Ein junger Mann arbeitet in einer Werkstatt
Menschen mit Behinderungen sollen auch auf dem ersten Arbeitsmarkt Jobs finden und behalten können. Dafür sorgen bisher die Integrationsfachdienste. Doch deren Trägerschaft wurde in Thüringen neu ausgeschrieben. Bildrechte: imago/argum

Arbeitsmarkt Zukunftssorgen bei Integrationshelfern und Behinderten

In Thüringen leben mehr als 200.000 Menschen mit schweren Behinderungen. Viele von ihnen wollen gern arbeiten und suchen einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt. Damit sie ihren Arbeitsplatz auch behalten, werden sie von den Integrationsfachdiensten unterstützt. Doch deren Zukunft scheint offen. Das Land hat allen Trägern gekündigt. Es läuft eine europaweite Ausschreibung.

von Corinna Ritter

Ein junger Mann arbeitet in einer Werkstatt
Menschen mit Behinderungen sollen auch auf dem ersten Arbeitsmarkt Jobs finden und behalten können. Dafür sorgen bisher die Integrationsfachdienste. Doch deren Trägerschaft wurde in Thüringen neu ausgeschrieben. Bildrechte: imago/argum

Die Mitarbeiter der Integrationsfachdienste sind enttäuscht und haben Angst um ihren Arbeitsplatz. Seit Mitte der 1990er-Jahre haben sie Schwerbehinderte in Thüringen beraten und im Joballtag unterstützt. Sie dachten, ihre Arbeit werde geschätzt - doch dann kam die Kündigung. Schon zum Jahresende 2018 sollten die Verträge enden, doch dann ruderte das Landesverwaltungsamt zurück. Die Behörde kündigte aber die Neuvergabe der Leistungen des Integrationsdienstes für 2019 an. Zwei Träger haben ihr Angebot bereits eingestellt, weil die Mitarbeiter sich neue, scheinbar sichere Jobs suchten. Die Folge: Schwerbehinderte in West- und Südthüringen verloren ihre persönlichen Ratgeber und Helfer.

Schwerbehinderte brauchen Hilfe und Beratung

Die Vertrauensfrau der Schwerbehinderten in der Stadtverwaltung Eisenach sorgt sich seitdem um die Zukunft der Arbeitsplätze. Gabriele Kliebisch beklagt, dass sich ein erfolgreiches Netzwerk aufgelöst hat. Sie fragt sich, wie andere Schwerbehinderten-Vertreter auch: "Wie wichtig ist dem Land Thüringen eigentlich die Integration von schwerbehinderten Menschen"? Menschen mit Handicap in Arbeit zu bringen und im Job zu halten, verlange Profis in den Integrationsfachdiensten (IFD), dem Integrationsamt und bei den Rehabilitationsträgern, so Kliebisch.

Hälfte der Arbeitgeber zahlt lieber Ausgleichsabgabe

Kay Senius, Chef der Arbeitsagenturen in Thüringen, stellt fest, dass den kleinen und mittelständischen Unternehmen "die Zeit und das Wissen" fehle, sich mit der Beschäftigung von Schwerbehinderten auseinanderzusetzen. Es gebe umfangreiche Fördermöglichkeiten wie Zuschüsse zur Eingliederung oder technische Hilfen. Mitarbeiter der Integrationsfachdienste befürchten, dass Arbeitgeber bei geringerer Unterstützung durch den IFD lieber die Ausgleichabgabe zahlen. Über die Hälfte der rund 4.700 Arbeitgeber in Thüringen zahlte diese Abgabe im vergangenen Jahr.

Die Landesregierung will Menschen mit Behinderung den Wechsel von einer Behindertenwerkstatt in den ersten Arbeitsmarkt erleichtern und hat dazu einen Maßnahmenplan verabschiedet. Für Sozialministerin Heike Werner ist es übergeordnetes Ziel, Kapazitäten in Werkstätten abzubauen. Laut Regierungsprogramm der SPD sollen möglichst viele Menschen eine geeignete sozialversicherungspflichtige Beschäftigung angeboten bekommen. Dafür soll der Integrationsfachdienst ausgebaut werden.

