Ein Schild mit der Aufschrift 'Babykorb' am Gebäude der Erfurter Frauenklinik, 2001
Ein Schild mit der Aufschrift 'Babykorb' am Gebäude der Erfurter Frauenklinik weist Schwangeren seit 2001 den Weg. Bildrechte: IMAGO

Anonyme und vertrauliche Geburt, Babykorb Hilfsangebote für ungewollt Schwangere sind oft noch unbekannt

Ein One-Night-Stand mit Folgen oder ungeschützter Sex, weil einem eh alles egal ist oder weil man kein Geld für die Pille hat. Wenn Frauen ungewollt schwanger werden, türmen sich die Probleme auf. Hilfsangebote gibt es zwar viele, doch die Frauen müssen sie auch kennen und sich auch helfen lassen wollen.

von Antje Kirsten

Ein Schild mit der Aufschrift 'Babykorb' am Gebäude der Erfurter Frauenklinik, 2001
Ein Schild mit der Aufschrift 'Babykorb' am Gebäude der Erfurter Frauenklinik weist Schwangeren seit 2001 den Weg. Bildrechte: IMAGO

"Das ist das große Problem", sagt Gert Naumann, Chefarzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Helios Klinikum Erfurt. "Die wenigen betroffenen Frauen kommen überwiegend aus schwierigen sozialen Schichten. Sie kennen die Hilfsangebote nicht und in ihrer Verzweiflung können sie auch keine Hilfsstellen aufsuchen. Sie kommen in der Regel in der allerletzten Minute und gehen nach der Geburt auch gleich wieder", so die Erfahrung des Mediziners. Er glaube schon, dass der Staat genügend Angebote mache, aber "diese Mütter kommunizieren nicht, haben nicht das Netzwerk, um sich zu informieren", so Naumann.

Anonyme Geburt

Für Frauen in Not, die das Kind zwar zur Welt bringen, es aber nicht haben wollen, hat der Gesetzgeber die Möglichkeit einer anonymen Geburt geschaffen. Die Frau kommt ins Krankenhaus, entbindet, gibt das Kind noch im Kreißsaal zur Adoption frei und ist so schnell, wie sie gekommen ist, auch schon wieder weg. Sie muss niemandem sagen, wer sie ist, wo sie wohnt. Für das so geborene Kind habe das zumindest den Vorteil, dass es unter sicherer medizinischer Begleitung zur Welt kommt, sagt Naumann. Allerdings hat die anonyme Geburt einen entscheidenden Geburts-Fehler: Das Kind hat keine Chance jemals zu erfahren, wer seine Mutter ist. In Thüringen gab es laut Gesundheitsministerium seit 2013 insgesamt 24 anonyme Entbindungen.

Vertrauliche Geburt

Babyschnuller
Anonyme und vertrauliche Geburten im Krankenhaus sind für Mutter und Kind sicherer (Symbolbild). Bildrechte: colourbox.com

Das Recht, die eigene Abstammung zu erfahren, wollte der Gesetzgeber den Kindern 2014 einräumen. Seitdem gibt es die Möglichkeit einer vertraulichen Geburt.
Festgelegt im § 25 Absatz 1 des Schwangerschaftskonfliktgesetzes: "Eine […] Schwangere, die ihre Identität nicht preisgeben möchte, ist darüber zu informieren, dass eine vertrauliche Geburt möglich ist. Vertrauliche Geburt ist eine Entbindung, bei der die Schwangere ihre Identität nicht offenlegt […]. In der Beratungsstelle aber wird ein Nachweis über die Herkunft des Kindes erstellt. Dafür nimmt die an die Schweigepflicht gebundene Beraterin die persönlichen Daten der Frau auf, damit das Kind später seine Herkunft erfahren kann", heißt es im Gesetzestext.
"Die elterliche Sorge der Mutter ruht, solange sie ihre Anonymität nicht aufgibt (§ 1674a BGB). Voraussetzung für die Rückgabe des Kindes an die Mutter ist, dass sie ihre Anonymität aufgibt, ihre Mutterschaft zweifelsfrei feststeht und das Familiengericht feststellt, dass das Kindeswohl nicht beeinträchtigt ist. Wird das Kind zur Adoption freigegeben, so kann es mit 16 Jahren die Identität der leiblichen Mutter erfahren".
Ein Gesetz, das gut gedacht sei, aber bei den Betroffenen überhaupt nicht ankomme, sagt Gert Naumann. "Die Frauen wollen nicht erkannt und auch in späteren Jahren nicht gefunden werden", meint der erfahrene Mediziner. Und die Hürde, sich bei einem Amt zu melden, sei viel zu hoch. Der Gesetzgeber schätze die Verzweiflungssituation der Mutter nicht richtig ein. Die Schwangere müsse bei einer vertraulichen Geburt Spielregeln einhalten, ihren Namen hinterlassen. "Das wollen diese Frauen nicht", sagt Naumann. Die vertrauliche Geburt, das zeigt auch die Statistik, scheint keine Alternative zu sein. Zahlen für 2017 und 2018 liegen dem Thüringer Gesundheitsministerium noch nicht vor. Von 2014 bis 2016 gab es lediglich fünf vertrauliche Geburten.

Babykörbe in Erfurt, Saalfeld und Eisenach

Das zeige auch die Praxis mit dem Babykorb, sagt Naumann. Den gibt es am Erfurter Helios-Klinikum seit 2001. Seitdem wurden dort 24 Kinder, einmal auch Zwillinge, abgelegt. Im Vorjahr, das hatte Schlagzeilen gemacht, war im Babykorb ein totes Kind gefunden worden. Der Schreck war riesig, doch die Obduktion habe ergeben, dass das Kind schon vorher tot war. Im Erfurter Helios-Krankenhaus liegt seitdem im Babykorb auch ein Brief an die Mutter.

In den 17 Jahren Erfurter Babykorb sei keine einzige Mutter gekommen und habe später nach ihrem Kind gesucht. Der Babykorb ist dennoch umstritten. Die Kritiker sehen darin einen regelrechten Anreiz, das ungewollte Kind auf einfachem Weg loszuwerden. "Völliger Blödsinn", hält Naumann dem entgegen. "Im Erfurter Helios Klinikum werden im Jahr rund 1.800 Kinder geboren. Bei der geringen Zahl der Kinder, die in einem Babykorb abgelegt werden, sehe ich keinen Anreiz, das Kind einfach loszuwerden", sagt der Chefarzt. Er hält das Angebot für die Mutter in ihrer Verzweiflung, ihr Kind in den Babykorb abzulegen und so zu wissen, dass ihr Kind eine Chance hat zu leben, für wichtig und notwendig.
Einen Babykorb gibt es auch am Acricola-Krankenhaus in Saalfeld und an der St. Georg-Klinik in Eisenach. In Saalfeld wurden bislang fünf und in Eisenach drei Neugeborene in den Korb gelegt. Es sei sicher nur eine Notlösung, sagt der Erfurter Mediziner Naumann. "Aber jedes Kind, das im Babykorb liegt, landet nicht im Müll, auf der Parkbank oder in der Gefriertruhe."

Quelle: MDR THÜRINGEN

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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | MDR THÜRINGEN Nachrichten | 23. Dezember 2018 | 11:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Dezember 2018, 15:01 Uhr

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