Handwerkergymnasien befinden sich in Erfurt: Nach der Walter-Gropius-Schule 2016 richtete die Andreas-Gordon-Schule ein Jahr später einen solchen Schulzweig ein. 110 Schülerinnen und Schüler besuchen diese beruflichen Gymnasien mit BWL-Inhalten der Meisterprüfung und lernen den beruflichen Alltag bei Praktika kennen.

Sondershausen als dritter Standort geplant

Ein drittes Handwerkergymnasium soll zum kommenden Schuljahr 2020/21 in Nordthüringen eingerichtet werden - in Sondershausen. Das hat der Präsident des Thüringer Handwerkstags, Stefan Lobenstein, mitgeteilt. Der Handwerkstag ist die Dachorganisation der Handwerksbetriebe im Freistaat.

Auch in Brandenburg wurde das Handwerkergymnasium übernommen. Die Handwerkskammer in Cottbus hat das Modell an einigen Oberstufenzentren eingeführt.

Vorteil des Handwerkergymnasiums ist nach Ansicht von Verbandsfunktionärs Lobenstein eine besonders gute Startposition der Abiturienten ins Berufsleben, ohne die Option auf ein Studium zu verlieren. Das Handwerk sehe als einer der größten Arbeitgeber in Thüringen mit 151.000 Beschäftigten mit Sorge, dass junge Leute vor allem an die Hochschulen und Universitäten drängten und seltener ins Handwerk.

Wir brauchen mehr Meister statt Master.

Stefan Lobenstein, Präsident Thüringer Handwerkstag dpa

Lobenstein fügte hinzu, sollten sich Absolventen der beiden bestehenden Thüringer Handwerkergymnasien nach dem Abitur für eine Ausbildung im Handwerk entscheiden, könnten sie ihre Lehrzeit verkürzen. Wenn sie später einen Meisterabschluss anstrebten, um einen Handwerksbetrieb zu gründen oder zu übernehmen, könnten sie sich auf den fachlichen Teil konzentrieren, weil sie Ausbildungsteile bereits absolviert hätten. Lobenstein: "Das führt nicht nur zu einer Zeitersparnis von mindestens einem halben Jahr, sondern spart auch gut 2.500 Euro". Die Meisterausbildung muss bezahlt werden; die Kosten können fünfstellig sein.

Eine junge Frau betrachtet in einer Werkstatt ein Holzwerkstück vor der Bearbeitung
Handwerk in Thüringen: Eine Tischlermeisterin aus Dermbach in der Rhön. Bildrechte: dpa

Nur vier Absolventen des Handwerkergymnasiums machen Ausbildung

Indes: Die Zahlen sind ernüchternd. An der Walter-Gropius-Schule in Erfurt schlossen 2019 die ersten 43 Schüler das Handwerkergymnasium ab. Nach Angaben der Handwerkskammer Erfurt begannen nur vier eine Ausbildung im Handwerk. Thüringens Handwerk boomt seit einigen Jahren. Auch für 2020 sind nach Einschätzung der Kammern die wirtschaftlichen Aussichten gut. Derzeit absolvieren im Thüringer Handwerk rund 6.000 junge Leute eine Ausbildung.

Nach Angaben des Thüringer Handwerkstags steht bei etwa einem Drittel der 30.000 Handwerksbetriebe im Freistaat in den kommenden Jahren ein Inhaberwechsel an.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 19. Januar 2020 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Januar 2020, 13:33 Uhr

5 Kommentare

martin vor 4 Wochen

Die IDEE eines entsprechenden Gymnasiums finde ich grundsätzlich auch nicht schlecht.

Allerdings scheint sie nicht recht angenommen zu werden, wenn man sich die Zahlen derer anschaut, die anschließend in die handwerkliche Ausbildung gehen. Da lohnt meiner Meinung nach ein Blick drauf, warum das so ist. Vor allem, bevor man ein drittes aufmacht.

Und dann ist mir der Unterschied zu den Gymnasialzweigen an den berufsbildenden Schulen nicht klar geworden.

Als drittes stellt sich mir die Frage, ob derartige Zweige nicht an normale Gymnasien angedockt werden sollten, statt Spezialschulen zu installieren.

MAENNLEiN-VON-DiESER-WELT vor 5 Wochen

In dem Zusammenhang ergibt sich noch eine Frage, die mir erst beim Schreiben meiner vorherigen Zeilen eingefallen ist: Gibt es auch Landwirtschaftliche Gymnasien oder sind diese in absehbarer Zeit in Thüringen geplant ?

Wenn an jeder Milchkanne demnächst 5G verfügbar sein sollen, dann braucht’s doch auch „auf dem Lande“ mehr Gymnasien, die unseren Nachwuchs ausbilden und Grundlagen einer nachhaltigen Landwirtschaft legen ?!

...nur „Streiken für‘s Klima“ reicht freitags nicht aus !

MAENNLEiN-VON-DiESER-WELT vor 5 Wochen

Zunächst ist obenstehender Beitrag hier vorrangig dem Handwerk in Thüringen und dessen Berufsausbildung gewidmet. Ein Handwerkergymnasium, also eines, das auf einen qualifizierenden Meisterabschluss im Handwerk vorbereiten soll, und BWL-Kenntnisse vermittelt, finde ich echt Klasse !

Zu Ihrer Nachfrage: vielfach ist die Qualitätsarbeit aus Fernost nicht mit der landläufigen Auffassung von Qualität „Made in Germany“ vergleichbar. Vielfach gibt es auch zu viele Plagiate...

Ob DiN- Standards (Deutsche Industrienorm) mit den Standards anderer Länder vergleichbar sind, (ich erwähne hier absichtlich nicht die TGL) oder
ob es vielleicht sogar weitaus schärfere Normen in anderen Ländern gibt, vermag ich an dieser Stelle nicht zu schreiben.

Zu Löhnen und Gehältern schwarzer Schafe im Handwerk möchte ich mich hier nicht weiter äußern. Dazu gibt es Kammern und Berufsfachverbände und Zollbeamte, die sehr genau darüber wachen. Aber eine 100%ige „Normenkontrolle“ wird es wohl nie geben können...

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