Rechnungshof mahnt: Kosten sparen

Das Landesverwaltungsamt hat nun den Integrationsfachdienst europaweit ausgeschrieben. Grund: Der Thüringer Rechnungshof hat nach einer Prüfung gefordert, den Dienst "strukturell weiterzuentwickeln beziehungsweise zu reorganisieren", wie Falk Neubert sagte, Referatsleiter im Sozialministerium. Der Rechnungshof kritisiert in seinem Jahresbericht 2018 Mehrkosten, obwohl von den Mitarbeitern weniger Fälle betreut wurden. Gemeinnützige Träger erhalten laut Bericht eine zu hohe Pauschale für Verwaltungskosten und einzelne Leistungen ohne Nachweis vergütet. Die bisher leistungsunabhängige Vergütung ist durch eine Fallpauschale ersetzt worden, beklagen Träger der Integrationsfachdienste. Bis zum 10. Juni 2019 sollen sie ihr Interesse bekunden, ihre Leistungen zu neuen Konditionen zu erbringen.

Verhaltenes Interesse an Ausschreibung

Das Landesverwaltungsamt sucht Anbieter für die Regionen Nordthüringen, Mittelthüringen, Südwest- und Ostthüringen. Nach MDR-Informationen wollen sich drei der ursprünglich sieben Integrationsfachdienste bewerben.

Andreas Otto vom Christophoruswerk Erfurt.
Andreas Otto vom Christophoruswerk Erfurt: Der Sozialdienst will sich nicht an der Ausschreibung beteiligen. Bildrechte: MDR/Christophoruswerk Erfurt

Das Christophoruswerk Erfurt als größter Anbieter ist nicht darunter. Andreas Otto, Referent für Arbeit beim Christophoruswerk, bedauert, künftig den Integrationsdienst für Schwerbehinderte nicht mehr anbieten zu können. Mit einer Pauschale von maximal 210 Euro monatlich pro Fall sei das "wirtschaftlich jedoch einfach nicht machbar". Davon müssten beispielsweise Mitarbeiter, Büromiete und Fahrtkosten bezahlt werden. Hinzu kommt das Risiko, ob das zuständige Integrationsamt nach Prüfung der Fälle die geleistete Betreuung auch bezahlt, wie Otto sagt. Daher befürchtet das Christophoruswerk Erfurt deutliche Einbußen bei der Qualität - und dass sich die Beratungsangebote für Menschen mit Behinderung verschlechtern. Joachim Schmidt vom Trägerwerk Soziale Dienste in Thüringen e.V. in Weimar sieht das ähnlich. Auch er will sich nicht an der Ausschreibung beteiligen. Zu groß seien für ihn zudem die "Ungereimtheiten in den Anforderungen".

Künftig Masse statt Klasse?

Die Stiftung Rehabilitationszentrum Thüringer Wald dagegen wird sich bewerben, wie Vorstand Kai Michaelis sagt. Er will den Integrationsfachdienst in der Region Südwestthüringen weiterführen. Das bedeutet zusätzliche Büros anmieten beziehungsweise die Fahrkosten für die geforderten vier Mitarbeiter im Gebiet zwischen Eisenach und Sonneberg abzuschätzen. Auch Michaelis stört, dass er aufgrund der künftigen Fallpauschale jeden Mitarbeiter anhalten müsse, die Maximalzahl von 30 Klienten zu erreichen. Die Bundesarbeitsagentur Rehabilitationsträger empfiehlt statt der vom Landesverwaltungsamt veranschlagten 210 Euro pro Klient eine monatliche Pauschale von 480 Euro.

Integrationsfachdienste: Wer sie sind und was sie leisten

Was sind Integrationsfachdienste?

Integrationsfachdienste (IFD) beraten und begleiten schwerbehinderte Menschen, die einen hohen Bedarf an Betreuung im Arbeitsleben haben. Auch schwerbehinderte Schulabgänger und Schwerbehinderte, die in Behindertenwerkstätten arbeiten, werden von Integrationsfachdiensten unterstützt, damit sie auf dem ersten Arbeitsmarkt tätig werden können. Die IFD arbeiten im Auftrag von Integrationsämtern, Agenturen für Arbeit und anderen Rehabilitationsträgern.

Welche Aufgaben erfüllen die IFD?

Die Integrationsfachdienste beraten und informieren auch die Schwerbehindertenvertretungen in Unternehmen und dem öffentlichen Dienst sowie die Arbeitgeber. Sie vermitteln in Konflikten bei der Gestaltung des Arbeitsplatzes und helfen bei Anträgen auf staatliche Förderung. Die Mitarbeiter erstellen zudem Gutachten über die Fähigkeiten, Leistungsvermögen und Interessen des zu betreuenden Schwerbehinderten. Sie sollen geeignete Arbeitsplätze finden, vermitteln und die Schwerbehinderten im Bedarfsfall auch im Job begleiten. Zudem sind sie Ansprechpartner für Arbeitgeber.

