Eine neue Brücke und viele Betonwände umrahmen einen Fluss.
Beton domiert nun die Ästhetik des Flussufers in Harras. Die neuen Wände sollen die Anwohner in Zukunft vor Hochwasser schützen. Bildrechte: MDR/Ines Andraczek

Kreis Hildburghausen Grauer Beton vor Fachwerk: Hochwasserschutz in Harras

Harras, Kreis Hildburghausen. Um das alte kleine Dorf an der Werra vor Hochwasser zu schützen, ist hier in den letzten Jahren viel Beton verbaut worden. Nicht zur Freude aller. Angler klagen, dass keine Forelle mehr beißt.

von Michaela Schenk

Eine neue Brücke und viele Betonwände umrahmen einen Fluss.
Beton domiert nun die Ästhetik des Flussufers in Harras. Die neuen Wände sollen die Anwohner in Zukunft vor Hochwasser schützen. Bildrechte: MDR/Ines Andraczek

Braune Sturzbäche, die alles mitreißen, was im Weg steht - Wohnzimmer, die hüfthoch unter Wasser stehen. Wer so etwas sieht, wünscht sich, ausreichend geschützt zu sein. Mit Deichen und Schutzmauern beispielsweise. Einen rechtlichen Anspruch auf technischen Hochwasserschutz gibt es aber nicht. Daran erinnert das Thüringer Landesamt für Umwelt und Geologie (TLUG) auch gerne diejenigen, die nahe an Gewässern gebaut und vergessen haben, welche Gefahren von Wasser ausgehen können.

Grundsätzlich gibt es keinen rechtlichen Anspruch auf Hochwasserschutz, da jedem, der in die Nähe eines Gewässers baut, die Vorteile aber auch möglichen Gefahren, die vom Wasser ausgehen, bewusst sind. Um den volkswirtschaftlichen Schaden jedoch in Grenzen zu halten plant die Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie Jena eine Vielzahl von Hochwasserschutzmaßnahmen.

TLUG zu Hochwasserschutz-Vorhaben in Thüringen

Trotzdem sucht die TLUG im Auftrag des Landes nach Wegen, Wohnhäuser, ganze Orte, Denkmale und Industriestandorte besser vor Hochwasser zu schützen. Und es wird viel Geld in die Hand genommen, um "den volkswirtschaftlichen Schaden in Grenzen zu halten." Am oberen Lauf der Werra sind in den vergangenen Jahrzehnten viele Häuser nahe ans Ufer gerückt. Die TLUG hat dort zwei größere Schutzvorhaben geplant und im Fall des Örtchens Harras nach knapp zweieinhalb Jahren Bauzeit inzwischen auch abgeschlossen.

Wirtschaftlichkeit: Grauer Beton vor Fachwerk

Planen heißt, verschiedene Varianten zu prüfen. Bewertet wird nach Angaben der TLUG dabei zum Beispiel, wie stark ein Eingriff in Landschaft, Umwelt und Ortsbild sein wird und welche Folgen es für die Menschen gibt. "An erster Stelle aber stehe die Wirtschaftlichkeit eines Vorhabens", sagte der Leiter der TLUG-Prüfgruppe Hochwasserschutz Thomas Kleinert. Und was damit gemeint ist, kann in Harras betrachtet werden: Grauer Beton vor Fachwerk.

Vor- und nach dem Eingriff

Der Blick zum Nachbarn gegenüber ist nun verstellt.

Blick auf ein Haus vor dem ein Fluss zu sehen ist.
Bildrechte: MDR/Ines Andraczek
Blick auf ein Haus vor dem ein Fluss zu sehen ist.
Bildrechte: MDR/Ines Andraczek
Blick auf einen Fluss. Das Flussbett wird umrahmt von Betonwänden.
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In dem kleinen idyllischen Dörfchen sind für den Hochwasserschutz knapp 8,3 Millionen Euro - überwiegend aus EU-Töpfen- verbaut worden. Dafür entstanden sind 850 Meter Deich, 1.600 "Binnenentwässerungsleitungen", zwei Fußgängerstege, zwei Schöpfwerke und eine 950 Meter lange Betonmauer: Nüchternes Grau neben altem Fachwerk - zwei Meter hohe Mauern, die den vertrauten Blick in die Fenster der Nachbarn von gegenüber verstellen. Das tut manchem weh. Auch Ines Andraczek.

Ziel der Hochwasserschutzmaßnahmen ist es, Leib, Leben und Gesundheit der Menschen sowie hochwertige Infrastruktur vor Schädigungen durch Hochwasser mit mittlerer Wahrscheinlichkeit zu schützen.