Wer finanziert die IFD?

Hauptauftraggeber der Integrationsfachdienste ist das Integrationsamt. Finanziert werden die IFD aus Mitteln der Ausgleichsabgabe. Im Jahr 2018 wurden rund 1,8 Millionen Euro ausgegeben. Diese Abgabe zahlen Arbeitgeber mit 20 Arbeitsplätzen, wenn weniger als fünf Prozent der Mitarbeiter schwerbehindert sind. Für ihre Leistungen erhalten die IFD auch Geld von Rehabilitationsträger oder der Bundesagentur für Arbeit.

Wer sind die Träger der IFD in Thüringen?

Derzeit beraten nach Angaben des Sozialministeriums fünf Mitarbeiter des Christophoruswerk Erfurt Schwerbehinderte in den Landkreisen Gotha, Sömmerda, Weimarer Land und den Städten Erfurt und Weimar.

Behinderte Menschen und Arbeit
Für die Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen gibt es Fördermöglichkeiten für Arbeitgeber. Doch gerade kleineren Unternehmen fehlt dafür oft Zeit und Wissen. Bildrechte: Colourbox.de

Das Internationale Bildungs- und Sozialwerk Thüringen e.V. Leinefelde kümmert sich mit drei Mitarbeitern um Schwerbehinderte in den Landkreisen Eichsfeld und Nordhausen sowie im Unstrut-Hainich-Kreis und im Kyffhäuserkreis. Das Bildungswerk der Thüringer Wirtschaft e.V. Gera ist mit vier Mitarbeitern aktiv für Schwerbehinderte im Altenburger Land, dem Landkreis Greiz und der Stadt Gera. Das Bildungszentrum Saalfeld GmbH betreut mit vier Mitarbeitern Schwerbehinderte im Berufsleben in Jena, dem Saale-Orla-Kreis, dem Saale-Holzland-Kreis und dem Landkreis Saalfeld-Rudolstadt. In Süd- und Westthüringen ist die Stiftung Rehabilitationszentrum Thüringer Wald in Schleusingen Träger des Integrationsfachdienstes und beschäftigt nach eigenen Angaben fünf Mitarbeiter.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 28. Mai 2019 | 09:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Mai 2019, 09:00 Uhr

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12 Kommentare

28.05.2019 21:12 ralf meier 12

@Martin Nr 9: Hallo, sie schreiben : 'An einer nicht auskömmlichen Vergütung trägt aber die EU (ausnahmsweise) mal keine Schuld.'

Leider bin ich erst nach nach meiner ersten Antwort an G.Schmitz auch auf diesen Gedanken gekommen und habe eine ergänzende zweite Rückmeldung an ihn geschickt. Dort schrieb ich u.a. : Der Artikel spricht von einer landesweiten Entscheidung und vermittelt mir den Eindruck, das es zunächst einmal darum geht, Kosten zu drücken. Dafür darf man dann allerdings nicht mehr die EU verantwortlich machen.'
Ich würde mich freuen, wenn die Moderation mit der Freigabe dieses Kommentars auch meine dort gestellte
Frage beantwortet:

@Moderation: Wer trägt eigentlich die politische Verantwortung für diese offen angestrebten Sparmaßnahmen in einem so zentralen sozialen Bereich.

PS: @G.Schmitz: danke für Ihre freundliche Rückmeldung

MDR THÜRINGEN: Sehr geehrter Herr Meier, wir prüfen gerade ihre Frage und bitten noch um etwas Geduld!

28.05.2019 20:05 martin 11

Für mich klingt das Ansinnen des Rechnungshofs (nicht das erste Mal) nach: "Es ist zu sparen - koste es, was es wolle".

Ein normales Ausschreibungsverfahren kenne ich so, dass eine Leistung funktional beschrieben wird, die Bieter ihre Preisschilder dranhängen und das wirtschaftlichste Angebot den Zuschlag erhält.

Das hier sieht eher nach einem Bewerbungsverfahren aus: Zu erbringende Leistungen und Vergütungen sind festgelegt und Interessierte dürfen sich darauf bewerben. Wenn die Vergütung aber aus Sicht qualifizierter Anbieter nicht auskömmlich ist, ziehen diese sich zurück. Es bleiben dann weniger qualifizierte Anbieter oder welche, die ihr Personal ausbeuten oder es findet sich kein Interessent. An das dann in der Tat alles zu Lasten der Behinderten.

An einer nicht auskömmlichen Vergütung trägt aber die EU (ausnahmsweise) mal keine Schuld.

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