TLUG zu Hochwasserschutz-Vorhaben in Thüringen

Die Landschaftsplanerin hat das Projekt in Harras im Auftrag der TLUG ökologisch begleitet. Da wurden zum Beispiel Fische evakuiert. Während der Bauarbeiten gehörte es zu ihren Aufgaben "Havarien möglichst zu verhindert". Gemeinsam mit dem örtlichen Anglerverein hat Andraczek darüber gewacht, dass Baumaschinen nicht unnötig im Flussbett rumkurvten und Zement nicht in die Werra geflossen ist. Was sie aber nicht verhindern konnte, ist der nackte Beton im Dorf. Dabei kann sich Andraczek daran erinnern, dass bei dem Planungen 2012 auch über die Optik geredet wurde und den Verbau von Natursteinen, wo es einst Naturstein gab.

Keine Einwände der Bewohner in Harras

Thomas Kleinert von der TLUG sagt, dass es zum Anspruch des Landesamtes gehöre, beim Hochwasserschutz nach "optisch ansprechenden Lösungen" zu suchen. Vor allem da, wo Denkmalschutz und Stadtplaner Einwände vorbrächten. In Harras gab es keine Einwände der Bewohner. Und außerdem: "In Harras war kein 'Altstadtcharakter' vorhanden." Deshalb sei so entschieden worden. Immerhin. Den Mauern wurde "mittels einer so genannten Matrizenschalung eine leichte Oberflächenstruktur" gegeben. Eine Methode, die deutlich günstiger ausgefallen ist, als eine Naturstein-Variante. Naturstein bedeutet pro Meter 1.000 Euro zusätzlich, sagt die TLUG. In Harras hätte das ein Plus von 950.000 Euro bedeutet. Stattdessen wird jetzt in "mehr Grün" investiert: Röhricht und Ufergewächse - bis hin zu zarten Clematis-Sorten, die bei aller Robustheit - nicht wirklich hochwassertauglich sind.

Landschaftsplanerin Andraczek hat aber auch durchsetzen können, dass im Flussbett hier und da wieder Weiden gepflanzt wurden. Damit wird die Fluss-Pflege in den kommenden Jahren zwar aufwendiger und teurer. Die Werra in Harras könnte sich aber wieder zu dem entwickeln, was sie für die örtlichen Angler einmal war: ein Flussabschnitt mit Forellen. Andraczek ist da optimistisch. Auch die Fachleute der TLUG. Die Fischbiologen sollen schon einen Zuwachse von Bachneunaugen festgestellt haben. Auch Westgroppen und Elritzen. "Der Natur ist nun einfach die Zeit zu geben, die sie benötigt, um sich in Harras wieder zu entwickeln." Und was den Beton angeht, sagt die TLUG: der werde schon noch verwittern.

Zuletzt aktualisiert: 03. Juli 2016, 05:00 Uhr

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9 Kommentare

04.07.2016 15:50 Hagen Kater 9

Die Ufermauern aus Beton stören das Ortsbild nicht mehr als die regionsuntypischen, standardisierten Einfamilienhäuser, die man im Hintergrund sieht. Die verunstalten die Landschaft meiner Meinung nach viel mehr ... . In den nächsten Jahren wird sich die Natur selbst um die Mauern kümmern, keine Sorge. Zum einen ändert sich das "Neugrau" des Betons, zum anderen wird dort allerhand Grünes wachsen. Vielleicht sollte man einfach mal geistig offener sein: Beton ist der Baustoff unserer Zeit, so wie es Naturstein und Fachwerk in den früheren Jahrhunderten gewesen sind. Die Kulturlandschaft lebt und wir von jeder Generation geprägt, es ist also per se nichts verwerfliches dran.
Alternativ hätte man ja auch schlicht demographieverträglich die gefährdeten Häuser zurückbauen können um der Werra ihre angestammten Auenflächen wiederzugeben ...

04.07.2016 00:09 Hubert 8

@4 Bruklos 03.07.2016 13:38 - Du hast mich erst auf die Idee gebracht. Klar gegen ein gutes Taschengeld, Kostenübernahme für Farbe u. dergl. finden sich sicherlich Künstler, die das Einheits-Normbetongrau verschönern. Irgendwann renaturiert sich der Bachlauf und entsprechend der Jahreszeit wechselt die Szene zwischen Kunst und Natur. - Die Mauer verlor auf Westberliner Seite durch Bemalung zwar nicht ihre Unmenschlichkeit, jedoch ihre hässliche Fratze.